Suuuuummiiiit
Ich habe den Gipfel des Mount Everest fast bei Windstille am 18. Mai 2025 um 7:55 Uhr (Nepalzeit) erreicht und bin unglaublich stolz!
Da auf der Rotation einiges passiert ist, dauerte es eine Weile, bis ich bereit war, alles zu verschriftlichen. Was ihr untenstehend lesen könnt, ist meine Perspektive meines Gipfel-Erfolgs und kann nicht verallgemeinert werden. Ich werde nichts beschönigen und auch über Geschehnisse schreiben, die ich lieber nicht erlebt hätte. Dies auch in der Hoffnung, dass ihr, liebe Leser vielleicht ein bisschen besser nachvollziehen könnt, warum ich so lange brauchte, um die richtigen Worte zu finden. Wer seinen Kindern von meinen Erlebnissen erzählen möchte, sollte zuerst alles durchlesen, denn manches ist sogar für mein Gehirn schwierig zu realisieren und akzeptieren, geschweige denn für ein Kind fassbar.
Ich möchte mich aber zuerst bei euch allen für euer Interesse und das rege Nachlesen danken. Dank euch habe ich mich immer wieder überwinden können, meinen Blog zu schreiben, damit ihr nichts verpasst und ich euch eine solche Expedition näher bringen kann.
Danke, danke, danke!!!
Mittwoch, 14.Mai - EBC zum Camp 2
Unsere Gipfel-Rotation startete am 14.Mai morgens um 1.15h. Ich hatte den Wecker auf 0.20h gestellt, damit ich nach dem Anziehen noch kurz Zeit hatte, mit Raphael zu telefonieren. In der Schweiz ist es ja 3h und 45 Minuten früher, für ihn also kurz vor Bettzeit. Es tat gut, sich noch einmal auszutauschen, mit dem Wissen, dass danach 6 Tage Funkstille herrschen würde. Eigentlich wollten wir schon um 1h losgehen, aber ich war langsamer als gedacht, da ich einfach an zu viel denken musste. Bevor man auf den Gipfel-Versuch geht, verabschiedet man sich noch vom Puja-Schrein und wenn man es ganz richtig machen will, wird auch noch Wacholder verbrannt. Leider existiert im weiten Umkreis vom Basecamp kein Wacholder-Strauch, weshalb am Everest als Alternative Wacholder-Räucherstäbchen verbrannt werden. Gyalzen hatte das schon vorbereitet und so wurden wir schon von Rauch empfangen, als wir vor dem Schrein standen. Für mich ist dieser Moment immer sehr emotional und feierlich, denn es ist das Go-Zeichen und danach gilt es über mehrere Tage sein Bestes zu geben. Ich dankte den Göttern in Gedanken, dass ich tatsächlich meine Chance erhalten würde und bat gleichzeitig um Schutz für die Tage am Berg. Danach ging es rings um den Schrein und ziemlich direttissima runter zum Gletscher. Der Weg durch den Gletscher sah grösstenteils gleich aus wie auf unserer Rotation, jedoch war einiges an Eis weggeschmolzen und man sah, dass in der Wärme des Tages überall ziemlich viel Wasser Richtung Tal fliesst. Mitten in der Nacht war aber alles gefroren und der Weg dank der Markierung der Icefall-Doktors gut erkennbar, so dass wir nur 29 Minuten nach Aufbruch beim Crampon Point ankamen. Da wurden wir von diversen rauchenden Sherpas in der Dunkelheit angeschaut. Für mich und meine Asthma-Lunge nicht wirklich das ideale Willkommensgeschenk. Zum Glück waren die Raucher im Inbegriff ihre Pause zu beenden, so dass ich sie nach einer längeren Pinkel-Pause schon nicht mehr sehen konnte. Mit im Schlepptau hatten sie zahlreiche Chinesen, die anscheinend auf dem selben Zeitplan unterwegs sind, wie wir. Der Aufstieg zum Crampon Point zeigte mir auch, dass die heutige Nacht eher mild war, denn ich hatte die Hälfte des Weges schon ziemlich geschwitzt. Ich nutzte die Pause also auch noch um meine Kleidung anzupassen. Kurze Zeit später bereute ich den Kleiderwechsel aber schon wieder ein bisschen. Die lieben Chinesen, die Crampon Point etwa 10 Minuten vor uns verlassen hatten, trafen wir nämlich schon bald wieder an. Sie hatten ihre Steigeisen nämlich noch nicht montiert, da ein Grossteil des ersten Teils der Route noch nicht Eis sondern Stein ist. Und wenn ich sage, ein Grossteil, dann meine ich eben nicht den ganzen Teil der Route. Etwa 20 Minuten nach dem Crampon Point kommt eine Steilwand, die am Tag von einem Wasserfall aus Schmelzwasser bedeckt ist. In der Nacht ist dieser Wasserfall gefroren.. Unsere lieben Chinesen mussten also einzeln mit ihrem Jumar diesen Wasserfall erklimmen und rutschten dabei im Sekundentakt auf dem Eis aus. Links neben der Route hat es zwar schöne, trockene Steine mit diverse Möglichkeiten, auch die grossen Bergschuhe zu platzieren, aber dann wäre man nicht ganz so gut am Seil gesichert und man müsste auch ein wenig Übung im Felsklettern haben… So standen wir also mindestens eine halbe Stunde unterhalb dieses Eisfalls bis wir an der Reihe waren. Zum Glück kommt kurz nach dieser Steilwand der zweite Crampon Point, an dem normalerweise die Icefall Doctors ihre Steigeisen montieren und auch die Chinesen keine andere Wahl mehr hatten. So konnten wir die grosse Gruppe überholen und waren nun plötzlich fast alleine auf der Route. So konnten wir endlich unser gewohntes Tempo gehen, obwohl wir hin und wieder ein paar 2-er Seilschaften antrafen. Diese konnten wir aber jeweils gut überholen, da es vor allem in der ersten Hälfte des Icefalls immer wieder sichere Orte gibt, wo man anhalten und/oder überholen kann. Auf meinem allerersten Einstieg in den Icefall war ich knapp einem Monat ungefähr 3 Stunden unterwegs bis wir damals an einem Grat inmitten des Icefalls umkehren mussten, weil die Seile weg waren. Eventuell erinnert ihr euch daran, ich hatte darüber ausführlich geschrieben. Schon damals fühlte sich dieser Grat nicht wirklich toll an. Nun, fast vier Wochen später, war er noch unsicherer geworden: Es war mehr eine grosse Wächte als ein Grat, und vor uns war leider eine sehr langsame 5-er Gruppe. So warteten wir ein bisschen, bevor wir die Wächte betraten und quasi darüber rannten, so dass wir nicht gezwungen wären, darauf stehen zu bleiben und zu warten, bis die Gruppe weitergeht. Obwohl ich schon gut auf diese Höhe akklimatisiert war, war es trotzdem anstrengend, diese 200m am Seil zu rennen und ich war froh, dass wir nach dem Überholen kurz eine Pause einlegen konnten. Etwas eine halbe Stunde später standen wir am Fuss der ominösen Doppelleiter (also eigentlich Vierfach-Leiter), die über einer tiiiiiefen Gletscherspalte montiert wurde. Ganz zu Beginn der Saison war die Leiter horizontal über eine grosse Spalte gelegt gewesen. Aber in der zweiten Woche brach eine Seite der Spalte ab, so dass die Leiter jetzt vertikal an der verbliebenen Seite angebracht wurde. Damit es keinen allzu grossen Stau gibt, haben die Icefall Doctors noch eine zweite Leiter angebracht. Also sind zwei Mal 4 Aluleitern mit Seilen zusammengeknüpft und mit diversen Seilen im Eis festgemacht, damit sie nicht zusammenklappen, oder wegrutschen. Ich fühlte mich eigentlich ziemlich gut beim Hochsteigen, aber das war auch, weil ich die Tiefe der Spalte in der Dunkelheit nicht wirklich wahrnahm. Nach dieser langen Leiter geht die Route eine Zeit lang eher flacher über spaltenreiches Gelände. Seit der Rotation waren viele Spalten breiter geworden und die Doctors haben darum einige Leitern montiert, da es ab einer gewissen Breite vor allem für die Sherpas nicht mehr möglich ist, darüber zu springen. Mir sind Leitern tausend Mal lieber als Sprünge, denn sie geben dir zumindest ein kleines Gefühl von Sicherheit beim Überqueren. Und ich hatte das Überqueren sowohl zu Hause, wie auch während dem Icefall-Training sehr oft geübt. Die Sprossen-Distanz ist hier kürzer als zu Hause, so dass auch ich mit meinen kleinen Füssen sowohl mit den Frontzacken, wie auch mit den Zacken an der Ferse jeweils auf der Sprosse aufsetzen kann.
In der Ferne sahen wir nun eine 6er Gruppe, die langsam aber sicher immer näher kam. Sie waren zwar ungefähr im gleichen Tempo wie wir unterwegs, aber sie brauchten mehr Pausen als wir. Ich merkte, dass ich zwar immer noch ähnlich schnell ausser Atem bin, wie bei meiner ersten Rotation. Aber ich brauche viel weniger lange, bis ich wieder normal atmen kann, wodurch unsere Pausen wesentlich kürzer waren als die der grossen Gruppe. Da wir aber nun sehr nahe am Camp 1 waren, und das Überholen hier schwieriger ist, versuchten wir das gar nicht erst und marschierten den 6 Jungs hinterher. Die 6 Wellen, die vor dem Camp 1 auf uns warteten, waren dieses Mal weniger schlimm. Ich denke, das war, weil ich wusste, wie viele es sind und während dem Erklimmen im Kopf zählen konnte. Als wir im Camp 1 ankamen und ich auf die Uhr schaute, war ich ziemlich erstaunt. Wir brauchten trotz Chinesen-Stau zu Beginn und dem gemächlicheren Tempo am Schluss nur 5h und 10 Minuten vom Basecamp zum Camp 1. Bei der Rotation brauchten wir noch 6 Stunden und alle im Basecamp mit denen ich mich angefreundet hatte, waren noch länger unterwegs. Das Beste war, dass wir drei uns alle gut fühlten bei der Ankunft, obwohl Chirring und Gyalzen einmal mehr ziemlich viel Gepäck den Berg hoch tragen. Das Camp sah dafür ein bisschen anders aus: Alle Schlafzelte waren weg, ausser 2 Stück und nur noch die Küche und das Esszelt standen noch. Normalerweise wird auf der Gipfel-Rotation im Camp 1 nicht mehr übernachtet, darum wurde es dermassen reduziert. Wir machten eine lange Pause in der ich einen Liter Tee trank und ein bisschen Müesli ass und Chirring und Gyalzen sich den Bauch mit Nudelsuppe vollschlugen. Länger wollte ich nicht pausieren, denn ab ca. 9h wird das Western Cwm ein Backofen, wenn das Wetter gut ist und wir hatten heute ziemliches Wetterglück. In der Ferne ist die Lhotseface gut sichtbar und was ich dort sah, verschlug mir ein wenig den Atem: Eine ellenlange Schlange an Menschen war in der Vertikalen unterwegs und es war nicht erkennbar, ob ein Grossteil davon in Richtung Berg oder in Tal unterwegs war. Ich hoffte einfach, dass sie alle auf dem Abstieg waren, denn wäre das nicht der Fall, würden sie uns spätestens auf dem Weg zum Camp 4 kreuzen, was lange Verzögerungen versprechen würde. Ich versuchte diese Gedanken zu blockieren und konzentrierte mich auf meinen eigenen Weg, der mich zuerst ins Camp 2 führen würde. Die ersten 1.5h war es zum Glück noch einigermassen angenehm zu gehen, danach wurde es abartig heiss. Da es sonnenbrandtechnisch dumm ist, im T-Shirt zu gehen, trugen wir alle langarm. Mir war in Camp 1 noch kalt gewesen, weshalb ich die Thermohosen unter den Kletterhosen nicht ausziehen wollte. Nun, im Western Cwm wünschte ich mir, dass ich sie nicht mehr tragen würde. Leider war es zu gefährlich, sie mitten auf dem Gletscher loszuwerden, so blieb mir nichts anderes übrig, so langsam wie möglich zu gehen, um nicht allzu fest zu schwitzen. Wir machten auch 2 grosse Pausen, die zwar das Leiden in der Hitze verlängerten, aber uns auch Zeit gab, genug zu trinken und etwas zu essen. Dabei hatten wir auch eine interessante Diskussion um Geld. Gyalzen fragte mich, wie viel ich für meine Expedition bezahlt hätte (72'000 USD) und im Gegenzug erfuhr ich, wie viel die zwei in den zwei Monaten verdienen: Sie bekommen je 6000 USD für die Arbeit und wenn sie die zwei Gipfel erreichen, bekommen sie von mir nochmals zusätzliche 2000 Dollar. Ich versprach den beiden an Ort und Stelle, dass sie von mir die 2000 Dollars in jedem Fall bekommen, auch wenn wir die Gipfel nicht erreichen würden. Für mich ist das System mit dem Summit Bonus sowieso unlogisch. Die zwei Jungs machen 2 Monate einen herausragenden Job, an meinen Ruhetagen tragen sie mehrmals ihre immens schweren Lasten den Berg hoch und dann setzt man den Bonus nur am Gipfel fest? Wie wenn sie, falls man den Gipfel nicht erreicht, ihren Job nicht gemacht hätten. Ich glaube, sie glaubten mir nicht wirklich, als ich ihnen versicherte, dass sie das Geld so oder so bekommen würden. Wahrscheinlich haben sie einfach schon zu oft das Gegenteil erlebt. Aber für mich war das schon klar, als ich in Liestal am Bankschalter stand und die Dollars vor mir sah. Nach knapp 2.5h kamen wir dann endlich im lower Camp 2 an und das einzige was zwischen uns und dem verdienten Mittagessen stand, war der letzte Anstieg zum oberen Teil des Camp 2. Dieser Hügel raubt einem den letzten Nerv, denn das Camp sieht so nah aus, aber man ist trotzdem nochmals 30-40 Minuten unterwegs. Immerhin war dieses Mal alles Eisfrei, so dass man nicht Angst haben musste, auszurutschen. Trotzdem war es nochmals Leiden pur, denn die Sonne brutzelt auch hier schonungslos auf einen herunter. So war ich froh, als ich nach 3h ab Camp 1 endlich beim Esszelt angekommen war. Ich fühlte mich wie betrunken, ein Indiz dafür, dass der Sprung vom Basecamp auf 5300m auf 6500m kein Klacks ist. Das Unwohlsein ging dann zum Glück nach 2 Tassen Schwarztee wieder weg, und ich fühlte mich okay. Leider kam kurz danach ein Sherpa mit einem Teller Nudeln zu mir und beim blossen Anblick dieser Nudeln drehte es mir schon den Magen. Ich konnte gerade noch verhindern, dass ich mitten auf den Teller kotzte. Ich bat ihn eindringlich, sofort mit dem Teller zu verschwinden und sass auf meinem Stühlchen, wahrscheinlich knallgrün im Gesicht vor Übelkeit. Ich wollte mich auf keinen Fall übergeben, aber die Übelkeit wollte nicht weg gehen. Ich versuchte ein wenig zu trinken und an alles ausser diesen Teller mit Nudeln zu denken, was mir eher schlecht als recht gelang. Dann überlegte ich, wo ich denn hinkotzen könnte, denn ich sass noch immer genau vor dem Esszelt an der frischen Luft. Ich fragte scheu Chirring, wo ich hingehen konnte, um meinen Magen zu leeren. Sein Blick war unbezahlbar und wenn mir nicht so übel gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich laut losgelacht. Er meinte, ich solle einfach runter zur Route gehen und weg von den Zelten. Also stand ich auf und wackelte ein paar Meter runter zur Route. Offensichtlich tat es meinem Magen gut, Platz zu bekommen, den er beim Sitzen auf dem Campingstuhl nicht bekommen hatte. Nach 5 Minuten hin- und hergehen und tief ein- und auszuatmen ging es mir schon deutlich besser und die Übelkeit verschwand langsam. Als ich wieder zurück kam, sahen mich vier Sherpa-Augen fragend an und ich konnte Entwarnung geben. Ich war wirklich froh, dass ich das Unwohlsein überwunden hatte, denn jeder Tropfen Flüssigkeit ist in dieser Höhe wichtig und hätte ersetzt werden müssen. Nun war ich einfach nur noch extrem müde, durfte aber nicht schlafen. Schlafen über den Tag bedeutet, dass man nicht trinkt, was wiederum bedeutet, dass der Körper mehr Mühe hat mit der Höhe. Zudem kann man vielleicht in der Nacht nicht mehr schlafen und ist dann nicht mehr ganz so ausgeruht, was spätestens am Gipfeltag tödlich enden könnte. So wehrte ich mich mit aller Kraft gegen den Schlaf, obwohl ich auf meinem Stühlchen immer wieder mal in den Sekundenschlaf verfiel. Als der Stuhl zu unbequem wurde, wechselte ich in mein Zelt und packte meinen Rucksack aus und um. Leider wird es tagsüber in den Zelten abartig heiss, so dass ich mich zeitweise wie in der Sauna fühlte. Damit ich in der Wärme nicht doch einschlief, wechselte ich immer wieder mal meine Position: Einmal sass ich draussen auf einem unbequemen Stein, dann wieder auf dem Stuhl, oder im heissen Zelt mit T-Shirt und barfuss. Damit ich in den nächsten Tagen genug Energie hätte, ass ich abwechselnd Darvidas, Süssigkeiten oder Nüsse, fragte regelmässig nach Schwarztee in der Sherpaküche und versuchte so wenig oft wie möglich auf das sehr grauslige WC zu gehen. Seit der Rotation hatte es jetzt zwar neu ein Plastik-WC. Dieses war jedoch übervoll und es war schwer, es zu treffen, denn man konnte die Füsse nicht wirklich gut platzieren. Links war blankes Eis, auf dem man ausrutscht und rechts ein Stein, der ca. 10cm höher als der Rest ist. Mit den grossen Bergstiefeln kann man auch nicht die Fersen heben, da die Stabilität dann überhaupt nicht mehr gegeben ist. Rund um das WC waren auch Plastik-Säcke verteilt, die mit Fäkalien gefüllt sind und auf die man auf keinen Fall fallen möchte, falls man ausrutscht.
Eine bedenkliche, aber positive Veränderung zur Rotation gab es auch auf der digitalen Seite. Es gab im Camp 2 sehr gutes Wifi und ich konnte so nochmals Kontakt mit der Familie haben und ihnen mitteilen, dass ich es heil durch den Icefall geschafft hatte. Zum Zvieri/Abendessen gab es für mich einmal mehr Popcorn, die ich wieder an der frischen Luft mit Blick auf die Lhotse Face genoss. Ab 18h war die Sonne weg und ich wechselte in die Sherpaküche, wo ich nochmals 2 Schwarztee trinken und dank dem Wifi sogar noch kurz mit Phunuru telefonieren konnte. Die Wettervorhersage für unseren möglichen Gipfeltag hatte sich nicht verändert, so dass wir unseren Plan weiter verfolgen können. Um 19h war ich dann schon im Zelt, wo ich noch ein bisschen las, bis ich mich schlafen legte. Morgen ist ein Ruhetag eingeplant, ich konnte also so lange schlafen, wie ich wollte.
Donnerstag, 15.Mai - Camp 2
Ich schlief ziemlich schnell ein, kein Wunder nach den tausend Sekundenschlaf-Situationen durch den Tag. Da ich auch noch am Abend Tee getrunken hatte, musste ich mich um kurz vor Mitternacht aus meinem Schlafsack schälen, um zu pinkeln. Wir hatten fast Vollmond und die Nacht war klar. So konnte ich am Lhotse, unterhalb des Couloirs zwei Stirnlampen ausmachen und auch einige andere auf der Route zwischen Camp 2 und Camp 4 verteilt. Einmal mehr dankte ich gedanklich meiner neuen Iphone-Kamera, die trotz Nacht wunderbare Bilder von dieser einzigartigen Landschaft festhielt. Danach ging es schnell wieder in den Schlafsack, um nochmals eine Mütze Schlaf zu bekommen. Leider hatte ich im zweiten Teil ein wenig kalte Füsse, so dass ich immer wieder mal aufwachte, um meine Wärmeflasche neu zu platzieren. Um 6h morgens musste ich nochmals austreten, blieb dann aber im Schlafsack bis um 11.30h, als es zu heiss im Zelt wurde. Zum Frühstück ass ich Riegel und Gyalzen und Chirring tauchten im Stundentakt auf, um mir Schwarztee zu bringen und nachzufragen, ob alles okay sei. Ich verbrachte die Zeit mit Kreuzworträtseln, lesen, snacken und dem Bereitlegen meiner Ausrüstung. Ich würde in Camp 2 so viel wie möglich zurück lassen, um keine unnötigen Dinge auf den Berg mitzunehmen. Den Mittag und Nachmittag verbrachte ich meist auf meinem Camping-Stuhl von gestern, so dass ich nicht in Versuchung geriet, einen Mittagsschlaf zu halten. Um 13h kamen Viktor und Wally in Camp 2 an, die die Nacht zuvor in Camp 1 verbracht hatten. Es war schön, nicht mehr alleine zu sein im Camp und wir plauderten fast die ganze Zeit miteinander. Auch ein Versuch, Wally davon abzuhalten, einzuschlafen, denn ihm ging es heute genau so wie mir gestern: Er war müde und durfte nicht schlafen, bis es Abend war. Um 14h trafen auch die Russen um Vladimir ein, alle waren ziemlich erschöpft und kämpften ebenfalls gegen den Schlaf. Wie immer erhielten sie Spezialessen und blieben eher unter sich. Ich ass zum Mittagessen einen kleinen Dal Bhat-Teller, den ich sogar leeren konnte, Ich beschloss, auch am Abend nochmals Dal Bhat zu essen, da ich damit rechnete, das sich höher am Berg nicht mehr wirklich Lust auf so üppiges Essen haben würde. Ebenfalls genehmigte ich mir ein Zvieri in Form von Schoggistängeli. Da die Sonne auch heute wunderbar schien, konnte ich mit meinem Solar-Panel alle meine elektrischen Geräte nochmals voll laden, so dass wir hoffentlich am Gipfeltag genug Batterie hätten, um Fotos zu machen. Als die Sonne unterging, wechselte ich in meinen Daunenanzug, weil ich meine Daunenhosen schon eingepackt hatte um sie im Camp 2 zu lagern. Leider war das Dal Bhat am Abend extrem scharf, so dass ich es nicht essen konnte. Als Alternative ass ich einen halben Teller weissen Reis und trank nochmals ein paar Tassen Schwarztee. Ich konnte mit Chirring und Gyalzen besprechen, dass ich am nächsten Tag noch nicht mit dem Daunenanzug unterwegs sein werde, da wir erst um 8h losgehen würden. Die Route bis Camp 3 ist einmal mehr ein Backofen bei Sonnenschein und ich wollte es nicht riskieren, zu viel Energie zu verlieren, wenn ich in der Daune unterwegs bin. Die Alternative wäre gewesen, um 4h loszugehen, um vor dem Aufgehen der Sonne schon in Camp 3 zu sein. Weil es da oben aber nichts zu tun gibt, macht es keinen Sinn, schon so früh anzukommen. Deshalb war ich mit dem Kompromiss mit spätem Abmarsch, aber ohne Daune sehr zufrieden. Um kurz vor 19h war ich wieder im Schlafsack und kontrollierte nochmals alles Material und legte alles so bereit, dass ich am Morgen zackig bereit sein würde.
Freitag, 16.Mai - Camp 2 zum Camp 3
In der Nacht wachte ich oft auf, weil es links und rechts in den Nachbarzelten wie wild hustete. Die Russen waren offensichtlich nicht in bester Verfassung in Camp 2 angekommen und ich hoffte inständig, dass ich mich bei ihnen nicht angesteckt hatte. Schon in der Sherpaküche hustete ein Grossteil, was auch der Grund dafür ist, dass ich meinen Buff immer bis zu den Augen hochgezogen trage, wenn ich nicht gerade trinke oder esse. So eine Atemwegsinfektion hat schon manchem Everest-Anwärter den Gipfel gekostet und ich wollte auf keinen Fall das Risiko eingehen, wegen husten umkehren zu müssen.
Mein Wecker klingelte um 7h und ich versuchte alles zu erledigen, was ich konnte währnd dem mein Körper noch im warmen Schlafsack steckte. Danach packt ich sowohl die Matte und den Schlafsack ein und legte beides bereit für Chirring und Gyalzen. Den Sack mit den Sachen, die im Camp 2 bleiben sollten legte ich ebenfalls bereit. Da ich noch einigermassen Appetit hatte, ass ich – für meine Begriffe – ein gutes Frühstück mit einem Kitkat und Müesli. Dazu trank ich 4 Tassen Tee, so dass ich einen Teil der nötigen Flüssigkeitszufuhr schon intus hatte. Das Ziel ist es jeweils mindestens 3 Liter zu trinken, besser wären 4 Liter. Der Körper verliert in dieser Höhe viel mehr Flüssigkeit und dem muss die ganze Zeit Rechnung getragen werden. Zum Glück bin ich es von zu Hause gewohnt, viel zu trinken und auch in grosser Höhe kann ich mich ohne grosse Probleme dazu überwinden, noch mehr zu trinken. Leider musste ich nach dem Frühstück doch einige Zeit warten, bis ich meine Wasserflaschen mit dem heissen Wasser füllen konnte, da die Sherpaküche beschäftigt war mit Frühstück machen. Offenbar hatten sie mich gestern Abend nicht verstanden, als ich sagte, dass ich nur Müesli zum Frühstück essen würde, denn als ich das zweite Mal nachfragen wollte ob das Wasser ready war, streckten sie mir einen Teller mit einer Omelette entgegen und meinten, das sei mein Frühstück. Weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, und im Esszelt Mihail von den Russen entdeckte, konnte ich ihm das Omelett zum Glück weitergeben. Er hatte Freude daran und es gab für einmal keinen Foodwaste. Da das Frühstückmachen noch immer in vollem Gang war und ich eigentlich ready zum Losgehen war, setzte ich mich an die frische Luft und beobachtet die Bergsteiger, die an unserem Camp vorbei in Richtung Camp 3 gingen. Keine 5 Minuten nachdem ich mich hingesetzt hatte, lief plötzlich Kenton Cool mit seinem Kunden Richard an mir vorbei. Ich nutzte die Chance und sprach ihn an, um mich ein bisschen auszutauschen. Für alle, die Kenton Cool nicht kennen: Er ist der Westler mit den meisten Everest-Besteigungen, bis und mit 2024 hat er meinen Traumberg 18x bestiegen. Kein anderer nicht-Nepali auf der Welt kommt auf diese beeindruckende Zahl. Dass ich ihn nun persönlich treffen konnte, freute mich riesig, vor allem gab es mir weiter Selbstvertrauen in unseren Plan mit dem Gipfeltag am 18.Mai. Schliesslich entscheidet er nicht leichtfertig, wann er zum Gipfel aufbricht. Genau wie ich war er ein wenig beunruhigt ob der Masse an Menschen, die man schon in der Lhotseface sieht. Es scheint so, als ob das ganze Basecamp gleichzeitig unterwegs sei, was uns gestern nicht so aufgefallen war, weil wir ja im oberen Camp 2 unseren Ruhetag hatten. Die gute Nachricht ist, dass sich unter den vielen Menschen auch eine grosse Gruppe der Indischen Armee befindet, sie sich ein Jahr lang akribisch auf die Expedition vorbereitet hatte. Sie waren also versiert und was Kenton noch wichtiger fand, auch sympathisch und kooperativ, was in gewissen Situationen am Berg sicher von Vorteil ist. Nach etwa 15 Minuten liess ich Kenton und Richard weiter ziehen, sie wollten so viel Strecke wie möglich zurück legen, bevor es an der Face zu heiss wird. Anders als geplant, waren wir drei erst um 8.45h bereit zu gehen, neben dem Warten auf das heisse Wasser brauchte auch das Packen der grossen Rucksäcke von Chirring und Gyalzen mehr Zeit als gedacht. Schon nach 10 Minuten war ich das erste Mal dankbar, dass ich meinen Daunenanzug im Rucksack mittragen konnte und nicht tragen musste. Die erste 3m-Steilstufe brachte mich schon ins Schwitzen, und die Sonne war noch nicht einmal auf diesem Teil der Route zu spüren. Die erste halbe Stunde fühlte ich mich überhaupt nicht wohl. Meine Beine fühlten sich extrem schwer an und obwohl wir sehr langsam gingen, war mir extrem warm. Obwohl ich weiss, dass es logistisch Sinn macht, den Daunenanzug schon ab Camp 2 zu tragen, wollte ich mir nicht vorstellen, wie es Chirring und Gyalzen in ihren Anzügen ging. Sie mussten in ihren Anzügen kochen, wenn ich in meinen Berghosen schon schwitzte wie ein Schwein. Jedes Mal wenn ich nachfragte, ob ihnen nicht zu warm sei, lächelten sie mich nur an und winkten ab.
Nach einer Stunde und 45 Minuten erreichten wir den Bergschrund, das untere Ende der Lhotse Face. Der Zugang dazu ist eine 8m lange Vertikale, die den Beginn des steilen Teils der Route einläutete. Ich hatte auf meiner Rotation von Gyalzen gelernt, in meinem Pulli immer eine kleine Flasche zu lagern, um relativ leichten Zugang zu haben, wenn ich Durst habe. Weil ich immer wie mehr schwitzte, öffnete ich auf dem flachen ersten Teil der Route irgendwann den Reissverschluss des Pullis, um frische Luft zu bekommen. Die Flasche war aber noch sicher verstaut, denn ich öffnete den Reissverschluss nur bis zum Bauchnabel. Als ich nun aber in der Vertikale hängend eine kleine Verschnaufpause machen wollte und vornüber lehnte, fiel die Flasche leider aus dem kleinen Kokon heraus. Zum Glück verfehlte sie Gyalzen der 3m hinter mir am Seil hing knapp und rutschte an ihm und rechts der Route vorbei den Hang hinunter. Das Glück war uns sogar noch mehr hold, denn keine 10m weiter hängte die Flasche an einem Stein ein und blieb dort hängen. Obwohl ich Gyalzen sagte, dass er das nicht tun müsse, klickte er sich aus dem Seil aus und stieg die 15m zur Flasche im Tiefschnee herunter, um sie zu holen. Mir war der Vorfall extrem peinlich, denn auch wenn wir nur von einer Halbliterflasche reden, kann sie bei einem Treffer gefährliche Verletzungen verursachen. Und natürlich sassen oberhalb der Vertikale etwas 10 Sherpas, die das Malheur alle beobachteten. Hinter Gyalzen war niemand mehr am Seil, ich hätte also im schlimmsten Fall meinen eigenen Sherpa damit ausser Gefecht setzen können. Ich entschuldigte mich tausend Mal bei Gyalzen und Chirring und merkte mir, dass ich in Zukunft in Vertikalen entweder die Flasche in den Rucksack stecke, oder den Reissverschluss geschlossen halten muss. Wir nutzten den letzten flachen Flecken vor der Face um eine grosse Pause zu machen und ich konnte mich ein wenig von dem Schreck erholen. Danach war die von mir schon in der Rotation gefürchtete Traverse an der Reihe. Zum Glück waren die Tritte dieses Mal besser und man hatte nicht mehr das Gefühl, dass man jeden Moment rutschen und in die tiefe Gletscherspalte unterhalb der Traverse fallen würde. Auch war es von Vorteil, dass vor uns nur eine langsame Zweier-Seilschaft war und hinter uns lange niemand nachkommen würde. Wir konnten also unsere Pause so lange machen, bis die Zweier-Seilschaft fast aus der Traverse weg war, damit wir nicht unnötig Zeit auf diesen gefährlichen 20m verbringen mussten. Leider standen wir dann doch noch wartend mitten drin, weil wir zu früh losgingen. Aber eben, die Tritte waren okay, so dass das Warten für mich nicht so schlimm war. Wie es jedoch Chirring und Gyalzen mit ihren schweren Rucksäcken dabei ging, weiss ich nicht. Ich traute mich auch nicht, gross nachzufragen, ich konnte an der Situation leider nichts ändern. Nach der Traverse machten die zwei vor uns eine Pause, so dass wir sie überholen und unser eigenes Tempo gehen konnten. Ich fand schnell in einen guten Rhythmus und wir konnten weitere 2 Gruppen relativ leicht überholen. Da wir langsam, aber stetig immer höher steigen konnten, war die Hitze für mich einigermassen aushaltbar. Als ich sah, wie zuerst Chirring und dann auch Gyalzen sich des oberen Teils des Daunenanzugs entledigten, konnte ich die Sorge, dass die zwei irgendwann in ihrem Anzug überhitzen würden, ebenfalls aus meinem Kopf streichen. Bis zum Camp stiegen wir noch knapp 2 Stunden weiter hoch und um kurz vor 13h kamen wir schon bei unserer Zeltreihe an. 14 peaks und Seven Summit treks teilen sich alle Camps am Berg, ausser Camp 2 und da wir früh ankamen, konnten wir unsere Zelte aussuchen. Ich bekam das Zelt in der Mitte und Chirring und Gyalzen richteten sich gleich nebenan ein. Zu meiner Überraschung zog Chirring zur Feier des guten Aufstiegs ein Nepalesisches Red Bull aus der Tasche, von dem ich auch ein bisschen trank. Es war eiskalt und schmeckte grossartig. Ich wollte aber nicht zu viel trinken, denn ich hatte schon 2 Monate kein Red Bull mehr getrunken und wenn ich zu Hause eines trinke, muss ich danach meist auf die Toilette. Hier oben wollte ich das grosse Geschäft wenn möglich vermeiden, denn dazu musste man ein Wag Bag benutzen, was ziemlich umständlich ist. Danach machte ich mich an die Nahrungsaufnahme und das erste was mir in die Hände kam, war die Packung Knäckebrot. Ich ass eines davon, denn ich wollte mir vor allem für den Gipfeltag noch was ansparen, für den Fall, dass ich Hunger hätte. Während dem im Zelt sitzen wurde mir bewusst, dass ich nur noch 2 Tage vom Gipfel entfernt war. Nach so vielen Jahren des Wartens fühlte sich diese Tatsache sehr unwirklich an. Ich war noch nie in meinem Leben näher am Gipfel des Everests und fühlte mich noch immer grossartig. Leider wurde es auch im Cap 3 im Zelt sehr schnell heiss, so dass ich bald vor dem Zelt sass, mit den Füssen über einer 2m Wand, die durch das Bauen der Zeltplattformen entstanden war. Chirring erinnerte mich nochmals, dass ich vorsichtig sein solle, denn im Zelt sitzt man ohne Sicherung und wenn man mal ins Rutschen kommt, ist es ziemlich schwierig, das zu stoppen. Ich fühlte mich zwar nicht unsicher, da etwas 10m unter uns ein Zelt nach dem anderen stand und ich wahrscheinlich eher in ein Zelt rutschen würde, als die ganze Eiswand runter, aber wer will das schon ausprobieren? Ich auf jeden Fall nicht! Da ich meine nassen Socken ausserhalb des Zelts zum Trocknen aufgehängt hatte, sass ich nun zwischen den Socken, die wie Dumbo-Ohren neben meinem Kopf baumelten. Zum Glück riecht in der Kälte nichts, so dass mich das nicht gross störte. Leider kamen immer wie mehr Gipfelaspiranten im Camp 3 an und die Zelte neben mir füllten sich ziemlich zügig. Bald war klar, dass wir die Luxussituation mit 2 Zelten für 3 Personen nicht länger geniessen können und ich zu Chirring und Gyalzen ins Zelt wechseln müsste. Sie nahmen sich ein bisschen Zeit, um in ihrem Zelt Platz zu machen und dann wechselte ein Stück nach dem anderen das Zelt, alle immer schön darauf bedacht, das ja nichts runterfällt und den Hügel runter rutscht. Das klappte ziemlich gut und da es noch immer sehr sonnig war, nutzte ich die Zeit, um mir nochmals die Füsse zu vertreten. Füsse vertreten heisst übersetzt: hinter den Zelten 10m nach links gehen, dort zu pinkeln, die steilen 2m den Hang runter gehen, um die 10m vor den Zelten wieder zurück zu gehen. Ich stand noch ein bisschen neben den Zelten herum, damit ich weniger Zeit im heissen Zelt verbringen musste. Das machte Chirring ein bisschen nervös, denn ich war ja ohne Sicherung und Innenschuhe unterwegs und wer schon mal mehr wie ein paar Tage mit mir verbracht hat, weiss dass ich ein ziemlicher Schluffy bin. Also schlüpfte ich auf die freien 50cm im Sherpazelt und versucht ein bisschen Ordnung in meine Sachen zu bringen. In mein Ex-Zelt war mittlerweile schon jemand eingezogen, es war eine Kundin von 14peaks, die Sefa heisst. Interessanterweise war dann sie alleine in dem Zelt und teilte es nicht mit Sherpas. Als ich das realisierte, fand ich es schon ein bisschen unfair, dass ich da nicht alleine schlafen konnte, aber sie schon. Aber eigentlich war es auch lustig zu sehen, wie schnell man in einem Zelt ein Chaos erstellen kann, wenn drei Personen mit Hochgebirgsmaterial darin Platz finden müssen. Im Basislager hatten wir auch besprochen, dass wir ziemlich sicher ab Camp 3 das Zelt teilen müssen und wenn ich nicht zuerst ein eigenes Zelt gehabt hätte, hätte ich es wahrscheinlich auch nicht als unfair empfunden. Aber die Berge lehren dich ziemlich schnell, dass die Welt nicht gerecht ist und du dich an viele unterschiedliche Situationen anpassen musst, um Energie zu sparen. Kurz vor 16h wurde dann auch noch das Zelt links von uns besetzt und zwar von Ben und Mick, mit denen ich mich im Basecamp schon angefreundet hatte. Es war schön, sie in so guter Verfassung zu sehen, obwohl sie beide ein wenig müde aussahen. Sie hatten keinen Ruhetag gemacht und waren am Vortag vom Basecamp direkt ins Camp 2 aufgestiegen und heute ein wenig später losgegangen. Da sie mit dem Daunenanzug unterwegs waren, hatten sie durch den Tag auch entsprechend geschwitzt. Die Anzüge waren auf jeden Fall ziemlich schnell weg, vor allem in der Hitze des Zeltes. Da Chirring und Gyalzen mich langsam kennen, habe ich zu meiner Überraschung neben dem Red Bull auch noch Popcorn bekommen. Sie haben extra eine Portion Mais mitgenommen, weil sie wussten, dass ich nicht gross essen würde in der Höhe. Da ich die erste Portio schneller verputzt habe als erwartet, machten sie sogar noch eine zweite Portion, die ich ebenfalls komplett ass. Obwohl ich keinen Hunger hatte, konnte ich trotzdem gut essen und mir wurde auch danach nicht übel. Das nenne ich akklimatisiert 😊 Ebenfalls habe ich sehr viel getrunken, und versuchte, jeweils so lange wie möglich zu warten bis ich pinkeln ging, damit ich nicht ständig aus dem Zelte gehen musste. Um ca. 18.30h machten sich Chirring und Gyalzen bettfertig, was ich erst bemerkte, als sie den Reissverschluss des Zelts vorne verschlossen. Natürlich musste ich nochmals pinkeln und als sie fragten, wo denn meine Peebottle sei, musste ich ehrlich antworten, dass ich diese im Camp 2 gelassen hätte. Also öffneten sie das Zelt wieder, mussten den Kocher mit dem schon für den nächsten Morgen vorbereiteten Schnee verschieben, damit ich Prinzessin draussen pinkeln konnte. Ich hoffte in diesem Augenblick inständig, dass ich nicht in der Nacht nochmals raus müsste, denn mein Platz war im Zelt ganz rechts und ich hätte es nicht aus dem Zelt geschafft, ohne Chirring, der den Mitteplatz bekommen hatte, wecken zu müssen. Wir diskutierten sogar kurz, ob ich den Mitteplatz nehmen sollte, aber das wäre mit den Gegebenheiten ziemlich kompliziert geworden. Wir alle drei schliefen nämlich mit Sauerstoff und die Flaschen sind jeweils platzbedingt im Rucksack versorgt. Wir hätten also sowohl ein Mätteli, Schlafsack, wie auch ein Rucksack-Schach machen müssen. Das war uns allen zu umständlich und so hofften wir einfach, dass meine Blase bis zur Tagwache durchhalten würde.
Samstag, 17.Mai - Camp 3 zum Camp 4
Die Tagwache heute war schon um 3.30h und die Zeit zwischen Einschlafen und Aufwachen war zu kurz für meine Blase um sich nochmals zu melden. Der erste der sich nach dem Klingeln des Weckers bewegen musste, war Chirring. Er war der Auserwählte, der für das Wasserkochen am heutigen Morgen zuständig war. Zum Glück kann man das im Schlafsack, im Zelt sitzend erledigen, so dass man zumindest die Hälfte des Körpers noch nicht der Kälte aussetzen muss. Ich hatte unerwarteterweise den Grossteil der Nacht durchgeschlafen. Ich war immer wieder kurz erwacht, weil mein Mätteli und Schlafsack in Richtung Füsse rutschten, aber mit ein bisschen «Fägnäschte» konnte ich das jeweils wieder richten. Damit ihr eine kleine Vorstellung habt, wie ich geschlafen habe: Unter meinem Mätteli an den Füssen lagen diverse Säcke mit Dingen, die man zum Kochen braucht, aber nicht schnell kaputt gehen. Meine Füsse waren also 40cm höher als meine Hüfte. Da es für die Rucksäcke auf der Seite auch nicht wirklich Platz hatte, nahmen wir sie jeweils als Kopfkissen, mein Kopf und Oberkörper waren also auch ca. 20cm höher als die Hüfte. Ich lag also als perfekte Banane für die Nacht und trotzdem konnte ich schlafen. Mit dem von Chirring in mühsamer Wartearbeit gekochten Wasser, den von ihnen mitgebrachten Teebeuteln und von mir hochgetragenen Knäckebrot genoss ich schon fast das perfekte Frühstück auf 7000m. Jeder Krümel den ich hier oben essen kann, wird mir hoffentlich ein Mü mehr Energie geben in den nächsten zwei Tagen. Aber es ist immer eine kleine Gratwanderung, denn jedes Mal wenn ich etwas esse bevor wir losgehen, habe ich zu Beginn des Gehens Magenkrämpfe. Bisher waren es nur Krämpfe, aber die Bedenken sind natürlich immer da, dass die Krämpfe in einem Notfall-Toilettengang gipfeln. Das ist etwas, was ich aber definitiv nicht erleben will, vor allem nicht in einer fast senkrechten Wand, am Fixseil und mit einem Klettergurt und Daunenanzug. Deshalb ist mein Motto, am Morgen eher mässig essen, viel trinken und dann dafür bei Ankunft im Camp so viel wie möglich essen, denn da ist es noch ein bisschen angenehmer, falls man eben mal muss. Heute schaffte ich es, die Wärme meines Schlafsackes geniessend zweimal meine kleine Nalgene-Flasche zu leeren, bevor wir unsere 7 Sachen wieder zusammenpackten. Das sind 8dl reines Kraftfutter, denn viel trinken heisst weniger Probleme mit der Höhe. Da der Körper bei jedem Atemzug viel mehr Flüssigkeit verliert als auf Meereshöhe und die trockene Sauerstoff-Luft aus der Flasche das noch verstärkt, ist das Risiko auf der Lhotseface pinkeln zu müssen relativ klein. Trotzdem quälte ich mich irgendwann aus meinen Schlafsack und in den Daunenanzug, um das Zelt zwecks pinkeln zu verlassen. Damit ich mich nicht nochmals zurück ins Zelt zwängen musste, ging ich erst raus, als mein Schlafsack und Mätteli zurück in ihren Packsäcken waren und mein Rucksack fertig gepackt war. Ich pinkelte mir dabei zwar fast in den Anzug, aber das war besser, als eben nochmals ins Zelt zu kriechen. Als das Zelt mich dann endlich ausspuckte und ich den Berg hoch sah, traf mich fast der Schlag. Eine riiiiiiesige Schlange an Stirnlampen war schon unterwegs auf der Route über uns, im Camp war es extrem wuselig und unter uns sah man auch schon Stirnlampen die Lhotse Face hochgehen. Ich pinkelte direkt hinter das Zelt, da Chirring mich im Dunkeln und ohne Sauerstoff nicht weiter weg lassen wollte. Und da sass ich dann, pinkelte und betrachtete diese Lichtshow, die keiner von uns wirklich wollte. Irgendwie hatte es auch etwas entspanntes, diesen Lichtern zuzuschauen, wie sie hin- und herzuckten und sich nicht wirklich weiter zu bewegen schienen. Nun denn, es hilft ja nichts, wir mussten – oder besser gesagt wollten - da ja auch hoch und so montierte ich meine Maske im Gesicht, den Rucksack auf den Rücken und wartete geduldig, bis Chirring und Gyalzen ihre massigen Rucksäcke ebenfalls bereit hatten. Sie trugen nochmals eine letzte Load den Berg hoch, denn die Sauerstoff-Flaschen für die Lhotse-Besteigung mussten noch ins Camp 4 vom Lhotse gebracht werden. Gestern hatten sie mich nochmals gefragt, wie ich mich fühle, und ob der Lhotse noch immer auf meinem Plan stand. Da ich mich immer noch super fühle, hatte ich das ganz klar bejaht. Um viertel vor 5h ging es dann auch für uns in die Warteschlange. An der gesamten Lhotse Face gibt es genau ein Fixseil an dem alle Aspiranten hochsteigen, entsprechend voll war es an diesem Morgen. Hinter uns reihten sich unzählige weitere Daunenanzüge ein und man konnte gut unterscheiden, wer Kunde und wer Sherpa ist. Alle Sherpas hatten noch immer vollgepackte Rucksäcke, während wir Kunden meist sehr kompakte, nur mit einer Sauerstoff-Flasche gefüllte Säcke buckelten. In der Schlange standen wir eine Zeit lang direkt vor einer weiteren Nepalesischen Legende. Purnima Shrestha ist eine der ersten Bergsteigerinnen, der ich während meinem Projekt folgte. Sie ist eine Fotojournalistin und hat 2024 an Bekanntheit gewonnen, weil sie die erste Person ist, die in einer Klettersaison den Mount Everest dreimal bestieg. Sie erreichte das innerhalb von 13 Tagen und war in der aktuellen Saison im Rahmen einer Fotodokumentation am Berg anzutreffen. Die ersten 2 Stunden waren wir sehr langsam unterwegs. Hin und wieder konnten wir langsamere Bergsteiger überholen, bis wir eine grössere Lücke vor uns sahen und endlich unseren eigenen Takt gehen konnten. Nach etwa 2 Stunden hatte ich ein kleines Aha-Erlebnis: Wenn ich normal frontal die Face hochgehe und nach jedem zweiten Schritt wieder ein paar Minuten warten muss, bekomme ich relativ schnell kalte Zehen. Die Stehmöglichkeiten sind so beschränkt und der Blutfluss ist nicht immer optimal. Wenn ich aber seitwärts gehe, habe ich offensichtlich eine perfekte Zirkulation, so dass meine Füsse, inklusive Zehen immer gut mit Blut versorgt sind. Kalte Zehen sind so fast nicht mehr möglich und das Gehen und Warten ist viel angenehmer. Ich wechselte auch immer wieder die Seite, damit ich ein wenig Abwechslung in der Aussicht hatte. Ich fand einen guten Rhythmus und konnte den Aufstieg ausserhalb der Kolonne auch sehr geniessen. Das Wetter war perfekt und obwohl die Sonne einmal mehr ungehindert auf uns schien, war es bei weitem nicht mehr so heiss wie am Tag zuvor. Nach 4h erreichten wir schon das Yellow Band. Ich war gespannt, wie sich die Route von da weiterzeigen würde, denn obwohl ich in den letzten Wochen viel Zeit verbrachte die Lhotse Face zu betrachten, konnte ich mir trotzdem nicht wirklich vorstellen, wie es da oben dann von nahem aussehen würde. Das Yellow Band ist genau das was man sich darunter vorstellt. Ein Band aus gelblichem Stein, das aus dem Schnee herausragt. Die Route führte direkt vertikal durch das Band, was für uns heisst, dass das Durchsteigen ein wenig anstrengender ist, als «nur» auf Eis hochzusteigen. Der Fels ist durchzogen und es hatte viele kleine Steine die überall herum liegen. Hier zeigte sich einmal mehr, dass es sich lohnt, schon vor dem Everest ein paar Berge zu besteigen, für die man Steigeisen braucht. Steigeisen auf Fels verhalten sich anders als Steigeisen auf Eis und für mich war es ein Leichtes, die richtigen Stellen zu sehen, wo ich meine Füsse hinstellen soll. Das war aber bei einigen der vor mir am Seil hängenden Personen leider nicht der Fall. Entsprechend waren wir eher im Zeitlupentempo unterwegs bei dieser technisch ein wenig anspruchsvolleren Passage. Oberhalb des Yellow Bands machten einige Pause, was uns wieder ein wenig Luft gab um unseren Takt zu gehen. Das war kurz unterhalb nicht mehr möglich, weil sich die Aspiranten dort leider durch den Geschwindigkeitsverslust wieder stauten. Das ist der Vorteil, wenn auf der Route immer wieder technische Herausforderungen auf einen warten. Man muss dann zwar ein wenig Geduld zeigen, aber die Erschöpften brauchen danach Pause, und die Fitten können relativ sicher und einfach überholen. Zudem wurde es mir unterhalb vom Band langsam zu warm im Daunenanzug und alle möglichen Reissverschlüsse waren bis zum Anschlag offen. Das Stehenbleiben führte auch dazu, dass ich nicht überhitzte, sondern in Ruhe abkühlen konnte. Bis zum Camp 4 war die Bahn für uns wegen den Pausierenden grösstenteils frei oder aber die Sherpas hatten ihre Kunden so im Griff, dass sie uns überholen liessen, sobald sie erkannten, dass wir ein wenig zügiger unterwegs sind als sie. Im Lhotse Camp 4 machten wir dann um ca. 11h unsere erste richtige Pause. Ich trank so viel ich konnte und ass auch einen Riegel. Während dem packten Gyalzen und Chirring ihre Rucksäcke aus und verpackten die Dinge in einen Reissack, die im Camp bleiben sollten Das bisher dort deponierte Material mussten sie kurzerhand auspickeln, weil die im Camp zurück gelassene Schneeschaufel festgefroren war. Als erstes versuchten sie die Schaufel zu befreien, was mehr schlecht als recht gelang Derweil sass ich oberhalb der Route, natürlich mit meinem Safety in ein Seil eingeklickt (das Fixseil das mich bald ziemlich direkt zum Lhotse führen würde) und betrachtete die Meute, die oberhalb und unterhalb an mir, einer Schlange gleich, Camp 4 zustrebte. Natürlich alles in Zeitlupe und unter grösserer Anstrengung als 7000m tiefer. Ich sass gleich an einem Anker, an dem man sich auf das nächste Fixseil umhängen musste. Das nächste Fixseil war aber nur 2m lang bis schon der nächste Anker kam. Also versuchte ich allen zu verklickern, dass es sich für die 2m nicht lohnt, den Jumar einzuhängen, sondern dass der Safety reichen würde. Leider waren die meisten nicht mehr wirklich aufnahmefähig, was mich schon ein wenig schockierte. Natürlich ist es schwer mit Sauerstoffmaske, Kapuze und dicken Handschuhen jemandem zuzuhören, den Anweisungen zu folgen und diese dann auch auszuführen. Aber den Grad an Erschöpfung, den einige auf knapp 7800m zeigten hatte ich eigentlich erst ein paar 100m höher am Gipfeltag erwartet. Ich denke, einige trauten mir auch nicht, aber auch als ich ihnen zeigte worauf ich hinaus wollte, reagierten sie eher nicht. Wer noch nie mit dicken Handschuhen versucht hat, einen Jumar in ein Seil einzuhängen und dann noch einen Karabiner durch das entsprechende Loch um das Seil einzufädeln, dem soll gesagt sein: Es ist nicht leicht!!! Und schnell schon gar nicht. Würden also nur 30% auf mich hören, wäre die Wartezeit der anderen um einiges kürzer. Bei zwei Personen musste ich sogar das Umhängen übernehmen, da sie ihre Handkoordination schlicht nicht mehr im Griff hatten. So an der Route zu sitzen hatte auch den Vorteil, die verschiedenen Systeme zu beobachten, die die Firmen bei ihren Kunden verlangten. Manche hatten eine Schlinge als Safety, manche kurze, manche sehr lange Safeties. Einige mussten sich mit 3 Karabinern im Seil einhängen und auch die Knoten in den Safeties waren unterschiedlich. Grösstenteils sah es – sofern richtig angewendet – sehr sicher aus. Während ich da im Lhotse Camp so sass, kullerten immer wieder Handschuhe die Face herunter. Oberhalb von meinem Pausen-Ort biegt die Route nach links auf eine ca. 100m lange Traverse ab und wenn man da etwas fallen lässt, dann rollt, oder rutscht es links neben der Route die Eiswand herunter. Ich zählte alleine in den 10 Minuten Pause sicher 6 einzelne Handschuhe, die sich selbständig machten. Die Traverse legten wir ziemlich langsam zurück, denn am Ende dieser Horizontalen war der Geneva Spur, die zweite und letzte technische Schwierigkeit zwischen Camp 3 und 4. Das heisst, wir standen wieder einmal mehr als dass wir uns bewegten. Die Aussicht auf die Route des Lhotses war von hier sehr gut zu erkennen und so genoss ich in der Wartezeit diese Aussicht und auch die Ansicht des Everest. Diesen Winkel sehen nur Menschen, die sich an der Grenze zu 8000m bewegen und ich konnte mich an beiden Anblicken nicht satt sehen. Damit mir nicht zu langweilig wurde, sang ich auch ein bisschen innerlich, oder beim Stehen auch in meine Sauerstoffmaske und dachte an meinen Guide von der Ama Dablam, Stu, der mir vor der Expedition eine Aufzeichnung von «unserem» Ama-Lied «Father and Son» schickte. Da ich ständig ein anderes Lied (Yellow von Coldplay) im Kopf hatte, brauchte ich fast eine halbe Stunde, bis ich die Melodie von Stu wieder im Kopf hatte und nochmals eine halbe Stunde, um den Text zusammen zu bekommen. Eine willkommene Abwechslung, wenn man nach 5.5h auf knapp 7900m in einer Eiswand steht und warten muss, bis sich jemand bewegt, oder?!
Wie schon am Yellow Band hatte ich beim Geneva Spur das Gefühl, dass ich bald auf die Toilette müsste. Eigentlich war ich in Camp 2 ja schon richtig, aber jedes Mal wenn ich mein Bein zu weit heben musste, machte sich da ein gewisses Gefühl bemerkbar, dass ich bald meinen Wagbag brauchen würde. Ich versuchte nicht allzu sehr daran zu denken, während ich die 5m Vertikale unter die Steigeisen nahm. Ich konnte sogar noch ein tolles Foto von Gyalzen hinter mir aufnehmen, der mit seinem grossen Rucksack mitten in der Felswand stand. Eine weitere Gemeinsamkeit des Geneva Spurs mit dem Yellow Band war, dass ich zur Erinnerung je einen kleinen losen Stein einpacken konnte. Obwohl es ein bisschen Zusatzgewicht ist, wollte ich auf keinen Fall darauf verzichten, etwas mitzunehmen, zumal es loses Gestein war, ich also nicht am Everest herumhaken musste. Das wollte ich nämlich hier auf keinen Fall, dafür ist der Berg für mich zu heilig und ich wollte sie auch nicht verärgern. Oberhalb des Geneva Spur verläuft die Route plötzlich sehr flach um eine Felsnase herum. Einige machten dort Pause und da ich nun überzeugt davon war, dass ich um einen Toilettengang nicht herum kam, fragte ich mal nach, wie weit das Camp noch weg sei. Ich konnte bis jetzt diese Frage verhindern, denn meist ist das Ziel zu diesem Zeitpunkt weiter weg als man denkt und die Antwort demoralisiert einen nur. Die Antwort die ich nun bekam, überraschte mich aber ziemlich, denn Chirring meinte, wir seinen nur noch 20 Minuten von Camp 4 entfernt. Er fragte mich, ob ich eine Pause machen wolle und ich antwortete ihm nur, dass ich lieber direkt ins Camp gehen möchte, denn wenn ich jetzt ein Pause machte, würde ich entweder in meinen Anzug, oder auf den Berg machen. Er lachte nur über meine Antwort, aber ich glaube dass er spätestens, als ich weiter marschierte merkte, dass ich es ernst meinte. Mir war mittlerweile nicht mehr so ganz wohl, denn beide Möglichkeiten waren eigentlich keine Option und der Wagbag (die mobile Toilette in Form eines Plastiksacks) in den Tiefen des Sherpa-Gepäcks versteckt. Also stapfte ich weiter dem Fixseil entlang, mit den Gedanken bei sämtlichen Eventualitäten und Konsequenzen eines WC-Ganges auf über 7900m. Als ich kurz hochschaute, sah ich etwa 50m vor mir jemanden eine Pause machen und dachte nicht weiter darüber nach. Als ich dann plötzlich vor mir zwar das Fixseil sah, das geradeaus weiter führte, aber nach rechts abzweigende Fusstritte, hielt ich an und betrachtete das Geschehen vor mir genauer. Vergessen war das Kack-Problem, denn 10m vor mir lag eine sichtbare und «frische» Everest-Leiche. Die Person sah aus, als ob sie sich nur kurz hingelegt hätte, um sich auszuruhen. Die Sauerstoffmaske im Gesicht, der Rucksack auf dem Rücken, überhaupt nicht schneebedeckt und im Seil eingehängt, lag sie einfach so seitlich da. Dieser Anblick kam für mich völlig unerwartet. Ja, ich wusste, dass ich an irgendeinem Punkt auf der Besteigung in die Nähe von «alten» Leichen kommen würde. Ich wusste auch, dass jedes Jahr Menschen für ihren Versuch ihren Traum zu erfüllen mit dem Leben bezahlen. Unbewusst hoffte ich aber seit Beginn dieses Projekts irgendwie, dass ich das Glück hätte, nicht so unmittelbar damit konfrontiert zu werden. Und nun stand ich da, keine 5m von einem leblosen Daunenanzug entfernt und das völlig unvorbereitet. Obwohl, kann man sich darauf wirklich im normalen Leben auch nur ansatzweise vorbereiten? Dass ich mir Gedanken über den Tod oder mögliche tödliche Situationen am Everest seit Beginn der Expedition nicht mehr zugestand, war meine Taktik, um mich voll auf den Erfolg zu konzentrieren. Erfolg heisst für mich, dass ich wieder lebendig nach Hause komme, unabhängig davon, ob ich den Gipfel davor erreicht hätte oder nicht. Alle möglichen negativen Erlebnisse blockte ich in dieser Zeit, vor allem während dem Warten im Basecamp, völlig aus meinen Gedanken. Das funktionierte erstaunlich gut, bis ich nun eben da oben auf 7900m am Fixseil vor diesem geplatzten Traum stand. Da anscheinend niemand so nah an einer Leiche vorbei gehen wollte, was ich sehr gut verstehen kann, entstand die Spur 3m neben dem Fixseil. So musste man sich auch nicht extra aus- und wieder einklicken, um an der Leiche vorbei zu kommen, weil diese eben noch mit der Safety im Seil hing. Ich versuchte während dem ich vorbei ging, nicht allzu fest hinzuschauen, aber irgendwie war das fast unmöglich. Tief in meinem Innern wusste ich, dass die Person tot ist, aber ich schaute trotzdem immer wieder hin, um irgendeine Atembewegung festzustellen. Denn sie unterschied sich alleine im Anblick null mit uns an ihr vorbei gehenden Bergsteigern. Irgendwie versuchte ich auch jetzt, bei diesem verstörenden und unerwarteten Anblick, all die negativen Gedanken, die nur darauf warteten, endlich gehört zu werden, zu blockieren. Dies fiel mir jedoch verständlicherweise ein bisschen schwerer als je zuvor. Was für ein Glück ich doch hatte, dass sich da wieder das WC-Problem meldete. Ich trottete darum weiter, in der Annahme, dass das Camp noch weit weg war und dem Wunsch, dass ich es in jedem Fall «heil» dorthin schaffe. Keine 5 Meter nach dem ewigen Schläfer konnte man sich wieder auf der Normalspur ins Fixseil einklicken und 5 Minuten später spazierte ich in das legendäre Camp 4 auf dem South Col. Will ich vor meinen zwei Sherpas angekommen war und nicht wusste, wo unser Zelt steht, setzte ich mich auf einen Stein und bestaunte dieses Camp und den sichtbaren Teil der Route, die noch vor mir lag. Es windete stark, was mich nicht verwundern hätte sollen aber irgendwie trotzdem kurz überraschte. Wir hatten bisher nicht allzu viel Wind und bis ich um die letzte Kurve kam, war es fast windstill. Jetzt aber peitschten Windböen an meinen Rucksack, so dass ich froh war, dass ich nicht stehend auf meine zwei Helden warten musste. Das Camp vier ist für so vieles bekannt, aber für eines ganz bestimmt: den steten Wind. Das South Col ist eine kleine Hochebene, oder wahrscheinlich eher ein Bergsattel, etwa so gross wie 1.5 Fussballfelder, wo sich der Wind so richtig austoben kann. Bei einem Sturm möchte man keine Sekunde hier oben verbringen, weshalb man unter anderem in Camp 2 das Wetter nochmals ganz genau studiert. Geplant verbringt man hier nur ein paar Stunden und man sollte in jedem Fall vermeiden, dass man hier oben übernachten muss. Nur Personen, die versuchen den Everest ohne Sauerstoff zu besteigen, verbringen auf ihrer Akklimatisierungstour hier oben eine Nacht. Und auf dem Abstieg kann es Situationen geben, bei denen es sinnvoller ist, sich eine Nacht im Camp 4 zu erholen, bevor man sich an den Abstieg macht. Da wir ja schon den ganzen Tag von vielen Menschen umgeben waren, überrascht es keinen, dass es im Camp überall wuselte. Vom Gipfel und von Camp 3 ankommende Bergsteiger, Sherpas, die Schnee zu den Zelten schleppten, Sauerstoffflaschen, die aufgestapelt werden, Zelte, die im Wind flatterten und dazwischen überall Zelt- und Verpackungsfetzen, die unter Steinen hervorblitzen.
Ich sass also da auf meinem Stein und versuchte zu begreifen, dass ich im letzten Camp auf dem Weg zum Gipfel angekommen bin. Nur noch ein paar Stunden trennten mich vom finalen Gipfelaufstieg und trotzdem waren zwei andere Gedanken viel zentraler in meinem Gehirn: Wie um Himmels willen konnte der soeben gesehene Bergsteiger 5 Minuten vor dem Camp alleine sterben? Wo und wie sollte ich hier mein WC-Problem lösen? Ich wusste, dass ich solange ich auf dem Stein sass, zumindest das zweite Problem noch nicht allzu akut war. Und in den ersten Gedanken wollte ich meine Energie im Moment nicht wirklich stecken, denn davon würde die Person auch nicht wieder lebendig und im Basecamp würde ich die Geschichte dahinter sowieso irgendwann erfahren. Also sass ich einfach da und liess die Szenerie auf mich wirken, ohne davon emotional zu fest überwältigt zu werden. Der Gedanke «Du bist jetzt wirklich im Camp 4 und fühlst dich immer noch fit» wiederholte ich im Sekundentakt, denn irgendwie konnte ich es noch immer nicht glauben, dass die gesamte Expedition bisher so wunderbar lief. Mittlerweile waren auch Chirring und Gyalzen im Camp angekommen und so machten wir drei uns auf die Suche nach dem 14peaks-Zelt. Da wir die einzigen waren, die von 14peaks an diesem Tag unterwegs waren, waren wir überzeugt, dass irgendwo ein leeres Zelt auf uns wartete. Schnell war klar, dass sehr viele Zelte schon mit Gipfelstürmern bestückt waren und auch das 14peaks Zelt war nicht mehr leer. Ich weiss nicht, dass Chirring und Gyalzen mit den Sherpas dieser Zelte besprachen, aber es hörte sich für mich je länger je mehr nicht mehr ganz sooo freundlich an. Es schien so, als ob die Gruppen von Sevensummittreks sich nicht an die Abmachung gehalten hatten, für 14peaks ein Zelt freizuhalten. Also gingen wir von Zelt zu Zelt und versuchten zumindest eine Gruppe aus dem Zelt zu bekommen. In dieser sehr unfreundlichen Umgebung leider ein Ding der Unmöglichkeit. In der Verzweiflung machte ich mich auf, bei den Zelten der Indian Army nachzuschauen, ob sie vielleicht da noch ein freies Zelt hatten. Den meisten Zelten sah man schon von Weitem an, dass sie besetzt waren: Steigeisen lagen draussen, oder von aussen sah man die Abdrücke der Rucksäcke, die im Innern des Zeltes neben den Personen ebenfalls Platz finden mussten. Manche Eingänge waren halboffen, und man sah Sherpas darin Schnee schmelzen. Nach einiger Zeit sah ich ein Zelt, dass leer aussah und machte mich daran, den Reissverschluss aufzumachen, um nachzusehen. Schon kam ein Offizier der Army auf mich zugehört und faltete mich zusammen, was ich mir erlauben würde, das Zelt anzufassen. Ich erklärte ihm möglichst ruhig, dass unser Zelt besetzt war und wir auf der Suche nach einem Ersatz wären. Leider war der Typ absolut unfreundlich, unsympathisch und ich nicht gewillt, mich auf 7900m so von einem Mann behandeln zu lassen. Weshalb ich ihn ignorierte, den Personen im Zelt hallo sagte, den Reissverschluss wieder schloss und zurück ging, um Chirring und Gyalzen zu suchen. Das Ganze übrigens immer mit dem Rucksack auf dem Rücken, da ja die Sauerstoffflasche darin herumgetragen wird. Chirring fand ich schnell, auch er war nur auf Egoisten gestossen, so dass wir noch immer ohne Zelt dastanden. Kurz flammte in mir die Frage auf, was wir so hoch oben am Berg in diesem Wind ohne Zelt machen würden. Würden wir direkt weiter hoch steigen oder müssten wir schlimmstenfalls wieder runter ins Lhotse Camp 4, um am nächsten Tag von da den Gipfel zu besteigen? Oder war unser Gipfelversuch ohne Zelt vorbei und wir müssten absteigen? Ich wagte einmal mehr nicht, die Fragen zu stellen, sondern stellte mich einfach so in den Wind, dass er auf meinen Rucksack traf und betrachtete den Weg vom Camp in Richtung Gipfel. Da sah ich vereinzelte Menschen auf dem Abstieg, einige sassen da, um Pause zu machen und andere stiegen sehr, sehr langsam ab. Dem Grossteil sah man trotz Distanz an, dass sie sehr erschöpft und froh waren, wieder im Camp zu sein. Da ich nun nicht mehr sass oder mich bewegte, meldete sich mein Darm wieder und ich fragte bei Chirring mal nach, ob er den Wagbag in seinem Rucksack hätte. Er wusste es nicht genau, wollte aber gleich nachschauen. Da tauchte Gylazen mit einer typischen gelben Zelthülle auf, die er irgendwo im Camp aufspüren konnte. Der Plan war also, in dem stürmischen Wind, auf 7900m Höhe, nach 8h Aufstieg ein Zelt aufzustellen. Nun denn, dachte ich mir, zu dritt sind wir sicher schneller als sie zu zweit, zumal sie viel schwerere Rucksäcke hochgetragen hatten und ich fühlte mich fit genug, um ihnen ein wenig zu helfen. Schritt eins: Eine Fläche finden, auf der das Zelt Platz hat. Schritt zwei: Die Fläche von Steinen zu befreien und wenn möglich auch von den Verpackungs- und Zeltfetzen von früheren Jahren. Mein Problem bei Schritt zwei: Jedes Mal wenn ich mich bückte, rutschte mein Rucksack ein wenig nach oben, oder besser in Richtung Kopf nach unten und mein Darm-Problem fühlte sich seeehr akut an. Sobald ich wieder gerade stand, war es nicht mehr ganz so akut, aber ich fühlte mich trotzdem schon lange nicht mehr wohl damit. Es gab keine Chance darauf, Kack-frei von diesem Berg herunter zu kommen. Die Frage war nur noch, wie bekam ich es hin, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf eine Göttin scheissen musste (Sorry für diese Direktheit). Ein weiteres Mal fragte ich Chirring nach dem Wagbag und der Zufall wollte es, dass er ihn ziemlich oben im Rucksack eingepackt hatte. Der Rucksack lag neben unserem ausgewählten Platz am Boden und der Wagbag lächelte mich aus der Öffnung an. Ich nahm ihn also raus und naiv wie ich bin, sagte ich zu Chirring, dass ich mich hinter das letzte Zelt begeben würde, um mein Geschäft zu erledigen. Er nickte nur und machte sich weiter daran, die Steine wegzuschaffen. Das letzte Zelt war nur ein paar Schritte weg und jetzt fühlte es sich an, als ob jede Minute zählen würde. Ich riss den Wagbag auf, packte das darin enthaltene WC-Papier in eine Hosentasche und bereitete den Plastiksack vor, als mir in den Sinn kam, dass ich ja noch den Rucksack und den Klettergurt trage. Den Rucksack musste ich gleich neben mir auf den Boden stellen. Weil der Schlauch zur Sauerstoffmaske nur knapp 1m lang ist, konnte ich nun nicht mehr gerade stehen. Dann versuchte ich mit meinen behandschuhten Hände den Gurt zu lösen, was mir im Stress natürlich nicht gelang. Also zog ich die Handschuhe aus und klemmte sie zwischen meine Knie, damit ich sie in den Rucksack stecken konnte, den ich aber zuerst öffnen musste. Falls ihr euch das Geschehen gerade bildlich vorstellt, vergesst nicht, die mindestens 50 Stundenkilometer Wind, die stetig über die Fläche vom South Col fegten. Als ich den Gurt endlich offen hatte, musste ich auch noch die Schnallen an den Beinen lösen und auch den Gurt in den Rucksack packen, der in der Zwischenzeit vom Wind umgeweht wurde. Das Problem mit dem Bücken war noch immer sehr präsent, so dass ich versuchte den Rucksack wieder gerade hinzustellen, indem ich in die Knie ging. Falls mich jemand bei dem ganzen Theater beobachtet hat – und das wird sicher der Fall gewesen sein, denn hinter dem letzten Zelt heisst, dass man quasi am Beginn der Route zum Gipfel steht – wird der sicher nicht ganz schlau aus meinen hektischen Bewegungen geworden sein. Nach einer gefühlten Ewigkeit stand der Rucksack nun wieder felsenfest da und ich konnte mich endlich dem Daunenanzug zuwenden, der hinten extra einen Reissverschluss für Toilettengänge hat. Ich öffnete diesen und sofort wurde es um einiges kälter an meinem Allerwertesten, obwohl ich noch Thermohosen trug. Ich ignorierte die Kälte und versuchte nun den Sack so zu platzieren, dass am Schluss alles darin Platz findet und sich nicht einen Weg in meinen tollen Daunenanzug bahnen würde. Leider gelang es mir in dem Wind weder meine Thermohose loszuwerden, noch den Sack gut zu platzieren, so dass ich bald aufgab. So würde das nichts werden mit dem Füllen des Sackes ohne Sauerei. Also stopfte ich den Sack in meinen Daunenanzug und schloss den Reissverschluss wieder. Ich musste unbedingt aus dem Wind raus, und zwar schnell. Kurzentschlossen zog ich meinen Rucksack wieder an, ging ich um das Zelt herum und öffnete es. Die Chance war zwar klein, aber vielleicht war es ja leer und ich konnte es als Toitoi benutzen. Von draussen deutete nichts darauf hin, dass es einen Bewohner hatte und so riss ich entschlossen an dem Reissverschluss vom Zelt und öffnete ihn ca. 30cm. Im Innern sah ich einen Schlafsack und darin eine regungslose Person. Ich starrte sie an und fragte mich, ob ich nun schon die zweite Everest-Leiche vor Augen hatte oder nicht. Zum Glück sah ich plötzlich eine leichte Atembewegung, so dass ich den Reissverschluss beruhigt wieder schloss. Ich musste nun wirklich dringend aufs Klo, aber es gab schlicht keine Möglichkeit, das Ganze ohne Wind hinter mich zu bringen. Ich wappnete mich also erneut, den Anzug zu öffnen, als ich Chirring hörte, der nach mir rief. Ich drehte mich um und sah ihn vor unserem fertig aufgebauten Zelt stehen. Ich ging zu ihm und erklärte, dass es hinter dem Zelt für mich – naiv wie ich war – unerwarteterweise genauso winde wie überall auf dem South Col und ich daher noch immer nicht weiter wäre mit meinem Problem. Er deutete in unser Zelt und meinte, ich solle reingehen, weil es dort windstill sei. Ich schaute hinein und sah ihn dann ungläubig an. Wenn der Sack nicht dicht ist, würden wir ganz gehörig in der Scheisse stecken und das meine ich in diesem Kontext wortwörtlich. Ich fragte ihn ob es nicht eine andere Möglichkeit gebe und er meinte nur kurz angebunden, ich solle jetzt rein gehen, wenn ich den Wagbag wirklich benutzen müsste. Mir war klar, dass ich keine andere Möglichkeit hatte und so versuchte ich in das Zelt zu gelangen, ohne mich zu bücken, aus bekannten Gründen… Dann stand, oder besser kauerte ich mitten im Zelt und versuchte mich zu überwinden, mein Geschäft zu erledigen. Ständig kreiste in meinem Kopf, dass ich unbedingt den Sack treffen müsste, denn ein anderes Zelt würden wir nicht finden und das Ganze zu putzen bei tiefen Minusgraden wäre auch unmöglich. Das Wissen dass gleich vor dem Zelt im tosenden Wind zwei müde Sherpas stehen, die noch Schnee besorgen, diesen Schmelzen und Abendessen kochen müssen, machte die Situation auch nicht besser. Trotzdem war es keine Sekunde zu früh dass ich nun meine Möglichkeit hatte, und das Zögern entsprechend kurz. Als ich fertig war, musste ich auch noch pinkeln, was aber für den Wagbag nicht erlaubt ist. Also stieg ich kurzerhand in das kleine Vestibül des Zelts und pinkelte da möglichst in die Ecke, weil es ja unser Eingang war und normalerweise der Kocher dort aufgestellt wird. Während dem ich also konzentriert am Zielen war, öffnete sich plötzlich der Reissverschluss ein bisschen, denn Chirring wollte wissen, ob alles okay sei. Ich rief nur panisch, dass ich noch 1 Minute brauchen würde und vergass dabei zu zielen. Nichts war mehr mit in die Ecke pinkeln, das ganze Eis war nun Urinbedeckt und ich schämte mich in Grund und Boden. Aber zuerst musste ich noch den Wagbag fachgerecht verschliessen und meinen Anzug wieder schliessen. Dann öffnete ich das Zelt und entschuldigte mich direkt bei den beiden, weil es so lange gedauert hatte und weil ich mitten in die Küche gepinkelt hatte. Gyalzen warf nur einen schnellen Blick auf die Sauerei, drehte sich um und holte einen prall gefüllten Reissack. Offensichtlich hatte er nach dem Zeltaufbau irgendwo den Reissack mit frischem Schnee gefüllt und wieder zurück geschleppt. Nun schüttete er ein bisschen Schnee auf das gelbe Eis und trat es mit den Stiefeln fest. Putzen auf 7900m leicht gemacht.. Nun konnten die zwei ebenfalls ins Zelt rutschen und wir versuchten unsere Rucksäcke und das wenige mitgebrachte Material sinnvoll im Zelt zu verteilen, dass alle einigermassen Platz fanden.
Samstag, 17.Mai - Camp 4 zum Gipfel
Sobald wir es uns ein wenig gemütlich gemacht hatten, begann Chirring mit dem Schmelzen des Schnees und Gyalzen ging nochmals los, um einen zweiten Sack mit Schnee zu füllen. Offenbar machte man das sicherheitshalber so, weil man nie weiss, ob das Wetter umschlägt oder nicht und so musste man keinen Schnee holen, wenn man erschöpft wieder vom Gipfel zurück ins Camp kommt. Danach gingen beide kurz für 30 Minuten weg, um noch die letzten Sauerstoffflaschen von uns zu holen. Ich weiss nicht genau, wo diese deponiert waren, war aber froh, als die zwei bald wieder auftauchten, denn der Wind war nicht schwächer geworden. Mittlerweile war 14.30h und Zeit, sich um die Erholung zu kümmern. Das heisst, dass man versucht zu schlafen, etwas zu essen und immer wenn man sich bewegen muss, so viel wie möglich zu trinken. Ich blies zuerst meine Luftmatratze auf, was komischerweise gar nicht so schlecht ging, wenn man bedenkt, dass man dafür die Sauerstoffmaske nicht tragen kann und man viel mehr Luft in die Matratze bekommen muss, wie auf Meereshöhe. Eine weit grössere Herausforderung war es, danach die Matratze unter all das Material zu bekommen, das schon im ganzen Zelt verteilt war. Als das geschafft war, machte ich einen Versuch ein wenig zu schlafen. Obwohl wir heute schon um 3.30h aufgestanden sind, war ich null müde, weshalb ich einfach eine Stunde die Augen schloss und mir vorzustellen versuchte, was in den nächsten 24h auf mich zukommen würde. Ich fokussierte mich nur auf die positiven Dinge und malte mir die unterschiedlichsten Möglichkeiten des Sonnenaufganges aus. Während dem trank ich immer wieder, so dass ich es schaffte, bis um 17h fast 2 Liter zu leeren. Da ich für meine Verhältnisse sehr viele Snacks dabei hatte, versuchte ich, so viele davon wie möglich zu vertilgen. Ich ass darum in den 3 Stunden eine halbe Packung Pringels und ein Kitkat. Nun wurde ich langsam müde, aber ich hatte noch meinen Versuch vor mir einen Guiness Book of record-Rekord zu bekommen. Dafür hatte ich das gleiche 99-teilige Puzzle mitgenommen, das ich schon am Manaslu dabei gehabt hatte. Das Ziel war es, das Puzzle hier auf 7900m zu lösen, um den Rekord für das höchste Lösen eines Puzzles zu erhalten. Ich hatte schon Mitte Januar diesen Rekord beantragt und bei Abmarsch im Basecamp noch immer keine Bestätigung erhalten, dass ich den Versuch wagen könne. Ich wollte es trotzdem machen und das Ganze filmen, damit ich jederzeit, wenn die Bestätigung eintrifft, das Beweisvideo einschicken kann. Nun sass ich also in unserem Zelt, an dessen Wänden der Wind ununterbrochen zerrte und wartete bis Gyalzen, mein Kameramann bereit wäre. Ich wollte das Puzzle so schnell wie möglich lösen, damit ihm nicht kalt wird, wenn er am Filmen ist. Zudem zog ich die Sauerstoffmaske aus, um mich und die beiden Zeugen vorzustellen. Ich vergass, diese vor dem Start wieder anzuziehen, und weil ich das Ganze - wie eine richtige Speedpuzzlerin das nun mal macht – mit dem Timer stoppen und keine Zeit verlieren wollte, liess ich die Maske für die ganze Puzzlezeit unten. Lustigerweise behinderte mich das überhaupt nicht und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich zu wenig Sauerstoff bekomme. Nach knapp 6.5 Minuten war ich fast fertig, denn leider hatte sich ein Teil in den Tiefen des Zeltchaos versteckt. Ich stoppte die Zeit und zu dritt machten wir uns auf die Suche nach dem verschwundenen Teil, dass zum Glück bald wieder auftauchte. Nun war auch das im Kasten und ich bereit für eine weitere klitzekleine Portion Popcorn zum Abendessen. Bis das Popcorn bereit war, legte ich noch alle Sachen für den Aufstieg bereit. Wir lassen so viel wie möglich im Camp, damit wir nicht unnötiges Gewicht mittragen müssen. Ebenfalls versuchte ich, alles was da bleiben würde gut zusammen zu packen, damit wir – falls nötig – auf dem Rückweg alles zügig beisammen hätten. Ich hatte keine Ahnung, in welchem Zustand wir 20h später wieder im Zelt ankommen würden, daher wollte ich es mir und/oder Chirring und Gyalzen so einfach wie möglich machen. Ich ging davon aus, dass wir müde sein würden, also ist es sinnvoll, die Denkarbeit zum logischen packen dann zu machen, wenn man noch denken kann 😊 Als das alles erledigt war, gönnte ich mir weitere Ruhezeit und versuchte zu schlafen. Irgendwann war über das Radio plötzlich mein Name zu hören. Valery Babonov war in Camp 2 oder 3 und mit Tashi im Austausch über Sauerstoffflaschen. Er hatte eigentlich geplant ,den Everest ohne Sauerstoff zu besteigen und hatte sich dafür auch mit einer Nacht in Camp 4 akklimatisiert. Leider hat er sich einen Atemwegsinfekt eingefangen und die Zeit für eine saubere Genesung vor der Besteigung bei gutem Wetter lief ihm davon. Wir hatten in Camp 2 über die Möglichkeit gesprochen, dass ich auf den Lhotse verzichten würde, damit er meinen Sauerstoff nutzen könnte. Ich meinte vor meinem Aufbruch zu ihm, dass er mir Bescheid geben solle, falls er den Sauerstoff benutzen wollte, hatte aber bis zu diesem Moment als ich meinen Namen im Radio hörte, nichts mehr von ihm gehört. Ich war also davon ausgegangen, dass er den Sauerstoff nicht braucht, weshalb Chirring und Gyalzen ihn auch schon für unsere Lhotse-Besteigung deponiert hatten. Nun fragte also Val über das Radio nach, wo die Flaschen seien und wer sie wieder vom Berg herunter bringen werde, wenn er sie benutzt, da ich sie ihm versprochen hätte. Dies entsprach alles andere als meiner Wahrnehmung unseres Gesprächs in Camp 2, ich hatte ihm den Sauerstoff nicht versprochen, sondern angeboten für den Fall der Fälle in dem ich von ihm Bescheid bekommen würde, was aber eben nicht passiert war. Chirring und Gyalzen schauten mich mit grossen Augen an und ich erzählte ihnen von dem Gespräch. Mein Gedanke in Camp 2 war der Folgende: Val ist eine Legende in der Bergsteigerszene. Eine Besteigung des Everest würde ihm eine Möglichkeit geben, Sponsoren für weitere Projekte zu bekommen. Für mich hätte der Lhotse keine solche weitreichende KonsequenzenZur Erinnerung: Die Sauerstoff-Flaschen sind alle nummeriert und werden jeweils notiert, bevor sie das Lager verlassen. Dasselbe passiert, wenn die leeren Flaschen wieder ins Basecamp zurück gebracht wurden. Wenn jetzt 5 Flaschen, die gemäss Notizen von uns auf den Berg gebracht wurden, von jemand anderem benutzt wurden, müsste derjenige diese auch wieder herunterbringen, oder zumindest dafür sorgen. Sonst wären wir die, die sie am Berg gelassen hätten. Ich nehme an, dass das mit Bussen bestraft würde, oder noch schlimmer: Damit, dass Chirring und Gyalzen nochmals hoch müssten nach der Gipfelbesteigung und dem Abstieg ins Basecamp mit mir. Wir beschlossen, nicht auf dem Radio zu antworten und ich bat, Gyalzen bei Tashi nachzufragen, was Sache ist. Stand jetzt brauchten wir den Sauerstoff selber und würden ihn darum nicht weitergeben. Danach ruhten wir weiter, ich glaube, ich bin sogar auch noch kurz eingeschlafen. Draussen war plötzlich viel Bewegung wahrzunehmen und ein Blick aus dem Zelt bestätigte diesen Eindruck: Die Mädchen der Indian Army brachen gerade auf in Richtung Gipfel. Dies ist eine grosse Gruppe und erst als ich die vielen Geräusche hörte, die sie beim Aufbruch machten, realisierte ich, dass der Wind fast weg war. Nach dem Sturm, der uns bei der Ankunft empfangen hatte, fühlte es sich irgendwie komisch an. Ich hatte mir den South Col immer als sehr unwirtliche und unmenschliche Windhölle vorgestellt und genau so hatte sie sich vor 6h auch präsentiert. Jetzt aber, in der Dämmerung und ohne Wind, im Zelt sitzend, fühlte es sich fast schon gemütlich an. Der Blick auf die Uhr bestätigte, dass es für uns noch zu früh ist, um in Bewegung zu kommen, denn es war erst 18.30h. Also versuchte ich nochmals herunter zu fahren, aber mein Gehirn lief schon auf Hochtouren und es war nicht mehr möglich, meine Gedanken vom Gipfel und dem Weg dahin fernzuhalten. Also machte ich noch ein paar Kreuzworträtsel um nicht allzu fest zu hirnen und mit einer positiven Mentalität starten zu können. Natürlich nutze ich die Ruhe vor dem Sturm auch, um nochmals zu pinkeln. Ein bisschen später begann Chirring mit dem Wasserkochen, so dass wir alle Flaschen füllen konnten und vor dem Aufbruch auch nochmals ein paar Tees trinken konnten. Ich trank insgesamt über einen Liter Tee und ass den Rest von meinem Knäckebrot als «Frühstück». Ich nahm 2 kleine Nalgene-Flaschen mit auf den Gipfel, denn erfahrungsgemäss trank ich sowieso nicht so wahnsinnig viel und unnötiges Gewicht wollte ich tunlichst vermeiden. Pro Flasche waren das 4dl Tee, respektive heisses Wasser. Der Plan war, dass ich eine der Flaschen bis zum Gipfel trinken und diese dann auf dem Gipfel mit Schnee füllen würde. Nach dem Verpflegen ging es ans Anziehen und fertig packen, was eine ziemliche Herausforderung war, weil wir drei das gleichzeitig machen mussten, während draussen der Kocher weiterlief, um genug Wasser für alle zu haben. Ein letztes Mal quetschte ich mein Hinterteil in das Vorzelt, um möglichst nicht in der Nacht mitten auf dem Gipfelgrat pinkeln zu müssen. Dann hiess es, Alles anziehen, was bereit lag, schuhe anziehen, so dass sie unterwegs nicht mehr angefasst werden müssen. Danach packte ich die Sauerstoff-Flasche wieder in meinen Rucksack, die Handschuhe legte ich ebenfalls bereit und dann war es an der Zeit, aus dem Zelt zu schlüpfen. Ein weiteres Mal fühlte es sich so an, als ob ich vom Zelt geboren würde, denn ich fiel mehr aus dem Zelt in die Dunkelheit als dass ich rauskrabbelte. Es ist auch nicht ganz einfach, an einem laufenden Kocher vorbei mit Sauerstoffmaske und dem damit verbundenen Sack und Pack auf 7900m aus einem kleinen Zelt zu kommen. Draussen montierte ich meine Steigeisen und erst dann gönnte ich mir einen Blick auf die Route. Und was ich da sah, verschlug mir doch ein bisschen den Atem. Alles was ich sah, waren Stirnlampen, und noch mehr Stirnlampen. Am oberen Ende des ersten Teils war eine lange Schlange zu sehen, allem Anschein nach die Indian Army, die schon vor 2h aufgebrochen war. Darunter waren zwar nicht mehr so viele zu sehen, aber immer noch mehr, als ich mir erhofft hatte. Ich dachte, dass ein Grossteil erst um 22h oder 23h losgehen würde, und wir mit dem frühen Aufbruch – zumindest beim Aufstieg – an den Massen vorbei kämen. Offensichtlich hatten diverse andere Expeditionen den identischen Gedanken und nun stand ich da vor unserem Zelt und wollte eigentlich wieder rein und noch ein bisschen warten. Ich fragte Chirring und Gyalzen, ob es nicht Sinn machen würde, wenn wir erst in 3h losgehen würden. Aber die Vorbereitungen waren fast abgeschlossen und es hätte einen Mehraufwand bedeutet, wieder ins Zelt zurück zu gehen, nochmals Schnee zu besorgen, diesen zu schmelzen, usw. Denn wir konnten uns auch nicht ganz sicher sein, dass es in 3h besser wäre. Auch das Wetter war jetzt perfekt, und dies kann sich ja innert Minuten hier oben ändern. Als auch Chirring und Gyalzen ready waren, gab es nichts mehr zu warten, unser Gipfelanstieg konnte starten. Ich machte noch ein letztes Foto von der Stirnlampen Parade und schon waren wir unterwegs. Wir starteten um 20.30h und da der erste Teil eher flach war, ignorierten wir das Fixseil, schalteten den Turbo ein und überholten so viele Leute, wie möglich. Ich war nach kürzester Zeit bachnass, ohne Wind und mit dem Daunenanzug war es viel wärmer als ich gedacht hatte. Ich ignorierte, dass mir viel zu heiss war, und rannte Chirring hinterher den Berg hoch. Dieser Turbo dauerte leider knapp eine halbe Stunde und dann wurde die Route zu steil. Wir mussten uns ins Fixseil einhängen, um in Sicherheit zu sein, was ebenfalls bedeutete, dass das Überholen deutlich mühsamer würde. Wir reihten uns also ein und als sich mein Puls wieder beruhigt hatte, deutete ich Chirring an, dass ich bereit für einen weiteren Spurt wäre. Er scherrte aus, klickte mich bei ihm ein, dann überholten wir wieder etwa 6 Personen und hängten uns wieder ins Fixseil. Das machten wir noch 2 Mal, bis ich Chirring sagte, dass ich dieses Intervall-Training wahrscheinlich nicht die liebe lange Nacht durchhalten würde. Also blieben wir am Fixseil und gaben uns dem Trott hin. Zum Glück kam bald ein zweites Fixseil dazu, so dass wir uns umhängen konnten. Leider hängten nun an beiden Seilen langsame Bergsteiger, so dass das Überholen unmöglich geworden war. Die Idee vom zweiten Fixseil ist die, dass es eine Möglichkeit zum Auf- und gleichzeitigen Abstieg gibt. Aber wenn niemand absteigt, sollte das rechte Seil eigentlich für die schnelleren Personen sein. Dieses ungeschriebene Gesetz schien bei den vor uns gehenden Leuten leider nicht angekommen zu sein. Links und rechts neben den Seilen war Neuschnee, was für uns zu gefährlich war, um darin ungesichert aufzusteigen. Es gab vereinzelt Sherpas, die ihre Kunden im Neuschnee hochjagten, aber da wir den Sinn darin nicht sahen, verzichteten wir darauf. Irgendwann war es dann auch einfach zu steil, um für längere Zeit schneller als nötig zu gehen. Ich genoss die Geräusche, die Dunkelheit und das Wissen, dass ich bereit für den Gipfeltag bin, während dem ich da am Seil stand und hin und wieder einen Schritt machen konnte. Zu diesem Zeitpunkt nahm ich das sehr langsame Tempo einfach hin, denn ich wusste, dass das irgendwann ein Ende haben würde und ich dann in meinem Tempo gehen könnte. Bis dahin müsste ich halt einfach in der Schlange ausharren und mich anpassen. Mir war zum Glück nicht kalt, obwohl es einige Zeit brauchte, bis der Schweiss vom Sprint zu Beginn weg war. Ich hatte Heizsocken in Betrieb, so dass meine Füsse nicht kalt waren und auch an den Händen hatte ich beheizte Handschuhe. Diese hatten drei Stufen und ich wechselte immer wieder zwischen der ersten und zweiten Stufe, so dass meine Hände beim Warten nicht kalt wurden, der Akku aber so lange wie möglich hält. Um kurz nach 23h sah ich in der Ferne rechts von mir eine scheinende Kugel aufsteigen. Da ich wusste, dass wir noch weit, weit weg vom Sonnenaufgang waren, war ich zuerst ein wenig verwirrt, was das sein könnte. Offensichtlich gibt es in dieser Höhe auch einen Sonnenaufgang, den ich nun mit eigenen Augen beobachten konnte. Es war interessant zu sehen, wie hell es mit dem Mond wird, obwohl er ja nie und nimmer die Strahlkraft einer Sonne hat. Das Ganze war so schön und faszinierend, dass ich fast vergass, dass ich gerade auf über 8000m am Schlange stehen war. Die erste Zeit ging es ziemlich in einer geraden Linie in die Höhe. Danach neigte sich das Fixseil ein wenig nach rechts, führte an einer Felsformation entlang und kurz vor dem Balkon auch noch durch ein Mini-Couloir. Links und rechts waren da etwa 1-1.5m hoher Fels und dazwischen ein vielleicht 70cm breiter Schneestreifen, auf dem man aufsteigt. Dies war eine willkommene Abwechslung, nachdem wir ein paar Stunden auf einem weiten und offenen Schneefeld unterwegs waren. Etwa 2 Fixseil-Längen später trafen wir auf eine grössere Ansammlung von Menschen und ich realisierte, dass wir nun auf dem Balkon angekommen waren. Der Balkon ist ca. 8400m hoch und bedeutet für uns Westler, dass wir ein erstes Mal die Sauerstoff-Flasche wechseln. Chirring bedeutete mir, mich irgendwo hinzusetzen, etwas zu trinken und wenn ich möchte, auch etwas zu essen. Gyalzen war schon verschwunden, um Sauerstoff für den Abstieg hinter einer Felswand zu deponieren. Während dem ich versuchte, etwas zu trinken und das Geschehen um mich herum aufzunehmen oder zu ignorieren – ich war mir nicht sicher, was besser wäre – wechselte Chirring ziemlich zügig meine Sauerstoff-Flasche. Das Ziel war einmal mehr, so viele wie möglich zu überholen, damit die Chance stieg, dass wir endlich unser Tempo gehen könnten. Da mich dieses Menschen-Chaos faszinierte, konnte ich es mir nicht verkneifen, vor dem Aufbruch ein Video des Geschehens zu machen. Der Balkon ist eine kleine Fels-Schnee-Nase, auf der sich nun um die 60 Personen tümmelten, alle mit Stirnlampen auf dem Kopf und inmitten von deponierten Sauerstoff-Flaschen. Die verschiedenen Farben der Daunenanzüge blitzten abwechselnd in den Lichtkegeln auf. Obwohl es so viele Menschen waren, nahm ich keine Hektik wahr, sondern eher eine Geschäftigkeit auf Seiten der Sherpas und schon jetzt gross Müdigkeit bei einigen Westlern. Ich war froh, dass wir zumindest diese nun überholen konnten, denn je höher am Berg, desto weniger wollten wir solche Menschen antreffen. Später als ich meine Fotos vom Gipfel durchging, stellte ich fest, dass wir seit dem Aufbruch im Camp 4 schon 5h und 14 Minuten unterwegs waren. Ich hatte ungefähr vier Stunden erwartet, was ziemlich sicher auch möglich gewesen wäre, hätten wir uns eigenes Tempo wählen können. Von den Höhemetern her ist der Balkon ungefähr in der Hälfte, und auch von der Zeit her erwartete ich, dass wir nun die Hälfte des Aufstiegs schon hinter mir haben. Ich war also noch immer positiv gestimmt, denn ich fühlte mich wunderbar, stark, mir war nicht kalt und der einzigartige Sonnenaufgang stand kurz bevor. Hätte ich zu dem Zeitpunkt gewusst, dass ich nochmals 6h Schlange stehen würde, wäre ich ziemlich sicher dort umgekehrt. Ich war nämlich noch immer überzeugt, dass sich die Schlange irgendwann ein bisschen auflockern würde und wir zumindest teilweise ohne Unterbruch aufsteigen könnten. Nach dem Balkon geht man etwa 45 Minuten auf einem Grat, der sich im Vergleich zum Aufstieg davor und danach quasi flach anfühlte. Natürlich was dem nicht so, man könnte die Steigung mit einer moderaten Wanderung auf einem Schweizer Wanderweg vergleichen. Leider war der Grat aber nicht geeignet, um zu überholen, dann links und rechts davon war nur eine grosse dunkle Leere zu sehen. Wir wären auf jeden Fall bereit gewesen, einen Zahn zuzulegen, aber die 200 Menschen vor uns hatten sich anscheinend das seeeehr laaaangsaaame Tempo so verinnerlicht, dass sie auch auf flachem Gelände nicht schneller gingen. Da regte ich mich das erste Mal darüber auf, dass offenbar sehr viele so mit sich selbst beschäftigt sind, dass ihnen nicht in den Sinn kommen könnte, kurz auf die Seite zu gehen, um schnellere Bergsteiger durchzulassen. Mittlerweile war Gyalzen auch wieder zu uns aufgeschlossen und so trotteten wir in unserer gewohnten Formation der Schlange hinterher: Chirring war vor mir, dann kam ich und gleich hinter mir Gyalzen. So besteht die bestmögliche Sicherheit, denn sollte jemandem etwas passieren, wären die anderen zwei in der Nähe und könnten reagieren. Phunuru hatte uns dieses Vorgehen auch eingeschärft, denn in dieser Höhe muss man schnell handeln können. Nach dem Grat ging es einmal mehr sehr steil weiter. Auf der ganzen Route gab es eigentlich nur 3 Stellen, die nicht abartig steil sind: Der Beginn der Route nach dem South Col, als wir den Turbo zündeten, der Grat nach dem Balkon und dann noch ca. 20m nach dem Südgipfel. Zum Glück hatte ich auf dem Weg zum Camp vier gelernt, dass das Blut in meinen Füssen perfekt zirkuliert, wenn ich seitlich stehe oder gehe. Dieses Wissen half mir nun, dass meine Füsse auch beim Schlange stehen auf 8500m nicht kalt wurden. Um kurz nach vier war es dann endlich soweit mit dem Sonnenaufgang. Wer noch nie einen solchen erlebt hat in den Bergen, der soll das irgendwann in seinem Leben nachholen. Ganz weit in der Ferne, am Horizont beginnt das Ganze mit einer hauchzarten Veränderung der Dunkelheit. Diese nimmt man zu Beginn gar nicht so wahr, aber sie wird minütlich stärker und das Schwarz geht über in ein ganz dunkles Blau und weiter in ein Dunkelblau, etc, etc. Bis dann endlich die Sonne selbst am Horizont auftaucht, hat man schon unzählige verschiedene Blautöne und ebenso viele Orange- und Gelbtöne gesehen. Hier oben ist es natürlich noch viel beeindruckender, vor allem folgende Tatsache: Die Farbe des Himmels verändert sich am Horizont, über einem ist der Himmel noch immer pechschwarz. Man kann also wortwörtlich zuschauen, wie das Schwarz des Nachthimmels vom Hellblau nach oben weg gedrängt wird. Oben schwarz und rechts von einem hellblau und orange. Der Anteil an Hellblau wird immer wie grösser und trotzdem sieht man noch tiefe Nacht, wenn man den Kopf in den Nacken legt und nach oben schaut. Da wir zum Teil 5 Minuten warten mussten, um wieder einen Schritt zu gehen, hatte ich genügend Zeit mir dieses Spektakel anzuschauen und in mein Gehirn einzubrennen. Ich werde diesen Sonnenaufgang wahrscheinlich nie vergessen. Zum tausendsten Mal sang ich in meinem Kopf die eine Liedzeile, die meine Gedanken schon die letzten Stunden auf der positiven Seite hielten: «Look at the stars, look how they shine for you». Ich stellte mir vor, wie meine Liebsten zu Hause die Sterne ansehen und mir positive Energie schicken. Und die Milliarden von Sternen, die man hier ohne die Lichtverschmutzung sieht, sind einfach unbeschreiblich schön. Da könnte man glatt vergessen, dass man nur Zeit hat das Ganze zu geniessen, weil vor einem langsame und egoistische Vollidioten «den Verkehr aufhalten». Falls ein Überholen mal möglich war, liessen sie einen zum Teil nicht mehr richtig ins Seil einklicken. Da musste man fast schon grob ihre Hände wegschlagen, damit man Platz hatte für den Ascender. Andere Male schaute man in sehr müde Augen und man merkte, dass da das Hirn schon sehr langsam arbeitete und wir waren ja erst auf dem Aufstieg. Ich wollte kein Risiko eingehen, weshalb wir die Überholbemühungen fast einstellten, sehr zum Unmut von uns allen, aber überholt man eine langsame Person, steht dahinter ja schon die nächste. Der Gipfel des Egoismus erfuhren wir eigentlich den ganzen Weg vom Ende des Grats nach dem Balkon bis zum Südgipfel. Eine einzige Person mit Sherpa hielt uns alle auf und auch Zurufe von Westlern oder Sherpas brachten die zwei nicht dazu, sich ab und zu für 5 Minuten neben die Route zu stellen – auf sicherem Boden und eingeklickt natürlich – um die Schnelleren durchzulassen. Vor dem Duo war nämlich niemand zu sehen, es war also sehr offensichtlich, wer die lange Schlange zu verantworten hatte. Aber das kümmerte die null, sie machten sotisch ihre 5-10 Minuten Pause nach knapp 5 Schritten. Zum Glück hatte ich auch da hin und wieder eine kleine Ablenkung. Zum Beispiel die Bestätigung dass meine Heizsocken auf höchster Stufe ziemlich genau 8h halten. Ich musste also ab Sonnenaufgang immer wieder an Ort und Stelle herumtreten, um keine kalten Füsse zu bekommen, was mir noch mehr das Gefühl gab, nicht vorwärts zu kommen. Oder die berühmte Schattenspitze, die man nur auf hohen Bergen zu sehen bekommt, wenn die Sonne aufgeht. Dabei sieht man eine Schattenpyramide hinter dem Berg, weil die Sonne zwar schon aufgegangen ist, aber noch tiefer als die Spitze steht. Am Aconcagua hatte ich das schon für ein paar Sekunden gesehen, bevor der Schatten weg war. Hier konnte ich ihn ein paar Minuten bewundern und weil ich ja hauptsächlich herum stand, auch Fotos davon schiessen. Um kurz vor 6h war es dann endlich soweit und wir erreichten den South summit. Dieser ist um die 8700m hoch und von dort hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Gipfelgrat. Ich hatte schon viele Fotos vom Grat gesehen, die aber eher älteren Datums waren, mit einer Ausnahme: Als Mitch vor einer Woche auf dem Gipfel war, hatte er einen einzigartigen Anblick vor sich: Einen leeren Grat im Sonnenaufgang. Adrianna zeigte mir das Bild, als wir im Basecamp auf Mitch und Gelje warteten und nun sah ich das Ganze mit eigenen Augen. Es sah zwar ein wenig anders aus als auf dem Foto, aber es war trotzdem absolut eindrücklich. Bei uns hatte es ziemlich viele Menschen auf dem Grat, wenn auch nicht mehr die ganz grossen Schlangen zu sehen waren wie bisher. Zudem war die Sonne schon einiges höher, so dass der Schnee nicht in dem schönen Orange getaucht war. Der South Summit ist auch darum in der Vorbereitung als Wegmarker bei mir fest eingebrannt, weil man dort während dem Gipfelaufstieg wieder 20m absteigen muss, um danach auf dem Grat weiter aufzusteigen. Das heisst, auf dem Rückweg vom Gipfel muss man auf dem Abstieg wieder 20m hochsteigen. Dieser Anstieg war das unüberwindbare Hindernis von Rob Hall damals 1996 bei dem Drama am Everest, das zu seinem Tod führte und ich las von vielen Geschichten, die wegen diesen 20m z.T. böse endeten, oder fast in einer weiteren Tragödie gipfelten. Und nun stand ich da, und versuchte den Anblick auf mich wirken zu lassen. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich ziemlich höhenängstlich bin. Beim Felsklettern kommt es immer wieder vor, dass ich Panik habe und mein Körper in den Zittermodus wechselt. Claudine und ich nennen das mit einer grossen Prise Galgenhumor «Elvis». Nun, Elvis war im Moment noch nicht präsent, aber die Herzfrequenz stieg bei mir schon deutlich an, als ich das Gelände vor mir sah. Eine dünne, vielleicht 20cm breite Spur im Schnee, rechts geht es senkrecht 2000m in Richtung Tibet und links ebenso steil und felsig in Richtung Western Cwm, das über 2300m unter uns ruhte. Eigentlich war ich mir sicher, dass ich das gut bewältigen könnte, doch das viele Warten war nicht gerade förderlich, um immer noch vor mentaler Positivität zu strotzen. Nun war ich schon so weit gekommen, und die einzige Schwierigkeit, die noch blieb, war dieser Gipfelgrat, den ich zweimal überwinden musste. Wir sprechen hier von vielleicht 300m und mittendrin dem Hillary step, der aus der Ferne weniger einschüchternd aussah, wie auf den Bildern. Aber wir mussten das Ganze inmitten von anderen Bergsteigern gehen, die uns teilweise schon entgegen kamen oder so müde waren, dass sie minutenlange Pausen benötigten nachdem sie einen weiteren Schritt gemacht hatten. Immerhin konnten wir das langsame Duo, das uns die letzten Stunden aufgehalten hatte, endlich überholen. Sobald der Mini-Abstieg frei war, machten wir uns auf, diese 20m ebenfalls zu überwinden und darunter tat sich zu meiner Überraschung ein fast schon flaches Plätzchen auf, auf dem ca. 20 Personen Platz finden könnten. Einmal mehr wechselte Chirring mir die Sauerstoffflasche und ich trank das zweite Mal etwas. Ich versuchte, die Flasche ganz zu leeren, damit sie schon bereit war für den Gipfelschnee, aber da wir vor den Bremsern wieder ans Seil wollten, reichte die Zeit nicht ganz. Der Gipfelgrat war weniger voll mit Bergsteigern, zumindest war jetzt nicht mehr eine kontinuierliche Schlange vor uns zu sehen. Dafür wurden nun die Stufen grösser und manchmal erinnerte mich das an den Gipfeltag an der Ama Dablam. Da aber nicht jede Stufe extrem hoch war, konnte ich auch diese gut überwinden. Manchmal musste man einen Schritt auf Fels gehen und schauen, dass die Steigeisen darauf nicht abrutschen, manchmal konnte man auch einfach mit einem grossen Schritt über den Fels gehen. Leider hatte sich seit der kurzen Pause unterhalb des South summits ein Chinese mit einem Sherpa vor Gyalzen gedrängelt, der sich eigentlich gleich hinter mir wieder ins Seil einhängen wollte. Aber die zwei liessen ihn nun nicht mehr vorbei. Schlimmer noch war, dass der Chinese ständig drängte und drängelte. Wenn wir stoppen mussten, weil jemand vor uns stoppte, oder an uns vorbei wollte, hielt er immer erst an, nachdem er schon meinen Rucksack berührte. Das hiess, jedes Mal wenn ich anhielt, kam von hinten ein kleiner Stoss. Ich versuchte ihn zu ignorieren, denn es lohnt sich speziell auf dieser Höhe nicht, sich wegen solcher Kleinigkeiten aufzuregen. Ich versuchte mich eher auf das vor mir liegende zu fokussieren. Denn noch immer schien der Gipfel noch weit entfernt und der Gipfelgrat unendlich lang. Nach ca. einer halben Stunde kamen wir zu einer Stelle, die eigentlich gar nicht so bemerkenswert aussah, sich mir jedoch ziemlich ins Hirn einbrannte. Links von uns war das Fixseil horizontal über den Schnee gespannt. Der Weg, oder besser gesagt die Abdrücke führten ca. 50cm links vom Seil über einen Fels auf eine kleine Schneebrücke und danach über 2 grosse, vertikale Schnee-Stufen wieder hoch. Chirring ging voraus und sein Vorgehen war folgendes: Er sprang vom Fels auf die Schneebrücke und kletterte im Eiskletterstil die Schneestufen hoch. Das Ganze dauerte vielleicht 5 Sekunden, jedoch war sein Safety ziemlich gespannt am Fixseil. Als ich das sah, war ich mir über viele Dinge nicht ganz sicher: Ich wusste dass meine Safety-Schlaufe ein wenig kürzer war als die von Chirring. Ebenfalls war ich auch einen guten Kopf kleiner als Chirring. Nun fragte ich mich, ob ich, falls ich den gleichen Weg nehmen würde, wie Chirring, überhaupt mit meinen Füssen auf die Schneebrücke kam, oder ob ich im Fixseil hängen bleiben würde. Das Fixseil sah nämlich sehr gespannt aus, und ich wollte auf keinen Fall dort hängen bleiben. Ebenfalls traute ich der Schneebrücke nicht so ganz über den Weg. Was, wenn sie bei einem allfälligen Sprung unter mir wegbrechen würde? Also musste ich eine andere Variante versuchen. Ich stand also da, und dachte nach, welche Möglichkeiten es noch gäbe, diese 2m zu überwinden. Natürlich dachte ich für den Chinesen hinter mir zu lange nach, weshalb ich von hinten einmal mehr einen Stoss spürte und hörte, wie jemand «go» rief. Ich versuchte also schnell eine Lösung zu finden und diese war, mit dem linken Fuss auf dem Fels zu stehen und mit dem rechten über das Loch zu schwingen und auf dem Schnee einzuhaken, danach wollte ich mit den Jumar so weit nach vorne schieben, wie möglich und mich dann daran am Fixseil auf die andere Seite ziehen. Leider hatte ich meine Fähigkeiten ein wenig überschätzt. Denn der Spagat wär deutlich breiter als angedacht und das Fixseil war gar nicht so gespannt wie es aussah. Also stand ich da im Spagat und wusste nicht, was ich machen sollte. Den hinteren Fuss wollte ich auf keinen Fall lösen, denn ich wusste nicht, wie die genaue Situation unter mir war. Die Schneebrücke, die Chirring benutzt hatte, war neben mir, und nicht erreichbar. Also stand ich gefühlt eine Minute in dieser Position und versuchte herauszufinden, wie ich mich da wieder heraus manövrieren könnte, ohne Schaden zu nehmen. Von hinten kam auf jeden Fall schon wieder der ungeduldige Chinese, der laut «Jump» rief. Wie wenn man in so einer Position noch irgendwie springen könnte. Da ich aber langsam Panik bekam, versuchte ich, mich mit dem linken, hinteren Fuss auf dem Fels abzustossen und auf die Schneezunge vor mir zu hechten. Leider rutschte genau in diesem Moment mein rechter Fuss vom Schnee und es passierte, was ich auf jeden Fall verhindern wollte: Ich hing im Fixseil, unfähig etwas dagegen zu machen. Chirring war schon 1-2m vor gegangen und bekam im ersten Moment von meiner misslichen Lage nichts mit. Gyalzen hatte mir zugesehen und konnte ebenfalls nichts machen, weil er ja von dem Chinesen und seinem Sherpa geblockt war. Ich hing im Seil, hatte panische Angst und begann zu zittern, zu wenigen und zu hyperventilieren. Ich versuchte mich am Jumar hochzuziehen, was nicht funktionierte, weil das Seil zu wenig gespannt war. Ein Versuch, meinen Fuss wieder auf den Fels zu stellen, scheiterte ebenfalls, wie ihn irgendwie auf den alten Seilen zu stellen, die an dieser Stelle ebenfalls herumhingen. Ich wollte unbedingt so schnell wie möglich aus dieser Situation heraus, also versuchte ich panisch, mich auf die alten Seile zu setzen, so dass ich von da irgendwie weiter kommen würde. Aber auch das scheiterte kläglich. Wegen dem Hyperventilieren war mittlerweile meine Sonnenbrille angelaufen und ich konnte nichts mehr sehen. Chirring hatte nun auch mitbekommen, dass ich nicht mehr hinter ihm war und er versuchte mich am Jumar in seine Richtung zu ziehen. Weil aber mein ganzes Gewicht daran hing, liess er sich nicht bewegen. Als letzte Chance versuche ich, meine Steigeisen in den Schnee zu rammen und so, in Eiskletter-Manier ein wenig an Höhe zu gewinnen, damit das Gewicht aus dem Jumar kam und Chirring mit hochziehen könnte. Leider war der Schnee zu weich, oder meine Kicks zu schwach. Jedes Mal, wenn ich Gewicht auf die Steigeisen legte, rutschte ich wieder weg. Offensichtlich dauerte mein Kampf dem Chinesen zu lange, denn er motzte hinten ununterbrochen und meinte, ich solle endlich weiter gehen. Wie wenn ich das gekonnt hätte. Und vor mir waren ja sowieso wieder andere, er hätte ja gar nicht schneller gehen können. In seiner Ungeduld sprang er dann irgendwann auf die Schneebrücke, packte meinen Hintern und hievte mich über die Schneekante auf der anderen Seite. Ich spüre seine Hände jetzt noch, wenn ich das schreibe, wie wenn es gerade eben passiert wäre. Nun lag ich also auf der anderen Seite dieses Lochs, weinte unkontrolliert, zitterte am ganzen Körper und in meinem Kopf war nur ein Gedanke: «Das war es nicht wert». Und von hinten höre ich nur noch ein «Come on, let’s go.» Ich konnte nicht anders, als mich umzudrehen, und dieses chinesische Arschloch anzuschreien: «Shut the fuck up». War das einzige, was ich rausbekam, aber es tat in diesem Moment so gut. Keine Ahnung, ob es etwas geholfen hat, denn Chirring kniete vor mir und fragte, ob ich verletzt sei und ob es mir gut gehe. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen, was aber auf 8700m Höhe nicht allzu schnell geht. Ich lag am Boden und hechelte wie ein Hund bei 50 Grad im Schatten und versuchte, meinen Atem wieder ein wenig zu beruhigen. Dies klappte nach einiger Zeit dann auch, aber mein Körper zitterte noch immer. Sobald ich wieder einigermassen atmen konnte, putze ich meine Sonnenbrille und versuchte mich auf das zu konzentrieren, was vor mir lag. Ich war so nah am Gipfel, fühlte mich noch immer sehr gut, und Chirring schien kaum beunruhigt zu sein. Trotzdem ging der Gedanke «das ist es nicht wert» mir ständig durch den Kopf. Chirring vergewisserte sich nochmals ob alles in Ordnung war, checkte auch noch meine Sauerstoff-Leitung und meinte dann, dass wir weitergehen könnten. Von hinten hörte ich seit dem nichts mehr, was auch besser so war. Auch kam nicht mehr alle paar Minuten ein Stoss, wenn wir wieder warten mussten. Offensichtlich hatte mein Fluch seine Wirkung gezeigt. Ich atmete ein paar Mal tief durch und folgte Chirring um die nächste Schneewechte herum. Keine 5 Minuten später standen wir vor dem Hillary Step und mir lief es ein weiteres Mal kalt den Rücken herunter. Gleich links neben dem Fixseil lag eine «alte Leiche», die schon seit Jahren da lag. Ich wusste, von Gesprächen mit Everest-Veteranen, dass man hier und da einen solchen Anblick hätte, wenn man neben die Route schaut. Dass nun 5 Minuten nach meiner Nahtoderfahrung eine solche gleich neben der Route liegt, war fast ein wenig zu viel für mein Gehirn. Im ersten Moment sah ich mich da oben liegen und schon wieder dachte ich, dass es das doch einfach nicht wert ist. Weil vor uns gerade niemand im Hillary Step aufstieg, schnappte sich Chirring das nächste Seil und begann den 10m Aufstieg. Ich wollte nicht mehr an die Leiche denken und folgte ihm auf dem Fuss. Im Hillary Step hängen gefühlt hundert alte Seile, kreuz und quer gespannt, weil die Route in jedem Jahr neu den Verhältnissen angepasst wird. In diesem Jahr wurden oberhalb von Camp 4 nur noch leuchtorange Seile benutzt, damit man weiss, dass das die neue Route ist. Auch mitten im Hillary Step gab es nochmals ein Loch, aber links und rechts davon gute Stufen, so dass relativ klar war, wo man seine Füsse hinstellen muss. Das Besteigen des Hillary Steps dauerte vielleicht 5 Minuten und nach 28 Jahren Sorge, dass ich es nie soweit schaffen würde, geschweige denn dieses Hindernis überwinden könnte, war er beinahe schon enttäuschend einfach. Beim Erdbeben im Jahr 2015 brach ein grosses Stück Fels weg, so dass man nun links oder rechts um den verbleibenden Fels herumgehen und so das Felsklettern vermieden werden kann. So ist dieser Teil des Gipfelgrats nun beidseitig begehbar und es entstehen nicht mehr diese langen Schlangen wie früher. Trotzdem ist das Kreuzen in dieser Passage nicht ganz ohne. Nachdem wir den Hillary Step überwunden hatten, kamen wieder einige steile Stufen in Sicht und in meinem Kopf drehte sich nur noch ein Gedanke: «Das ist es nicht wert, das ist es nicht wert, das ist es nicht wert.» Ich beschloss, umzukehren, denn ich wollte auf diesem Berg auf keinen Fall sterben und was in den letzten 15 Minuten passiert war, hatte sich in mein Gehirn eingebrannt. Ich wollte Chirring mitteilen, dass ich umkehren möchte und rief nach ihm. Er ging nur 2m vor mir, aber er hörte mich nicht. Also trottete ich ihm hinterher, um in Hördistanz zu kommen und rief immer wieder nach ihm. Dabei bemerkte ich fast die nächste Leiche nicht, die links von der Route auf dem Schnee sass, wie wenn sie nur kurz eine Pause machen würde. Sie war noch im orangen Seil eingeklickt, konnte also nicht so alt sein, wie die am Hillary Step, die schon richtig ausgebleicht war. Auch hier führten die Fusstapfen einfach 2m weiter rechts und in der Zwischenzeit wurde ein neues Seil angebracht, damit man sich deswegen nicht ausklicken musste. Irgendwie berührte mich dieses Anblick viel weniger als die letzten zwei, wahrscheinlich weil die Person so aussah, als ob sie noch leben würde. Als Chirring mich dann endlich hörte, waren fast schon wieder 10 Minuten vorbei. Ich wollte ihm gerade sagen, dass ich umdrehen möchte, als er mir sagte, dass wir nur noch 10 Minuten vom Gipfel weg seien. Ich fragte, wie denn diese 10 Minuten aussahen und er meinte, dass es fast flach wäre und ich hinter der nächsten Kurve den Gipfel sehen würde. Ich dachte nicht, dass ich schon so nah am Gipfel war, irgendwie hatte ich immer im Kopf, dass man vom Hillary Step noch mindestens 1.5h gehen müsste, bis man das Dach der Welt erreicht hat. Aber offensichtlich lag ich falsch, obwohl ich noch nicht ganz so überzeugt war. Zu dieser Zeit hatte ich das Gefühl, dass eine Sauerstoffmaske ein bisschen eingefroren war, denn das ausatmen ging nicht mehr so leicht wie davor. Ich musste die Luft sehr stark ausatmen, damit sie die Maske verliess. Da das Einatmen noch immer einwandfrei funktionierte, war ich aber nicht allzu beunruhigt, nahm mir aber vor, dass ich es spätestens auf dem Gipfel meinen beiden Sherpas sagen werde. Ich ging hinter Chirring weiter um die nächste Kurve und da war tatsächlich der Gipfel. Ich blieb stehen und liess das ganze auf mich wirken. So lange hatte ich davon geträumt dieses kleine Fleckchen der Erde zu betreten und jetzt stand ich davor und konnte es gar nicht glauben. Ich sah den Gipfel des Mount Everest mit eigenen Augen und ich würde ihn auch wirklich besteigen. Irgendwie kam diese Nachricht nicht in meinem Gehirn an, denn normalerweise beginne ich beim Anblick des Gipfels zu weinen, weil mir dann klar wird, dass ich mein gesetztes Ziel erreichen würde. Hier brauchte es noch ein paar Schritte, in denen ich versuchte, mir klar zu machen, dass das was da vor mir lag auch wirklich der Gipfel meiner Träume ist. Irgenwann realisierte ich es wirklich und es gab kein Halten mehr. Die letzten Schritte machte ich nur noch sehr langsam, denn ich hatte wieder eine angelaufene Brille und war nahe am Hyperventilieren. Wie jedes Mal erkannte ich auch dieses Mal, dass weinen in dieser Höhe fast nicht kompatibel mit atmen ist. Aber das Gefühl, dass mich überkam, als ich auf dem Gipfel war, musste irgendwie raus. Nach 28 Jahren des Träumens, über 20 davon heimlich, der vielen Vorbereitung und dem langen Warten, nach all den Zweifeln und Gedanken, ob ich es auch wirklich wagen sollte, war es schlicht unbeschreiblich, tatsächlich auf dem Gipfel des Mount Everest zu stehen. Und das Beste daran war: Es hatte fast keinen Wind, nur ab und zu ein paar wenige schwache Böen. Wir hatten eine super Aussicht, konnten über ganz Nepal schauen und waren hoch über der Wolkendecke von Tibet. Ich sah die Ama Dablam, die so klein aussieht mit ihren 6800m und ich sah das Tal, in dem wir hochgetrekkt waren. Als erstes machten wir zusammen ein Gruppen-Selfie und danach nahmen wir uns Zeit, um jegliche weitere Fotos zu machen. Ich mit meinen Theos, dem Puzzle, das ich in Camp 4 gelegt hatte, meiner Gipfelflagge und natürlich auch mit dem FCB-Shirt. Chirring hatte ebenfalls 2 Flaggen dabei, mit denen er Fotos schoss und auch von Gyalzen machten wir Fotos. Da ich unbedingt auf den Fotos erkennbar sein wollte, zog ich dafür meine Maske aus. Lustigerweise war es gar nicht so mühsam, ohne Maske zu atmen. Alles in allem hatte ich sie sicher 10 Minuten nicht auf, und ich merkte davon nicht viel. Es war sogar so gutes Wetter, dass ich ohne Probleme meine Handschuhe ausziehen konnte, um meine mitgebrachten Prayer-Flags auszurollen und zu befestigen. Ich konnte ein 360 Grad Video von der Aussicht machen, auf dem sich zufälligerweise auch noch der dumme Chinese in Pose stellen musste und es so fast schon ruinierte. Aber ich konnte auch die ganze Aussicht in Ruhe in mich aufnehmen. Auf dem Gipfel waren gleichzeitig vielleicht 20 andere Personen, aber es hatte genug Platz für alle. Natürlich durfte auch das Bild von meiner Uhr mit der Höhe nicht fehlen, lustigerweise zeigte sie nicht 8848, sondern 8852m an, aber das war mir egal. Was ich erst dann bemerkte, ist dass es schon 8.20h, wir also 11.5h mehr oder weniger im Stau gestanden waren, um auf den Gipfel zu kommen. Zu Beginn hatte ich mit 8h gerechnet und es hat mich ein bisschen schockiert, als ich das gesehen habe. Da ich mich aber körperlich noch überhaupt nicht müde fühlte, war ich nicht wirklich beunruhigt. Auch die fast leere Flasche, die ich dabei hatte um sie mit Schnee zu füllen vergass ich nicht. Ich nahm einen Schluck und leerte den letzten Rest Wasser aus, um sie mit dem Schnee vom Gipfel wieder aufzufüllen. Keine Ahnung, wie viel davon am Schluss übrig bleiben würde, aber das würde ich noch früh genug herausfinden. Nach knapp 25 Minuten auf dem Gipfel ging es wieder auf den Abstieg. Nach etwas 10 Schritten musste ich mich nochmals umdrehen und konnte meine Tränen ein weiteres Mal nicht zurückhalten. Seit mein Vater vor 3.5 Jahren gestorben war, wusste ich dass ich ihm auf dem Gipfel des Mount Everest wieder nahe sein würde. Er ist für mich im Himmel und wenn immer ich auf einem Gipfel war, spürte ich ihn da oben und fühlte mich ihm nah. Zu wissen, dass ich auf dem höchsten Gipfel der Welt stand, bedeutet für mich, dass ich ihm so nahe bin, wie nie wieder. Mit dem Abstieg musste ich mich also ein zweites und endgültiges Mal von ihm verabschieden. Ich wäre am liebsten wieder die 10 Schritte zurück gegangen und für eine Weile geblieben. Aber das geht verständlicherweise nicht, also gab ich ihm in Gedanken eine grosse Umarmung, die ich auch wirklich mit meinen Armen ausführte, drehte mich um und ging weiter. Bevor ich Basel in Richtung Everest verliess, ging ich am Birsufer einen kleinen Stein aussuchen, den ich die ganze Expedition hindurch immer bei mir hatte. Diesen Stein hatte ich auf dem Gipfel im Schnee vergraben und in meiner Fantasie lagern in diesem Stein tausende Umarmungen von mir und uns allen. Wenn mein Vater sich also im Himmel alleine fühlt, kann er jederzeit beim Everest seine Umarmungen abholen. Ich weiss, das tönt für viele blöd, naiv oder dumm, aber das ist mir egal. Ich spürte während dem gesamten Projekt die Unterstützung und Liebe meines Vaters und diese kleine Geste gibt mir so viel, dass es für mich wahrscheinlich nur deswegen möglich war, von diesem Gipfel wieder wegzugehen. Mein Vater war immer stolz auf mich und hat mir immer wieder gezeigt, dass ich ein starkes Mädchen und eine starke Frau bin. Egal mit welcher dummen Idee ich um die Ecke kam, er war der Einzige, der sie nicht als dumm abgetan hat. Er hatte einen so grossen Anteil daran, dass ich an mich selbst glaubte, als es darum ging, diese Expedition auch wirklich anzugehen. In diesem Moment, 10m vom Gipfel entfernt, fehlte er mir so fest, dass ich es kaum in Worte ausdrücken kann.
Sonntag, 18.Mai - Gipfel zum Camp 4
Länger konnte ich nun nicht mehr mit dem Abstieg warten, denn je länger ich da stehen würde, desto schwieriger würde es werden, auch wirklich wegzugehen. Chirring winkte mir schon zu und auch Gyalzen hinter mir bedeutete mir, dass ich nun weitergehen solle. Ein letzter Blick zum Gipfel und noch ein letztes Foto der Route gewährte ich mir noch und dann ging es denn ganzen Weg wieder zurück. Ich wusste, dass jetzt die wichtigere Hälfte der Gipfelbesteigung vor mir lag. Die meisten Unfälle an solchen Bergen passieren im Abstieg, sei es, weil die Energie weg ist, das Wetter drehte oder man zu wenig Sauerstoff hat. Ich weiss hingegen, dass ich genug Sauerstoff habe und dass ich stärker im Abstieg als im Aufstieg bin. Ich fühlte mich nicht erschöpft oder müde und war auch nicht zu überwältigt von dem gerade erreichten. Ich gestatte mir die vollständige Freue über das Erreichte immer erst in der Sicherheit des Basecamps und davon war ich noch mindestens 24 Stunden entfernt. Ich setzte also schön einen Fuss vor den anderen, um schnell wieder in den Tritt zu kommen. Erst jetzt nahm ich die vielen Löcher auf der Route war, durch die man entweder ins Leere oder auf einen Stein sehen konnte. Zudem waren die riesigen Wechten, die sich auf dem Gipfelgrat auftürmten auf dem Rückweg viel imposanter und sichtbarer. Das Überholen und Passieren anderer Bergsteiger war ähnlich chaotisch und mühsam wie beim Aufstieg, nur dass uns gefühlt viel mehr Menschen entgegen kamen, als als wir noch auf dem Aufstieg waren. Es dauerte nur kurze Zeit, bis wir wieder beim Hillary step waren. Im Vergleich zu vorher, war auch dieser jetzt voll mit Menschen und das aneinander vorbeidrängeln extrem mühsam. Man musste schauen, dass einem niemand den Karabiner aus dem Seil hängt, oder dass man beim Umhängen auch wirklich einen Platz am Seil hat oder sich ans richtige Seil hängt. Von oberhalb kamen Rufe, dass alle vorwärts machen sollen und von unten kamen die gleichen Rufe. Wie wenn irgendjemand schneller machen könnte, wenn er nur wollte. Zum Glück waren zwei Seile gespannt, also theoretisch eines für den Aufstieg und eines für den Abstieg, was aber nicht ganz alle befolgten. Ich versuchte erfolgreich, das Chaos mit meiner Kamera festzuhalten und konnte die kurze Wartezeit somit sinnvoll nutzen. Unterhalb des Hillary steps war das Seil ebenfalls doppelt gespannt und das Abstiegsseil führte 10cm neben dem Kopf der älteren Leiche vorbei. Als ich das bemerkte, blieb ich stocksteif stehen und konnte nicht mehr weitergehen. Chirring bemerkte wohl mein zögern, denn er drehte sich um und frage, was los sei. Ich zeigte auf den Leichnam und er meinte nur, dass er mich sicher nicht anspringen würde. Das tönte völlig logisch und doch musste ich all meinen Mut zusammen nehmen, um die zwei sehr grossen Schritte an dem Kopf vorbei zu gehen. Wie gesagt, ich wusste, dass auf dem Berg an verschiedenen Orten solche Schrecken liegen, aber dass man so nahe daran vorbei gehen muss, das sagt dir irgendwie keiner. Obwohl ich nicht weiss, ob es geholfen hätte, wenn ich das im Vornherein schon gewusst hätte. Auf jeden Fall war ich froh, dass ich diesen Teil des Gipfelgrats hinter mir hatte und versuchte mich wieder auf den Abstieg zu konzentrieren. Dabei hatte ich völlig vergessen, dass kurz danach das Loch auf der Route liegt, in das ich beim Aufstieg gefallen war. Mein Körper reagierte schneller als mein Gehirn, als ich die Stelle sah. Sofort begann ich wieder zu zittern und hyperventilieren und brauchte kaum mehr einen Fuss vor den anderen. Gyalzen fragte mich von hinten, ob alles okay sei und kontrollierte meinen Sauerstoffschlauch. Ich versuchte ihm zu erklären, warum ich so reagierte, aber ich glaube er verstand mich auch so. Zum Glück war in der Zwischenzeit die Route angepasst, so dass man das Loch nicht mehr überqueren musste. Wahrscheinlich war den Personen hinter mir meine missliche Lage aufgefallen, ich hing ja genug lange in der Route, so dass niemand mehr hin und zurück gehen konnte. Auf jeden Fall waren nun auf der Schneewechte auf der tibetischen Seite des Bergs, vom Aufstieg gesehen rechts, wo das Fixseil sowieso gespannt war, Fussspuren zu sehen. Ich konnte die Stelle also mit 3 schnellen Schritten easy peasy überwinden. Wenn es nur so einfach gewesen wäre beim Aufstieg, dann hätte ich mir viel Stress ersparen können. Auf dem Weg zum South Summits versuchte ich mich wieder zu beruhigen, damit mein Körper mit dem Zittern wieder aufhören würde, doch das war gar nicht so einfach. Es half sicher, dass ich gleich danach Ben antraf, mit dem ich im Basecamp unzählige Stunden Karten gespielt hatte. Er war noch immer im Aufstieg und sah schon ein wenig müde aus. Wir tauschten ein paar wenige Worte aus, er gratulierte mir und ich wünschte ihm ganz viel Energie für den letzten Teil der Strecke. Ich wusste, dass er es auf den Gipfel schaffen würde und war unendlich stolz auf ihn. Er hatte übrigens auch ein Plüschtier dabei, einen kleinen Hasen, den er von seiner Tochter mit gebracht hatte. Nach dem kurzen Austausch war dann doch ziemlich froh darüber, dass wir auf der kleinen Plattform gleich unterhalb des South Summits eine kleine Pause einlegten. Chirring wechselte ein letztes Mal meine Sauerstoffflasche und ich sass da, mit geschlossenen Augen und konzentrierte mich nur auf meine Atmung. Ich wusste, dass das nun nur noch leichte Zittern mit dem regelmässigen Atmen aufhören würde und das war mein Hauptziel. Ich hatte den Gipfelgrat nun zweimal überwunden und vor mir lag nur noch technisch eher unschwieriges Gelände, das nicht ganz so ausgesetzt war, wie die letzten 300m. Zudem half es mir zu wissen, dass Freunde wie Ben in der Nähe waren, auf die ich stolz sein konnte. Als ich mich bereit fühlte, weiter zu gehen, drehte ich mich nach rechts zu Gyalzen um, um ihm zu sagen, dass ich ready sei, weiterzugehen. Er nickte mir zu, ich stand auf, drehte mich nach links und blieb wie angewurzelt stehen. Eine weitere Horrorvorstellung tat sich nämlich vor mir auf. Gleich neben mir lag, oder besser hing, eine junge Frau auf dem Rücken, die im ersten Moment wie eine weitere Leiche aussah. Erst beim zweiten Blick bemerkte ich, dass sie noch lebte, jedoch unfähig war, sich noch gross zu bewegen. Und ein dritter Blick bestätigte mir, dass das was ich da vor mir sah, eine Rettungsaktion war. Vielleicht erinnert ihr euch noch daran: Der South Summit ist eine kleine Erhebung, die man beim Abstieg vom Gipfel aufsteigen muss. Keine 20m hoch, aber unüberwindbar, wenn man nicht mehr selbst gehen kann. Die junge Frau hing also an einem Seil und ein Sherpa zog verzweifelt am Seil mit dem Ziel, sie auf den South Summit zu bringen. Hinter dem Sherpa stand ein zweiter Sherpa, der ebenfalls an dem Seil zog. Das ganze war überhaupt nicht aufeinander abgestimmt und somit nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Zudem versperrten die drei den Weg für alle anderen, die auf dem Abstieg waren. Chirring, der wahrscheinlich solche Rettungsaktionen schon mehrfach erlebt hatte, stieg an den drei vorbei und versuchte nun ebenfalls an dem Seil zu ziehen. Die junge Frau war vielleicht so gross wie ich, trug eine pinke Mütze und schien ungefähr in meinem Alter zu sein. Da ich auch irgendetwas zu der Rettung beitragen wollte, rief ich den Sherpas oben zu, sie sollen auf drei zählen und dann gleichzeitig ziehen. Da die Frau keine Steigeisen mehr trug, packte ich ihre Stiefel und versuchte bei drei, ihren Körper von unten hochzuschieben. Dabei merkte ich, dass sie versuchte, ihre Beine gerade zu halten, sie also noch einigermassen bei Bewusstsein ist. Wir versuchten es noch 3-4x, doch weiter als vielleicht 20cm kamen wir nicht. Die zwei Sherpas schienen das Ganze aus meiner Warte auch ein wenig halbpatzig zu handhaben. Vielleicht war das auch Chirring aufgefallen, denn nach dem nächsten Versuch rief er etwas zu Gyalzen herunter, der nur meinte, dass wir nun gehen müssten. Ich drehte mich um und fragte, was wir denn mit der Frau machen würden. Er meinte lapidar, dass sie nicht unser Problem sei, sondern das der Sherpas. Ich wollte nochmals einen Versuch machen, weshalb ich nochmals laut auf drei zählte und mit all meiner Kraft die Stiefel nach oben schob. Dass das nur maximal weitere 5 Zentimeter Erfolg und heftiges Atmen von meiner Seite brachte, war für Chirring wahrscheinlich Anlass genug, mir sehr klar zu verstehen zu geben, dass wir nun weitergehen würden. Es wäre zu gefährlich, hier weiter zu helfen, und unser Ziel war es, dass wir alle drei wieder heil im Basislager ankommen würden. Also packte ich die junge Frau an ihren Rucksackträgern und schrie sie an, sie solle ja nicht aufgeben: «If you give up, you gonna die» Das war das einzige, was ich in dieser Situation noch tun konnte, denn obwohl ich es nicht realisieren wollte, Chirring hatte Recht. Sie war logisch gesehen nicht unser Problem. Aber das wollte nicht in meinen Kopf herein. Das das Gelände nach dem South Summit technisch einfach war, spielte mir nun sicher in die Hände, denn im Kopf war ich noch immer bei der Rettungsaktion, aber eigentlich hätte ich mich auf den Abstieg konzentrieren sollen. Wie gut, dass ich unterhalb des South Summits ein weiteres bekanntes Gesicht antraf. Kenton Cool, von dem ich schon in Camp 2 geschrieben hatte, war mit seinem Kunden Richard auf dem Weg zum Gipfel und lenkte mich perfekt ab von dem Drama, dass sich in der Nähe nun ohne unsere Beteiligung abspielte. Wir tauschten uns ca. 5 Minuten aus, sie waren extra erst um 23h vom Camp 4 aufgebrochen, um die Massen zu vermeiden. Das hatte ihnen nicht viel gebracht, ausser dass sie vielleicht eine Stunde weniger im Stau standen als wir und nun wahrscheinlich auf dem Aufstieg noch mehr Personen kreuzen mussten als wir. Das Gespräch war auf jeden Fall für mich genau das richtige, denn sobald ich mich von ihm verabschiedet hatte, konnte ich mich wieder auf den Abstieg fokussieren und die hilflose junge Frau gedanklich weit weg schieben. Weil wir auch auf dem Abstieg immer wieder einmal ein paar Minuten warten mussten, konnten wir den Ausblick und das Panorama, das sich unter uns auftat so richtig geniessen. Ich denke nicht, dass ich etwas solch schönes und königliches je wieder sehen werde. Noch immer waren alle sichtbaren Gipfel unter uns und sie strotzten nur so vor Kraft und Monströsität. Den besten Blick hatten wir nach dem South Summit jedoch auf den Lhotse und sein Couloir. Sah es von Camp 4 vom Lhotse noch nicht so steil aus, war nun eine fast senkrechte Schneelinie in Richtung Gipfel zu sehen. Wenn immer ich stoppen musste, starrte ich auf diese Schneerutschbahn hinüber und fragte mich, ob es das Richtige wäre, da morgen aufzusteigen. Ich war überzeugt, dass ich es physisch schaffen würde, diese knapp 600hm zu überwinden und auf dem Gipfel zu stehen. Wo ich aber nicht mehr so überzeugt war, war die Sache mit dem Abstieg. Ein Fehler und man wäre für viele, viele Meter im freien Fall, es verzieh also keine Fehler. Zudem hatte der Aufstieg zum Everest heute alles andere als Spass gemacht. Wir mussten die ganze Zeit anstehen, es hatte nichts mit Bergsteigen zu tun, denn abgesehen vom Gipfelgrat war die Route überhaupt nicht technisch. Ich wusste, dass es auch am Lhotse, ausser den letzten 50m keine technische Schwierigkeit bestand, was für einen Gipfelversuch sprechen würde. Ich war mir jedoch nicht sicher, ob eine unerwartete Kleinigkeit am Lhotse den Elvis wieder zurückbringen würde und ob ich dann psychisch noch in der Lage wäre, ohne Fehler abzusteigen. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Zudem hatte ich mir in den letzten 3 Jahren immer geschworen, dass ich einen Berg nur besteige, wenn ich 100% überzeugt davon wäre. Beim kleinsten Zweifel wollte ich die Sache noch einmal überdenken. Nun hatte ich nicht nur kleine, sondern ziemlich grosse Zweifel, was den gesamten zweiten Teil der Lhotse-Besteigung betraf. Ich wollte da wirklich hinauf, und ich hatte ja auch extra 18’500 USD dafür bezahlt, damit ich morgen den Versuch wagen könnte. Aber ist es dieses Geld wirklich wert, dass ich dafür im schlimmsten Fall drei Leben lasse? Die klare Antwort darauf war Nein. Bei einer der Pausen auf dem Abstieg sprach ich das Ganze bei Chirring an. Für ihn wäre es die erste Lhotse-Besteigung und meine geäusserten Zweifel gefielen ihm natürlich nicht. Ein wichtiger Punkt war auch die viele Arbeit, die meine zwei Helden in die Lhotse-Besteigung gesteckt hatten. Sie waren mindestens zweimal mehr mit Lasten unterwegs, als für eine «normale» Everest-Besteigung und das sollte nun für die Katz sein? Wir hatten geplant, dass Gyalzen sowieso nicht auf den Lhotse kommen, sondern vom South Col direkt ins Camp 2 absteigen würde. Am nächsten Tag wollte er mit einem leeren Rucksack wieder hochkommen, und uns mit gekochtem Wasser im Camp willkommen heissen. Für ihn war es also eher zweitrangig, ob wir den Gipfelversuch starten würden, oder nicht. Unsere kleine Diskussion wurde an einem Haken unterbrochen durch eine komische Situation. Vor uns war ein Sherpa mit seinem Kundn an einem Haken, an dem ein Seil zum Abseilen hing. Der Sherpa musste seinem Kunden erklären, wie er abseilen muss. Da er keinen Achter dabei hatte, musste er also zuerst einen Halbmastwurf lernen, diesen dann anwenden und ca. 40m abseilen. An dieser Stelle hingen zwar auch vereinzelte alte Seile, aber die waren so kaputt, dass ich nur im alleräussersten Notfall eines davon benutzen würde. Der einzige Weg zum Camp 4 war das Seil, an dem nun der Westler zum gefühlt hundersten Mal versuchte den richtigen Knoten zu machen. Der Sherpa stand seelenruhig daneben und kümmerte sich nicht um die wartende Menge, die sich nun oberhalb von ihnen schon gebildet hatte. Ich hätte das Warten ja mittlerweile schon ein wenig gewohnt sein sollen, aber die ganze Szenerie frustrierte mich zutiefst. Nicht zu reden von den Sherpas, die das Warten mit Rauchen überbrückten. Wir waren immer noch irgendwo zwischen 8500 und 8600m und ich musste mich umplatzieren, weil mich Zigarettenrauch störte. Auf dieses Szenario hätte ich ebenso verzichten können, wie auf die Erklärungs-Szenerie beim Haken. Dieser Typ hatte gerade ziemlich sicher den Everest bestiegen, aber wusste nicht mal, wie man sich abseilt. Wie war der überhaupt hier hoch gekommen? Gedanken wie dieser huschten durch meinen Kopf, doch ich wollte mich davon nicht ablenken lassen und mich lieber darauf fokussieren, dass ich bald wieder heil in Camp 4 ankommen würde. Sobald wir an der Reihe waren, klickten wir uns nacheinander in das Seil ein und seilten uns gekonnt ab. Schon beim nächsten Haken konnten wir den Unfähigen überholen und unseren Abstieg in unserem Tempo fortführen. Es war spannend, die Route nun bei Tag zu sehen und rechts und links der Route zu betrachten. Beim Aufstieg hatte ich zwar viel Zeit, mich umzusehen, wurde dabei aber fast nur von den Sternen angezogen. Irgendwie wirkte die Route beim Abstieg auch wesentlich steiler als beim Aufstieg, was wahrscheinlich darauf zurück zu führen ist, dass wir so langsam unterwegs waren und die Stufen im Schnee und Eis eine angenehme Höhe hatten. Beim Balkon wechselten wir nochmals die Sauerstoff-Flasche und machten eine nächste kleine Trinkpause. Das Camp 4 war schon sichtbar und der Weg dahin nicht mehr weit. Da die Seile nun grösstenteils leer waren, konnten wir uns zügig daran abseilen, was natürlich viel Zeit sparte und auch viel weniger Energie kostete, als wenn man am Seil bergab gehen musste. Für diejenigen, die den Unterschied nicht kennen: Beim Abseilen schleift man das Seil um einen Achter und hängt diesen in den Klettergurt. Das Körpergewicht lässt das Seil nun in einem angenehmen Tempo durch den Achter laufen, so dass es genug bremst, um nicht ins Rutschen zu kommen. Ist die Wand steil genug, kann man sich so ohne gross Energie aufzuwenden, mit den Händen am Seil zum Bremsen, hinunter lassen. Wenn man jedoch nicht abseilt, muss man bei jedem Schritt das gesamte Körpergewicht abbremsen und dabei schauen, dass man immer das Seil mit beiden Händen hält. Denn man hat dann keine Achter-Bremse im System eingebaut, wenn man rutscht, ist die einzige Möglichkeit, sich mit den Händen am Seil festzuhalten. Ein Fehler ist da also unverzeihlich. Dass wir nun vom Balkon aus fast nur abseilen konnten, war also ein doppelter Benefit: Weniger Energie gebraucht und viel sicherer. Je näher wir Camp 4 kamen, desto mehr merkte ich, dass meine Blase drückt. Wie jedes Mal muss ich bis kurz vor Ankunft nicht pinkeln und sobald die Sicherheit des Camps sichtbar ist, gibt die Blase erste Signale ab. Am Ende des letzten Seils schickte ich darum Chirring in Richtung Camp, damit ich in Ruhe pinkeln konnte. Natürlich musste ich zuerst wieder den Klettergurt ausziehen, was mit den Handschuhen wieder eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Im Eifer des Gefechts, dachte ich danach zwar daran, meine Thermohose herunter zu ziehen, aber an die Klappe des Daunenanzugs dachte ich für 1 Sekunde nicht. Zum Glück bemerkte ich das Ungeschick sehr schnell und perlte der Urin am Daunenanzug ab, so dass es keine Sauerei gab. Ich lachte über mich selbst, putzte alles wieder schön trocken und zog mich wieder an. Die letzten Schritte zum Camp ging ich mit einem riesigen Grinsen, denn die erste und wahrscheinlich schwierigste Etappe war geschafft. Chirring hatte vor dem Zelt auf mich gewartet, damit er mir eine andere Sauerstoff-Flasche anschliessen konnte. Ich hatte mittlerweile den Überblick verloren, ob es eine neue oder eine schon angebrauchte Flasche war. Ich vertraute ihm und Gyalzen, der etwas 5 Minuten später ankam vollkommen und so liess ich ihn gewähren. Danach schlüpfte ich ins Zelt, denn es hiess, dass wir nun zuerst ein wenig ruhen würden, bevor wir weiter absteigen würden. Sobald ich meinen Platz zuhinterst im Zelt eingenommen hatte, folgte auch schon Chirring, der mehr ins Zelt fiel als krabbelte und sofort einschlief. Er hatte sich weder die Zeit genommen, seine Schuhe auszuziehen, noch seine Handschuhe und sah ziemlich erschöpft aus. Das war der Punkt, an dem ich mich definitiv gegen die Besteigung des Lhotse entschied. Der Wert eines Gipfels kann niemals mit dem Wert eines Menschenlebens verglichen werden und Chirring hatte eine 1-jährige Tochter zu Hause, die er aufwachsen sehen sollte. Ich wollte nicht der Grund sein, dass das nicht möglich ist. Da Chirring nun schon am Schlafen war, blieb es an Gyalzen hängen, Wasser zu kochen, damit wir etwas Warmes zu trinken hatten. Ich füllte meine Flaschen auf und nutzte sie gleich wieder als Wärmeflasche. Zudem nutzte ich die Pause, um meine Füsse von den Stiefeln zu befreien und ein wenig Luft zu geben. Gyalzen meinte, dass ich nun 1-2 Stunden schlafen könne, damit ich genug Energie für den Abstieg zu Camp 3 hätte. Ich weiss aber aus Erfahrung, dass ich nach Pausen eher schwächer unterwegs bin, weshalb ich auf keinen Fall schlafen wollte. Also machte ich mir ein paar handschriftliche Notizen für den Blog und löste Kreuzworträtsel, während meine zwei Helden neben mir schliefen. Ich denke, es war in diesem Moment wichtig für mich, das ganze Erlebte sofort zu Blatt zu bringen, denn ehrlich gesagt kreisten seit der Ankunft in Camp 4 tausend Gedanken in meinem Kopf. Immerhin musste ich mir über eine allfällige Lhotse-Besteigung keinen Kopf mehr machen, denn für mich war es entschieden, dass wir dieses Risiko nicht eingehen werden. Die Gründe dafür habe ich in Camp 4 aufgeschrieben und möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten: Auf dem Gipfelgrat zitterte nach jedem Schreckmoment mein ganzer Körper, diesen zu beruhigen dauert seine Zeit und ich weiss nicht, ob das möglich ist, wenn ich in einem vertikalen Eiscouloir an einem Seil hänge. Ich möchte nicht nochmals an einer Leiche vorbei zu einem Gipfel steigen und ich wusste von den Erzählungen von Adrianna, dass unterhalb des Lhotsegipfels eine weitere Leiche auf mich warten würde, die ziemlich gruselig sei. Ich fühlte mich mental alles andere als bereit für den Abstieg vom Gipfel des Lhotse, obwohl ich sicher war, dass ich den Aufstieg schaffen würde. Aber irgendwie traute ich mir den Abstieg einfach nicht zu. Ein Pro-Argument wäre es, dass ich einen 8000er besteigen könnte, ohne anzustehen. Denn auch am Manaslu musste ich kurz vor dem Gipfel anstehen, um auf den Gipfel zu kommen. Der Gedanke daran, einen so hohen Gipfel nun ohne Meute geniessen zu können, war schön. Zudem hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil Chirring und Gyalzen alles vorbereitet hatten und wegen dem Lhotse öfter und schwerere Lasten tragen mussten. Nicht zu vergessen, dass ich für die Besteigung den Wert eines Autos bezahlt hatte, und das gesamte Geld nicht zurück bekommen würde. Aber war es das Wert? Wofür wollte ich den Lhotse überhaupt besteigen? Die Antwort darauf ist einfach: Weil die Aussicht auf den Everest einzigartig ist und ich diese erleben und fotografieren möchte. Doch ist es das Wert, 2 Leben dafür aufs Spiel zu setzen? Ich hatte ja meinen Traum vom Everest erfüllt. Ich sollte also demütig und zufrieden sein und auf mein Herz hören, das sagt, dass wir es nicht versuchen sollten. Dieser Entscheid fühlte sich in diesem Moment so richtig an, wie er sich damals im Januar richtig anfühlte, sich für eine Lhotse-Besteigung zu entscheiden.
Auch über meine Ausrüstung habe ich nachgedacht, denn ich hatte ja Zeit und wollte nicht schlafen. Wie schon früher erwähnt, haben meine Socken für 8 Stunden einen guten Dienst getan und auch meine Handschuhe wärmten meine Hände auf einem guten Niveau. Leider war die textile Struktur der Handschuhe nicht ganz optimal für die Fixseile, denn sie waren am Seil eher rutschig, was beim Abstieg hiess, dass ich noch besser aufpassen musste oder immer noch muss. Die Frage nach der vereisten Sauserstoffmaske vor dem Gipfel war immer noch nicht beantwortet, war für mich aber auch nicht mehr so wichtig. Ich konnte immer sehr gut einatmen und hatte nur die 10 Minuten kurz vor dem Gipfel das Problem mit dem Ausatmen. Das einzige, was ich hätte besser machen können vom Material her, ist dass ich meine dünnen Handschuhe noch hätte einpacken sollen. Auf dem Abstieg, den wir fast den ganzen Weg in unserem Tempo hinter uns bringen konnten, wurde es mit der Zeit sehr heiss. Da wären dünnere Handschuhe ein Plus gewesen, denn ohne Handschuhe sollte man aus Sicherheitsgründen nicht absteigen und wenn man so heiss hat, dass man an den Händen schwitzt, ist das auch nicht so gut. Ich versuchte das auszugleichen, indem ich bei jeder längeren Pause meine Handschuhe auszog. Einmal rutschte mir ein Handschuh aus der Hand, stoppte aber nach 2m zum Glück unter dem Seil, so dass ich ihn einfach wieder holen konnte.
Ebenfalls notierte hatte ich mir in Camp 4, ob sich das Ganze nun wirklich gelohnt hat. 11.5h im Stau stehen macht 0.0% Spass und hat mit Bergsteigen nichts zu tun. Mir war zum Glück nur kurze Zeit kalt, aber hätte ich nicht so eine gute Ausrüstung, wäre auch ich, wie viele andere mit Erfrierungen nach Hause gekommen. Dann die Geschichte mit dem Erklären des Abseilens auf dem Abstieg. Wie viele Menschen, die heute gleichzeitig wie ich oberhalb von Camp 4 unterwegs waren, hatten unterirdische technische Fähigkeiten und bestiegen den Everest nur zum Prahlen, Protzen oder um sein Image aufzupolieren? Und das, obwohl eigentlich keine technisch wahnsinnig anspruchsvollen Passagen auf dem Berg gibt. Ab dem South Summit gibt es ein paar Schwierigkeiten, denn man muss immer wieder mit den Steigeisen auf Fels stehen. Darum würde ich den Gipfelgrat, der mich fast zum Umdrehen gezwungen hat, als den spannendsten Teil der Route bezeichnen. Der Rest ist schlichtes Bergaufgehen am Seil. Ich wusste das ja schon immer, aber irgendwie dachte ich immer, dass es für mich keine Rolle spielt. Und nun sitze ich im Camp 4 und frage mich, ob es das ganze Wert war. Ich fühlte mich eher zur Entschuldigung verpflichtet, gegenüber Chirring und Gyalzen, gegenüber meiner Familie und Freunde und gegenüber der jungen Frau, der ich nicht besser helfen konnte. Als ich im Basecamp tagelang auf mein Go gewartet hatte, habe ich mir tausend Mal ausgemalt, wie ich mich fühlen würde, wenn ich mein Ziel wirklich erreichen würde. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich in Camp 4 sitzen würde und mich keine Freude, sondern Schuld erfüllt. Das nennt man wohl ein reelles Bild vom Everest, anders kann ich es nicht erklären. Die vielen Gedanken in meinem Kopf machten mich ganz hibbelig, weshalb ich zur Abwechslung ein paar Kreuzworträtsel löste und ein erstes Mal meine Bilder anschaute. Dabei stellte ich fest, dass wir zwar 11.5h brauchten, bis wir auf dem Gipfel waren, aber nur 3.5 Stunden bis wir wieder in Camp 4 ankamen. Normalerweise brauche ich an einem Berg immer halb so lange beim Abstieg, als beim Aufstieg, meine erwarteten 8h Aufstieg wären also in unserem Tempo locker möglich gewesen. Immerhin das freute mich ein wenig, denn es zeigte, dass ich mich richtig vorbereitet hatte und mir den Gipfel ein Stück weit verdient habe.
Sonntag, 18.Mai - Camp 4 zum Camp 2
Wir waren um 12h wieder zurück in Camp 4 und um 15h regten sich Chirring und Gyalzen wieder. Ein weiteres Mal wurde Wasser gekocht, um alle Wasserflaschen nochmals zu füllen. Ich hatte in den letzten 3h nicht allzu viel getrunken und versuchte das nachzuholen. Doch irgendwie war mir nicht so nach trinken, obwohl ich wusste, dass ich musste, Ich gab mir wirklich Mühe, aber das Schlucken schmerzte vom Sauerstoff und ich hoffte, dass sich das weiter unten am Berg bessern würde. Ich teilte Chirring und Gyalzen auch meinen endgültigen Entscheid mit, dass wir den Lhotse auslassen würden. Ich wurde natürlich nicht gerade mit Begeisterung bedacht, aber ich denke, die beiden sind vernünftig genug, um zu wissen, dass mein Entscheid der richtige ist. Es gab auf jeden Fall keine Diskussion und sie schienen verstanden zu haben, warum ich mich dagegen entschieden habe. Danach war es an der Zeit, alles Material wieder in den Rucksack zu packen, und die Matratzen von der Luft zu befreien. Vorgänge, die auf Meereshöhe nur eine oder zwei Minuten in Anspruch nehmen, dauern hier oben deutlich länger. Meine Devise war es an jedem Berg, wenn mein Energiehaushalt es zulässt, dass ich so viel Material wie möglich selbst herunter trage. Deshalb packte ich so viel wie möglich von meinem Material in meinen Rucksack und schaffte es, dass alles Platz hatte, ausser mein Schlafsack. Diesen musste ich Chirring geben, der mich ein wenig erstaunt anschaute ob der Wenigkeit, die ich abzugeben hatte. Aber da er ja nicht das erste Mal mit mir auf einem Gipfeltag ist, gab es keine Diskussion über meinen Rucksack. Als ich fertig war, machte ich noch eine letzte Pinkel-Pause im kleinen Hinterzelt unseres Zelts und rutschte dann an den zwei anderen vorbei nach draussen. Da wir das Zelt extra für uns aufgebaut hatten, mussten wir es auch wieder abräumen. Auch das dauerte ein wenig und da ich nicht wahnsinnig viel helfen konnte, sass ich währenddessen auf einem Stein und beobachtete die Menschen um mich herum. Ich sah auf die Route und überlegte, ob einer der Kletterer, die ich sehen konnte wohl Ben war. Ich sah viele Punkte neben den Seilen, die lange Pausen machten und ich konnte nur erahnen, wie erschöpft diese Personen sein mussten. Im Camp selber war auch viel los. Da das Wetterfenster noch ein wenig länger halten sollte, wählten nicht wenige Expeditionen den morgigen Tag als Gipfeltag und waren gerade in Camp 4 angekommen um einige Stunden zu ruhen. Hinter mir stapelten sich massenweise Sauerstoff-Flaschen von 8k und überall konnte man Sherpas dabei beobachten, wie sie Zelte suchten, neue Zelte aufbauten, Sauerstoff-Flaschen herumtrugen oder Wasser kochten. Gyalzen war hinter mir beschäftigt, alle Sauerstoff-Flaschen zu leeren, weil sie in leerem Zustand deutlich leichter sind. Ich hatte nochmals eine neue Flasche erhalten und die Flussrate war auf 4l eingestellt, damit sie bis Camp 2 dann auch leer wäre. Um 16h waren wir alle ready um unseren Abstieg fortzusetzen. Noch ein letztes Selfie von uns drei und los ging es auf dem flachen Teil der Route in Richtung Geneva Spur. Schon nach nicht einmal 100m trafen wir auf zwei sehr langsame und unsichere Kletterer, die sehr eng von zwei Sherpas betreut wurden. Leider konnten wir nicht überholen und so waren wir einmal mehr in einem kleinen Stau anzutreffen. Immerhin dauerte dieser nur bis unterhalb des Geneva Spur, und darunter konnten wir relativ sicher überholen. Die Menge an Menschen die uns um diese Zeit noch entgegen kam, überraschte mich. Wir waren ja um 16h vom South Col losgegangen und alle, die uns jetzt kreuzten, würden heute Abend zum Gipfel aufbrechen. Die Ruhezeit war da ziemlich kurz zwischen Ankunft im Camp 4 und Abmarsch, vor allem vor dem Hintergrund, dass ziemlich sicher kein leeres Zelt mehr zu finden wäre, also auch noch eins aufgebaut werden müsste. Aus eigener Erfahrung von gestern weiss ich, wie lange das dauert. Es war mittlerweile auch wieder ein wenig windiger geworden im Camp, es würde also noch länger dauern, als ohnehin schon. Für uns ging das Kreuzen mit den Aufsteigern zum Glück sehr gut und wir kamen gut vorwärts. Beim Lhotse Camp 4 stoppte Gyalzen, um seinen Rucksack mit allem zu befüllen, das dort eigentlich für die Lhotsebesteigung bereit lag. Nach meinem Entscheid, den Lhotse nicht zu besteigen, hatte Gyalzen sich mit Tashi ausgetauscht und mit ihm abgesprochen, dass wir die 5 vollen Sauerstoffflaschen da lassen können und sie von anderen Sherpas herunter gebracht würden. Ich war froh, dass wir so anderen Kletterern eine gewisse Sicherheit geben konnten und dass es für meine beiden Sherpas bedeutete, dass sie ein wenig leichtere Lasten zu tragen haben. Chirring und ich machten keinen Stopp und führten unseren Abstieg fort. Sehr viele Personen, die ebenfalls auf dem Abstieg waren, machten alle 20-30 Schritte eine Pause. Dann sassen sie einfach nur apathisch da und warteten wahrscheinlich bis ihnen wieder in den Sinn kam, dass sie ja noch absteigen müssten. Mittlerweile hatten wir fast keinen Gegenverkehr mehr, weil es zu spät war und so kamen wir gut voran. Einmal kreuzten wir eine Frau, die bei einem Haken irgendwas mit ihrem Karabiner versuchte und offensichtlich nicht hinbekam. Ich sah sie schon von weit oben am nästeln und als ich bei ihr war, war sie immer noch mit ihren Händen beschäftigt. Ich fragte sie, ob ich ihr helfen könne und ob sie auf dem Abstieg sei (Was ich hoffte, denn sie sah ziemlich fertig aus). Sie meinte, sie könne den Karabiner nicht öffnen und darum nicht umhängen. Ich sah, dass sie ihn anstatt zu öffnen, immer wieder zudrehte, so dass er natürlich nicht aufging. Ich warnte sie vor, als ich den Karabiner löste und ins nächste Seil umhängte. Sie bedankte sich bei mir unzählige Male bei mir und meinte, dass ich sehr nett und freundlich sei und sie unendlich dankbar. Ich sagte ihr, dass das kein Problem sei, solange sie mir verspricht, dass sie ihren Abstieg erst beenden würde, wenn sie sicher im Camp 3 angekommen war. Sie meinte dann, sie sei so müde und sie wolle schlafen. Meine Antwort war: Schlafen vor dem Camp ist verboten, es ist erst möglich zu schlafen, wenn du ein Zelt siehst. Jede Person, die so apathisch dasass, sah von weitem aus, wie wenn sie eine Pause machen würde, aber die Erfahrungen in den letzten 36 Stunden sagten mir, dass es gerade so gut auch eine Leiche sein könnte. Deshalb war ich immer ein bisschen nervös, wenn ich wieder so eine sitzende Person überholen musste. Ich hatte jedoch Glück und jede war noch am Leben. Ein bisschen weiter unten, etwa 50m oberhalb des Yellow Band, traf ich auf eine Dreiergruppe: Ein Sherpa mit zwei Westlern. Eine davon war eine Frau, die auf der Seite lag und schlief und die andere ein junger Mann. Ich fragte sie, ob die Frau schlief, denn ich sah keine Atembewegung bei ihr. Der junge Mann meinte nur ja und sagte nichts weiter. Ich fragte, ob sie schon lange da sassen und ein weiteres Ja folgte. Ich meinte dann, dass es eventuell gut wäre, wenn sie sie mal wecken würden, denn es seien schon Leute gestorben beim Pause machen. Er schaute mich komisch an und stiess einmal die Frau an, die sich nicht regte, er stiess sie nochmals an, bis sie sich vielleicht 2cm bewegte und meinte dann, ja sie lebt noch. Diese Gleichgültigkeit erstaunte mich ziemlich. Denn wenn die beiden gemeinsam auf dieser Expedition waren, hatten sie schon unzählige Stunden zusammen verbracht und es war ihm nicht mal wert, richtig zu schauen, ob sie noch wach ist. Einmal mehr war ich froh, dass ich so viel trainiert hatte, denn dieser Grad an Erschöpfung war noch so weit von mir entfernt, dass ich ziemlich sicher war, dass er gar nie eintreffen würde. Ich hätte auch einfach an allen vorbei gehen können, und ihnen nicht helfen oder nachfragen, aber die erfolglose Rettung beim South Summit hat definitiv schon seine Spuren hinterlassen. Ich war nun näher an der Sicherheit und würde garantiert nicht noch einmal jemanden zurück lassen, wenn ich es nicht müsste. Beim Yellow Band war die nächste Schlüsselstelle bei der es galt, sehr gut aufzupassen. 20m über gelben Fels abseilen standen da auf dem Programm und als ich wartete, bis Chirring sich aus dem Seil ausgehängt hatte, sah ich etwas sehr skurilles. Gleich unterhalb des Yellow Bands hatte jemand Stiefel und einen Rucksack abgestellt. Zumindest sah es von da oben so aus. Ich fragte mich noch, warum das jemand machte, respektive, wo denn jemand hier hinwollte ohne Stiefel und Rucksack. Meine Fantasie spielte mir gleich einen Streich, denn in meinem Kopf sah ich einen Bergsteiger mit roten Socken im Schnee auf dem Aufstieg zum Gipfel. Keine Ahnung, wieso rote Socken, aber das war genau das Bild, das ich in diesem Moment in meinem Kopf hatte. Während dem ich abseilte, überlegte ich, was der Grund dafür sein könnte, seine Stiefel und seinen Rucksack an so einem komischen Ort zu lassen. Als ich mich ausklickte und umblickte, wusste ich was der Grund war. Die Person hatte nämlich nicht nur sein Equipment, sondern sich selbst auch dagelassen. Eine weitere Leiche lag direkt vor mir und diese war gestern garantiert noch nicht da. Die Person war am Seil eingehängt und lag keine 50cm neben der Route auf dem Rücken. Einmal mehr konnte ich nicht wegschauen, denn dieser hier sah so lebendig aus, dass es doch ganz bestimmt noch ein Lebenszeichen geben musste. Ich fragte sicherheitshalber bei Chirring nach, ob das was ich sehe auch wirklich das ist, was ich denke und er meinte nur «yes, just look to the left.» Das ging aber nicht, denn ich würde nicht noch eine halblebendige Person hinter mir lassen. Aber ich wollte auch nicht allzu nahe rangehen, denn obwohl ich nun doch schon einiges Leid hier gesehen hatte, waren Tote mir trotzdem sehr unheimlich. Dieser hier trug noch seinen Rucksack, seine Sauerstoffmaske und Skibrille und war überhaupt nicht mit Schnee bedeckt. Das heisst, er liegt maximal ein paar Stunden da. Ich fragte mich nun, wie es möglich ist, dass eine Person auf der Route liegt und ihr nicht geholfen wird, obwohl hunderte Personen an diesem Tag am gleichen Ort unterwegs waren. Wie kam es, dass einmal mehr kein Sherpa in der Nähe ist oder ziemlich sicher war? Und was zum Henker ist passiert, denn so wie dieser Typ daliegt, kann er nur gefallen sein. Seine linke Schulter sah ausgekugelt aus, mehr Verletzungen waren nicht zu sehen. Ich fragte, ob wir etwas machen könnten und Chirring meinte, er habe über Funk schon von dem Philipino gehört und es sei zu spät, das sei das mountain life. Ich antwortete nur, dass ich dieses Bergleben in solchen Momenten hasse. Ein Schulterzucken war die Antwort und Chirring marschierte weiter. Ich riskierte noch einen letzten Kontrollblick und folgte ihm dann, in der Hoffnung, dass wir bald aus diesem Alptraum aufsteigen würden. Noch immer säumten sitzende Personen alle paar 100 Schritte das Seil, die meisten sehr erschöpft. Ich wäre ohne Pause bis Camp 3 durchgegangen, aber Chirring machte ebenfalls immer wieder kurze Pausen, da sein Rucksack natürlich deutlich schwerer war als meiner. Aus meinem Gipfel-Tag von der Ama Dablam lernend, setzte ich mich auch immer schön dazu und genoss die unbeschreiblich schöne Aussicht, die sich uns die ganze Zeit bot. Solange ich nicht in Sicherheit bin, muss ich mich zu diesen Pausen überwinden, und hier am Everest musste ich sogar noch in Camp 2 übernachten, bis ich wieder im Basislager sein konnte. Zudem fällt es mir nach einer Pause immer schwerer, wieder in den Tritt zu kommen, so dass ich Pausen lieber auslasse, dafür ein bisschen langsamer und dafür konzentriert gehe. Aber am Everest sind die Sherpas die Chefs und wenn Chirring eine Pause macht, dann gilt das auch für mich. Gylazen war mittlerweile in der Ferne ebenfalls auszumachen. Das Umpacken dauerte wohl in Camp 4 ein bisschen länger als gedacht, aber wir hatten ihn im Blick und würden in Camp 3 sowieso auf ihn warten und danach wieder zu dritt weitergehen. Nach knapp 2h Stunden erreichten wir kurz vor dem Start der Dämmerung die ersten Zelte von Camp 3. Der Plan war, hier einmal mehr umzupacken - respektive würden die Jungs nochmals eine Ladung auf ihre Rucksäcke drauf packen – etwas zu trinken und was Kleines zu essen und dann weiterzugehen. Nahe der obersten Zelte stand ein Sherpa, mit dem Chirring zu reden begann. Ich hörte nur Nepalesisches Geplauder mit den mir bekannten englischen Begriffen vermischt, schloss daraus, dass Chirring von unserem Gipfelerfolg erzählte und der andere Sherpa von seinem Erfolg am Lhotse. Ich lag aber falsch, denn plötzlich drehte sich Chirring um und meinte, dass Rebecca in einem der Zelte schlafen würde, da sie in 2 Tagen den Lhotse besteigen wollten. Sofort war ich zu 100% bei der Sache und fragte, ob Reb noch wach wäre. Zur Erinnerung: Rebecca war meine Amerikanische Zeltgenossin am Aconcagua und unter anderem am Lhotse, weil ich sie im Herbst in Salzburg besucht hatte und sie dort gefragt hatte, ob sie nicht Lust hätte, nach ihrer Everest- und K2-Besteigung noch den Lhotse zu versuchen. Nun lag sie keine 3m entfernt von mir und ich musste einfach wissen, ob sie wirklich am schlafen war, oder ich ihr von meiner Gipfel-Besteigung erzählen konnte. Der Sherpa meinte, er möchte sie nicht wecken, aber er würde kurz nachschauen. Er rief seeeehr leise nach ihrem Namen und bekam natürlich keine Antwort. Ich fragte, ob er es nicht nochmals versuchen könnte und wider Willen rief er nochmals, falls möglich sogar noch leiser als zuvor. Aber Reb wäre eben nicht Reb, wenn sie nicht spüren würde, dass sie jemand sucht. Nach 2 Sekunden kam ein fragendes «Yes» aus ihrem Zelt. Ich wartete nicht mehr, sondern rief ihr jetzt selber zu, dass ich da wäre und keine 5 Sekunden später lagen wir uns schon in den Armen. Es tat so gut, diese Umarmung zu spüren, dass es schwierig ist, das in Worte zu fassen. Und, da sie den Everest von 2 Jahren selber schon bestiegen hatte, gehört sie zu den ganz wenigen Gratulantinnen, die genau wussten, was ich in den letzten Stunden, Tagen oder sogar Wochen durchgemacht hatte. Die Freude in ihren Augen zu sehen und meinen Stolz mit ihr zu teilen war in diesem Moment einfach perfekt! Wir sprachen ca. 10 Minuten miteinander und dann mussten wir leider weitergehen. Sie würde am nächsten Tag zu Camp 4 Lhotse aufsteigen und dann am 20.die Gipfelbesteigung versuchen, obwohl die Wetter-Voraussage viel Wind angibt. Wir drückten uns noch ein letztes Mal und wünschten uns jeweils viel Glück für das vor uns liegende Abenteuer. Wir hofften, dass wir in ein paar Tagen in Kathmandu zusammen anstossen könnten, denn Rebecca hatte auch noch vor, nach dem Lhotse den Kangchenjönga zu besteigen, aber dazwischen 1-2 Ruhetage in Kathmandu einzulegen. Nach dem Verabschieden, ging es für Chirring und mich durch das Camp 3 weiter zu den Zelten von 14peaks. Dort setzten wir uns das erste Mal richtig hin, also ohne Rucksack und beobachteten, wie die Dämmerung den Berg ziemlich zügig in Dunkelheit einhüllte. Dies war einer der schönsten Sonnenuntergänge, den ich je gesehen habe. Viele verschiedene Wolkenschichten, durch die sich die Sonne verzweifelt kämpfte, umringt von tieferen Bergen und das, beidseitig eingerahmt von einer Schnee- oder Felswand. Da wir erstens auf Gyalzen warten mussten und zweitens das deponierte Material einpacken mussten, war die Pause deutlich länger als die davor. Für Gyalzen gab es nochmals 4 leere Sauerstoffflaschen auf den zuvor schon fast nicht mehr bewegbaren Rucksack dazu. Da ich je länger ein grösseres schlechtes Gewissen hatte weil sie wegen meinem Nein zur Lhotse-Besteigung unnötiges Material den Berg hoch und runter schleppten, entschloss ich mich, auch noch meine deponierten Kleider in meinem Rucksack zu verstauen. Das ist zwar im Vergleich zu der Last, die die beiden zu tragen hatten eine minimale Kleinigkeit, aber das war alles was ich beitragen konnte, ohne sie zu diskreditieren gegenüber den anderen Sherpas. Ich nutzte die lange Pause auch, um ein wenig zu trinken, obwohl mir noch immer nicht danach war und ich ass auch ein paar Nüsse und einen ganzen Schokoladenriegel. Ich wusste, nach dem langen Rumsitzen würde ich die Zusatzenergie gut gebrauchen können. Fast 1.5h nach unserer Ankunft in Camp 3 ging es nun – mittlerweile war es kurz vor 20h – an den letzten Abstieg von heute in Richtung Camp 2. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich den Grossteil der Lhotse-Face abseilen könnte, aber dafür müsste das Seil frei sein und das war offensichtlich mit all den unglaublich ungeduldigen und sehr müden Menschen um mich herum nicht möglich. Den Plan in Camp 2 zu übernachten versuchen so viele Sherpas wie möglich mit ihren Westlern zu erreichen und es scheint, dass sie diese in ziemlich unmenschlichen Zuständen noch diese Wand runterbringen möchten oder müssen. Wie froh war ich, dass ich noch selber gehen konnte, mich noch selber umhängen konnte und somit auch meinen zwei Helden Energie sparen konnte. Ich brauchte ihre Aufmerksamkeit nicht, es reichte, wenn sie in meiner Nähe waren, denn sie wussten, ich würde mich melden, wenn etwas wäre. Gyalzen war nun auch wieder mit uns unterwegs, so dass wir die übliche Konstellation gehen konnten: Chirring vor mir und Gyalzen hinter mir. So im Stockdunkeln waren mir die Seile ins Nichts ziemlich unheimlich. Ich hatte schon nach Minuten keine Ahnung wie lange wir schon unterwegs waren und wie viele Seile noch unter mir warteten, bis die Steilwand zu Ende wäre. Irgendwie machte mir das fast so Angst, wie der Gipfelgrat, denn auch hier sassen hin und wieder Leute an der Route und tauchten plötzlich im Lichtstrahl der Stirnlampe auf. Die weltweit höchste Achterbahn würde ich sagen.. Ganz am Ende der Lhotse Face am Bergschrund wartete auf uns noch die Traverse, von der ich schon berichtet hatte. Aber wir wählten zum Glück die vertikale Abseilroute, nachdem Chirring mich gefragt hatte, ob für mich abseilen okay wäre. Natürlich würde ich jederzeit eine vertikale Abseillänge über einer Traverse mit Umhängen oberhalb einer tiefen Gletscherspalte wählen, die Antwort auf die Frage war also einfach. Mittlerweile schmerzten auch langsam meine Füsse, denn in den grossen Bergschuhen rutschten sie ständig umher, aber sie extra neu zu binden wäre ein zu grosser Aufwand für den kleinen Ertrag, den ich hätte. Meine Beine sind für die Stiefel einfach zu dünn und zu klein, dass sie darin schwimmen ist unumgänglich, egal wie fest man die Schürsenkel anzieht. Als wir uns langsam von der Lhotseface wegbewegten, blickte ich kurz zurück und war überrascht, dass nur noch ca. 30 Stirnlampen in der Face zu sehen sind. Offenbar hatten doch einige die Nacht in Camp 3 dem Abstieg vorgezogen, oder unsere Pause in Camp 3 war so lange, dass alle an uns vorbei gezogen waren, die an dem Tag auf dem Gipfel waren. Obwohl das Gelände jetzt nicht mehr so steil war wie in der Face, berührten meine Füsse trotzdem noch bei jedem Schritt die Stiefelfront und die ständigen Pausen begannen mich langsam zu nerven. Lieber würde ich einfach ohne Pause durchgehen, aber wir waren noch mitten auf dem Gletscher mit dem nötigen Fixseil, so dass ich versuchte, mich nicht allzu sehr aufzuregen. Aber ich wollte einfach nur noch ins Camp und mal eine Runde schlafen. Auch kein Wunder, denn ich war seit der Tagwache gestern früh um 3.30h wach und mittlerweile war es schon ca. 21h. Als das Fixseil nicht mehr nötig war, fragte ich Chirring ob es okay wäre, wenn ich bis zum Camp ohne Pausen durchgehen würde. Er meinte, das sei okay, aber ich solle genau darauf achten, dass ich auf der Route bliebe. Das wollte ich sowieso, also ging ich den Rest ohne Pause durch. Die Routenfindung war dann aber gar nicht so einfach, denn das Fixseil war nicht konstant da und in der Dunkelheit sieht man halt genau das was man mit der Stirnlampe anstrahlt. Die Lichter von Camp 2 halfen aber ein bisschen und mit ein wenig Zick-Zack bahnte ich mir meinen Weg durch Geröll, dünne Schneeschichten und Eis. Etwa 5 Minuten vor dem Camp brach dann eine der Schneeschichten durch und ich stand mit dem rechten Bein bis Mitte Oberschenkel im Schnee. Mittlerweile doch schon ziemlich müde, war es fast ein kleiner Kampf, mich da wieder raus zu hieven, aber das Camp war so nah, das motivierte mich doppelt. Ich musste nicht mal den Rucksack ausziehen, um wieder rauszukommen, fühlte mich aber wie ein Wal auf Land, bis ich endlich wieder auf beiden Füssen stand. Um 21.45h war es dann endlich soweit und ich lief ins Camp 2 ein. Nicht weit hinter mir sah ich zwei Stirnlampen, die Chirring und Gyalzen gehören mussten. Ich ging direkt ins Küchenzelt und fragte nach zwei Cola, heissem Wasser und ob noch ein Zelt frei wäre. Einer der Küchen-Sherpas führte mich sogleich zu einem leeren Zelt, nahm meine leeren Flaschen mit und versprach, diese bald wieder zu bringen. Ich warf meinen Rucksack ins Zelt und setzte mich dann mit den Colas vor das Küchenzelt, um auf meine zwei Helden zu warten. Auch sie sahen mehr als froh aus, endlich im Camp angekommen zu sein und die Rucksäcke abstellen zu können. Ich reichte ihnen das zweite Cola und sie nahmen es dankbar an. Wir warn nun in relativer Sicherheit und nur noch ein Tagesmarsch entfernt wartete die definitive Sicherheit in Form des Basecamps auf uns. Nun galt es, die Batterien so gut wie möglich zu füllen, also bald ein wenig zu schlafen und etwas zu essen. Ich hatte meine Luftmatratze selber getragen, deshalb musste ich nicht warten, bis Chirring und Gyalzen ihre Monster-Rucksäcke entwirrt hatten. Also ging ich nach ihrer Ankunft wieder zurück zum Zelt und machte mich an die Aufgabe, mein Nachtlager einzurichten. Normalerweise blase ich meine Luftmatratze mit Hilfe eines Aufblassacks auf. Das verhindert, dass durch Atemluft Feuchtigkeit in die Matratze dringt und sie länger brauchbar bleibt. Jetzt war mir das egal, denn der Aufblassack braucht Zeit, die ich jetzt nicht mehr aufwenden wollte. Also blies ich die Matratze mit Hilfe meiner Lunge auf, was weniger streng war als auf 6400m erwartet. In der Zwischenzeit war Gyalzen bei meinem Zelt aufgetaucht und hat mir meinen Schlafsack und den blauen Sack mit Ausrüstung gegeben. Nun fehlte nichts mehr, um schlafen zu können. Er fragte auch noch, ob ich genug Wasser hätte und schon was gegessen hätte. Da wir morgen nochmals einen anstrengenden Tag haben würden, nahm ich mir zu Herzen, dass ich vor dem Schlafen noch etwas esse. Ich lehnte aber ab, dass mir die Küche noch ein Dahl Baht bringt, denn das würde ich garantiert nicht essen. Also ging ich durch meine noch zahlreich vorhandenen Snacks und ass Nüsse, Schokolade und Gummipilzchen bis ich fertig eingerichtet war. Das heisse Wasser brachte mir der Küchen-Sherpa auch noch, so dass ich meinen Schlafsack vorwärmen konnte bis ich meinen Daunenanzug auszog. Weil ich erwartete, dass ich am nächsten Morgen länger brauchen würde um wach zu werden, beschloss ich, heute noch alles zu sortieren, dass das Packen morgen einfacher wird und ich alles Nötige Griffbereit habe. Nun ging es ein letztes Mal auf die grauslige Toilette und um 22.30h war endlich Schlafenszeit.
Leider war die Nacht sehr unruhig. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, für die Matratze einen flachen Platz im Zelt zu suchen und nun rutschte ich ständig mit dem Schlafsack weg und auf den kalten Zeltboden. Das weckte mich und dann versuchte ich halbpatzig wieder auf die Matratze zu liegen und wieder einzuschlafen. Zudem plagte mich seit dem Abstieg ein Reizhusten, der in der Nacht ungleich schlimmer wurde, obwohl ich noch immer meinen Buff beim Schlafen als Schutz gegen die kalte Luft bis zur Nase hochgezogen habe. Dass ich meine Zähne seit 3 Tagen nicht mehr putzen konnte und seit dem fast nur Süsses und Popcorn gegessen habe, half genau so wenig, wie die Geräusche von draussen, die nie aufhörten. Die ganze Nacht hindurch schienen Kletterer anzukommen oder loszugehen und die Küche hatte deshalb die ganze Nacht ebenfalls Hochbetrieb. So war an Erholung nicht wirklich zu denken. Aber immerhin war mein Gehirn so müde, dass ich nicht auch noch an den Ereignissen der letzten Tage herumstudierte während dem ich wach war. Den Husten versuchte ich mit meinen mitgebrachten Lutschtabletten in den Griff zu bekommen und manchmal halfen sie sogar ein bisschen, so dass ich wieder einschlafen konnte. Aber gefühlt alle 10 Minuten war ich wieder wach, entweder wegen dem Husten, dem kalten Boden oder den Geräuschen.
Montag, 19.Mai - Camp 2 ins Basislager
Diese Tortur dauerte bis 5.20h und mein Wecker klingelte. Wir wollten um 6h losgehen, damit wir, bevor die Sonne den Icefall trifft, diesen schon hinter uns haben. Die sicherste Art, den Icefall zu durchqueren, ist in der Nacht, denn sobald die Sonne ihn trifft, beginnt sich das ganze Konstrukt zu bewegen. Eisblöcke schmelzen weg, Steine kommen ins Rutschen oder von den Felswänden links und rechts können Lawinen sich lösen. Da wir so kurz vor Schluss nicht noch unnötiges Risiko eingehen wollten, beschlossen wir gestern Abend noch, dass wir heute nochmals einen Frühstart wagen. Danach würden wir uns zur Genüge im Basecamp oder in Kathmandu ausruhen können. Dies passte für uns alle, weshalb mein Wecker noch ein letztes Mal so früh klingelte. Die Zeit des Daunenanzugs war vorbei, diesen hatte ich gestern schon in seinen Packsack gestopft. Nun zog ich wieder meine dicke Jacke an und packte so viel wie möglich in meinen Rucksack. Am Ende blieb nur ein blauer Packsack übrig, mit ein paar Kleidern und Snacks, die ich nicht gegessen hatte. Ich war gespannt, ob die Jungs besser schlafen konnten als ich. Ich merkte dass ich nicht so auf Touren kam, der ständige Husten war mühsam und ich wollte einfach nur zurück ins Basislager, um meinen Liebsten mitteilen zu können, dass ich in Sicherheit bin. Da meine Helden ein bisschen mehr Material zum Packen hatten, musste ich noch ein wenig warten. Ich nutzte die Zeit, um das letzte halbe Knäckebrot zu essen, heisses Wasser zu organisieren und trinken. Ein letztes Mal muss ich mich überwinden, viel zu trinken und dann konnte ich es ein wenig ruhiger angehen. Da mein Rucksack seeehr voll und schwer war, und ich mit nur 3h Wanderzeit rechnete, hatte ich nur einen halben Liter Wasser übrig, als wir um 6.45h endlich losmarschieren konnten. Normalerweise machten wir alle 45-60 Minuten Pause und das würde so wunderbar reichen. In der ganzen Aufregung, das Western Cwm noch ein letztes Mal zu begehen, vergass ich meinen Stock, was Chirring aber nach 100m schon bemerkte. Also spazierte ich die 100m wieder zurück, und sagte der Küchencrew nochmals tschüss. Nur 10 Minuten später quatschte mich ein Sherpa an, der am Aufstieg war und ich war einen Moment überrascht, dass er meinen Namen kannte. Als ich seinen Westler dahinter sah, wusste ich auch wieso. Da stand «mein» Mexikaner Juan-Pedro in voller Grösse und grinste mich an. Was für eine wunderschöne Überraschung, die beidseits mit Tränen, Grinsen, Umarmungen und Tanzen gefeiert wurde. Ich hatte die Mexikaner weiter oben am Berg vermutet und insgeheim gehofft, dass ich sie irgendwo in ihrem Aufstieg und meinem Abstieg treffen würde, damit ich ihnen nochmals viel Glück wünschen könnte. Jetzt, nach der riesigen Leistung von gestern – nach Rebekka – einen weiteren Freund anzutreffen, fühlte sich so etwas von perfekt an! Ich wollte mich fast nicht mehr von ihm lösen, aber die Zeit lief während dem wir uns austauschten und ich gab ihm noch eine letzte Viel Glück-Umarmung mit dem Versprechen, dass wir uns in Kathmandu sicher nochmals sehen werden. Das Wetter sah nicht ganz so perfekt aus, aber die Vorhersage war noch immer nicht stabil, so dass ich hoffte, dass auch sie ihre Chance auf den Gipfel bekommen würden.
Bis zum Lower Camp von Camp 2 war es nicht weit und dort wartete ich auf Gyalzen, um zu fragen, ob ich ein wenig voraus gehen dürfte. Das Western Cwm ist übersichtlich, und obwohl man über den Gletscher geht, ist die Route relativ sicher und das Wetter war sonnig und fast wolkenfrei. Ich bekam das Okay und so spazierte ich beinahe alleine durch das Tal der Stille. Es war einmal mehr wunderschön, die Atmosphäre unbeschreiblich. Man geht auf Schnee, hört keine Geräusche, ausser das Knirschen der Steigeisen im Schnee. Links und rechts ragen Fels- und Eiswände weit hoch in den Himmel und vor einem nur ein Seil, dem man folgen muss. Vor allem im oberen Teil kreuzte ich fast niemanden und ich konnte das Ganze noch einmal so richtig aufsaugen. Es fühlte sich gut an, von diesem Tal für immer Abschied zu nehmen, nachdem ich mich mehr als die Hälfte meines Lebens danach gesehnt hatte, hier sein zu können. Ich stoppte immer wieder, um zu schauen, ob Chirring und Gyalzen nachkommen, aber irgendwie sah ich die beiden nie. Da ich mich sicher fühlte auf dem Weg, beschloss ich, trotzdem langsam weiter zu gehen. Ich konnte mich nicht verirren und falls der unwahrscheinliche Fall eintreten würde, dass etwas passiert, würde es offensichtlich sein. Somit zwang ich mich weiter zu einem langsamen Tempo und wartete darauf, auch Regina noch in die Arme zu laufen. Zuerst sah ich aber eine andere mir bekannte Gruppe: Bianca und Paul waren für mich schon von weitem erkennbar, solch lange blonde Haare mit dem Helm gab es in dieser Saison nur einmal. Als ich sie erkannte, winkte ich und rief ein fröhliches Good morniiing in ihre Richtung. Lustigerweise antwortete nicht nur Bianca mit einem Winken, sondern auch die Person, die 15m davor auf dem Aufstieg war. Dies irritierte mich zwar ein bisschen, aber da ich so grosse Freude hatte, dass ich weitere Freunde auf meinem Abstieg traf, dachte ich mir nichts weiter dabei. Als ich dann auf Höhe der anderen Person war, stellte sich heraus, dass es Anja Blacha war, eine weitere Legende in meinen Augen, jedoch wahrscheinlich in der grossen Öffentlichkeit noch nicht so bekannt. Sie ist eine Deutsche Bergsteigerin, die 8000er alleine und ohne Sauerstoff besteigt. Ich habe sie schon am Manaslu verfolgt, da aber nicht persönlich getroffen, weil sie direkt weiter nach China flog, um auch noch den Cho Oyu zu besteigen. Sie sah ein wenig krank und sehr abgemagert aus und im Gespräch mit ihr bestätigte sie mir, dass sie sich in Kathmandu etwas eingefangen hatte. Sie war eine Woche zuvor auf dem Dhaulaghiri gestanden und der Körper streikte seit dem, was man ihr deutlich ansah. Es ist schwierig, in den Bergen Leute zu finden, die noch mehr Steckenbeine haben wie ich, aber in ihr habe ich ein anderes Extrem gefunden. Ich finde es bemerkenswert wie scheinbar einfach sie ihre 8000er besteigt und normalerweise ohne Sauerstoff. Wo ich aber bei ihr nicht ganz einverstanden bin, ist bei ihrer Deklaration, wie sie diese Berge besteigt. Sie schreibt jeweils, no 0, no sherpa support und da stimme ich ihr nicht ganz zu. Sie trägt auf den Expeditionen immer ihr gesamtes Material selber, was sehr viel Gewicht bedeutet und unglaubliche Stärke voraussetzt. Trotzdem nutzt sie die Fixseile, die die Sherpas jeweils montieren, deshalb finde ich nicht, dass sie keinen Sherpa-Support hat. Dies ist aber nur ein sehr kleines Detail am Rande und soll ihre bombastische Leistung auf keinen Fall schmälern. Nach ein paar Minuten Plaudern mit ihr waren Bianca und Paul auf gleicher Höhe und ich verabschiedete mich schnell von Anja. Zu jeder anderen Situation hätte ich mit ihr gerne stundenlang geplaudert, aber da waren meine Freunde, und ihnen wollte ich vor ihrem Aufstieg meine volle Aufmerksamkeit zuwenden. Paul sah noch immer ein wenig mitgenommen aus und auch er bestätigte meinen Eindruck. Zwar hatten sie ein paar Tage in Kathmandu zur Erholung verbracht, aber er hätte einige Tage mehr gebraucht, um wieder genug fit zu sein. Er meinte, dass er einfach so weit gehe, wie es für ihn richtig anfühlen würde und dann entweder in dem Camp bleiben, bis Bianca zurück käme, oder falls er höher wäre, wieder ins Camp 2 zurück steigen. Bianca fühlte sich fit, aber da die Wettervorhersage nicht so stabil war, auch nicht ganz 100% überzeugt, dass Sie den Gipfelsturm am geplanten Tag angehen könnte. Ich erzählte den beiden kurz wie mein Gipfeltag und der Abstieg war und warnte sie vor, dass am Yellow Band schon der erste Leichnam liegen würde. Ich hoffte, dass sie das nicht allzu sehr stresste, aber weil ich wusste, dass ich gerne eine Vorwarnung gehabt hätte, war ich überzeugt, dass sich diese Info nicht negativ auf sie auswirken würde. Bianca war so stark und bereit zu leiden. Wenn sie ihr Wetterfenster erhält, würde sie den Gipfel ganz sicher erreichen. Ich wünschte es ihr von ganzem Herzen, denn sie war von allen im Basecamp eine der am besten vorbereiteten Personen und auch in der mühsamen Wartezeit geduldig geblieben. Diese Fähigkeiten schon mit 17 Jahren zu besitzen, finde ich schlicht bewundernswert. Sie hatte es meiner Meinung nach so was von verdient, auf dem Gipfel des Everest zu stehen. Paul war der beste Support, den man sich vorstellen kann und auch falls er seinen Anstieg abbrechen müsste, wüsste Bianca, dass er maximal einen Tagesmarsch entfernt von ihr auf sie warten würde. Als ich Gyalzen immer näher kommen sah, und auch die Sherpas von Bianca und Paul langsam auf das Weitergehen drängelten, drückte ich beide nochmals ganz fest, machte ein Erinnerungsfoto und dann hiess es Abschied nehmen. Ich war überzeugt, dass wir uns das nächste Mal wenn wir uns sehen, zu unseren Gipfelerfolgen gratulieren könnten.
Mittlerweile war ich in der Nähe einer schmalen Eisbrücke angekommen und anders als 3 Tage zuvor, war die Eisbrücke nun noch schmaler geworden und sah nicht mehr ganz so vertrauenswürdig aus, wie auch schon. Da der einzige Weg über diese Brücke führte, klickte ich mich ohne zu zögern ein und schritt in grossen schnellen Schritten darüber. Es dauerte nur 6 Schritte und dann war ich wieder auf sicherem Schneeboden, aber sie fühlten sich nicht gut an. Ein Blick zurück zeigte, dass die Brücke noch immer dick genug war, aber ich war froh, dass ich nie mehr darüber gehen musste. Nun war ich nur noch 10 Minuten von Camp 1 entfernt und Gyalzen hatte mittlerweile fast bis zu mir aufgeschlossen. Seit ich Bianca und Paul getroffen hatte, kreuzte ich deutlich mehr Personen und die einzige Person, die ich noch nicht gekreuzt hatte, war Regina. Aber um die nächste Ecke stand dann auch sie endlich vor mir. Sie war deutlich langsamer unterwegs als Juan-Pedro und hatte auch nicht das übliche Grinsen im Gesicht als ich sie sah. Anscheinend hatte sie sich in den paar Tagen, die sie in Dingboche verbracht hatte, einen Käfer eingefangen, der ihre Verdauung völlig durcheinander gebracht hatte. Sie hatte seit 4 Tagen nicht mehr wirklich viel Essen können und das was sie gegessen hatte, wurde direkt verdaut und dünnflüssig ausgeschieden. Sie fühlte sich überhaupt nicht gut und sehr schwach. Trotzdem wollte sie ins Camp 2 gehen, damit sie dort einen Ruhetag einlegen und hoffentlich ein wenig zu Kräften kommen könnte. Sie hatte in den letzten Tagen einige Medis ausprobiert aber bis jetzt funktionierte noch nichts wirklich. So war sie natürlich langsamer, aber der Weg ins Camp 2 war zum Glück flach. Auch ihr wünschte ich nur das Beste und hoffte, dass sie in den nächsten Tagen auf ihren Körper hören würde und notfalls umdrehen würde. In diesem Zustand machte ein Versuch nicht wirklich Sinn, vor allem da sie ja schon bei der Akklimatisierung ein stetes aber mässiges Tempo an den Tag legte und heute nochmals deutlich langsamer unterwegs war. Die Lhotse Face war zwar nicht so lang, aber extrem steil und wenn man nicht bei Kräften ist, fühlt sich das sicher unendlich an. Nun war Gyalzen auf meiner Höhe und wir nahmen die letzten 10 Minuten gemeinsam unter die Füsse. In Camp 1 wollten sie mir eine Suppe zum Frühstück anbieten, aber ich passte dankbar. Ich hatte meine Riegel und eine Suppe, die ich nicht mal in der Schweiz runter bekommen würde, fühlte sich als ziemlich schlechte Idee an auf 6100m und um 8h morgens. Gyalzen hingegen schlürfte die Suppe genüsslich und genoss die heisse Mahlzeit. Von Chirring war weit und breit noch nichts zu sehen und so setzte ich mich und wartete einigermassen geduldig. Im Camp 1 war viel los für diese Zeit. Die grosse Männer-Gruppe der Indian Army sammelte sich gerade für den gemeinsamen Abmarsch ins Camp 2. Eine Kamera war dabei zum Filmen und unzählige Sherpas wuselten herum, um das Geschehen fimlisch festzuhalten. Es war eine imposante Gruppe, die sich langsam ihren Weg in das Western Cwm bahnte. Weit entfernt, ungefähr auf Höhe Eisbrücke konnten wir jetzt Chirring entdecken und nur 15 Minuten Wartezeit später marschierte auch er ins Camp 1. Er und Gyalzen waren sofort in eine Diskussion vertieft, aber erst als auch Chirring eine Schale Suppe in den Händen hielt, klärten sie mich auf, was los war. Weil beide sehr viele leere Sauerstoffflaschen und das übliche Material ins Basecamp tragen mussten, war es ihnen am Morgen sehr schwer gefallen, die Rucksäcke so zu packen, dass sie auch noch einigermassen bequem zu tragen waren. Anscheinend musste Chirring zwischen Camp 2 und 1 einige Male anhalten und seine Ladung wieder gerade rücken, weshalb er so viel hinter uns unterwegs war. Nun musste die Ladung von Chirring wieder neu gepackt werden, denn so konnte er unmöglich durch den Icefall klettern. Sie füllten alle 9!!! leere Sauerstoff-Flaschen in einen leeren Reissack und befestigten diesen dann aussen am mit dem restlichen Material gefüllten Rucksack. Die Befestigung passierte mit einer Art Nilon-Bast-Schnurr, die mit komplizierten Knoten in einem Netzsystem um den Rucksack und den Reissack gewickelt und danach mit einem einfachen Knoten befestigt wurde. Ein kurzer Test zeigte, dass die Schnurr nochmals ein wenig nachgezogen werden musste und dann waren wir endlich bereit, Mittlerweile war schon 8.30h und ich schon ein wenig in Panik, dass wir einen Teil des Icefalls in der Sonne hinter uns bringen müssten. Aber zuerst mussten wir wieder die 6 Schneewellen überwinden, die zwischen uns und dem Einstieg in den Icefall lagen. Ich fühlte mich nach der langen Pause im Camp 1 extrem erschöpft, obwohl ich in der Wartepause einen Schokoladen-Riegel gegessen hatte. Ich konnte die Beine fast nicht mehr heben und jede steile Stelle fühlte sich fast schon unüberwindbar an. Nach den ersten zwei Wellen stoppte ich, um mir einen Traubenzucker aus dem Rucksack zu holen und diesen im Mund zergehen zu lassen. Das war das einzige Mittel das mir gerade in den Sinn kam, denn auch wenn ich müde war, kam ein Heliflug ins Basislager für mich nicht in Frage. Der Traubenzucker wirkte nicht sofort und so machte ich halt 100x Pause in jeder steilen Passage und zählte wieder mal meine Schritte. Alle 10 Schritte gab es eine kleine Pause und Chirring der hinter mir ging fragte sich wahrscheinlich schon, weshalb ich plötzlich ständig anhalten wollte. Aber da er über 60kg auf dem Rücken hatte, war er wahrscheinlich auch immer wieder mal froh, 10s verschnaufen zu können. Als ich später im Basislager die Fotos durchging, merkte ich, dass wir für die 6 Wellen nur 15 Minuten gebraucht hatten. In dem Moment fühlte es sich aber sehr sehr viel länger an. Nun war es endlich, endlich soweit und wir stachen – leider erst um 8.45h – in den Icefall. Zu Beginn mussten wir bei der ersten Leiter auch noch fast 10 Minuten warten, weil so viele aus dem Basecamp auf dem Aufstieg waren. Zum Glück liess uns ein netter Sherpa zwischendrin durch, so dass wir nicht warten mussten, bis alle über 30 aufsteigenden Personen die Leiter überwunden hatten. Die Leitern lagen nun oft knapp an der Kante oder waren sehr instabil und bewegten sich. Der Spruch «Augen zu und durch» bekam so ganz neue Dimensionen…
Wir bewegten uns eigentlich ziemlich gut durch den Icefall, es war einfach unfassbar warm. Ich wusste, dass das Western Cwm ein Ofen ist wenn die Sonne scheint, aber dass dasselbe auch im Icefall zu spüren war, lernte ich nun ebenfalls. Da man im Icefall grundsätzlich windgeschützt ist, lässt die Sonne und ihre Stahlkraft einen so richtig spüren. Es dauerte nicht lange und ich musste schon das erste Mal stoppen, um zwei Schichten loszuwerden. Ich war nun nur noch mit einem Langarm-Merino unterwegs und konnte nichts mehr ausziehen. Langarm ist das A und O im Gletscher, denn falls man in eine Spalte fällt, hat man so zumindest noch eine dünne Schutzschicht bevor die Haut verletzt wird. Leider schwitze ich so auch wie blöd und meine Wasserflasche war schon halb leer. Wer hätte auch gedacht am Morgen, dass wir länger als 4h unterwegs sein würden. Ich lernte also auch noch auf dem allerletzten Teil des Abstiegs etwas dazu. Wir gingen nun in einer anderen Formation als die gewohnte: Gyalzen ging voraus in seinem eigenen Tempo, ich ging als Zweite und Chirring folgte mir. Da Gyalzen ein ziemliches Tempo drauf hatte, war er jeweils nach den Pausen schnell wieder ausser Sichtweite und da ich mich ganz alleine im Gletscher ziemlich alleine und ausgeliefert gefühlt hätte, ging ich immer in der Nähe von Chirring. Er litt sichtbar unter der schweren Last seines Rucksackes. Er war zwar jetzt ein wenig bequemer aber natürlich wog er noch immer über 60kg, was er extrem spürte nach den intensiven Wochen. Ich versuchte also ein Tempo zu wählen, das einigermassen zügig war, aber ohne ihn zu verlieren. Bei jeder Spalte wartete ich nach der Überquerung, bis er nachkam, damit ich ihm helfen könnte, falls der unwahrscheinliche Fall eintreten würde, dass er meine bescheidene Hilfe gebrauchen könnte.
Etwa eine Stunde nachdem wir in den Icefall eingestiegen waren, kamen wir an eine weitere Gletscherspalte, die es zu überqueren galt. Aus der Ferne sah sie aus wie jede andere, aber je näher wir kamen, desto breiter wurde sie. Als ich davor stand, fragte ich mich kurz, wer zum Henker ich eigentlich denke zu sein, dass ich da rüber springe. Bevor ich diesen Satz zu Ende gedacht hatte, nahm ich schon Anlauf und sprang so weit ich konnte. Ich wusste, wenn die Breite dieser Spalte in meinem Bewusstsein ankommen würde, würde ich diesen Sprung nie mehr wagen und fest stecken. Und ich hatte Recht. Sobald ich gelandet war, realisierte ich wie weit diese Spalte wirklich war. Wir sprechen hier von ungefähr 2m, wenn nicht sogar mehr. Und diese hatte ich gerade mit einem 20kg-Rucksack und schweren Bergstiefeln übersprungen. In real life natürlich keine grosse Sache, aber in dieser Situation war diese Spalte eigentlich unüberwindbar für mich. Ich hatte sie nur übersprungen, weil ich schneller war als mein Verstand reagieren konnte. Und nun stand ich auf der anderen Seite, und glotze in die Weiten dieser Spalte. Ich kann nur sagen, sie war seeeeeehr, seeeehr tief und breit. Und das Seil, in dem man sich einhängen musste, hing mehr als durch. Das realisierte ich aber zum Glück auch erst nach meinem Sprung. Chirring machte sich nun bereit zu springen, aber sein Verstand war meinem etwas Voraus, denn er konnte sich nun nicht mehr überwinden. Er stand zwar an der Kante und war bereit zu springen, aber irgendwas in seinem Kopf sagte nein. Und ich verstand das zu 100% Nun waren wir aber ein wenig geliefert, denn er konnte weder mit noch ohne Rucksack springen und ich hütete mich davor, den Sprung nochmals zu machen. Im Basislager hatte mir in den letzten Wochen jemand mal erzählt, dass die Sherpas, wenn ihr Rucksack zu schwer ist, diesen an das Seil hängen und dann daran über die Spalte gondeln. Dieser Fact kam mir nun in den Sinn und ich fragte Chirring, ob das eine Option wäre. Da wir keine andere Option hatten, war Chirring ziemlich schnell einverstanden. Zuerst löste er das Seil ganz, damit er es verlängern konnte und fixierte es danach wieder gut am Haken. Dann hängte er seinen Rucksack ans Seil, fragte, ob ich bereit sei und als ich das Okay gab, ging es los: Ich zog auf meiner Seite am Seil und der Rucksack rutschte langsam Richtung Kante. Als er diese erreichte, warnte mich Chirring vor, dass die Last gleich ungleich schwerer würde und das wurde sie auch. Ich hängte mich mit dem ganzen Körpergewicht ins Seil, aber ausser, dass ich verhinderte, dass der Rucksack in der Spalte verschwand, passierte rein gar nichts. Ich konnte ihn mit der übrig gebliebenen Energie keinen cm mehr bewegen. Und so standen wir nun da. Ich auf der einen und Chirring auf der anderen Seite der Spalte und der Rucksack am Seil in der Mitte der Spalte hängend. Weder er noch ich konnten diese riesige Last in eine Richtung bewegen und das einzige, was uns blieb, war abwechselnd zu ziehen wie die Blöden. An der Situation änderte sich jedoch nichts. So standen wir etwas 5 Minuten da und ich fragte mich schon, wie wir aus dieser Situation wieder raus kämen. Da erblickte ich ein kleines Wunder in Form einer 3-er-Gruppe, die gerade auf Chirrings Seite um die Ecke kam. Sie brauchten keine Sekunde um zu merken, was da abging und hechteten schon fast auf Chirring zu, um den Rucksack wieder hochzuziehen. Ich war ziemlich erleichtert, dass sowohl die Ausrüstung, wie auch Chirring und ich safe waren. Nun war bei mir auch so wirklich angekommen, wie schwer dieser Rucksack war. Ohne Rucksack war der Sprung nun für Chirring ein Kinderspiel – ich bezweifle dass das bei mir auch so gewesen wäre – und nun waren die Kräfteverhältnisse deutlich besser: Chirring und ich auf der einen Seite der Spalte und die 3 Retter auf der anderen. Wir versuchten das Gondelspiel ein zweites Mal und nun funktionierte es ziemlich gut. Keine Ahnung wie Gyalzen for uns dieses Hindernis überwunden hatte. Ich schaute extra nochmals in die Spalte, nur für alle Fälle, falls da nicht noch jemand in der Tiefe liegt. Ein lustiger Gedanke, wenn man bedenkt, dass man weder den Boden der Spalte noch irgendwelche Objekte darin sehen konnte weil sie so tief und dunkel war. Mit ein wenig zitternden Beinen schulterte ich wieder den Rucksack und blieb nun noch näher bei Chirring während dem Abstieg. Das Icefall-Labyrinth forderte nochmals alle mentale Stärke die noch übrig war, denn ich hatte die ständige Gefahr extrem satt und dass ich in der Sonne schwitzend in diesem Eiskanal herumstiefelte passte mir überhaupt nicht. Kurze Zeit später kamen wir schon zum nächsten Piece de la resistance. Dieses Mal war über der Spalte eine Leiter, aber diese war so wackelig und knapp an der Kante, dass die Gruppe vor uns – die Japaner, die uns in der Zwischenzeit überholt hatte – ziemlich ratlos davor stand und sich fragte, wie sie diese sicher überqueren könnten. Einer der drei fasste sich beim Anblick von uns seinen ganzen Mut und ging sehr langsam, aber gleichzeitig zügig auf allen Vieren über die Leiter. Diese bewegte sich extrem hin und her und es war augenscheinlich, dass blosses Rübergehen in senkrechter Lage keine gute Idee wäre. Nun versuchte er auf der anderen Seite, mit Schneeverschiebungen eine stabilere Lage hinzubekommen, das eher schlecht als recht gelang. Der zweite musste sich ebenfalls überwinden, es half aber schon zu wissen, dass auf der anderen Seite jemand auf der Leiter steht, um sie ein wenig zu stabilisieren. Der dritte und letzte war wahrscheinlich ein ähnlicher Feigling wie ich, denn er zögerte lange, und brauchte einiges an Zurufen, bis auch er sich auf machte, die Leiter zu überqueren. Alle drei warteten auf der anderen Seite, bis auch ich meinen Versuch wagte. Ich kraxelte also auch auf allen Vieren und mit klopfendem Herzen über diese Spalte. Ich war einerseits froh, dass ich nicht wieder springen musste, aber andererseits wusste ich, dass nicht mehr viele Spalten zu überwinden wären und ich wollte nicht in die letzte Spalte der Route fallen. So setzte ich meine Hände und Füsse sorgfältig auf die Leiter und versuchte einmal mehr NICHT runter zu schauen. Wo die Kraft dies nicht zu tun in diesem Moment herkam, weiss ich nicht, aber als ich die andere Seite erreicht hatte, war ich unendlich froh. Nun galt es auch noch für Chirring die Leiter zu halten und es muss für ihn ein guter Anblick gewesen sein: Vier Personen hielten wortwörtlich mit Hand und Fuss die Leiter fest, so dass er aufrecht und fast ohne Wackler darüber gehen konnte. Die Erleichterung war ihm danach noch deutlicher ins Gesicht geschrieben wie bei der Spalte kurz zuvor. Die Hälfte hatten wir nun knapp hinter uns und der zweite Teil sollte eigentlich ein bisschen angenehmer zum Gehen sein. Nun folgte die ominöse und in den Sozialen Medien bekannt gewordene Doppelleiter. 4 Aluleitern aneinander gebunden standen senkrecht an einer Gletscherspalte. Ich ging einmal mehr voraus und Chirring folgte. Ich benutze jeweils mit dem linken Fuss die linke Leiter und mit dem rechten Fuss die rechte, um nicht eine Leiter übermässig zu belasten. Chirring meinte, dass es mit seiner Last besser wäre, wenn er nur eine Leiter benutzte und so stand ich unten und sah zu, wie er sich auf der Leiter herunter mühte. Die Leiter verbog sich unter seiner Last extrem und ich war mir nicht ganz sicher, ob die diversen Seile, die die Leiter an Ort und Stelle halten sollten, auch wirklich ihren Dienst leisteten. Ein weiteres Hindernis war nun überwunden und das Basecamp in der Ferne schon erkennbar. So nah das Ziel auch schien, so weit entfernt war es trotzdem noch und die Müdigkeit nahm nun gefühlt exponentiell zu. Ich trank den zweitletzten Schluck aus meiner Flasche, obwohl ich eigentlich einen riesigen Durst hatte. Aber einen Notfallschluck behalte ich auf all meinen Touren in der Flasche, man weiss nie, was noch alles kommt.
Auf dem letzten Teil des Icefalls warteten noch drei Abseilstellen auf uns. Gyalzen hatte jeweils bei seinen Pausen auf uns gewartet, so dass wir uns alle 15 Minuten sammelten und austauschten, ob noch alles in Ordnung war. Er und Chirring sprachen oft Nepalesisch und ich gehe davon aus, dass es dabei meist um das Gepäck geht, das viel zu schwer und unförmig auf beiden Rücken lag. Aber auch sie sahen den Fortschritt und ich denke, dass sie es – wie ich – kaum erwarten konnten, endlich wieder im Basecamp zu sein. Als wir um eine der vielen Seracs gingen, trafen wir auf ein extrem langsames Paar, einen älteren Westler mit seinem Nepali Guide. Der Westler sah sehr erschöpft aus und war wahrscheinlich nicht mehr so ganz bei der Sache. Der Sherpa kontrollierte darum jeden seiner Schritte und Handlungen mit dem Seil sehr genau, was zum langsamen Vorankommen noch dazu kam. Ich fragte mich, wie lange die zwei schon unterwegs waren und ob sie in Camp 2 überhaupt eine Pause eingelegt hatten oder nicht. Aber ich war überzeugt, dass sie – trotz Schneckentempo – irgendwann wieder heil im Basecamp ankommen würden, denn der Sherpa arbeitete noch immer sehr gewissenhaft und schien sehr geduldig.
Nach einer der vielen kleinen Pausen seilte sich Gyalzen die zweite Abseilstelle ab und ging weiter. Ich hängte mich ebenfalls ein, kontrollierte wie immer zweimal, ob alles richtig eingehängt ist und seilte mich ab. Chirring folgte als nächstes und brauchte ein wenig länger zum Einhängen. Ich ging schon voraus und drehte mich gerade um, um zu schauen, wie die Abseilstelle von unten aussieht, als ich einen Schrei hörte und Chirringsbeine in die Luft gestreckt runterfallen sah. Sofort rief ich Gyalzen, wir warfen unsere Rucksäck auf den Boden und eilten zurück. Chirring lang auf dem Rücken auf seinem Rucksack und rappelte sich gerade auf. Wir versuchten zu verstehen, was gerade passiert war und hasteten zu Chirring um zu schauen ob er okay ist. Offensichtlich hatte sich der Anker oberhalb der Abseilstelle gelöst als Chirring 5 der 10m abgeseilt war. Zum riesigen Glück war Chirring mit seinem Körper auf seinem Rucksack gelandet, der von den Schlafsäcken und Daunenanzügen gut gepolstert war. Sein linker Arm war aufgeschürft und einige Sauerstoffflaschen hingen auf der Seite des Rucksackes raus. Zudem klagte er über ein wenig Schmerzen im unteren Rippenbereich. Ich denke, dass er sich eine starke Rippenprellung geholt hat, aber da er im Icefall keine Hilfe erwarten konnte, hatten wir alle keine Wahl, als uns kurz zu schütteln und weiter abzusteigen. Zuerst mussten die zwei den Rucksack wieder so beladen, dass er wieder tragbar war. Ich ass währenddem nochmals einen Schokoladenriegel, denn ich konnte leider nicht helfen. Ich versuchte alle Gedanken, was hätte passieren können einmal mehr zu ignorieren und auch nicht zu verzweifeln ob der langen Zeit, die wir für den Abstieg aus Camp 1 schon gebraucht hatten und noch immer brauchen würden. Ich wollte einfach nur noch ins Basislager, dort eine Cola trinken und dann eine Nacht schlafen, bevor ich mich auf die Wanderung nach Lukla machte. Nun war die Sonne schon seit 2h im Icefall und wir hätten schon laaaaange nicht mehr hier sein sollen. Die vielen Pausen nervten mich noch mehr und mein Kopf war nun noch gefüllt mit einem einzigen Gedanken: Hoffentlich kommen wir hier alle drei wieder heil raus. Wir waren alle sehr erschöpft und mein Rucksack drückte mir so dermassen auf die Schultern, dass ich mittlerweile nicht mehr wusste, wie ich ihn tragen sollte. Natürlich hielt ich darüber meinen Mund, denn im Vergleich zu dem was meine zwei Helden trugen, war mein Rucksack leicht wie eine Feder. Gegen Ende des Icefalls kommt eine Traverse, so gross wie ein Fussballfeld, ab da ist die Strecke ein bisschen weniger gefährlich, da sich dort nicht mehr so grosse Seracs über die Route türmen. Ich durfte ab da in meinem eigenen Tempo meinen beiden Sherpas voraus gehen und da ich das sehr schätzte, gab ich mir nochmals extra Mühe, alles doppelt zu kontrollieren, was ich am Seil machte. Mein Mantra änderte sich nun ein bisschen, denn nun fühlte es sich extrem dumm an, falls noch etwas passieren würde, weil ich müde war. Und meine Erschöpfung war noch meilenweit davon entfernt, mich nicht mehr denken oder falsch handeln zu lassen. So ging ich in gemässigtem Tempo weiter und versuchte nochmals alle Eindrücke des Icefalls aufzusaugen. Bei der letzten Abseilstelle im Eis wartete ich ein paar Minuten, für den Fall dass Chirring und Gyalzen bald auftauchen würden, aber da das nicht der Fall war, seilte ich mich in aller Ruhe ab und setzte mich unten in flacherem Gelände auf einen Stein in den Schatten. Hier hatten wir vor ein paar Tagen beim Aufstieg die vielen Chinesen überholt, als sie sich ihre Steigeisen so spät überzogen haben. Nun trank ich meine letzten Schlucke Wasser, ass ein bisschen was von einem Schokoladenriegel und wartete sicher 10 Minuten. Nach meiner Meinung konnten wir hier die Steigeisen ausziehen, denn auf dem Rest der Route wartete sicher keine steile Stelle mehr mit Eis, die Sonne war dafür viel zu stark und wir viel zu spät am Tag unterwegs. Als die beiden ankamen, machten auch sie eine längere, wohlverdiente Pause, tranken etwas, genossen ein paar Minuten ohne Rucksack auf dem Rücken und gaben mir Recht, dass wir die Steigeisen ausziehen können. Mit Steigeisen auf Fels zu gehen, ist meist ebenso tricky, wie ohne Steigeisen auf Eis zu gehen. Wir kannten die Strecke und wussten, dass nur ganz am Schluss noch ein paar Meter Schnee und Eis zu überwinden waren und dafür könnten wir im Notfall auch nochmals die Steigeisen montieren. Zuerst fühlte es sich komisch an, plötzlich ohne Steigeisen unterwegs zu sein, vor allem mit den grossen Stiefeln. Ich tapste zu Beginn mehr herum, als dass ich richtige Schritte machte und musste mich zuerst wieder ein wenig eingrooven. Das Gelände war nun eher flacher, über grosse Steine und kleine Felsbrocken querfeldein dem Seil entlang im Staub. Der Wasserfall, der beim Aufstieg in gefrorener Form das grosse Hindernis für die Chinesen war, war nun ein sehr lebendiger ca.50cm breiter Wasserfall. Das Seil führte mitten durch, war entsprechend durchgetränkt und nicht ganz angenehm zum benutzen. Das Seilende lag natürlich ebenfalls im Wasser und Dreck, so dass ich beschloss, mich schon einen Meter vorher auszuhängen und mit einigermassen sauberen Händen weiterzugehen. Auf der Route war nun fast niemand mehr unterwegs, von unten kam uns sowieso niemand entgegen und obwohl heute ja alle, die auf dem Gipfel waren, theoretisch ebenfalls den Abstieg hinter sich bringen müssten, waren wir einsam auf weiter Flur. Ich nehme an, dass viele entweder in Camp 4, oder in Camp 3 eine Nacht verbracht haben und einen Tag hinter uns den Abstieg wagen würden. Ich war ganz froh darüber, dass ich mir nicht noch über andere Gedanken machen musste und mich voll und ganz auf uns konzentrieren konnte. Da mir Chirring und Gyalzen das Okay gegeben haben, erst wieder beim Crampon Point auf sie zu warten, war ich wirklich alleine in dem Fels-Eis-Labyrinth und konnte mich so in Ruhe davon verabschieden. Die allerletzten Meter vor dem Punkt waren wieder mit Eis bedeckt und weil ich zu faul war, meinen Rucksack von den Schultern zu nehmen, um an die Steigeisen zu kommen, musste ich mir nochmals richtig Mühe geben, keinen Fehler zu machen. Zum Glück hatte ich noch immer brauchbare Beine und mich in den letzten 20 Minuten an die Stiefelsohlen gewöhnt. So konnte ich auch diese 30m ohne Probleme überwinden und mich die letzten 2m im steilen Eis am Seil hochhieven und auf der anderen Seite hinunter sliden.
Nun war ich das erste Mal seit dem Beginn der Gipfelrotiation an einem Punkt, wo ich mir einen klitzkleinen Gedanken in Form von «du hast es geschafft» gönnte. Der Icefall war endlich, endlich überwunden und das Damoklesschwert der unbeeinflussbaren Gefahren das ständig über uns schwebte ein bisschen weiter weg gerückt. Es konnte natürlich noch immer irgendetwas passieren, aber das Risiko dafür war deutlich gesunken. Ich versuchte auch ein erstes Mal zu realisieren, dass ich gestern tatsächlich auf dem Gipfel des Mount Everest gestanden war, aber irgendwie gelang mir das nicht wirklich. Der Drang, in die gefühlt totale Sicherheit zurück zu gehen, war noch immer grösser. Ich war einfach froh, endlich aus dem Icefall draussen zu sein und «nur noch» knapp eine halbe Stunde zum Basecamp zu gehen. Zudem wollte ich mittlerweile auch – weil die Gefahr deutlich weniger gross war – meiner Familie Bescheid geben, dass ich wieder zurück bin und alles gut gelaufen war. Zuerst musste ich aber auf Chirring und Gyalzen warten, denn auch sie waren sicher froh, wieder dem Icefall entrungen zu sein. Leider warteten beim Crampon Pint einige Sherpas auf andere Westler und offensichtlich konnten sie diese Wartezeit nicht ohne Zigaretten verbringen. Der erste Geruch, den ich also in meiner Sicherheit in die Nase bekam, war der von Zigarettenrauch. Ich versuchte leider erfolglos, mich nicht zu nerven und wollte gerade etwas sagen, als Chirrings Kopf hinter der Eiskante hervorlugte. Ich hiess ihn mit einem Winken willkommen und ging die paar Meter zur Eisflanke, um ihn mit einer Umarmung zu empfangen. Direkt hinter ihm stand auch schon Gyalzen mit dem gleichen Grinsen voller Erleichterung, wie ich und Chirring. Wir suchten uns drei flache Steine, um nochmals eine längere Pause zu machen und in der Zwischenzeit hatten sich zum Glück die Raucher auch wieder verzogen, so dass im wahrsten Sinne die Luft rein war. Meine Schultern dankten mir die Rucksackfreien Minuten und ich nutzte die Pause auch, um wieder mal meine Blase zu leeren. Schliesslich wollte ich am Schluss nicht rennen müssen, weil ich pinkeln muss. Ein letztes Mal fragte ich um Erlaubnis, ob ich in meinem Tempo zum Basecamp gehen durfte und da offensichtlich vertrauten mir die zwei so stark, dass sie nur mit wenig Zögern ja sagten. Ich sagte ihnen extra noch, dass ich versuchen würde, ohne Pause zurück zu gehen und sie waren auch damit einverstanden. So lange ich immer extra genau dem Weg folgen würde und keine dummen Risiken eingehen würde, waren sie mit meinem Alleingang einverstanden. Ich solle aber im Camp bei meinem Zelt oder dem Esszelt bleiben, damit sie gleich sehen, dass ich angekommen bin, wenn sie ankommen.
Also schulterte ich ein letztes Mal den mittlerweile unerträglich schweren Rucksack und machte mich auf die letzten Kilometer dieser erfolgreichen Gipfelrotation. Ich wollte einfach nur noch ankommen und die ersten paar Minuten kam ich auch gut voran. Leider wurde es dann immer wie schwieriger, den Weg zu finden. Ich hatte fast schon ein Deja-Vu von gestern, als ich mehr schlecht als Recht den Weg ins Camp 2 suchte. Ich sah zwar vereinzelte Sohlenabdrücke, aber da das Eis überall am Schmelzen ist, war der Weg alles andere als erkennbar. Zum Glück hatten die Icefall-Doktoren ein paar orange Pfosten am Routenrand in den Schnee gesteckt, so dass man diese von weitem sehen konnte und die ungefähre Richtung der Route kennt. Ich kam an unglaublich vielen kleinen und grossen Wasserfällen oder Flüsschen vorbei, die in der Nacht jeweils gefroren sind. So musste ich auch immer wieder kleinere Umwege gehen, wenn ich nicht noch mit nassen Flossen ankommen wollte. Ich kannte eigentlich die allgemeine Richtung. Aber es sah jetzt alles so anders aus, dass ich nicht immer sicher war, ob ich nicht doch unrecht hatte. Ich war mir auch nicht sicher, ob meine Orientierung ein wenig unter der Müdigkeit litt und ich wollte den Rucksack ehrlicherweise auch keinen Meter mehr weiter tragen. Aber so kurz vor dem Ende ist es ja immer am Schwersten, sich zusammen zu reissen und es gelang mir auch nicht mehr so gut, wie auch schon, diesen Fakt zu ignorieren. Ich machte weiter Fortschritt und kam nun an eine spannende Stelle: Ein 2m breiter Fluss, dahinter eine 1.5m Eiswand und darin ein oranger Pfosten. Offensichtlich führte die Route also durch den Fluss, der in der Nacht sicher eine gefrorene Fläche ist. Ich schaute Fluss auf- und abwärts, sah aber leider keine Stelle, die einfach zu überqueren wäre, als die an der ich gerade stand. Ziemlich in der Mitte des Flusses lag ein Stein, der aber nicht so stabil aussah. Das war mir in diesem Moment ziemlich egal und auch, ob ich jetzt noch nasse Füsse bekam oder nicht. Also sprang ich auf den Stein und wider Erwarten, bewegte sich dieser erst, als ich schon den nächsten Schritt ans andere Ufer machte. Ich hatte es tatsächlich geschafft, trockenen Fusses auf die andere Seite zu kommen, obwohl ich mir nicht mal Mühe gegeben hatte. Das nenne ich das Glück der Tüchtigen oder wohl eher das Glück der Müden 😉 Bei der Eiswand sah ich leider kein Seil, so dass ich mich mehr oder weniger sicher an den Kanten hochhievte. Die Hoffnung, dass die Stiefel in den kleinen Absätzchen, die sich mit Steinen gefüllt hatten, halten, erfüllte sich zum Glück. Sonst wäre ich wie ein Käfer auf dem Rücken im Wasser gelandet. Ich hatte aber zum Glück noch genug Kraft in meinen Armen, um mich und meine Last zu halten und sogar hochzuziehen. Oben angekommen, blickte ich zurück, ob ich vielleicht bei meiner eher unbeholfenen Aktion von Chirring oder Gyalzen beobachtet wurde. Aber ich sah sie nirgends, da die Route von einer anderen Eiswand grösstenteils verdeckt wurde. Auch sonst war weit und breit niemand zu sehen und einen kurzen Moment zweifelte ich, ob ich noch auf der richtigen Route unterwegs war. Aber der orange Stock gleich neben mir war keine Halluzination, obwohl ich mittlerweile schon sehr müde Augen hatte. Ich blickte auf die andere Seite, in Richtung Base Camp, und entdeckte dort noch 2 weitere Stöcke, so dass ich 100% sicher sein konnte, dass ich richtig war. Das Basecamp schien nun auch nur noch ein paar Minuten entfernt zu sein, obwohl ich wusste, dass das nicht ganz so akkurat ist. Nach ein paar Metern kam nochmals eine kleine Eisflanke. Das war der Ort, an dem wir bei unserem allerersten Gang in den Icefall wieder umgekehrt waren. Immerhin war das installierte Seil noch immer dort und einigermassen brauchbar. Das sah ich, weil sich gerade 2 Sherpas in Turnschuhen daran herunter hangelten. Ich wartete und fragte mich zum hundersten Mal, wie lange es wohl noch dauern mag, bis ich meinen Rucksack endlich ablegen kann. Die beiden grüssten mich freundlich und überliessen das Seil mir. Ohne Steigeisen was das Ganze irgendwie gar nicht mal so einfach zu überwinden und kurz überlegte ich ob ich sie dafür nochmals montieren sollte. Aber die Faulheit obsiegte ein weiteres Mal und so konnte man einer tapsigen Westlerin ein weiteres Mal zuschauen, wie sie sich die letzten 2 Steileismeter hochkämpfte. Ich rutschte zwar 2-3 Mal aus, aber das Seil gab mir jedes Mal Halt, so dass ich am Ende auf allen vieren, ausser Atem und einem Lächeln im Gesicht oben ankam. Nun war auch das allerletzte Hindernis überwunden und dir Route klar erkennbar. Zudem war ich diesen Weg schon ein paar Mal gegangen, so dass ich wusste, wo man problemlos durchkommt. Es waren jetzt viel mehr Steine auf dem Gletscher und viel weniger Eis und nur noch knapp 200m trennten mich von der Basis des Camps. Die Füsse brennen nun schon seit kurz nach dem Crampon Point bei jedem Schritt. Jeder, der schon mal eine Wanderung gemacht hat und auf dem Weg zurück in die Zivilisation noch einige Teer-Kilometer gehen musste, kennt genau diese Art von Brennen. Die Fussballen fühlen sich an, wie wenn sie in Flammen stehen würden und man hat das Gefühl, der ganze Vorderfuss ist voller Blasen. Man will eigentlich gar nicht mehr den Fuss auf den Boden aufstellen und hat Angst, dass die imaginären Blasen sich bei jedem Schritt vergrössern. Dazu die Rucksackträger, die in die Schultern einschneiden und jeden Muskel, den sie berühren zu Stahlsträngen verwandeln. Jeder Versuch, mit den Fingern ein wenig Luft zwischen Träger und Muskeln zu bringen, ist nur für wenige Sekunden erfolgreich. Auch das Bewegen der Träger zur Aussenseite der Schultern gibt nur kurzzeitige Erlösung. Es ist lustig, dass immer so kurz vor dem Ziel die Schmerzen unaushaltbar werden, obwohl man sie zuvor schon für Stunden ohne Probleme ertragen kann. In dem Moment als ich auf die letzten 200m stapfte, fühlte sich der Boden wie «der Boden ist Lava» an. Aber so kurz vor dem Ziel lasse ich mich jetzt nicht davon herunterziehen und mache sogar noch ein paar Zusatzmeter, um zu sehen, ob mein mit Steinen gelegtes Einhorn von vor ein paar Tagen noch sichtbar ist. Und siehe da, es sieht aus, als ob ich es erst gestern gestaltet hätten. Nur das Horn lag ein wenig schief und war schnell wieder gerichtet. So konnte ich die letzten Schritte auf dem Gletscherfeld sogar noch mit einem Grinsen beschreiten. Am Ende der Fläche musste ich noch ein letztes Mal einen kleinen Schmelzwasser-Bach überqueren. Da ich das auch schon unzählige Male gemacht hatte in der gesamten Zeit im Basecamp, wusste ich genau, welche Steine stabil sind und welche nicht, und so dauerte die Überquerung nur 2 kleine Sprünge über grosse, flache Steine. Nun hatte ich also die vielen Wasserfälle, Schmelzflüsse und Steinfelder hinter mich gebracht und wusste nicht so richtig, was ich jetzt machen sollte. 10m über mir, eine steile Geröllhalde dazwischen, lag unser Basislager. Eigentlich wollte ich hier auf Chirring und Gyalzen warten und mit ihnen gemeinsam den letzten Anstieg bewältigen. Aber sie waren auf der Fläche nirgends zu sehen und es fühlte sich komisch an, so kurz vor dem Ziel alleine auf dem Stein zu sitzen. Andererseits waren wir gemeinsam losgegangen und sollten auch wieder gemeinsam ankommen. Der Schmerz in Füssen und Schultern nahm mir die Entscheidung ab und so machte ich mich auf, die Geröllhalde zu überwinden, nachdem ich ein paar Minuten auf dem Stein gesessen war. Lustigerweise brachte mich das etwa ähnlich ausser Atem, wie die Akklimatisierung in der Lhotseface 2000m weiter oben aber wen kümmerte das jetzt noch? 😊 Die Treppe vom WC zu den Zelten war irgendwie in der Zwischenzeit ein wenig ausser Form geraten. Gerade Stufen waren keine mehr vorhanden und es sah so aus, als ob die Toilette nicht mehr oft benutzt wurde. Als ich am oberen Ende der Treppe angekommen war, stand ich direkt vor Juan-Pedros Zelt und sein «Vorgarten» war noch mehr weg gebrochen und nicht einmal mehr halb so gross wie zu Beginn. Der Kunstrasen, der vor den Zelten ausgelegt war, war ebenso verschwunden, wie das chaotische Gewusel, das vor meinem Aufbruch überall im Camp herrschte. Als ich bei meinem Zelt ankam, musste ich lachen, denn auf der anderen Seite hatten sie schon 3 Zelte abgebrochen, und ich hätte nun eine super Aussicht direkt von meinem Zelt auf den Khumbu Icefall. Ich stoppte hier aber noch nicht, sondern ging weiter durch das Camp zum Puja-Schrein, um mich zu bedanken, dass ich eine so erfolgreiche und ereignisarme Gipfelbesteigung erleben durfte. Natürlich übermannten mich nun meine Gefühle ein wenig, denn das Gefühl der Sicherheit, das ich die letzten Tage sehnlichst erwartet hatte, konnte nun endlich ein wenig Platz bekommen. Ich hatte es tatsächlich und wahrhaftig geschafft, den Gipfel des Mount Everests zu besteigen und heil wieder herunter zu kommen. Ich hatte nicht wirklich gelitten, fühlte mich nie extrem erschöpft oder überfordert und konnte es grösstenteils sogar geniessen. Ich hatte alles bekommen, was ich mir erhofft hatte, ausser dass ich die Schlangen am Berg miterleben musste. Aber das auch noch zu erwarten, fühlt sich ziemlich überheblich an. Ich gab meinen Tränen Raum und umrundete die Puja einmal, bedankte mich in Gedanken tausend Mal und bat, dass auch Chirring und Gyalzen in ein paar Minuten glücklich und zufrieden ankommen würden. Danach machte ich mich auf zum Esszelt, um etwas zu trinken. Dieses war aber absolut leer und der halbe Boden schon entfernt. Das verwirrte mich ziemlich, da ich für einen kurzen Moment nicht wusste, wo ich anstelle des Esszeltes hinsollte. Ich drehte mich um und hörte etwas aus dem VIP-Zelt. Kurz entschlossen ging ich halt da rein und sah Alfredo und Ben darin, die mich verdutzt ansahen. Sie gratulierten mir herzlich zum Gipfel und als ich Alfredo fragte, ob er von mir ein Foto machen würde, damit ich einen Vorher-Nachher-Vergleich hätte, zögerte er keine Sekunde und folgte mir nach draussen für das finale Rückkehrfoto. Erst danach ging es wieder zurück zu meinem Zelt, wo ich endlich meinen Rucksack ablegen konnte. Irgendwann in meiner Abwesenheit musste jemand mal in mein Zelt gegangen sein, denn es war nicht mehr so verschlossen, wie ich es hinterlassen hatte. Aber da nur die Steckleiste fehlte, gehe ich davon aus, dass das im Rahmen ihrer Aufräumarbeiten passiert war.
Montag, 19.Mai - Basecamp
Nachdem ich den Rucksack im Zelt deponiert hatte, war es endlich an der Zeit, die Stiefel loszuwerden. Mir graute ein wenig vom Anblick meiner Füsse, da der Schmerz in den letzten Minuten unerträglich geworden war. Aber da ich keinen Meter mehr mit den Stiefeln gehen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als das Ganze hinter mich zu bringen. Ich setzte mich in meinen Zelteingang auf die Stufen und öffnete den Reissverschluss des rechten Stiefels. Die Schuhbändel des ersten Innenstiefels waren schon lose und mussten nur noch ein wenig gelockert werden. Der nächste Schritt wäre nun, den Fuss mit dem zweiten Innenschuh herauszuziehen, aber irgendwie bekam ich das nicht so hin. Ich zog und zerrte an meinem Bein, doch es bewegte sich rein gar nichts. Ich musste also wieder aufstehen und mit der Stiefelspitze des linken Fusses die Ferse zu arretieren. Jeder, der schon mal versucht hat, nach ein paar Stunden seine Cowboystiefel auszuziehen, kann sich ungefähr in meine Lage versetzen. Gerade als sich in der rechten Wade ein Krampf anzubahnen schien, löste sich der Innenschuh endlich und ich konnte den Fuss vom Stiefel befreien. Nun musste ich einen weiteren Reissverschluss öffnen, der ein wenig streikte, aber nach ein paar Sekunden auch nachgab und mein Fuss war – bis auf die Socken – vom Stiefel befreit. Die Socken zog ich ohne Probleme aus und ach wie schön war es, endlich wieder ein wenig frische, kühle Luft an den Zehen zu spüren. Der Fuss sah gar nicht mal so schlimm aus, ein wenig weiss und käsig im Geruch, aber sonst absolut heil. Nun folgte das ganze Prozedere nochmals mit dem linken Fuss. Weil ich nun keine Stiefelspitze mehr zur Arretierung benutzen konnte, dauerte es nochmals fast eine Minute länger, bis ich den Innenschuh vom Aussenteil befreien konnte. Der Krampf war da schon aktiviert und löste sich aber zum Glück gleich wieder, als der Fuss draussen war. Die Schuhbändel war aber auch auf dieser Seite schon lose, was ich zum Glück beim Durchkämpfen des Icefalls nicht bemerkt hatte. Auch hier befreite ich den Fuss vom Innenschuh und der Socke und genoss die kühle Luft an den Zehen. Damit mir alle glaubten, dass ich keine Erfrierungen an den Zehen habe, machte ich zur Sicherheit noch ein Beweisfoto meiner 10 Zehen und Finger. Darauf sieht man auch das Tape, das ich vor der Gipfelrotation am Bein und den Zehen montiert hatte, damit ich die Druckstellen der Stiefel nicht spürte. Es hielt fast die ganze Dauer des Aufstiegs. Ich musste es nur einmal nachtapen, damit ich mich nicht plötzlich mitten in der Lhotseface darum kümmern müsste.
Da ich auch noch meine Thermo-Hose unter meinen Bergsteigerhosen trug - und darum die ganze Zeit im Icefall so schwitzte - war es auch noch an der Zeit, einen kleinen Striptease hinzulegen. Ich befreite meine Beine von den zwei Schichten und zog die schon vor dem Aufstieg bereit gelegten Wanderhosen über. Nun war ich bereit, meine wohlverdiente kalte Coca Cola zu trinken, zu schauen, ob ich ein bisschen Popcorn bekommen könnte und meine Liebsten über meine Rückkehr zu informieren. Ich ging ob des ungewohnten rucksackfreien Rückens leichten Schrittes zum Esszelt, wo Dipen schon auf mich wartete. Aber nicht wegen den Popcorn, sondern weil der Porter, den Phunuru für uns bestellt hatte schon seit einer halben Stunde da war und auf seine Ladung wartete. Ich hatte um 12.52h mein Ankunkftsfoto geschossen und seither waren knapp 10 Minuten vergangen. Gemäss den Infos, die Gyalzen im Icefall hatte, war der Porter erst auf 14h geplant worden. Also bat ich Dipen, ihm auszurichten, dass ich jetzt erst mal was essen und trinken, dann kurz mit der Schweiz Kontakt aufnehmen wollte, und mich dann erst um das Packen kümmern würde. Um 14h, so dachte ich, sollte das Gepäck bereit sein. Ich spürte, dass der Porter das Gepäck gerne schon seit seiner Ankunft hätte, aber ich hatte ehrlich gesagt keine Lust und Energie, jetzt noch zu stressen. Der Porter murrte ein bisschen, aber ich nehme an, dass er merkte, dass er bei mir auch mit Diskutieren nichts erreichen würde. Also verschwand er wieder aus dem Zelt und ich konnte mich endlich dem Cola widmen. Nach 2-3 Schlucken versuchte ich, Raphael zu erreichen und war damit schon nach 2x Klingeln erfolgreich. Er war sichtlich erleichtert, von mir zu hören, extrem stolz und freute sich sehr für mich. Als Zweites löste ich mein Versprechen ein, Claudine anzurufen, wenn ich zurück war und sie brauchte zwar um einiges länger bis sie den Anruf annahm. Aber auch sie war erleichtert und nach Sekunden tränenüberströmt vor Glück und Freude und Erleichterung. Auch dieses Telefonat dauerte nur knappe 2 Minuten, denn ich wollte auch noch eine Nachricht in den Familienchat schreiben und im Status Entwarnung geben. Beide hatten mir in dieser Zeit ein paar Mal zu meiner Leistung gratuliert, aber irgendwie konnte ich das gar nicht so wirklich annehmen, respektive verarbeiten, was es nun genau heisst, dass ich den Gipfel des Mount Everest erreicht hatte. In meinem Kopf drehten sich ständig die Gedanken, zu welchem Preis ich nun das Ziel erreicht hatte. Ich hatte weder das Gefühl, besonders stark zu sein, noch dass ich das Ganze als Errungenschaft oder Sieg, oder ein Ereignis ansehen könnte, das es zu feiern gilt. Ich hatte mir den Moment des Zurückkommens immer in den schönsten Farben vorgestellt. Hatte gedacht, ich würde vollkommen glücklich und zufrieden zurück kommen. Oder dass mich jemand im Icefall überrascht und ich dieser Person überglücklich in die Arme fallen würde. Die Realität sah ganz anders aus. Ich war zwar zurück, aber irgendwie noch immer in dieser emotionslosen Bubble, die ich mir in den letzten Wochen angeeignet hatte, um nicht durchzudrehen oder in negativen Gedanken zu versinken. Dass es jetzt an der Zeit war, diese Bubble wieder zu verlassen, wurde mir erst klar, als ich ein paar Minuten später von Claudine eine Nachricht erhalten habe, in der sie mich fragt, ob alles in Ordnung wäre, weil ich so cool und gechillt reagiert hatte. Meine Reaktion war also weder das was ich mir die letzten 28 Jahre so vorgestellt, noch das was meine Liebsten erwartet hatten. Sie hatten aber auch noch keine Ahnung, was in den letzten Tagen alles auf dem Berg passiert war und ich wusste nicht, wie ich das Ganze in Worte fassen konnte. Also schob ich alle Gedanken darüber erst mal zur Seite, bestellte bei Dipen nochmals 2 Cola und mampfte noch ein paar Popcorn. Als die Colas kamen, machte ich mich auf den Weg nach draussen, denn nun sollten Chirring und Gyalzen auch bald ankommen, und ich wollte sie mit den Colas empfangen. Ich hielt auf der Icefall-Fläche Ausschau nach ihnen, aber diese war noch immer leer. Also ging ich in die Sherpa-Küche, um nachzufragen, ob sie einen Funk haben, damit ich sie anfunken kann. Doch das war gar nicht nötig, denn die zwei sassen schon in der Küche und assen frische Nudelsuppe und Momos. Ich war erleichtert, als ich die zwei sah, denn ich hatte mir schon ein wenig Sorgen gemacht, ob es zu egoistisch gewesen war, ab dem Crampon Point nicht mehr auf sie zu warten. Wir umarmten uns zur Feier der Sicherheit und sie freuten sich über die Colas. Leider tauchte eine Minute später der Porter wieder auf, um nachzufragen, ob ich jetzt schon fertig gepackt hätte. Ich erklärte Chirring und Gyalzen, dass er sehnsüchtig auf seine Ladung wartete und sie beendeten sogleich ihre Mahlzeit, damit auch sie ihr Gepäck transportfähig machen konnten. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich nun auch dem ganzen Packen zu stellen. Ich ging wieder runter zu meinem Zelt und war nochmals fasziniert ob der Aussicht, die mir die ganze Zeit durch die vordere Zeltreihe vorenthalten worden war und nun plötzlich frei war. Vor meinem Aufbruch zum Gipfel hatte ich zum Glück den gesamten Inhalt des Zeltes schon in die 2 Dufflebags versorgt, so dass ich nur noch das Material vom Berg aus- und umpacken musste. Zudem wollte ich nochmals kurz überlegen, ob ich in den nächsten Tagen noch etwas Unerwartetes brauchen könnte, das «falsch» verpackt war. Die Idee ist, dass es am Ende wieder 2 Dufflebags gibt: Eine die direkt nach Lukla gebracht werden kann und eine, die uns auf dem Trek zurück begleitet, also jeweils in den Teahouses bereit liegt, wenn wir ankommen. Dieses Umpacken dauerte nur 30 Minuten und die Konsequenz davon war, dass die Lukla-Tasche sehr schwer, die Trekkingtasche normal schwer und mein Rucksack quasi leer waren. Ich hievte meine Duffles mit mehr Gewalt als Kraft aus dem Zelt, damit sie der Porter für sich vorbereiten kann. Zum Glück war nichts drin, das kaputt gehen könnte, also musste ich nicht wirklich sorgsam damit umgehen. Ein letztes Mal blickte ich mich in meinem Zelt um, das mir für knapp 6 Wochen ein Zuhause gewesen war. Der Boden war mittlerweile uneben, da das Camp ja vollständig auf dem Gletscher gebaut ist. In Gedanken sagte ich auch dem Zelt tschüss, schulterte meinen Rucksack und trat aus dem Zelt. Das war zumindest der Plan. Leider hatte ich nicht bemerkt, dass auch beim Zelteingang ein paar Steine weggerutscht waren und so fiel ich vornüber aus meinem Zelt, anstatt rauszutreten. Natürlich knallte ich mit meinem rechten Knie voll auf eine Steinplatte und blieb vor Schmerz einen Moment liegen. Jetzt hatte ich es gerade heil vom Gipfel herunter geschafft und nicht mal eine Stunde später konnte ich nicht mal normal aus dem Zelt gehen. Ich setzte mich wieder auf die Stufe vor de, Zelt und gab dem Schmerz Zeit zu verschwinden. Dabei musste ich über mich selbst lachen und fragte mich, ob wohl jemand meine unelegante Flugeinlage mitbekommen hatte. Auf der Plattform vor dem Kaffeezelt waren gerade die Mädchen der Indian Army ausgelassen am Tanzen und das wurde wie alles in der heutigen Welt ausgiebig gefilmt. Ob sie im Hintergrund die Zelte noch auf dem Bild hatten, werde ich wahrscheinlich nie erfahren. Aber lustig wäre es schon. Ich nutzte die paar Minuten auf der Treppe um nochmals durchzuatmen und den Anblick des Gletschers vor mir ein letztes Mal einzuprägen. Danach ging es zurück zum Esszelt, wo ich Chirring antraf. Ich war bereit loszugehen, aber sie brauchten noch ein bisschen Zeit. Deshalb machten wir ab, dass ich ins Kaffeezelt gehen und dort warten würde, bis sie ebenfalls alles erledigt hatten. So mussten sie sich nicht unnötig beeilen und ich hatte hoffentlich ein wenig Unterhaltung bis wir unseren Trek nach Lukla starten würden. Meinen Rucksack liess ich in unserem Esszelt, wo ich nochmals ein paar Popcorns reinschaufelte. Ich hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil da immer noch ein riesiger Topf stand, der fast unberührt aussah und ich davon nicht mehr gegessen hatte. Ich hoffte, im Kaffeezelt einige bekannte Gesichter zu sehen, um während der Wartezeit Unterhaltung zu haben und ich wurde nicht enttäuscht. Gaby, Fiona und Charlie sassen zusammen und freuten sich offensichtlich, als sie mich ins Kaffeezelt treten sahen. Sofort sprangen sie auf und umarmten mich alle lange und herzlich. Sie hatten schon mitbekommen, dass ich es auf den Gipfel geschafft hatte und wunderten sich schon, wann ich wohl wieder im Basecamp sein würde. Es war so schön, in dieser komischen Phase des Zurück im Basecamp-Sein, aber in Gedanken immer noch bei der Chinesen auf dem Gipfelgrat, die Gesichter von Freunden zu sehen. Fiona hatte ja selber vor 19 Jahren schon den Gipfel bestiegen und konnte wahrscheinlich viel besser als viele andere nachvollziehen, weshalb ich nicht Freudensprünge machte. Sie fragten, wie es mir geht und ich versuchte nun ein erstes Mal, alles war mir da oben widerfahren war, in Worte zu fassen. Natürlich blieben dabei auch Tränen nicht aus, aber irgendwie gelang es mir, es so zu erzählen, dass sie Verständnis zeigten. Ich hatte zwar den Gipfel erreicht, aber zu welchem Preis? Diese Frage kreiste ständig in meinem Kopf herum. Und obwohl mir die drei darauf auch keine wirkliche Antwort geben konnten, half es ungemein, jemandem, der die ganze Verrücktheit des Everests in den letzten Wochen 1 zu 1 miterlebt hatte, meine Geschichte zu erzählen. Dass das alles auf Englisch passierte, half mir sicher auch, das Ganze zu verbalisieren. Es tat sehr gut, das alles in dieser Bubble zu erzählen, denn sie konnten sich in meine Situation hineinversetzen und verurteilten mich überhaupt nicht dafür, dass ich der Chinesin nicht besser geholfen hatte. Im Gegenteil, sie hatten Verständnis, denn jeder der sich schon mal mit der Idee den Everest zu besteigen auseinander gesetzt hatte, wusste dass man auch mit der besten Vorbereitung ganz vielleicht nicht mehr nach Hause kommt. Wir alle wussten, dass jeden Tag Menschen in Schwierigkeiten geraten und manche diese nicht selbst lösen können. Selbst die besten Sherpas können nicht alle Westler retten, egal wie viel Effort sie leisten können. Die Rettungshelis sind im Basislager allgegenwärtig und Rettungsaktionen werden immer über Funk koordiniert. Die drei hatten also ziemlich sicher so einiges mehr mitbekommen, als wir am Berg. Diese emotionale Konversation war das Beste, was mir nach der Rückkehr passieren konnte. Denn so hatte ich in einem sehr geschützten Rahmen die Möglichkeit, das Unsagbare in Worte zu fassen und somit den Verarbeitungsprozess anzustossen. Gegen Ende des Gesprächs kam eine weitere Legende in das Kaffeezelt, die ich schon verpasst geglaubt hatte: Billy Birling, eine Bayerin, die den grössten Teil des Jahres in Kathmandu lebt und die Elizabeth Hawley Datenbank seit deren Tod weiterführt. Elizabeth Hawley war eine Amerikanische Journalistin und Chronistin von früheren Himalaya Expeditionen. Wann immer jemand nach 1960 eine Expedition auf einen 8000er plante, sie versuchte davor und danach ein Interview mit den Mitgliedern der Expedition zu führen. Nach und nach wurde sie zur Prüferin von Gipfelgeschichten. Nur wenn man ihr ein adäquates Gipfelfoto oder realistische Erzählungen vom Gipfel vorlegen konnte und sie diese als glaubhaft einstufte, wurde man in die Database aufgenommen. Seit 2004 arbeitete Billy Birling für Elizabeth Hawley und übernahm nach ihrem Tod 2016 die Database. Nun war es keine Pflicht mehr, über den Gipfeltag zu berichten, aber wenn immer man sich mit Billy vor oder nach einer Expedition zum Kaffee treffen wollte, war sie offen dafür. Die Einträge in die Database passieren nun – so viel ich weiss – über die Permits, die das Ministerium für Tourismus ausgibt und die Gipfel-Zertifikate ausstellt. Ich hatte vor dem Beginn meines Aufstiegs gesehen, dass Billy auf dem Weg ins Basislager war, wusste aber nicht, dass sie noch immer da war. Als sie nun ins Zelt spazierte, konnte ich nicht anders als sie zu begrüssen. Sie setzte sich zu uns an den Tisch, denn sie hatte in den letzten Tagen immer wieder ein bisschen Zeit im Kaffeezelt verbracht und somit auch schon tolle Gespräche mit den drei am Tisch geführt. Gaby hatte sie für ihre Recherche auch schon interviewen können und so war sie für die anderen alles andere als eine Unbekannte. Sie fragte mich, wann denn mein Gipfelanstieg geplant war und war völlig erstaunt, als ich ihr mitteilte, dass ich seit 1.5h wieder zurück war. Noch ungläubiger wurde ihr Blick, als ich ihr sagte, dass ich eigentlich nur darauf wartete, meinen Trek nach Dingboche zu starten. Sie hakte nochmals nach, ob ich das ernst gemeint hatte, denn ich sähe erstaunlich gut aus, dafür dass ich gerade vom Gipfel zurück gekommen sei. Ich bejahte ihre Frage und traute mich zu fragen, ob sie mich in die Database aufnehmen könne. Sie zückte sofort ihr Handy und trug alle wichtigen Dinge über mich ein: Wann ich den Trek gestartet hatte, oder im Basecamp angekommen war und welche Akklimatisierungs-Aktivitäten ich vor dem Gipfelanstieg gemacht hatte. Zudem durften natürlich Name, Alter und Nationalität auch nicht fehlen. Sie gratulierte mir einige Male zu meinem Erfolg und als ich ihr erklärte, weshalb ich Mühe hätte, mich zu feiern, hatte auch sie Verständnis. Sie meinte, dass ich mir so viel Zeit genommen hätte und so gut vorbereitet hatte, um die Besteigung erfolgreich zu gestalten. Nun sollte ich mir ebenso viel Zeit geben, um das Erlebte zu verarbeiten und müsse auch nicht versuchen, jedem meine Entscheide und Erlebnisse zu erklären. Ich solle auf mich hören und könne den Leuten mit den mühsamen Fragen auch ruhig einen Korb geben. Sie war immer nach ihren Expeditionen aus dem Basecamp wieder heraus getrekkt und sie war sichtlich beeindruckt, dass auch ich diesen Weg gewählt hatte. Ich war zwar zu diesem Zeitpunkt der Meinung, dass es die dümmste Idee aller Zeiten war, nach den 5 extrem langen und intensiven Tagen am Berg noch direkt 3 Tage am Stück nach Lukla zu trekken. Aber ich wusste, ich brauchte diese Zeit, um mich vom Everest zu lösen und schrittchenweise in die Zivilisation zurück zu kehren. Im Moment hatte ich das Gefühl, dass ich keine 10 Minuten mehr am Stück gehen könnte, geschweige denn die geplanten 4 Stunden nach Dingboche. Aber ich konnte diesen Entscheid sowieso nicht mehr rückgängig machen, weil meine Dufflebags schon unterwegs waren und ich ohne Schlafsack hier nicht übernachten wollte.
Nach 2h im Kaffeezelt kam Chirring herein und es war Zeit, mich von allen zu verabschieden. Letzte Umarmungen wurden ausgetauscht und ich verdrückte ein letztes Mal ein paar Tränen des Abschieds. Fiona gab ich noch eine Extraumarmung für ihre zwei Liebsten, die in den nächsten Tagen den Gipfelversuch angehen würden und bat sie, mich auf dem Laufenden zu halten, was ihren Fortschritt betrifft. Ich machte auch noch eine kleine Pipi-Pause, ging zurück zum Esszelt, wo ich mich auch noch von allen anderen verabschiedete. Dies beinhaltete auch den Gang ins Kochzelt, zu allen Kochengeln, die mich in den letzten Wochen verköstigt hatten. Bei dieser Gelegenheit liess ich auch noch Trinkgeld da, das sie gleichmässig unter der gesamten Crew aufteilen würden. Auch bei Dipen konnte ich mich würdig verabschieden und wünschte ihm alles Gute für seine Zukunft, die er hoffentlich als Guide gestalten kann.
Montag, 19.Mai - Basislager nach Tonghla
Mittlerweile war es kurz vor 17h und wir alle waren ready, das Basecamp hinter uns zu lassen. Also ich war eigentlich alles andere als ready, ich wäre mehr als bereit, jetzt ins Bett zu liegen und mindestens 12h zu schlafen. Aber ich hatte vor dem Aufbruch gedacht, dass es eine gute Idee wäre, gleich nach der Ankunft im Basislager weiter zu gehen und heute hatte ich dafür die Konsequenzen zu tragen. Ich hatte keine Ahnung, wie es Chirring und Gyalzen dabei ging, aber ich gehe davon aus, dass sie sich das gewohnt waren. Zudem waren ihre Rucksäcke viel leichter als am Morgen und der Weg weit weniger gefährlich als alles was wir in den letzten Tagen begangen hatten. Ein letztes Mal blickte ich auf das Esszelt, das Kaffeezelt und mein Zelt zurück und begann den langen Weg in Richtung Lukla. Es war überall offensichtlich, dass das Ende der Saison nahte. Überall waren schon Zelte abgebaut und Treppen, die davor wochenlang gepflegt wurden, waren nun schief oder fast nicht mehr existent. Wo zuvor Zelt an Zelt stand, sah man plötzlich leere Flächen, auch kamen uns schon die ersten Yaks entgegen, die Ladungen abholen sollten. Das Basislager, so wie ich es vor ein paar Tagen verlassen hatte – und auch nach meiner Rückkehr erwartet hatte – existierte schon nicht mehr. Ich frage mich, wie sich wohl die Kletterer fühlten, die in ein paar Tagen vom Gipfel zurück kehrten, wenn sie sahen, wie leer es hier unten geworden war. Der Weg zum unteren Ende des Basecamps war immer noch in einem guten Zustand und wir trafen auf die einen oder anderen Kletterer, die offensichtlich auf den letzten Metern zu ihrem Basecamp waren. Beim berühmten Basecamp-Stein war wie eh und je ein Gewusel von Trekkern und es fühlte sich irgendwie lustig an, dass sie sich alle für das Erreichen beim Basecamp beglückwünschten und mich ignorierten, obwohl ich keine 30h zuvor nochmals über 3000m höher gewesen war. Aber das steht einem ja nicht plötzlich auf der Stirn und ich genoss diese Gedanken für mich, während dem ich an dem Stein vorbei spazierte. Kurz danach führte der Weg steil zum Rand des Gletschers hoch und ich hatte wieder einmal grosse Mühe dort hoch zu kommen. Es schien als ob in meinem Tank keine Energie mehr für steile Passagen und nur extrem langsames Tempo geeignet für mich wäre. Oben angekommen fragte mich Chirring, was ich in meinem Rucksack hätte. Aber ausser meinem Laptop, dem Ipad, Wasser und einer Jacke war dort nichts mehr drin, was man hätte umpacken können. Damit ich es ein wenig leichter hatte, nahm er mir das Wasser ab und der Rucksack fühlte sich nun noch leerer an. Ich hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen, denn er hatte sich einen leichten Rucksack noch viel mehr verdient als ich es je würde. Aber er ging auf meine Einwände nicht ein und weil wir ja noch ein bisschen was zu gehen hatten, war niemand an einer längeren Diskussion interessiert. Ich trank nochmals etwas und wappnete mich für das nächste Wegstück das vor uns lag. Ich kam schneller als gedacht in einen gewissen Trott, der sich ziemlich angenehm anfühlte. Der Weg ging auf und ab und auf und ab, und schneller als erwartet, erreichten wir schon die grosse Fläche bei Gorak Shep. Wir stoppten für einen kleinen Snack und etwas zu trinken, wollten aber alle nicht all zu lange Pause machen, da wir noch einiges vor uns hatten und die Dämmerung nahte. Etwa eine halbe Stunde nach Gorak Shep gibt es eine kleine Felsnase, von wo man das Basecamp ein letztes Mal sieht. Ich nahm mir die Zeit, mich in Gedanken nochmals so richtig davon zu verabschieden. Dann drehte ich mich um und konzentrierte mich nur noch auf den Weg und darauf so weit wie möglich zu kommen, bevor es Nacht wird. Es war fast nichts mehr los auf dem Weg und abgesehen von 3-4 Lokalen, die uns entgegen kamen, schienen wir alleine unterwegs zu sein. Auch ein schönes Gefühl, wenn man bedenkt, dass wir uns auf einem der am meisten begangenen Trekking-Pfaden auf der Welt in der absoluten Hochsaison befinden. Da die Sherpas im Basecamp keinen Empfang haben, kennen sie jeden Flecken auf der Route, wo sie wieder ihr Handy benutzen können und so hörte ich plötzlich hinter mir Chirring aufgeregt in sein Handy sprechen. Wir waren gerade an einem dieser Punkte vorbei gekommen und er konnte endlich mit seiner Frau sprechen. Wir stoppten kurz und auch ich durfte in die Kamera winken und ihr danken, dass ich Chirring für die gesamte Expedition an meiner Seite wissen durfte. Seine Tochter wirkte wenig beeindruckt, aber ich denke, man kann auch nicht viel anderes erwarten von einer knapp 1.5-jährigen 😊 Nach ein paar Serpentinen dem Moränenrand entlang, die jeweils steil hoch und auf der anderen Seite steil herunter gehen, kommt eine kleine Hochebene mit einer Stupa darauf. Dort hängen viele Gebetsfahnen und als wir auf dem Weg zum Lobuche East waren, hatten wir von dieser Stelle noch knapp eine Stunde bis Lobuche, dem nächsten Dorf. Hier machten wir nochmals eine Trinkpause, aber nicht weil wir eine brauchten, sondern weil von unten eine riesige Yak-Herde auf dem Weg zu sehen war. Es ist sicherer, und auch bequemer, oben bei der Stupa sitzend zu warten, als irgendwo auf dem Weg an einen Felsen gequetscht zu stehen. Da die Yaks ihren eigenen Kopf haben, sind sie immer wieder irgendwo am Stehen und schnüffeln, oder ausruhen. Wir harrten darum oben ziemlich ungeduldig auf unseren Steinen aus und sahen der Dämmerung zu, wie sie sich immer weiter über uns legte. Wir alle wussten nicht genau, wie lange die Batterien in unseren Stirnlampen halten würden, weshalb wir so lange wie möglich damit warten wollten, bis wir sie einschalten. Als auch das letzte Yak endlich die Hochebene erreicht hatte, machten wir uns sogleich auf den kurzen Abstieg runter auf die lange Fläche, die nach Lobuche führt. Mittlerweile war nur noch ziemlich wenig Tageslicht übrig und ich brauchte alle meine noch vorhandene Konzentration, um nicht über einen der zahlreichen Steine zu stolpern, die überall verteilt sind. Wir redeten auf dieser Strecke alle nicht sehr viel, ich denke, alle waren ziemlich durch und wollten einfach nur noch ankommen. Aber das Ziel war noch ziemlich weit entfernt, oder verglichen mit dem was wir heute schon hinter uns gebracht hatten, so nah wie noch nie. Immer eine Sache des Blickwinkels, wie man es sehen möchte. Zu diesem Zeitpunkt war Dingboche aber noch unglaublich weit weg und der Weg noch sehr sehr weit. Ungefähr 30 Minuten vor Lobuche ging es nicht mehr zum Gehen ohne Stirnlampe, und so mussten wir ein weiteres Mal stoppen. Lustigerweise war ich dann aber die einzige, die die Stirnlampe auspackte und die anderen zwei stapften einfach sehr nah hinter mir her. Wenn immer ich auf eine Stufe traf, versuchte ich diese für die zwei hinter mir zu beleuchten, damit sie nicht stolperten und wir einigermassen heil ankommen würden. Das ging so weiter bis wir in Lobuche ankamen. Dort diskutierten wir, welche Möglichkeiten für uns die Beste wäre. Wir waren uns alle ziemlich schnell einig, dass Dingboche zu weit weg wäre und wir sicher nochmals 2.5h unterwegs wären bis dahin. Gyalzen plädierte dafür, in Lobuche zu bleiben, während ich – trotz allem – noch immer nach Dingboche wollte. Wenn ich am Leiden bin, dann kann ich das unglaublich lange hinauszögern, hauptsache am nächsten Tag geht es dann nicht wieder von Neuem los. Deshalb wollte ich ja auch am Gipfeltag bis Camp 2 gehen, obwohl es schon sehr spät war. Oder am Kilimandscharo ging ich am Gipfeltag direkt alles runter bis zur Strasse, weil ich den Weg nicht in zwei Tagen machen wollte. Chirring war dafür, dass wir noch ein bisschen weitergehen, war aber der Meinung, dass wir zu spät in Dingboche ankommen würden, um noch etwas zu Abendessen zu bekommen. Die Option, in Lobuche zu essen und dann weiter zu gehen, fanden beide nicht so toll, weil das Essen in Lobuche erfahrungsgemäss nicht das Beste ist und oft mit Verdauungsproblemen einher geht. Wir einigten uns also, obwohl das für mich die schlechteste Option war, dass wir bis Dhongla weitergehen würden und dort übernachten würden. Die Folge davon ist, dass wir unsere Dufflebags nicht bei uns haben würden, weil wir keinen Empfang hatten, um die Träger zu informieren und diese sowieso mit ziemlicher Sicherheit schon lange in Dingboche wären. Obwohl ich mittlerweile überall Schmerzen hatte und nicht mehr wusste, wie ich überhaupt noch einen Schritt nach dem anderen machen sollte, gingen wir nach dem Beschluss wieder weiter. Theoretisch war Dhongla noch 1.5h entfernt und ich war gewillt, dass wir das auch schneller hinbekommen. Denn je schneller wir waren, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dort auch noch ein offenes Teahouse antreffen. Beim Gehen nach Lobuche gesellte sich noch ein Sherpa hinzu, den Gyalzen zu kennen schien. So waren wir also zu viert unterwegs und als wir Lobuche gerade hinter uns gelassen hatten, merkte ich, dass ich eigentlich wieder mal pinkeln müsste. Das hätte ich locker auch in einem Teahouse machen können. Aber wieder zurück gehen kam für mich nicht in Frage. Ich hoffte, dass ich das Gefühl noch bis Dhongla ignorieren könnte, aber wenn du mal merkst, dass du musst, dann geht das nicht wieder weg. Also mussten wir nochmals einen Pinkel-Halt machen, bevor wir zum Memorial Hill kamen. Denn genauso wenig, wie ich auf den Everest machen wollte, wollte ich nun auf einen heiligen Friedhof pinkeln. Weil ich dafür die Stirnlampe ausschalten musste, schaffte ich es auch noch, so auf einen Stein zu pinkeln, dass es von ihm direkt auf meine Schuhe spritzte. Aber nach so einem Tag kümmert einen auch das nicht mehr viel, ich versuchte, die Sauerei so gut wie möglich mit einem Taschentuch abzuwischen und ignorierte den Rest einfach gekonnt. Die Pause nutzte der Kollege von Gyalzen, um eine Zigarette zu rauchen und da er nicht so vorsichtig und rücksichtsvoll damit umging, wie das Chirring die ganze Zeit über machte, bekam ich ein erstes Mal seit Monaten eine volle Ladung Rauch ins Gesicht. Ich habe schon zu Hause immer Probleme mit meinem Asthma und Personen, die überall rauchen, wo sie nicht sollten. Jetzt nach einer so langen Passiv-Rauchpause war das sehr unangenehm. Ich fragte mich dort ein erstes Mal, wie es dann wohl sein wird, wenn ich wieder zu Hause bin und zum Beispiel in der Schule von Rauchern umgeben sein werde. Jetzt konnte ich dem ja relativ einfach ausweichen, indem ich mich ein paar Meter entfernte. Das war zu Hause dann nicht mehr so einfach möglich. Chirring hatte meine Reaktion wohl bemerkt, denn er sagte dem Kollegen kurz was und dieser löschte die Zigarette relativ schnell. Der Weg zum Memorial Hill im Dunkeln war sehr still, es gab fast keine Geräusche von der Umgebung, alles schien schon lange zu Schlafen. Als wir dann oben ankamen, war es für mich ziemlich unheimlich, dort durch zu gehen. Es fühlte sich wirklich an, wie wenn wir mitten in der Nacht über einen Friedhof gehen würden. Ich versuchte, den Geistern ein positives Gefühl zu senden, und um Vergebung zu bitten, falls sie sich durch unsere Anwesenheit gestört fühlten. Auch zu dieser Uhrzeit im Dunkeln und ziemlich müde, getrübt durch schmerzende Schultern und Füsse, fühlte es sich speziell an, hier zu sein. Das wird sich wahrscheinlich auch nie ändern, egal wie oft ich hier bin. Das letzte Mal, als wir hier durch gegangen waren, bestand eine kleine Möglichkeit, dass auch für mich hier ein Erinnerungs-Steinhaufen aufgebaut wird. Nun wusste ich, dass dies nicht passieren würde und eine grosse Dankbarkeit überflutete mich, gepaart mit dem Wissen dass auch in diesem Jahr nicht alle so grosses Glück hatten wie ich. Das schlechte Gewissen der Chinesin gegenüber tauchte sofort wieder auf und liess mich den ganzen Abend nicht mehr los. Die restliche halbe Stunde bis nach Dhongla musste ich mich ziemlich anstrengen, dass die Konzentration nicht auf diesen negativen Gedanken, sondern auf die Füsse und den Weg gelegt war. Das Runtergehen war noch mühsamer als heute Morgen im Icefall, denn mittlerweile trage ich ja meine Trekkingschuhe und die Sohle ebendieser ist deutlich dünner als die der Bergstiefel. Jetzt hatte ich das Gefühl, dass ich jeden noch so kleinen Stein direkt auf meiner Fussballe spüre und der Schmerz dessen mir direkt ins Gehirn gejagt wird. Zum Glück sahen wir schon von weitem einen Mini-Scheinwerfer vom Teahouse so dass man den Fortschritt beim Abstieg mit den eigenen Augen sehen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Uhr es war, aber das Teahouse sah in meinen Augen ziemlich verlassen aus. Gemäss meinen Fotos auf dem Handy. Sind wir um kurz nach halb 9h dort angekommen und fanden alle Läden und Türen verschlossen vor. Was ich bisher nicht gewusst hatte, ist dass gewisse Teehaus-Besitzer, sobald die letzten Trekker im Bett sind, selbst ins Bett gehen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass wir um diese Uhrzeit darum bangen müssen, noch ein Bett zu finden, zu dem wir Zugang haben. Der Freund von Gyalzen verabschiedete sich und ging zu den Sherpa-Betten, wo auch immer diese sich befinden. Chirring und Gyalzen versuchten jede Tür, die sie fanden, zu öffnen, doch alles was wir vorfanden, waren verschlossene Türen. Offensichtlich musste aber noch jemand wach sein, denn auf einmal ging hinter einem Fenster ein Licht an und jemand schaute raus. Chirring bedeutete der Person, die Türe zu öffnen und fünf Minuten später – als ich schon gedacht hatte, dass wir ignoriert wurden – kam tatsächlich ein Nepali zur Tür heraus. Gyalzen erklärte unsere Situation und obwohl wir den armen Kerl ziemlich sicher geweckt hatten, öffnete er für uns sofort die Tür zum Trekker-Haus und setzte uns in den Essraum. Ich war nun wirklich todmüde, aber leider auch ziemlich hungrig. Ich versuchte die zwei zu beruhigen, dass ich auch mit den restlichen Schokoladenriegel auskommen würde bis zum Frühstück, aber offensichtlich war das vor allem für den Teehaus-Besitzer keine Option. Er fragte, was ich gerne essen würde. Obwohl ich wahnsinnige Lust nach diversen Dingen hatte, wollte ich ihm nicht noch mehr Umstände machen und fragte, ob ich 2 Spiegeleier auf einem Toast bekommen könnte. Er fragte noch 2 Mal nach, ob das für mich wirklich genug wäre, aber ich wollte eigentlich nur noch in ein warmes Bett und es war mir ziemlich egal, was denn nun am Ende auf dem Teller liegen würde. Der Nepali verschwand alsbald in der Küche und tauchte 2 Minuten später mit einem heissen Tee für uns alle auf. Anscheinend sahen wir schlimmer aus, als ich dachte 😊 Danach verschwand er wieder in der Küche und als er das nächste Mal auftauchte, war 21h und er brachte drei Teller dampfendem Essen. Für meine Sherpas gab es je einen riesigen Teller fried noodles und für mich zwei heisse Spiegeleier auf heissem Toast. Während dem Essen setzte sich der Besitzer zu uns und gratulierte uns zu unserem Gipfelerfolg. Da ich nun mehr an einem warmen Bett als an Gratulationen interessiert war, dankte ich nur kurz und fragte nach der Temperatur-Situation in seinen Zimmern. Er versicherte mir, dass seine Decken genug warm wären und dass ich im schlimmsten Fall einfach zwei Decken und eine Wolldecke übereinander stapeln könnte, damit ich nicht frieren würde. Mir graute es ziemlich vor den Decken im Teahouse, aber da ich ausser meiner Daunenjacke weder Schlafsack, noch Daunenanzug oder sonst irgendwelche Kleider in meinem Rucksack hatte, hatte ich keine andere Wahl als mich der Situation zu ergeben. Sobald ich fertig mit Essen und Trinken war, bedankte ich mich nochmals herzlich, schnappte meinen Rucksack und den Schlüssel und machte mich auf die Suche nach dem Zimmer. Natürlich war es im ersten Stock und die Treppe steil und ungleichmässig, so dass ich fast in den ersten Stock hochpurzelte. Mein Zimmer war in der Nähe der Toilette und tatsächlich gar nicht mal so kalt. Ich war mir das Schlafen innerhalb von richtigen, stabilen Wänden nicht mehr so ganz gewohnt, nachdem ich nun 6 Wochen nur in Zelten genächtigt hatte. Die Holzwände, obwohl sehr dünn, hielten mehr Kälte ab, als ich in Erinnerung hatte. Chirring checkte nochmals, ob alles in Ordnung war und wünschte mir eine gute Nacht. Ich entledigte mich meiner Wanderhosen und Daunenjacke und schlüpfte unter die Decke. Leider hatte ich aber seit dem Gipfelerfolg einen ziemlich mühsamen und trockenen Reizhusten, der mich nicht wirklich schlafen liess. Sobald ich mich hinlegte, ging es los mit Husten ohne Ende. Das Trinken von Wasser half genau so wenig, wie die vielen Ricola-Bonbons, die ich von zu Hause für solche Fälle mitgebracht hatte. Das einzige, was half, war aufrecht zu sitzen. Also sagen wir mal so, es half insofern, dass ich nicht alle 15 Sekunden, sondern nur noch jede zweite Minute husten musste.
Dienstag, 20.Mai - Thongla nach Namche Bazaar
Die Nacht war entsprechend mühsam und fühlte sich unendlich lange an. Ich glaube, ich habe insgesamt vielleicht eine halbe Stunde schlafen können und fühlte mich ziemlich gerädert als mein Wecker klingelte. Das Handy hatte ich auch nicht laden können, denn sowohl meine Powerbank, wie auch alle Kabel waren in meiner Trekkingduffle und die übernachtete ja bekanntlich ein Dorf weiter. Ich hatte aber zum Glück ein neues Handy und entsprechend noch einen guten Akku, der auch diese Nacht überstand. So konnte ich immerhin noch Impressionen einfangen auf dem langen Weg zurück. Wir planten, am Morgen ziemlich früh wieder loszugehen, so dass wir bei Tageslicht in Namche Bazar ankommen würden. So traffen wir uns um 7h wieder im Essraum für das Frühstück und starteten den nächsten langen Wandertag um ziemlich genau 8h morgens. Als erstes überquerten wir den Gletscherfluss gleich beim Teahouse und danach stachen wir hinunter in die lange Ebene an dessen Ende Pheriche und gleich daneben Dingboche liegen. Lustigerweise brauchten wir für den Weg dahin nur knappe 50 Minuten. Wenn ich mir überlege, wie toll es gewesen wäre, die letzte Nacht in meinem Schlafsack zu verbringen, wäre ich diese 50 Minuten mit Handkuss noch gestern gegangen. Aber wir haben uns gestern demokratisch darauf geeinigt, in Dhongla zu stoppen, deshalb verschwendete ich nicht weiter Energie wegen dieser Tatsache. Sobald wir in der Sonne wanderten, war es genug warm, um die Daunenjacke und den Pulli im Rucksack zu verstauen. Zum Glück schmerzten meine Füsse zu Beginn noch nicht so und ich konnte mich so besser auf die Umgebung, die Aussichten und den Weg konzentrieren. Die Route führt hier eigentlich sehr schön auf der Fläche dem Flüsschen entlang. Wir kreuzten zwei kleine Yak-Herden mit ein paar ganz jungen Yaks. Diese waren von handgemachten Steinmauern umgeben, so weit das Auge reichte. Auch die Hütten bei den Weiden waren aus Steinen gemacht und sehr sehr rudimentär. Kurz vor Periche staunte ich dann nicht schlecht, als ich einen echten Bagger neben einer der Mauern entdeckte. Ich traute meinen Augen kaum, und frage mich bis heute, wie dieses Ungetüm es wohl bis dahin geschafft hatte. Ein ständiger Begleiter an diesem Tag waren die vielen Hubschrauber, die seit Tagesanbruch am Himmel zu sehen und zu hören waren. Das Wetter war traumhaft schön und dies die perfekte Gelegenheit, so viele Kletterer wie möglich aus dem Basecamp heraus zu schaffen. Pheriche figuriert dabei als Transferpunkt. Das kann man sich ganz einfach vorstellen: Es gibt eine Flotte an Helikoptern, die lediglich zwischen Basecamp und Pheriche hin- und herfliegen und bei jedem Flug Material und/oder Personen transportieren. In Pheriche werden sie quasi aus dem Heli rausgezogen und 2 Minuten nach der Landung starten diese schon wieder in Richtung Basecamp. Die Kletterer warten nun irgendwo zwischen den improvisierten und sehr einfachen Helipads auf ihren Dufflebags sitzend, bis sie in einem Heli Platz finden, der sie nach Namche Bazar oder Lukla bringt. Dieser Flug dauert deutlich länger als die 5 Minuten Flugzeit zum Basecamp, weshalb wir einige Kletterer dort herumsitzen sahen. Der Lärm rund um das Dorf war ohrenbetäubend und mir taten all die Nepali leid, die hier wohnen und sich nicht gegen diese Lärmbelästigung wehren können. Da das Wetter jeweils am Nachmittag zuzieht, hoffte ich, dass sie zumindest an den Nachmittagen ein wenig Ruhe bekamen. Wir machten in Pheriche nur kurz halt, um dieses Chaos zu bewundern und filmisch festzuhalten und obwohl ich gestern absolut keine Lust hatte auf den Trek nach Lukla, war ich ein erstes Mal dankbar, dass ich mir das Ganze nicht angetan hatte. Abhängig von Wetter, Helipiloten und dem Goodwill der anderen Kletterer, die alle die gleiche Sehnsucht nach einer Dusche und Zivilisation haben, wartet man dort ziemlich sicher einige Zeit auf einen Anschlussflug. Wir hatten das Tempo in den eigenen Händen und ich fühlte das erste Mal so richtig, dass ich mit meiner Entscheidung – trotz allem – glücklich bin. Obwohl wir in den letzten Tagen einiges mehr geleistet hatten, als alle Trekker auf der Route, überholten wir doch immer wieder kleinere und grössere Gruppen, die ebenfalls auf dem Rückweg waren. Der Weg bis nach Pakding war derselbe, den wir im April auf dem Trek zum Basecamp schon gegangen waren. Es ist immer wieder spannend, wie sich der gleiche Weg in die Gegenrichtung trotzdem so anders anfühlen kann. Ich erinnerte mich an einige Zwischenhügel kaum und nur einzelne Stellen kamen mir bekannt vor. Was aber nach wie vor gleich geblieben war, sind die Träger, die übergrosse Ladungen über die Route schleppten. Wir kreuzten zum Beispiel mehrere Nepali mit mindestens 2m langen Holzplatten auf dem Rücken, nur zusammengehalten von einem Stück Seil. Nach 2.5h kamen wir in Pakding an und dies hiess leider auch, dass Chirring und ich uns von Gyalzen verabschieden mussten. Er hatte heute und gestern seine gesamte Habe in seinem Rucksack mitgetragen, denn er wohnt in Phortse und der Weg dahin war ab Pakding ein anderer, als wir nehmen würden. Es fiel mir schwerer als gedacht, mich von ihm zu verabschieden, denn obwohl ich ihn erst seit dem Trek an meiner Seite hatte, wusste ich schon bald, dass ich ihm blind vertrauen konnte. Wir begegneten uns jederzeit auf Augenhöhe und er traute mir die Gipfelbesteigung schon von Beginn an zu und behandelte mich dem entsprechend. Er versuchte weder, mir beim Anziehen des Klettergurts, noch sonst übermässig viel zu helfen, was ich bei anderen Sherpas mit ihren weiblichen Kundinnen immer wieder beobachtete. Er war sicher nicht ein Mann der vielen Worte, aber das braucht man auf einer Expedition auch nicht. Ich kann ihn auf jeden Fall nur weiterempfehlen und würde immer wieder mit ihm in die Berge gehen. Nun hatte er sich aber eine Pause verdient und war – im Gegensatz zu Chirring und mir – nur noch 2h von seinem Zuhause entfernt. Da er seit zwei Wochen einen mühsamen Husten hatte, der in meinen Ohren überhaupt nicht gut klang, bat ich ihn ein letztes Mal, bei einem Arzt vorbei zu gehen und mir über Phunuru mitzuteilen, wie teuer das war. Ich wollte dafür aufkommen, denn ich fühlte mich verantwortlich für seinen Gesundheitszustand. Damit er sein ganzes Equipment nicht den ganzen Weg nach Hause tragen musste, war seine Frau schon unterwegs, um ihn unterwegs zu treffen. Ich hätte sie gerne kennengelernt, aber das hätte für uns eine Stunde Wartezeit bedeutet und wir hatten noch nicht mal die Hälfte der Tagesetappe geschafft, obwohl schon halb 11 war. Also umarmte ich Gyalzen ein letztes Mal lange und dankte ihm nochmals für all das was er für mich getan hatte. Ohne ihn und Chirring wäre all das absolut unmöglich gewesen und das wollte ich ihm nochmals sagen. Ich wurde auch ein wenig emotional, denn in der Zeit, die man zusammen in den Zelten und am Berg verbringt, wächst man unweigerlich zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl wird in dieser Form für immer weg sein. Diese Erfahrung habe ich bei all meinen Expeditionen oder Reisen gemacht und macht mich immer besonders traurig. Man trifft so viele tolle Menschen und verbringt eine intensive Zeit miteinander und dann verabschiedet sich und in den meisten Fällen sieht man sich nie wieder. Ich hoffe, dass das mit Gyalzen und Chirring anders sein wird, obwohl ich keine Pläne habe, in der nächsten Zeit wieder in Nepal einen Berg zu besteigen. Nachdem wir uns von Gyalzen verabschiedet hatten, trank Chirring noch einen Tee in dem Teehaus, in dem wir im April geschlafen haben und ich nutzte die Gelegenheit, dort 2 Dosen Everest-Bier zu erstehen. Mir ist bewusst, dass die Dosen schon seit 2 Jahren abgelaufen sind, aber hier geht es mir um den Erinnerungsfaktor. Das Everest-Bier wurde in den Jahren vor Corona zu meinem Lieblingsbier, das ich bei jedem Besuch in Nepal getrunken habe. Leider hat die Brauerei Corona nicht überlebt und so wird seit 4 Jahren nicht mehr produziert. Ich habe schon letztes Jahr diverse Shops in Kathmandu abgeklappert, aber kein Bier mehr gefunden. Dass ich im April in Pakding noch ein ganzes Regal gefunden habe, war ein richtiger Zufallstreffer. Weil ich nicht wollte, dass das Bier im Basislager gefriert, musste ich das Regal damals unangetastet zurücklassen und hoffte, dass bei meiner Rückkehr noch einige Dosen da waren. Und ich hatte Glück! Es waren noch immer knapp 10 Dosen da und obwohl ich am Liebsten alle gekauft hätte, nahm ich nur 2 Dosen mit. Von Pakding aus ging es nun ein wenig runter Richtung Fluss, den wir über eine Hängebrücke überquerten. Danach folgte ein schöner, schattiger Wald, in dem in den letzten Jahren einige luxuriöse Varianten von Teehäusern gebaut wurden. Einige von ihnen hatten sogar einen eigenen Helipad, so dass sich wohlhabende Bergsteiger vom Basecamp direkt dahin fliegen lassen können, wenn sie mal ein paar Tage Erholung in tieferen Lagen wünschen. Der Wald roch so wunderbar nach grün und Holz, was eine willkommene Abwechslung zu dem Staub und Geröll zuvor war. Und oh wunder, ich war sogar so entzückt von kleinen violetten und pinken Blumen, dass ich darüber selbst ein wenig lachen musste. Im normalen Leben interessieren mich Blumen und Pflanzen kein bisschen, ich habe zu Hause 2 Männerpflanzen, wobei eine nahe am Abserbeln ist, weil ich es nicht mal bei diesen sehr pflegeleichten Pflanzen erfolgreich schaffe, meinen grünen Daumen zu finden. Will man mir keine Freude machen, schenkt man mir am Besten einen Blumenstrauss 😊 Hier auf dem Weg nach Namche waren das nun aber die ersten Farben, die ich sah und das musste ich für mich ein wenig feiern. Sogar ein Erinnerungsfoto schoss ich von dem Anblick.. Erst jetzt fiel mir auf, wie eintönig das Basecamp gewesen war und dass dort fast keine Vegetation sichtbar war. Dieses Glücksgefühl kam genau zur richtigen Zeit, denn vor uns lag ein saftiger Anstieg nach Tengboche. Zum Glück war er weniger lang, als ich es in Erinnerung hatte und um Punkt 12h sahen wir das berühmte Kloster vor uns. Dies war offensichtlich ein weiterer Ort, wo Nepali guten Empfang hatten, denn Chirring bat mich um eine kleine Pause, damit er mit seiner Frau und Tochter facetimen konnte. Ich nutzte die Gelegenheit, um einen Riegel zu essen und meine Wasserflasche leichter zu machen. Zudem hatten wir Glück, denn die Wolkendecke hatte bisher die Sicht auf Everest und Co verdeckt und just als wir in Tengboche Pause machten, riss der Wind ein perfektes Loch auf. Ich konnte also einmal mehr die Berge bestaunen, die ich erst vor 2 Tagen direkt vor der Nase hatte. Nun waren sie schon weiter weg, aber haben ihre beeindruckende und imposante Ansicht nicht verloren. Das Telefonat von Chirring dauerte nur ein paar Minuten und so machten wir uns auf den Abstieg hinunter zum Fluss. Die Route auf diesem steilen Hügel ist fast den ganzen Tag in der prallen Sonne. Die Konsequenz davon: Man schwitzt wie blöd und die Füsse beginnen fast mit dem ersten Schritt wieder abartig zu schmerzen. Da hilft es natürlich auch nicht, wenn man eine steile Steinpiste runtergehen muss. Ein erstes Mal am heutigen Tag litt ich wieder ziemlich und ich denke, der Grund dafür ist auch, weil ich wusste, dass wir, sobald wir den Fluss im Tal überquert hatten, den ganzen Scheiss auf der anderen Seite wieder hochgehen müssten. Dieser Teil der Route kostet bei mir immer wieder Überwindung, denn man konnte in der Ferne jeweils die Fortsetzung der Route auf der gleichen Höhe sehen, wenn man mit dem Abstieg beginnt. Aber wer von Tengboche nach Namche will, muss diesen Weg gehen, ob er will oder nicht. Da nun schon Mittag ist, beschlossen wir unterwegs, dass wir unten bei der Brücke zu Mittag essen werden. Chirring kannte ein kleines Resti, das guten und günstigen Lunch anbietet und das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Wir kreuzten auf dem Weg dahin wieder zahlreiche Trekker, die zum Teil so kreuzfalsch gekleidet waren, dass es mir schwer fiel, nichts zu sagen. Wenn man in der Sonne einen steilen Berg hochsteigen muss, dann ist eine Daunenjacke, eine Wintermütze, oder eine atmungspassive Jacke definitiv die falsche Ausrüstung. Man schwitzt sich kaputt und das an einem Ort, an dem man schon ohne Schwitzen bis zu 3 Liter am Tag trinken sollte. Zudem ist die Gefahr der Überhitzung riesig, was einen sehr schnell viel Energie kosten kann. Hier konnte man 1 zu 1 sehen, was es bedeutet, die günstigsten Preise für das Trekking zu bezahlen. Die Guides haben entweder keine Ahnung, oder kein wirkliches Interesse daran, dass es allen gut geht. Ich ignorierte die schwitzende und leidende Horde so gut es geht und fokussierte mich auf den Weg und darauf, was ich zu Mittag essen wollte. Am Ende des Abstiegs mussten wir noch kurz einen Halt einlegen, denn dort befindet sich eine Kontrollstation für das Trekking. Der Herr in dem kleinen Kabäuschen wollte uns zuerst nicht glauben, dass wir auf dem Rückweg vom Gipfel sind. Ich konnte fast nicht glauben, dass er uns nach all den Strapazen noch immer für Trekker hielt. In meiner Fantasie sah man es uns schon einen Kilometer gegen den Wind an, dass wir auf den letzten Zügen einer langen Expedition sind. Da wir leider kein Trekking-Permit, geschweige denn das Kletter-Permit dabei hatten, musste Chirring mit dem Herrn ein wenig diskutieren und ich suchte schon mal meinen Pass aus den Tiefen meines Rucksacks. Keine Ahnung, ob es Chirrings Worte oder das Schweizerkreuz auf dem Pass war, wir konnten auf jeden Fall nach ein paar Minuten weiterziehen. Nun mussten wir nur noch 5 Minuten weitergehen und dann waren wir schon bei dem Restaurant. Ich hatte mich für eine Vegiomelette entschieden, die sogar heiss war. Ich verschlang sie so schnell wie möglich, denn kalte Omeletten waren nicht meine Favoriten und ich wusste aber auch, dass ich 3x am Tag essen solltete, bis wir in Lukla sind. Überraschenderweise hatte der Ort auch noch gratis Wifi, so dass ich meine Liebsten kurz auf den neusten Stand bringen konnte. Mittlerweile hatte ich zwar nur noch 18% Akku, aber in Namche sollte ich das Handy wieder laden können, von daher riskierte ich einen leeren Akku als Folge der 2-3 Nachrichten, die ich nach dem Essen schreiben konnte. Nun waren wir gestärkt für den Wiederaufstieg, zum Glück für heute das letzte steile Stück, das es zu überwinden galt. Wir nahmen die Strecke schön langsam in Angriff und genossen den Schatten der Pinienbäume. Der Geruch dieses Waldstücks erinnert mich jedes Mal an einen Engadiner Tannenwald und ich versuchte, immer wieder tief einzuatmen, um den Geruch so lange wie möglich mittragen zu können. Unterwegs trafen wir auch auf zwei ältere Amerikaner, die mit ihrem Guide schön langsam unterwegs waren. Als der Mann erfuhr, dass wir auf dem Gipfel des Everest gestanden waren, fragte er mich gleich nach einem Foto, damit er das seinen Enkeln zeigen könne. Ich willigte ein, wollte aber auch Chirring auf dem Bild haben, denn ihm hatte ich den Erfolg zu verdanken. Der Herr war zwar nicht ganz meiner Meinung, aber da es sonst kein Foto gegeben hätte, willigte er ein. Dieser Augenblick zeigte mir einmal mehr, wie die Nepali und ihre Arbeit in der normalen Welt abgetan wird und wie wir Westler für unseren Gipfelerfolg hochgejubelt werden. Obwohl wir «nur» da hochgehen und die Sherpas die ganze Arbeit dahinter erledigen, ohne ein einziges Mal zu jammern, werden sie nicht gesehen. Ich hoffe, dass sich der Herr daran erinnern wird, wenn er sich mit seinen Enkeln das Bild ansieht. Ich war nun wieder an dem Punkt angekommen, an dem ich keine Lust mehr auf Wandern hatte und nur noch im Teehaus meine schmerzenden Füsse hochlegen wollte. Nur leider war Namche noch immer 2 Stunden entfernt. Also zogen wir weiter und legten Schritt für Schritt zurück in Richtung Dufflebag und Bett. Etwa 2 Kilometer vor Namche kreuzten wir eine lustige Truppe: 3 Jogger in voller Trailrunning-Montur. Irgendwie war dieser Anblick für mich völlig bizarr, und ich konnte nicht wegsehen, als sie an uns vorbei rannten. Die Gruppe war offensichtlich auf einem Trainings-Lauf, in ein paar Tagen fand nämlich der grosse Himalaya-Marathon statt. Dieser führt vom Basecamp auf der Trekking-Route nach Namche. Also mussten sämtliche Läufer zuerst den Trek zum Basislager hinter sich bringen. Dort nutzen sie in der Nacht vor dem Start die von den Westlern verlassenen Zelte der Camps. Diese Gruppe war wohl dafür am Trainieren oder zumindest deswegen so unterwegs. Die Stupa, die dort stand war gleichzeitig der Ort, an dem man einen guten Blick auf den Everest hat. Ich wusste nicht, ob ich diese Aussicht morgen nochmals geniessen kann, deshalb nahm ich mir nochmals ein paar Minuten, um der Göttin der Erde ein allerletztes Mal tschüss zu sagen. Wie immer, wenn ich froh war, endlich anzukommen, steigt das Schmerzlevel kurz vor Ankunft nochmals massiv und die letzten 10 Minuten auf den Treppen durch Namche waren die Hölle. Die Fussballen waren das Eine, nun schmerzten mich beide grossen Zehen so sehr, dass ich überzeugt war, dass sich dort jeweils eine riesige Blase gebildet hatte. Aber ich wollte das erst kontrollieren, wenn ich meine Schuhe danach nicht wieder anziehen musste. Also biss ich für die letzten Minuten nochmals durch und um 16.15h erreichten wir endlich das langersehnte Teehaus in Namche. Unsere Dufflebags waren leider noch unterwegs und so konnte ich mich noch nicht umziehen, oder die Schuhe ausziehen. Chirring und ich gönnten uns zur Feier des Tages zusammen ein Nepali Redbull und genossen den leeren Essraum ein wenig, denn kurz nach unserer Ankunft begann es ganz leicht zu nieseln. Weil ich noch ein bisschen Akku hatte, telefonierte ich kurz mit Phunuru im Wlan des Barista Cafes, das ohne Probleme funktioniert. Er war stolz auf uns, und dass wir so zackig unterwegs sind und würde uns in 2 Tagen in Kathmandu am Flughafen abholen. Dann übergab ich das Telefon an Chirring, damit sie organisatorische Dinge gemeinsam klären konnten. Währenddem kamen endlich auch unsere Dufflebags an und ich konnte mein Zimmer beziehen. Selten hatte ich mich so auf einen Schlafsack, andere Kleider und Adiletten gefreut, wie heute. Ich hätte sogar die Möglichkeit gehabt, hier heiss zu duschen, aber da wir nur noch 2 Tage von Kathmandu entfernt waren und es mittlerweile ziemlich kalt geworden war, verzichtete ich darauf. Ich hängte mein Handy an den Strom, bereitete das Bett zum Schlafen vor, wechselte meine Kleider und ging dann wieder raus, um endlich meine Füsse aus den Trekkingschuhen zu befreien. Wie erwartet hatte ich an beiden grossen Zehen Blasen, die auch noch blutunterlaufen waren. Ich versuchte diese so gut wie möglich zu verarzten, denn wir hatten noch einen weiteren langen Trekkingtag vor uns. Damit die Besitzer des Teehauses früh genug wissen, was ich zu Abend essen möchte, ging ich gleich danach in den Essraum, um zu bestellen. Dann war Zeit für eine heisse Schokolade im Sherpa-Barista-Cafe und ein wenig Wlan. Ich hatte sehr viele Nachrichten erhalten in den letzten Tagen und eigentlich wollte ich beginnen, diese zu beantworten. Aber als ich so vor dem Handy sass, merkte ich, dass ich gar nicht so richtig wusste, was ich zurück schreiben sollte. Alle schwärmten in den höchsten Tönen von mir und hatten gar keine Ahnung, dass mir alles andere als zum Feiern zumute war. Also liess ich die Nachrichten ungelesen, und checkte die Nachrichten, um zu wissen, was in den letzten Tagen so in der Welt passiert war. Zwei Tage Trekking waren wohl noch lange nicht genug, um bereit zu sein, dem Rest der Welt gegenüber zu treten. Ein weiteres Mal war ich froh über meine Entscheidung, anstatt eines kurzen Helifluges, den ganzen Weg hinauszuwandern. Es bedeutete zwar, dass ich nicht so schnell zu Hause sein werde, heiss duschen oder eine richtige Toilette benutzen kann. Aber auf einen Teil davon hatte ich ja schon knapp 6 Wochen verzichtet, dann sind 2 Tage mehr oder weniger auch noch machbar. Schneller als gedacht war es Zeit, mein Abendessen zu geniessen. Um nicht noch meinen Kopf auf eine andere Ernährung umstellen zu müssen, gab es ein weiteres Mal Pommes mit Spiegeleiern für mich. Chirring verwöhnte sich mit einer Pilzpizza, die ich sehr gerne bezahlte. Schliesslich hatte er genug Dahl Baht gegessen in den letzten Wochen und alles andere als Dahl Baht müsste er selbst bezahlen. Nach dem Abendessen ging ich noch auf eine kurze Shoppingtour in Namche. Ich hätte nämlich auf dem Trek im April eine Tasche entdeckt, die ich für Claudine kaufen wollte. Sie hatte den EBC-Trek im 2020 im Schnelldurchlauf gemacht, nachdem sie schon 2 Wochen mit mir in Nepal war und noch eine Woche Zeit hatte. Danach war ich aber reif für das Bett. Die schlaflosen Nächte zuvor zollten langsam ihren Tribut. Nur leider war mein Husten über den Tag nicht besser, sondern eher schlimmer geworden. An Schlafen war also leider nicht zu denken. Weil ich mein Zimmer oberhalb des Cafes hatte, konnte ich im Schlafsack bestes Wlan geniessen und nutzte dies aus, um nochmals ein bisschen mit Raphael zu telefonieren. Leider war der Zeitunterschied und der Tag nicht die beste Kombination, weshalb es wieder ein eher kurzes Telefonat war. Aber ich nehme alles, was ich bekommen kann, damit mein Heimweg ein wenig schwächer wird. Danach wälzte ich mich mehrheitlich in meinem Schlafsack hin und her. Der Husten war beinahe unerträglich und ich trank in der Nacht meinte gesamten Wasserflaschen leer. Die Konsequenz davon: Ich musste mich 3 Mal aus dem Schlafsack schälen, um zu pinkeln, aber Linderung gegen den Husten gab es nur sehr kurzzeitig. Ich denke, auch in dieser Nacht habe ich maximal eine Stunde geschlafen, obwohl ich mittlerweile doch ein ziemliches Defizit angesammelt hatte.
Mittwoch, 21.Mai - Namche Bazaar nach Lukla
Es half, dass Chirring und ich uns schon um 6.30h zum Frühstück treffen wollten, damit wir nicht zu spät in Lukla eintreffen würden. Die zwei Spiegeleier und der Toast waren schnell mit dem Schwarztee hinunter gespült und um 7.30h hiess es von Namche Bazar Abschied zu nehmen. Das Dorf hatte sich in den letzten 6 Jahren nochmals massiv vergrössert und verändert. Mir persönlich gefiel die Aufmachung im 2017 ganz gut und die aktuelle Form schreckt mich eher ab. Überall kann man alles bekommen. Von Massage, über Party oder Raclette findet man dort oben alles Erdenkliche. Am unteren Ende des Dorfes steht eine grosse Stupa, und wir liessen es uns nicht nehmen, einmal darum herum zu gehen, bevor wir den letzten Tag in Angriff nahmen. Vor uns hatten sich zwei asiatische Trekkinggruppen auf dem Pfad eingereiht, die es zuerst zu überholen galt. Weil es in der Nacht nochmals genieselt hatte, war der normalerweise staubige Weg eher matschig und rutschig. Also musste man sich genau überlegen, wo man seinen Fuss hinsetzen wollten. Die zwei Gruppen schienen diese Bewegungen extra langsam zu vollziehen. Weil auf einem Teil des Weges neue Treppen betoniert werden, mussten wir für ca. einen Kilometer auf einem ziemlich dünnen Weg vorwärts kommen. Zum Glück konnten wir die Asiaten vorher überholen, so dass wir dort nicht unnötig Zeit verlieren mussten. Beim Aussichtspunkt, wo man auf dem Trek normalerweise das erste Mal den Everest sieht, stoppten wir kurz, denn ich wollte diese Aussicht noch ein allerletztes Mal in mich aufsaugen. Leider waren die Wolken schneller und so blieb es beim unerfüllten Wunsch. Die Hillary Brücke kam schon bald in Sichtweite und wir überquerten sie ein letztes Mal zusammen. Unterhalb der Brücke sammelten sich wie üblich Trekker für den obligatorischen Fotostop und auch ich machte nochmals ein Foto von dem imposanten Anblick. Der Pfad hatte sich nun deutlich mit Trekkern gefüllt, die sich alle auf dem Weg nach Namche befanden. Noch nie hatte ich so viele Personen in Nepal gesehen, die irgendwelche Finisher-Shirts von Marathons auf der ganzen Welt trugen. Es war offensichtlich, dass viele sich am Himalaya-Marathon versuchen würden. Einige von ihnen sahen ziemlich fit aus, während ich anderen ehrlich gesagt weder das Finisher-Shirt, noch den Lauf vom Basecamp nach Namche zutraute. Aber man kann sich immer in Menschen täuschen und so begann ich den Personen, die wie Läufer aussahen, jeweils viel Glück zu wünschen. Der Weg war auf einem Stück von der Flutwelle letzten Herbst abgebrochen und so mussten wir auch noch 100m ziemlich steil querfeldein wandern, was uns aber nicht davon abhielt, ziemlich zackig unterwegs zu sein. Schon 1.5 Stunden nach unserem Aufbruch waren wir wieder beim Eingang des Nationalparks angekommen. Hier wird ein weiteres Mal das gültige Trekking-Permit kontrolliert und natürlich hatten wir das besagte Stück Papier noch immer nicht. Hier glaubten sie uns aber schneller, dass wir auf dem Gipfel waren. Ich musste nur ein paar Gipfelfotos von uns und meinen Pass zeigen und schon durften wir weitergehen. Ab jetzt war die Marschrichtung klar: Es ging stetig sanft aufwärts in Richtung Lukla. Unterwegs sahen wir noch eine Nepalesische Schreinerei, aka ein Zelt mit einer Holzschneidemaschine, umringt von zugeschnittenen Holzlatten und Platten. Es wurde auch wieder warm an der Sonne und wir waren um jeden Baum dankbar, der uns ein wenig Schatten spendete. Um kurz nach 11h dirigierte Chirring mich zu einem Restaurant um Lunch zu essen. Ich dachte eigentlich, dass wir nur noch eine Stunde zu gehen hätten und fragte deshalb nach, ob das nötig sei. Aber anscheinend waren wir noch ein bisschen weiter weg als ich dachte, deshalb machte der Stopp durchaus Sinn. Und einmal mehr hatte der Ort gratis Wlan, was ich sogleich ausnutzte. Die Wartezeit bis das Essen kam war perfekt, um meine Mutter mit einem Facetime-Anruf zu überraschen. Die Freude in ihrem Gesicht zu sehen war wunderbar! Wir plauderten fast 20 Minuten miteinander, was wir beide sehr geniessen konnten. Danach war aber wieder Zeit, aufzubrechen und uns dem letzten Wegstück der gesamten Expedition zu stellen. Ich verabschiedete mich lange von meiner Mutter und machte auch noch einen Pinkelstopp und dann ging es weiter im Takt. Ein paar Minuten später kamen wir an einem Wohnhaus vorbei, aus dem ich eine Radiostimme hörte. Es ist so spannend, wie sich meine Sinne in den letzten Wochen verändert hatten. Zu Hause wäre ein Radio etwas völlig normales und ein Radiomoderator nicht unbedingt von der Stimme einer anderen Person zu unterscheiden. Hier hörte ich den Unterschied extrem gut und blieb ob dieser Entdeckung kurz stehen. Ich war schon so weit in der Zivilisation zurück, dass es hier Radios gibt. Einmal mehr faszinierte mich ein völlig normaler Umstand hier so sehr, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Die letzten 1.5h schwitzten wir wieder um die Wette, bei einer Trinkpause plauderten wir ein bisschen über die Zeit in Kathmandu und was ich alles noch machen wollte. Für mich war klar, dass ich maximal 2 Tage in Kathmandu bleiben und dann auf dem schnellsten Weg nach Hause fliegen würde. Er konnte mich gut verstehen, denn auch er konnte es kaum erwarten, wieder bei seiner Familie zu sein. Ich hatte irgendwie so ein Gefühl, dass sich meine Schwester vielleicht überlegt hat, mich in Kathmandu zu überraschen und als ich das Chirring sagte, fragte er nur, wieso ich das dachte. Ich konnte es auch nicht wirklich beschreiben, aber sie war der Typ für solche Dinge und hatte mich auf dem gesamten Weg immer extrem unterstützt. Es würde passen, wenn sie plötzlich vor mir stehen würde. Jetzt war aber nicht die Zeit, darüber nachzudenken, denn die letzte Stunde und die letzten Kilometer vor Lukla lagen vor uns und ich wollte diese nochmals in vollen Zügen geniessen. Zumindest so gut es geht mit schmerzenden Füssen, müden Beinen und nach 3 fast schlaflosen Nächten. Auf dem letzten Teil hörte ich neben dem noch ungewohnten Radio ein weiteres ungewohntes Geräsuch, und zwar das Surren von elektrischen Leitungen, die entlang dem Dudh Kosi gespannt waren. Ein Geräusch, das ich in der Schweiz nie wahrgenommen hatte, war hier urplötzlich omnipräsent. Im Gegensatz zum Radio war das eher eine negative Überraschung, denn es zeigte mir, dass der Gang in die Zivilisation nicht nur eine heisse Dusche oder Toilette bedeutete. Sondern auch schlechte Luft, Strahlen und ein störendes Handy. Um 13.45h erreichten wir den allerletzten Checkpoint vor Lukla, den wir noch schneller passieren konnten als den letzten. Das einzige was uns jetzt noch von unserem finalen Teehouse trennt, waren 200m aufwärts gehen und dann einmal fast durch ganz Lukla spazieren. Ich konnte es fast nicht glauben, dass wir endlich unseren 3-Tagesmarsch zu Ende führen konnten. Mittlerweile schmerzten nicht nur die Füsse, sondern auch die Schultern wieder, obwohl mein Rucksack leicht wie eine Feder war. Oder zumindest im Vergleich zu dem Gewicht, das ich von Camp 4 und Camp 2 vom Berg herunter getragen hatte. Nun fehlten also noch ganze 200m und dann standen wir wieder am Beginn des ganzen Treks. Ich schaffte es gerade noch, meine Tränen zurück zu halten, denn ich wollte unbedingt mit Chirring ein End-Foto machen und die einzigen zwei Personen, die weit und breit zu sehen waren, waren gerade im Begriff zu gehen. Ich rief ihnen nach, ob sie vielleicht eine Minute hätten, um von uns ein Foto zu machen und wir hatten Glück. Sie drehten wieder um und erfüllten mir den Wunsch. Als wir das Foto gegencheckten und für gut befanden, meinten sie, dass der Trek schon anstrengend sei, oder? Ich schaute Chirring an, er grinste zurück und ich antwortete, dass es doch harte Tage waren, die wir gerade erlebt hatten. Das machte die zwei so stutzig, dass sie nachfragten, ob wir auch nur den Trek meinten oder ob wir etwa auf dem Gipfel waren. Ich wollte ihn eigentlich anlügen, und unseren Gipfelerfolg verheimlichen, aber eigentlich gab es dazu ja keinen Grund, weshalb wir «gestanden» vor 3 Tagen tatsächlich auf dem Dach der Welt gewesen zu sein. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und fragten eine der Fragen, die ich seit dem 18.Mai nun ständig gefragt werde: Ob ich denn ein Gipfelfoto hätte. Ich zuckte mein Handy und zeigte mein Lieblingsfoto von uns dreien auf dem Gipfel. Nun schienen sie uns zu glauben und betrachteten vor allem mich ziemlich ungläubig. Also bedankte ich mich ein wenig überfallartig für das Foto und verabschiedete mich. Diesen Blick hatte ich schon in den letzten zehn Jahren zur Genüge gesehen und brauchte ich jetzt ganz sicher nicht mehr. Also liessen wir die beiden ziemlich abrupt stehen und brachen auf die Flamme rouge in Lukla auf. Ein letztes Mal umgingen wir einen Prayerstone von links, obwohl es völlig nicht auf dem Weg lag und spazierten den vielen Shops entlang, die am Hauptweg wie Perlen aufgereiht waren. Nun musste ich doch ein wenig schwer schlucken, denn der 28 Jahre währende Traum war nun in den allerletzten Zügen. Schneller als gedacht standen wir vor unserem Teehaus und ich sprang Chirring quasi in die Arme. Ich war ihm so unendlich dankbar für alles was er in den letzten Jahren für mich gemacht hatte. All die Arbeit, die er in meinen Traum gesteckt, all die Risiken die er für mich aufgenommen hatte… Dafür wollte ich ihm einfach nochmals danke sagen. Dann musste ich kurz die Tränen wegputzen und trat in das allerletzte Teehaus ein. Eine Minute später hörten wir ein lautes Trommeln von draussen und Chirring meinte, das sei Regen. Ich war ein wenig erstaunt, denn obwohl es in der letzten Stunde zweimal ein paar Minuten ganz leicht getropft hatte, hatte ich nicht das Gefühl, dass ich irgendwo in der Nähe Regenwolken gesehen hatte. Aber als ich die Tür öffnete, sah ich dass Chirring Recht hatte. Ein heftiger und langanhaltender Regenguss tauchte Lukla in eine unwirtliche Umgebung. Das Wasser floss nicht wirklich ab und keiner, der unterwegs war, hatte in der Schnelle die Regenjacke übergeworfen. Was war ich froh, dass wir heute nicht langsamer unterwegs gewesen waren. Ich hatte meine Regenjacke zwar immer im Rucksack, aber ganz unten, bedeckt von allem Möglichem, weil ich sie ja eigentlich nie gebraucht hatte. Eigentlich wollte ich schnellstmöglich in das Himalayan Cafe gehen, weil sie dort gutes Wlan hatten und ich meiner Schwester mitteilen wollte, auf welchen Tag sie meinen Rückflug umbuchen sollte. Aber nun entschied ich mich dagegen und bestellte erst einmal einen Schwarztee. Solange wir keine Dufflebags hatten, machte es nicht wirklich Sinn, ein Zimmer zu beziehen. Deshalb sassen wir gemeinsam im Essraum und töggelten auf unseren Handys herum. Ich hatte dank meiner Nepalesischen SIM-Karte Empfang und konnte meine vielen Daten so gebrauchen. Mit der Zeit wurde mir kalt, denn während den letzten zwei Stunden ging es nur aufwärts und es war sehr heiss, wir waren also ziemlich schweissnass im Teehaus angekommen. In den Teehäusern war es immer eher kühl, und die Kombi mit den nassen Kleidern führte dazu, dass ich alles anzog, was sich in meinem Rucksack befand. In der Wartezeit konnten wir auch noch unser Abendessen bestellen. Ich nahm ein letztes Mal fried eggs mit fries und Chirring notierte die Bestellung für die zwei Teehaus-Damen, die den ganzen Tag nicht aus der Küche gekommen waren. Wir waren um 14h im Teehaus angekommen und erst um 15.20h waren unsere Dufflebags auch endlich da. Die armen Träger waren mitten auf dem Weg verregnet worden und mussten sich unterstellen, weil sie nicht wussten, ob die Taschen dicht sind oder nicht.
Nun konnte ich endlich meine Kleider wechseln und in wärmere Schichten schlüpfen. Danach verabschiedete sich Chirring bis zum Abendessen, weil er eine seiner Schwestern besuchen wollte, die in Lukla wohnt. Ich konnte mich nun auch endlich ins Himalayan Cafe aufmachen, um etwas Heisses zu trinken und ein grosses Stück Schokoladenkuchen zu essen. Das Cafe ist ein wenig zum Treffpunkt von Trekkern und Bergsteigern geworden, denn sie haben neben den sehr guten Kuchen auch verschiedene tolle heisse Getränke, wahnsinnig gutes Wlan und viele Steckdosen. Also quasi alles, was das Herz begehrt nach mehreren Wochen Trekking am Ende der Welt. Nun konnte ich endlich meine Schwester anrufen, um mit ihr zu besprechen, dass ich am Samstag Abend gerne nach Hause fliegen möchte, damit sie mich am Sonntag ohne Verkehrschaos am Flughafen abholen konnten. Sie war auf jeder Expedition meine Reise-Agentin, die die Flüge für mich umbucht. Die digitalen Verbindungen in Ländern wie Nepal waren früher nicht immer die Besten und meist muss man Flugänderungen per Telefon machen. Sie wartet dann jeweils auf mein Go, damit sie alles von zu Hause aus erledigen kann. Ich war so was von bereit, wieder nach Hause zu gehen und endlich meine Erlebnisse jemandem mitzuteilen. Für mich fühlte es sich nicht richtig an, das Ganze über Telefon zu erzählen. Ich brauchte eine lange Umarmung und Geborgenheit, das spürte ich bis in die Zehenspitzen. Vroni war mit Raphael gerade bei meiner Mutter beim Mittagessen, als ich anrief. Alle hatten grosse Freude, als sie mich sahen und als sie erkannten, wie gross das Kuchenstück war, gleich noch mehr. Schliesslich hatte ich deutlich und sichtbar Gewicht verloren und heute war der erste Tag, daran zu arbeiten, die 8kg wieder zurück zu gewinnen. Leider prallten meine Flug-Pläne an der harten Realität ab, denn gemäss meiner Schwester war ein Rückflug frühestens am 26.Mai möglich, mit Ankunft am 27.Mai. Und jetzt war der 21. Mai… Obwohl ich mich in Nepal immer sehr wohl fühlte, war das dann doch zu viel des Guten. Einen oder einen zweiten Tag in Kathmandu würde ich ja noch akzeptieren, aber eine ganze Woche lang konnte ich mich definitiv nicht dort alleine unterhalten. Vor allem nicht unter diesen Umständen und nach allem was ich erlebt hatte. Zuerst wollte Vroni nicht so wirklich damit heraus rücken, warum ein früherer Rückflug nicht möglich war. Ich hatte nämlich zuvor schon meinen Wunsch-Flug gecheckt und gesehen, dass es noch Platz hat. Somit sprach eigentlich nichts dagegen, mein Ticket umzubuchen. Das erklärte ich ihr gerade zum zweiten Mal, denn es fühlte sich plötzlich so an, als ob sie gar nicht wollten, dass ich generell nach Hause komme. Sie sagten Dinge wie «Warum musstest du denn auch so den Berg runterrennen? Du hättest den Trek zurück doch auch noch ein wenig geniessen können. Gönn dir doch noch einen Tag in Lukla, dass du zur Ruhe kommst. Du hast in Kathmandu sicher noch nicht alles gesehen, geniesse doch noch ein paar Tage in der Stadt und mache Sightseeing» Genau das, was man hören möchte, wenn man nur einen einzigen Wunsch hat, nämlich nach Hause zu fliegen. Ich hörte zwischen den Zeilen aber leider immer nur: «Es war eigentlich ganz schön ohne dich die letzten 2 Monate, wir wollen das noch ein bisschen geniessen.» Die Erkenntnis, dass ich alles dafür tun würde, dass ich wieder nach Hause kommen kann und meine Liebsten mich aber gar nicht zu Hause haben wollten, zerriss mir fast das Herz. Ich fühlte mich in diesem Moment so einsam und verlassen wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich sass da wie bestellt und nicht abgeholt und mein Gehirn war leergefegt. Die Lust auf den Kuchen war genau so verschwunden, wie die Freude, das Abenteuer gesund beendet zu haben. Ich fragte mich ein weiteres Mal, zu welchem Preis ich mir nun meinen Lebenstraum erfüllt hatte. Und so sass ich da: Mitten im Café, stumm, in Tränen aufgelöst vor meinem Handy im Video-Telefonie-Modus und bekam kein Wort mehr heraus. Was sollte ich auch noch sagen, ausser dass es mir vor allem für sie so wichtig war, dass ich sicher wieder heil von diesem Berg herunter komme. Anscheinend zerriss es nicht nur mir das Herz, sondern auch den drei Gesichter auf dem Handy-Bildschirm. Denn nun hörte ich plötzlich von Vroni, dass es einen ganz speziellen Grund gäbe, weshalb ich nicht früher zurück fliegen könne. Eigentlich wäre es eine Überraschung gewesen, aber sie wolle mich nicht so enttäuscht zurück lassen. Und zwar hätte sie in den letzten 2-3 Wochen intensiven Kontakt mit dem Schweizer Fernsehen gehabt, die irgendwie Wind davon bekommen hatten, dass ich auf dem Everest unterwegs war. Nun hatten sie geplant, dass sie mich mit Kameras bei meiner Ankunft in Zürich begleiten und daraus einen Fernsehbeitrag machen würden. Damit alles wie geplant über die Bühne gehen konnte, kam nur der 27.Mai als Ankunftstag in Frage. Es stecke viel Arbeit in diesem Plan und sie habe darum in den letzten 2 Wochen sehr viel Zeit dafür investiert, dass alles perfekt geplant war. Wenn ich nun früher heimreisen würde, wäre die ganze Arbeit für die Katze. Ich war total geschockt von dieser Geschichte, denn so sehr ich mich eigentlich geehrt fühlen sollte über das Interesse des Schweizer Fernsehens, so sehr sträubte sich in mir alles gegen diese öffentliche Zelebrierung meiner Besteigung. Aber das konnte ich so meiner Schwester natürlich nicht sagen, denn sie hatte viel Zeit dafür geopfert neben allem anderen, das sie sonst noch macht. Ich glaube sie bemerkten meine Verwirrung und meinten, dass ich das Gehörte jetzt erstmal sacken lassen solle und sie ihr Mittagessen fertig essen würden. Wir könnten in einer halben Stunde nochmals telefonieren, wenn ich mich ein wenig beruhigt hatte. Das schien mir eine gute Idee zu sein und so beendete ich den Anruf ein wenig ratlos. Noch immer flossen die Tränen unaufhaltsam und das Gefühl der Einsamkeit war noch voll da. Die Hürde, ihnen das Erlebte zu erzählen war auf einen Schlag viel höher geworden. Ich sollte nun öffentlich gefeiert werden für etwas, das ich selbst alles andere als feiern möchte und kann ihnen aber über das Telefon nicht erklären warum. Ich hatte immer gesagt, dass ich die Besteigung des Everests für mich mache und auch nach der Besteigung war das noch immer fest in mir verankert. Es war MEIN Traum und MEIN Weg dahin und auch wenn ich unter Freunden und Bekannten sehr offen darüber kommunizierte, wollte ich nicht im nationalen Fernsehen dafür gefeiert werden. Ich wollte selbst entscheiden, wer von der Besteigung wann wissen sollte und das nicht an die grosse Glocke hängen. Denn andere Menschen sollen mich nicht nach dem Everest beurteilen, sondern nach meinem alltäglichen Verhalten. Doch sollte ich meine Schwester nun enttäuschen und sagen, dass mir das Schweizer Fernsehen und dieser Beitrag völlig gegen den Strich geht? Nach all der Arbeit, die sie offenbar reingesteckt hatte, fühlte ich mich ziemlich undankbar. Sie hatte mich seit dem ersten Mal als ich den Everest erwähnt hatte bis zum heutigen Tag so sehr unterstützt wie kein anderer Mensch. Ich konnte mich nicht dazu überwinden, ihre Überraschung nun in den Sand zu setzen. Ich konnte mich langsam wieder ein wenig beruhigen und aufhören zu weinen, denn immerhin in einem hatte ich Unrecht: Meine Liebsten wollten doch, dass ich nach Hause komme. Ich war nicht ganz so alleine auf dieser Welt, wie ich es vor ein paar Minuten noch gedacht hatte. Sie freuten sich sogar so fest, dass sie mich auch noch überraschen wollten mit etwas mit dem sie dachten, dass sie mir eine Freude machen könnten. Die Erkenntnis kam dann relativ schnell. Ich konnte und wollte ihnen diese Freude nicht verderben und das hiess in Gottes Namen, dass ich es irgendwie schaffen musste, mich 6 Tage lang in Nepal zu beschäftigen, bis ich nach Hause fliegen konnte. Mir widerstrebte es zwar vom ganzen Herzen, bei der Ankunft vor eine Kamera zu stehen, aber das ist wohl der Preis dafür, dieses egoistische Abenteuer erlebt zu haben. Jetzt konnte ich mich auch wieder dem Kuchen vor mir widmen, obwohl die Freude darüber nicht mehr ganz so gross war. Immerhin schmeckte er gut und Schokolade hilft in solchen Situationen immer ein wenig positiver zu denken. Die halbe Stunde war schnell vorbei und schon sass ich wieder vor dem Handy-Bildschirm. Irgendwie schienen die drei in der Schweiz froh, dass sie mich nun in die Überraschung eingeweiht hatten und ich mich damit arrangieren wollte. Sie versprachen mir, dass sie sich nochmals mit SRF in Verbindung setzen würden, damit ich, bevor die Kameras auf mich los gingen, zumindest noch ein paar Minuten alleine mit Raphael haben würde. Das war mir sehr wichtig, denn er war noch kamera-scheuer als ich und ich musste ihn nicht auch noch mit ins Rampenlicht ziehen, wenn ich schon nicht da sein wollte. Ich beschloss, dass ich am Abend nochmals mit Raphael telefonieren wollte, um ihm die ganze Geschichte vom Gipfelgrat zu erzählen. Ich konnte nicht nochmals eine Woche warten und dann waren ja überall Kameras zu erwarten. Darüber zu reden wäre also auch bei der Ankunft nicht möglich und ich spürte dass ich eine Feier nur überstehen würde, wenn ich die Geschichte zuvor erzähle. Man stelle sich vor, alle würden meine Ankunft feiern und ich würde überhaupt nicht glücklich reagieren..
Wir beendeten unser Gespräch bald wieder und ich war wieder für mich in dem Café in Lukla, weit weg von der Schweiz. Das Café hatte sich während dem Telefonat weiter gefüllt und ich hatte das Gefühl, dass ich schon komisch angeschaut werde, weil ich immer wieder Tränen vergoss. Ich versuchte mich zusammen zu reissen, bestellte nochmals einen feinen Honey-Ginger-Lemon-Tee und atmete ein paar Mal durch. Meine Gedanken kreisten um mögliche Szenarien am Flughafen in Zürich. Würden sie mir wirklich die paar Minuten mit Raphael geben ohne Kameras? Das Wiedersehen wäre eigentlich das Beste am Ganzen, und ich war mir nicht sicher, ob sie bereit waren darauf zu verzichten. Welche Fragen würden auf mich zukommen? Wie könnte ich so tun, als wenn meine Besteigung etwas Grossartiges wäre, wenn ich bis in die Knochen das Gefühl hatte, dass es das eben nicht war? Wie viel von meinen Erlebnissen konnte ich vor einer Kamera erzählen, ohne dass ich zusammen breche? Würde ich für das Gesagte öffentlich verurteilt werden oder ebenso in einen Topf geschmissen wie alle, die den Everest nur wegen dem Prestige besteigen? Solche Fragen kreisten pausenlos in meinem Kopf und wollten partout nicht aufhören. Ebenfalls war ich ein wenig nervös, weil Bianca mittlerweile auf ihrem eigenen Summit push war und ich von ihrer Mutter noch nichts gehört hatte. Gestern kam die Nachricht, dass Paul in Camp 2 bleiben würde, weil er nicht fit genug ist für den Gipfel. Bianca ist also mit ihren Sherpas alleine unterwegs und gestern in Camp 3 angekommen. Heute wäre also in der Nacht der Gipfeltag und ich versuchte die wenige positive Energie, die ich noch hatte, direkt zu ihr zu schicken. Ich weiss, dass sie stark ist und die Gipfelbesteigung in sich trägt. Aber ob der Berg bereit war, würden wir in den nächsten Stunden und Tagen herausfinden.
Ein Tuch der Erschöpfung und Schwere hatte mich seit dem ersten Telefonat mit meiner Schwester eingehüllt und ich bekam es im Moment nicht mehr weg. Dass diese Momente nach dem Gipfel psychisch ebenso anstrengend sind, wie das Warten davor hatte ich so nicht erwartet. Ich dachte immer, wenn ich wieder in Sicherheit wäre, würde ich den ganzen lieben Tag mit einem riesigen Grinsen herumlaufen. Wie ich mich da geirrt hatte… Es brauchte Überwindung, den Stunden etwas Gutes abzugewinnen und wenn es nur der Geschmack des Schokoladenkuchens oder die Aussicht auf ein Gespräch mit Raphael war. Draussen war mittlerweile die Sonne hinter den Bergen unter gegangen und ich nutzte die Gelegenheit auf der schönen Terrasse des Cafés die Aussicht auf Lukla noch einmal so richtig zu geniessen. Ich weiss nicht, ob und falls, wann ich wieder zurück kehren würde und dieses Dorf hat sich eine Platz in meinem Herzen erobert. Es ist so urig schön gewesen, als ich das erste Mal da war vor 8 Jahren. Jetzt ist es viel touristischer, aber wenn man genau hinschaut, erkennt man immer noch Teile von früher, die sich nicht geändert haben. Es war Zeit, zurück zum Teahouse zu gehen, denn es war schon nach 18h und mein Abendessen würde um 18.30h bereit sein. Der Regen hatte in den 2 Stunden, die ich im Café verbracht hatte, aufgehört und der Himmel war wolkenlos. Im Teahouse legte ich noch alles bereit für morgen, damit ich nach dem Essen nicht mehr allzu viel machen musste und hoffentlich ein wenig Schlaf nachholen konnte. Pünktlich um 18.30h sass ich am Tisch im Teahouse und freute mich sogar ein wenig auf meine Pommes. Die letzten Pommes in einem Teahouse für sehr lange Zeit. Leider entpuppte sich meine Vorfreude als heisse Luft, denn ich bekam keine Fries serviert, sondern fried rice mit Spiegeleiern. Kleiner aber feiner Unterschied… Ich war ein wenig perplex und sagte ihr, dass ich Pommes bestellt hätte und keinen Reis. Da wurde sie ein wenig wütend und meinte, wir hätten klar fried rice gesagt. Da ich nach dem Kuchen und generell sowieso nicht wirklich Hunger hatte, ergab ich mich dem Schicksal und widmete mich dem Reis. Dieser verströmte aber einen so komischen Geruch, dass ich fast auf den Tisch gekotzt hätte. Irgendwas war darin oder daran, das es mir unmöglich machte, auch nur ein Reiskorn zu essen. Ich schob den Teller so weit weg von mir wie es ging und versuchte die Übelkeit wegzuatmen. Die Eier waren leider kalt, so dass ich es auch fast nicht schaffte, etwas davon zu essen. Ich hasse es, wenn Essen im Müll landet, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht überwinden, mehr zu essen. Als Chirring ein paar Minuten später von seiner Schwester zurück kam und den Reis sah, war er auch ein wenig verwundert. Ich erklärte ihm das Problem und auch dass ich wegen dem komischen Geruch nichts davon essen könnte. Er rümpfte ebenfalls die Nase, als er daran roch, aber auch er konnte nicht benennen, was das Problem war. Er nahm aber den Teller mit und ging damit in die Küche. Dann hörte ich ein wenig lautes Gerede aus der Küche und Chirring der wieder zurück kam, um das Buch zu suchen, in dem wir notiert hatten, was wir essen wollten. Da stand schwarz auf weiss Frys with egg. Obwohl falsch geschrieben, war klar zu erkennen, dass nirgends was von Rice steht. Das machte die Dame in der Küche anscheinend noch ein wenig wütender. Ich sagte Chirring, dass er sich die Mühe sparen sollte, da ich sowieso keinen Hunger hatte. Ich wollte nicht, dass die Frau sich nochmals in die Küche stellte, um lieblose Pommes zu machen, die ich dann sowieso nicht essen würde. Zum Glück war er damit einverstanden, er weiss ja, dass ich nicht sterben würde, wenn ich einmal nichts essen würde. Er kennt zudem die Kuchen im Café und weiss also, dass ich den Magen davon schon gefüllt hatte. Wir besprachen noch kurz, wann wir morgen in Richtung Flughafen aufbrechen würden. Ich bestellte für das Frühstück nur einen Schwarztee, denn ich könnte in Kathmandu – sofern alles läuft wie geplant – im Hotel immer noch etwas essen, falls ich dann Hunger hätte. Nun war es an der Zeit, die Zähne zu putzen und in den Schlafsack zu kuscheln, um mit Raphael zu telefonieren. Endlich konnte ich meine Geschichte erzählen und Raphael meinte viele Wochen später in einem Gespräch, dass er erst während diesem Telefonat so ganz realisiert hatte, wie gefährlich der Everest wirklich war. Er zeigte Verständnis für meine Gefühle und versuchte sie mir auch nicht auszureden. Er hatte unbewusst verstanden, dass seine Aufgabe darin bestand, mir zuzuhören, damit ich das Grauen aus meinem Kopf bekomme. Mir tat es so gut, dass ich alles erzählen konnte und somit vielleicht ein wenig Verständnis dafür bekomme, dass ich mich noch nicht wirklich über meinen Gipfelerfolg freuen konnte. Ich hatte mein Lebensziel erreicht und seitdem flossen mehrheitlich Tränen der Trauer und nicht Tränen des Glücks. Ich musste es ihm nicht näher erklären, er verstand dass es viel Zeit brauchen würde, bis ich stolz sein konnte auf das was ich erreicht hatte. Obwohl er und alle zu Hause wahrscheinlich vor Stolz fast platzten. Wir einigten uns darauf, dass ich mich wieder melden würde, wenn ich in Kathmandu angekommen war und dass wir in ein paar Tagen wieder telefonieren würden. Er hatte in den nächsten Tagen viel zu tun und ein genug langes Zeitfenster, das für uns beide passte, war darum morgen und übermorgen nicht in Sicht. Ich war nun endgültig bereit für eine Mütze Schlaf. Der Blick auf die Uhr zeigte 21.34 und das hiess, dass ich 8.5h schlafen konnte. Leider hatte meine Gesundheit etwas anderes im Sinn. Schon durch den Tag hatte ich alle paar Minuten einen Reizhusten und ohne regelmässiges Trinken und in liegender Position verschlechterte sich der Reiz massiv. Alle paar Minuten kam er zurück und so war an Schlaf überhaupt nicht zu denken. Ich wälzte mich todmüde in meinem Schlafsack hin und her, der auch noch zu warm war für die Temperaturen in Lukla. Nach einiger Zeit setzte ich mich halb auf, was ein wenig half, aber trotzdem konnte ich nicht einschlafen. Zu viele Gedanken gingen mir zwischen den Hustenanfällen durch den Kopf. Irgendwann muss ich doch einmal eingeschlafen sein, denn plötzlich schreckte ich auf, von extrem lautem Hundegebell geweckt. Im gesamten Khumbu-Tal gibt es wilde Hunde und vor allem in Lukla lagen diese tagsüber überall in der Sonne. Anscheinend war die Nacht die Zeit, in der sie ihrer Energie freien Lauf lassen und bellend durch das Dorf ziehen. Jetzt konnte ich endlich ein paar Minuten schlafen und dann weckten mich die Hunde… Natürlich versuchte ich gleich wieder einzuschlafen, was mir leider nicht wirklich gelang.
Donnerstag, 22.Mai - Lukla nach Kathmandu
Bis ich den Schlaf-Versuch um 5.15h aufgab, war ich sicher ein paar Mal für einige Minuten eingenickt, aber ich war meilenweit entfernt von einer erholsamen Nacht mit gutem Schlaf. Der Blick nach draussen bestätigte mir, dass es heute ziemlich sicher endlich wieder zurück in die Zivilisation ging: Der Himmel war wolkenfrei und die Dämmerung hatte schon eingesetzt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die ersten Sonnenstrahlen auf die Dächer Luklas treffen würden. Ein letztes Mal musste ich mich nun aus meinem Schlafsack schälen und meine 7 Sachen zusammen packen. Ich zog einmal mehr meine mittlerweile übel riechenden Trekking-Sachen über, ergänzte sie mit meinem letzten – im Basislager frisch gewaschenen – sauberen T-Shirt und vergewisserte mich mehrmals, ob der Himmel auch wirklich wolkenlos war. Ein allerletztes Mal stopfte ich meinen Schlafsack in den Packsack, darauf bedacht, dass er so klein wie möglich zusammen gepresst war. Schliesslich wollten wir nicht noch auf der letzten Etappe eine der Duffle-Bags zurück lassen müssen. Ich nahm mir auch noch Zeit, meine Zähne zu putzen und ein wenig Ordnung in die Trekking-Duffle zu bringen. Unter anderem nahm ich alle meine Sonnencrèmes raus, denn diese wollte ich Chirring schenken. Die Sherpas haben selten einen guten Sonnenschutz und ich brauchte in den nächsten paar Jahren meinen sowieso nicht mehr. Er kann so seine Haut ein bisschen besser schützen, wenn er das nächste Mal auf eine Expedition geht. Danach schloss ich die Reissverschlüsse der Duffle-Bags und stellte sie vor das Zimmer. Im Rucksack waren nun nur noch wenige Dinge, denn diesen musste ich ins Flugzeug nehmen und dort hat es keine Gepäckfächer, also legt man den Rucksack auf den Schoss. Ich war noch ein wenig zu früh, weshalb ich meine Taschen einzeln in den Esszahl vom Teahouse hinunter schleppte. Chirrings Taschen waren schon weg und als ich meine letzte Tasche im Saal auf den Boden fallen liess, stand auch schon mein Schwarztee bereit. Es war unerwartet kühl so früh am Morgen, obwohl ich in der Nacht eher das Gefühl hatte, dass es warm war. Der Tee war schnell getrunken und kurz darauf tauchte Chirring auch schon auf. Er hatte in der Zwischenzeit neben seinen Taschen auch schon eine meiner Duffles zum Flughafen getragen und fragte mich, ob ich bereit sei loszugehen. Und ob ich bereit war? Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich noch gestern in ein Flugzeug gestiegen, aber das war natürlich nicht möglich bei dem Regen. Nun schulterte ich meinen Rucksack ein letztes Mal und wir nahmen die zweite Dufflebag zwischen uns, um sie die paar 100m zum Flughafen zu tragen. Natürlich wollte ich unbedingt nach Hause und konnte es auch kaum erwarten, in Kathmandu im Hotel zu sein. Aber das hiess natürlich auch, dem Dorf Lukla und dem gesamten Khumbu dern Rücken zuzukehren, was mir in dem Moment trotzdem nicht ganz so einfach fiel. Der Weg zum Flughafen war kurz aber anstrengend. Zuerst muss man auf der Dorfseite Treppenstufen erklimmen, hinter dem Startfeld durch gehen und auf der anderen Seite wieder Treppen runter steigen, um zum Flughafengebäude zu kommen. Man könnte meinen, dass wir noch immer top trainiert und akklimatisiert wären, aber ich war – wie immer in Lukla – natürlich nach kurzer Zeit ziemlich ausser Atem. Aber wenn man den ganzen Weg, den wir in den letzten Tagen und Wochen hinter uns gebracht haben anschaut, dann waren diese paar Meter ein Klacks dagegen. Ab jetzt konnte ich mich so lange erholen wie ich wollte, also kam es jetzt nicht noch in Frage, das Tempo zu drosseln wegen einer Dufflebag.
Im Flughafengebäude herrschte das gewohnte Durcheinander. Guides und Sherpas schoben ihre Kunden an die richtigen Schalter, diskutierten miteinander und händigten Pässe oder Boardkarten aus. Die Schlage am Schalter unserer Fluglinie Sitaair war kurz und das übliche Vorgehen war schnell erledigt: Passagier wiegen, Rucksack wiegen, Dufflebags wiegen, irgendwer schreibt alle Zahlen auf einen Fresszettel, von Hand wird ein Etikett ausgefüllt, das an die Gepäckstücke gehängt wird und die Boardkarte ausgedruckt. Schon um 7.20h – also keine 2 Stunden nachdem ich noch im Schlafsack gelegen hatte, hielt ich meine Boardkarte für den Flug 614D in den Händen. Die Sicherheitskontrolle war eher rudimentär und oberflächlich, so dass wir keine 5 Minuten später schon im Wartebereich sassen. Das Wetter sah noch immer sehr gut aus und es dauerte nicht sehr lange, bis die ersten Flugzeuge am Horizont auftauchten. Ich empfehle jedem, sich dieses geordnete Flugchaos von Lukla mal auf einem youtube-Video anzuschauen. Plötzlich ist das ganze Dorf von grossem Lärm erfüllt und Flugzeug an Flugzeug landet und startet auf der einzigen Bahn. Es hat nur Standplätze für vier Flugzeuge und das Be- und Entladen dieser dauert nur wenige Minuten. Unser Flugzeug landete um kurz vor 8h und meine Dufflebags fanden in der Nase im Gepäckfach Platz. Mein Video vom Start des Flugzeugs zeigt eine Startzeit um 8.02h und eine wunderbare Aussicht beim Start. Das allerallerallerletzte Hindernis auf meinem Abenteuer hatte begonnen, der Flug nach Kathmandu. Noch nie war ich mehr überzeugt, dass dieses Flugzeug abstürzen würde, obwohl ich draussen nur in der Ferne Wolken entdecken konnte. Irgendwie war die ganze Expedition für meine Verhältnisse zu problemlos über die Bühne gegangen und das machte mich ziemlich paranoid. Ich hatte den Sitz gleich hinter dem Piloten erwischt, Chirring sass hinter mir. Wir beide betrachteten die Aussicht und bestaunten die grünen Felder, die unter uns hindurch zogen. Er zeigte mir das Dorf, in dem er geboren worden war und ich versuchte alles, was ich auf diesem Flug sah, nochmals in mich aufzusaugen. Irgendwie weiss ich tief im Inneren, dass ich irgendwann mal wieder zurück kommen werde. Aber wann das sein wird, und wo ich dann im Leben stehen werde, weiss ich nicht. Dieser Flug war nun quasi der Transfer aus der Expeditions-Bubble hinaus in die reale Welt und es war der ruhigste Flug, den ich je auf dieser Strecke erlebt hatte. Es dauerte nur 20 Minuten bis wir in Kathmandu landeten und in Anbetracht der Tatsache dass nun auch diese Gefahr gebannt war, flossen bei mir einmal mehr ein paar Tränen. Keine Ahnung, wann das endlich aufhören wird. Unser Flugzeug rollte zu einem Aussenplatz und von dort fuhr uns ein kleiner Bus zu einem kleinen Gebäude. Dort wartete Phunuru schon auf uns und als ich ihn sah, konnte ich nicht anders, als in einfach anzuspringen, zu umarmen und zu weinen. Er fragte natürlich, ob alles okay sei, aber ich war emotional so am Rand des Erträglichen, dass ich einfach nicht anders konnte. Ich war zurück in Kathmandu, war – abgesehen von dem unerträglichen Husten – gesund, und ich hatte alle offensichtlichen Gefahren ohne Schaden überstanden. Phunuru hatte mich in den letzten 3 Jahren auf allen Expeditionen begleitet und geführt und diese erfolgreiche Everest-Expedition erst möglich gemacht. Es war einfach so schön, dass er nun am Flughafen stand und wir uns gemeinsam über das Erreichte freuen konnten. Wir packten unsere Dufflebags und Rucksäcke und verliessen das Gebäude in Richtung Auto. Chirring verabschiedete sich hier, denn er sehnte sich genau so nach zu Hause wie ich, nur dass seine Frau und sein Kind in der Nähe in Kathmandu auf ihn wartete. Wir verabredeten, dass wir am nächsten Abend alle zusammen zu Abend essen würden und er seine Familie mitbringen würde. Es war das Mindeste, was ich tun konnte, um seiner Frau noch einmal persönlich danke zu sagen, dass er mit mir diese Expedition durchführen konnte.
Phunuru und ich setzten uns in ein Auto, das uns durch das Verkehrschaos zurück ins Hotel Tibet brachte. Im Beisein des Fahrers brachte ich es nicht übers Herz, Phunuru von den Erlebnissen auf dem Gipfelgrat zu erzählen, deshalb war ich ein wenig wortkarg auf der Fahrt. Im Hotel empfingen mich alle mit einem grossen Lächeln im Gesicht und gratulierten mir. Es schien anscheinend schon die Runde gemacht zu haben, dass ich wieder heil zurück bin. Sie waren sich sicher gewohnt, dass immer wieder halb lebendige Westler direkt aus dem Krankenhaus eincheckten, oder sogar ein Mitarbeiter einer Agentur die zurück gelassenen Gegenstände abholen muss, weil jemand von einer Expedition nicht mehr zurück kommt. Nun, in der Lobby konnte ich Phunuru endlich von der missglückten Rettungsaktion erzählen, so dass er meine mentale Verfassung vielleicht ein bisschen besser einordnen konnte. Er versprach mir, dass er sich unter seinen Freunden umhören wollte, um zu erfahren, ob die Chinesin schlussendlich gerettet werden konnte oder nicht. Zudem beteuerte er mir, dass mich keine Schuld traf und wir unser Bestes gegeben hatten. Chirring hatte je genau das gleiche schon mehrmals zu mir gesagt und ich denke, dass der einzige richtige Weg im Umgang mit der Geschichte ist, dass ich das immer wieder zu hören bekomme. Er erzählte mir auch, dass er die treibende Kraft war, dass wir noch am gleichen Tag an dem wir vom Berg herunter gekommen waren, das Basecamp verlassen haben. Er wollte Chirring und Gyalzen davor schützen, dass sie schlimmstenfalls nochmals hoch geschickt würden, falls es einen Notfall geben würde. Sie hatten ihren Job mit Bravour erledigt und hatten es verdient, auf direktem Weg nach Hause zu gehen. Man weiss nie, ob sie nicht doch noch die in Camp 4 hinterlassenen Sauerstoff-Flaschen hätten herunter bringen sollen, obwohl es beim Abstieg hiess, dass wir sie oben lassen konnten. Mit dem frühen Aufbruch aus dem Basislager in meiner Begleitung waren sie verdientermassen fein raus. Ich gönnte mir in der Lobby während dem Gespräch mit Phunuru einen kleinen Bananen-Lassi, der gefühlt der beste Lassi war, den ich je hatte… Ich war nun ready für eine Dusche und frische Kleider. Beim Check-in überraschte mich die Crew mit dem einzigen Zimmer im Hotel, das ein Kingsize Bett hat. Eigentlich wollte ich lieber zwei Queensize Betten, damit ich meine ganzen Klamotten und Ausrüstung im Zimmer ausbreiten konnte. Aber die Rezeptionisten waren so glücklich, dass sie mich mit dem Zimmer überraschen durften, dass ich lieber nichts sagte. Knapp 5h, nachdem ich das Zimmer im Teahouse in Lukla verlassen hatte, trat ich endlich in mein eigenes Reich des Luxus: Eine Dusche mit heissem Wasser, eine eigene Toilette auf der man sich hinsetzen konnte und ein riesiges, weiches Bett mit schneeweisen Laken. Ich hatte sogar einen Balkon mit zwei Stühlen in dem Zimmer und musste meine Dufflebags nicht selber in den zweiten Stock schleppen, das erledigten die netten Jungs von der Rezeption für mich. Nun wollte ich eigentlich nur noch duschen und eine Pizza essen gehen, obwohl es erst halb 11h war. Aber zuerst setzte ich mich auf die Toilette und genoss das erste Mal ein entspanntes Pinkeln in der Wärme und informierte alle meine Freunde, dass ich es wieder heil nach Kathmandu geschafft hatte. Als ich mich daran machen wollte, meine frischen Kleider bereit zu legen für nach der Dusche, fiel mir ein, dass ja alles, was mit mir am Berg war, ziemlich schmutzig war. Wenn ich nun dusche und dann die Taschen ausräume, wäre ich ja wieder schmutzig. Also beschloss ich, vor dem Duschen noch «kurz» die Taschen zu leeren, die Daunensachen und Bergschueh auszulüften und ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen. Das dauerte unerwarteterweise 3h und so war es kurz vor 13h bis ich endlich unter der Dusche stand. Ich genoss das heisse Wasser für eine lange Ewigkeit und musste mich sehr überwinden, endlich das Wasser wieder auszustellen. Das kuschelige Badetuch erfüllte mich ebenso mit Freude, wie die Stoff-Slipper vom Hotel. Nun knurrte mein Magen aber unaufhörlich und so machte ich mich auf den Weg zur lange ersehnten Pizza im Fire&Ice. Ich spazierte vom Hotel in Richtung Thamel und konnte mich an den vielen Autos die auf der Hauptstrasse nicht satt sehen. Obwohl ich auf dem Trek immer mehr Zivilisation wahrgenommen hatte, war der Wechsel von Lukla nach Kathmandu doch noch eine Spur grösser. Ich fühlte mich in den Strassen, in denen ich mich vor 7 Wochen noch völlig wohl gefühlt hatte, völlig fehl am Platz. Ich fragte mich, ob man mir mein Abenteuer ansieht oder nicht und ob ich nun eine andere Ausstrahlung hatte. Ein kleines bisschen Stolz blitzte nämlich allmählich in meinem Kopf auf, wenn ich an die Besteigung dachte. War dieser Stolz nun auch von aussen sichtbar oder nicht? Dies und noch vieles mehr fragte ich mich, während ich die 30 Minuten Fussmarsch hinter mich brachte. Im Fire&Ice war einigermassen was los, aber auf meinem Rundblick entdeckte ich keine bekannte Gesichter vom Basislager, also fokussierte ich mich auf mein Handy und die Kommunikation mit zu Hause. Kurz nach mir kam eine Gruppe Briten rein, die sich an den Nebentisch setzten und mich ablenkten. Sie redeten nicht unbedingt leise miteinander und schienen auf einem Handy, das sie abwechselnd in den Händen hielten, ein Interview mit jemandem zu führen. Ich zählte 1 und 1 zusammen und realisierte, dass vor mir die Gruppe sass, die den Everest mit Xenon bestiegen hatte. Die Gruppe, die ich auf dem Abstieg gleich nach Camp 2 angetroffen hatte, sass nun neben mir im Fire&Ice. Ich konnte nicht anders als zu lauschen, was sie so von sich gaben. Sie strahlten eine gewisse Arroganz aus, oder weniger hart ausgedrückt, eine gewisse Autorität. Als einem der Männer der Rucksack von der Bank fiel und er sich in meine Richtung drehen musste, um ihn aufzuheben, konnte ich nicht anders, als hallo zu sagen und ihm zur Besteigung zu gratulieren. Er strahlte, bedankte sich und wollte sich wieder umdrehen. Ich fügte hinzu, dass ich sie auf meinem Abstieg angetroffen hatte und nun schaute er mir schon aufmerksamer und ein wenig ungläubiger ins Gesicht. Immerhin hatte sich nun eine meiner Fragen beantwortet: Nein, man sieht mir die Besteigung nicht an und man traute sie mir noch immer nicht zu. In diesem Bezug hatte sich für mich also nichts geändert. Das überraschte mich zwar nicht, aber frustrierte mich trotzdem irgendwie. Ich fragte sie, wann sie denn auf dem Gipfel gewesen waren und wie die Expedition war. Offensichtlich waren sie erst gestern auf dem Gipfel gewesen und heute morgen von Camp 2 nach Kathmandu geflogen. Sie waren kurz im Hotel, um ihre Sachen zu packen und waren auf dem Weg zum Flughafen hier abgestiegen um noch kurz zu Mittag zu essen. Sie waren nun 7 Tage in Nepal gewesen und wurden morgen in London am Flughafen erwartet. Gerade waren sie mitten im Interview mit einer Britischen Radiostation und ein wenig gestresst, weil sie nicht wussten, ob der Verkehr sie daran hindern würde, rechtzeitig am Flughafen zu sein. Ich machte einen Witz, dass sie es nicht mal geschafft hatten, in Nepal zu duschen und sie bestätigten diese Aussage mit einem Nicken. Sie hatten gar nicht geschnallt, dass ich gerade einen Witz gemacht hatte. Ich hakte nach, ob sie nicht das Gefühl hatten, dass sie mit ihrer ultrakurzen Expedition etwas verpasst hatten, was man nicht mit Gipfelerfolgen messen konnte. Die Stunden im Basecamp mit den anderen Kletterern, die Sonnenuntergänge bei der Akklimatisierung zum Beispiel. Einer der vier verstand zwar was ich meinte, aber tat es damit ab, dass sie ja alle schon Expeditionen erlebt hatten und das nicht jedes Mal nötig hätten. Ich war ein wenig konsterniert ob dieser Einstellung, aber wusste nicht wirklich was ich darauf hätte antworten sollen. Ich liess sie deshalb wieder für sich und widmete mich em Bier, das mittlerweile auf meinem Tisch stand. Ich hatte jetzt 7 Wochen lang keinen Alkohol getrunken und wollte meine Rückkehr mit dem Bier feiern. Aber eine Feier macht leider nicht so viel Spass, wenn man sie alleine abhalten muss. Das wurde mir in dem Moment klar, als ich merkte, dass ich mit niemandem anstossen konnte, respektive mit den fünf Briten nicht anstossen wollte. Die Schwere von gestern wollte sich wieder über mich legen, denn ich realisierte ebenfalls dass diese fünf Tage in Kathmandu sehr lange werden würden. Immerhin war die Pizza wie immer fantastisch, so dass ich meinem Magen endlich geben konnte, was er verdiente. Die Briten packten keine Stunde nachdem sie angekommen waren wieder ihre Rucksäcke zusammen und machten noch ein kleines Erinnerungsfoto mit mir, bevor sie mit dem Taxi zum Flughafen fuhren. Ich gebe zu, dass ich in dem Moment ziemlich eifersüchtig auf sie war, denn ich wünschte mir nichts sehnlicher als auch in einem Taxi sitzen zu können, das mich zum Flughafen bringt. Ich hatte zudem in den letzten Tagen über 50 Whattsapp-Nachrichten angesammelt, die ich beantworten wollte aber irgendwie doch nicht beantworten wollte. Es schien als ob mich alle hochjubeln würden und ich war dafür schlicht noch nicht bereit. Aber ich wollte ihnen auch nicht erklären müssen, warum ich nicht bereit war. Oder undankbar erscheinen, denn sie alle haben in den letzten Wochen oder sogar Jahren bei allem mitgefiebert und hatten eine anständige Antwort auf ihre Nachrichten verdient. Ich beschloss, dass das Fire&Ice nicht der richtige Ort und jetzt auch nicht der richtige Zeitpunkt war, diese Antworten zu verfassen und widmete mich meinen Freunden in Nepal. Julia von Zermatt war gemäss Instagram offensichtlich vor ein paar Stunden auch im Fire&Ice gewesen und ich schrieb ihr, ob sie Lust hat, zusammen auf unsere Gipfel-Erfolge anzustossen. Sie war zufälligerweise nur einen Katzensprung entfernt in einem Café. Ich bezahlte meine Rechnung und machte mich auf den Weg in das Café, das ich noch nie wahrgenommen hatte, obwohl es sehr schön eingerichtet war. Es war gleich über dem neuen Shop von 14peaks und sah ebenfalls neuer aus. Julia sass da vor ihrem Kaffee und sah ein wenig mitgenommen aus. Ich freute mich, sie wieder zu sehen, denn im Basecamp oder am Berg waren wir uns zuletzt nicht mehr über den Weg gelaufen. Wir gratulierten uns gegenseitig und tauschten uns über das Erfahrene aus. Sie hatte einen extrem anstrengenden Gipfel-Tag hinter sich, da es bei ihr um einiges mehr windete als bei uns. Sie war ein drei Tage vor uns unterwegs und hatte auf dem Abstieg massive Probleme. So musste sie sich aus Camp 2 nach Kathmandu ausfliegen lassen weil so starken Husten hatte, dass sie Blut spuckte. Das sind Alarmzeichen die man nicht vernachlässigen sollte, weshalb sie innert Minuten im Heli sass und mit einem kurzen Zwischenstopp im Basislager auf direktem Weg ausgeflogen wurde. Nun war sie schon ein paar Tage aus dem Krankhaus und noch immer mit dem Husten zu kämpfen. Ich erzählte ihr meine Horrorgeschichte vom Gipfelgrat und fragte sie, ob die Chinesin eventuell Kundin der gleichen Firma war wie sie. Sie wusste von einer Chinesen, die beim Aufstieg am Hillary Step Probleme bekommen hatte und ins Camp 4 gerettet werden konnte. Vom Zeitpunkt und den Erzählungen her konnte das gut «meine» Chinesin gewesen sein. Was sie dann aber weiter erzählte, schockte mich dann doch ein wenig. «Ihre» Chinesin war nicht so ganz erfreut über die Rettung. Denn nachdem sie sie für einige Zeit im Camp 4 an die voll aufgedrehte Sauerstoff-Flasche gehängt hatten und sie wieder einigermassen fit genug für den weiteren Abstieg gewesen wäre, weigerte sie sich abzusteigen. Sie wollte wieder hoch, denn schliesslich sei sie für den Gipfel hierher gekommen und würde sicher nicht absteigen, ohne es nochmals zu versuchen. Wie egoistisch und unsozial muss eine Person sein, um so zu denken. Weder hatte sie sich anscheinend für die Rettung bedankt, noch wollte sie einsehen, dass sie nur noch am Leben war, weil einige andere ihr Leben für sie riskiert hatten. Wenn man es beim ersten Mal nicht schafft, vor allem so hoch oben am Berg, so hatte man schon viel zu viel Energie verbraucht. Es war unmöglich, sich genug zu erholen, um es nochmals zu versuchen. Es sei denn, man wollte unbedingt sterben. Die Sherpas hatten dabei keine Wahl, ausser ihr ihre Idee auszureden waren ihnen die Hände gebunden.. Offensichtlich sah die Chinesin dann irgendwann ein, dass sie auf dem Holzweg war und stieg ab. Wenn dies nun also «meine» Chinesin war, so hielt sich mein schlechtes Gewissen ziemlich in Grenzen. Ich war froh, dass Julia mir davon erzählt hatte, denn so konnte ich mit der Entscheidung, der Frau nicht länger zu helfen, viel besser umgehen. Warum hätte ich mein Leben in Gefahr bringen sollen, wenn sie ohne mit der Wimper zu zucken für den Gipfel das Leben vieler Sherpas aufs Spiel setzt? Julia und ich plauderten fast eine Stunde miteinander bis sie weiter ziehen musste, weil sie noch einen Termin hatte. Sie hatte während der Expedition einiges an Filmmaterial gesammelt und würde Ende Jahr einen Kurzfilm darüber veröffentlichen. Dafür musste sie noch ein Interview machen, das vor der Expedition nicht stattfinden konnte. Wir verabschiedeten uns und ich war noch nicht bereit, wieder zurück ins Hotel zu gehen und zu warten bis die Zeit vergeht. Also beschloss ich, bei Seeing hands vorbei zu gehen und eine Massage zu geniessen, falls sie Zeit hätten. Es würde also ein für mich typischer Kathmandu-Tag werden: Pizza und Massage. Ich wollte natürlich auch noch ein wenig shoppen, aber da ich ja noch fünf volle Tage Zeit hatte, musste ich das nicht auch noch heute einplanen. Der Weg zu Seeing hands kenne ich in und auswendig und ich freute mich sehr, als ich ohne zu warten in einen Raum geführt wurde. Die Massage war einmal mehr genau das richtige. Ich konnte mich entspannen und der lästige Husten war trotz Liegeposition einigermassen auszuhalten. Ich musste 2-3x was trinken, damit die Kehle nicht zu sehr austrocknete. Ich plante, nun jeden zweiten Tag hier vorbei zu kommen und jeweils eine 90 Minuten Massage zu geniessen. Die Tage wollen schliesslich gefüllt werden mit sinnvollen Tätigkeiten. Auf dem Rückweg wählte ich eine andere Strasse, die mich zu meinem üblichen Tattoo-Shop führte. Ich plante nämlich auch noch, mir ein Everest-Tattoo zu stechen. Ich wollte heute kurz vorbei gehen und fragen, wann ich in den nächsten Tagen einen Termin buchen könnte. Im Studio, in dem normalerweise rege Betriebsamkeit herrschte war heute nicht viel los. Ich fragte, spontan, ob sie vielleicht jetzt noch Zeit hätten für ein Tattoo und nach einem kurzen Gespräch mit einem Künstler bejahten sie meine Frage. Also erklärte ich, was mir vorschwebte und wie gross ich das Ganze wollte. Der Künstler hörte aufmerksam zu, ich schickte ihm ein Foto als Grundlage und er zog sich zurück, um eine Skizze zu erstellen. Wie immer wenn ich in dem Tattoo-Studio sitze, traf er genau meine Vorstellungen und wir machten uns an die Vorbereitung zum Stechen. Wenn ihr mal in Kathmandu seid und euch ein Tattoo stechen wollt, dann geht zu Mohan Tattoo . Sie arbeiten höchst professionell, egal ob künstlerisch oder in Bezug auf die Hygiene. Sie hören einem genau zu und beginnen erst zu stechen, wenn sie zu 100% überzeugt sind, dass es genau das ist was man möchte. Der ganze Prozess dauerte rund 2 Stunden und war irgendwann meinte ich zu ihm, dass ich das Studio noch nie so leer erlebt hatte. Da sagte er trocken, dass es daran liegt, dass sie schon vor einer halben Stunde geschlossen hatten. Ich war also nichtsahnend 10 Minuten vor Ladenschluss bei ihnen aufgekreuzt und anstatt dass sie mich mit einem Termin wieder ins Hotel geschickt hätten, hat er sich dazu entschieden, Überstunden zu machen. Ich zähle als gute Kundin, weil ich schon das dritte Mal bei ihnen war und er konnte sich noch an meinen ersten Besuch bei ihnen erinnern, als ich mit Justin und Stu nach der Ama Dablam aufkreuzte. Er hatte damals das Tattoo bei Justin gestochen und fand es anscheinend toll, dass er das Kunstwerk auf meinem rechten Arm weiter ausbauen durfte. Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, denn für mich wäre es kein grosses Aufwand gewesen, wenn ich am nächsten Tag wieder gekommen wäre. Für ihn war das Ganze aber keine grosse Sache. Um kurz vor 21h war das Tattoo fertig und ich überglücklich über das Resultat. Es war nun Zeit, wieder zurück ins Hotel zu gehen und ein weiteres Mal zu versuchen ein wenig Schlaf zu bekommen. Eigentlich wollte ich ein Taxi nehmen, aber es war angenehm warm und der Gedanke mich in ein Auto zu zwingen war mir im Moment noch zuwider. Also spazierte ich gemütlich zum Hotel und beschloss auf dem Weg, noch im Hotel-Restaurant ein Dessert zu essen. Ich hatte Sonam, der netten Servicefachangestellten ja vor meiner Expedition versprochen, dass ich im Resti vorbei kommen würde, wenn ich wieder zurück bin. Also ging es auf direktem Weg ins Hotel und auf das Dach in das Restaurant. Sonam freute sich sichtlich als sie mich sah und gratulierte mir von Herzen. Der Kuchen war zwar unglaublich mastig, aber der perfekte Abschluss des heutigen langen Tages. Nun freute ich mich auf das grosse, weiche Bett mit der flauschigen Bettdecke. Da ich während dem Kuchen essen immer wieder stark hustete, stattete mich Sonam mit einer Teekanne Hot Lemon mit Ingwer aus. Das sollte mir helfen ein wenig zur Ruhe zu kommen und vielleicht sogar schlafen zu können. Ich nahm die Kanne natürlich mit offenen Armen in Empfang, der Husten erschöpfte mich zusehends und plagte mich nun schon viel zu lange. Ich sehnte mich nach einer langen Schlafphase, um meinem Körper und Geist die wohlverdiente Erholung zu ermöglichen. Zurück im Zimmer fühlte es sich richtig komisch an, nicht mehr in einen Schlafsack zu schlüpfen. Ich konnte meine Füsse unter der Decke hervor strecken, um die Temperatur darunter zu regeln, ein wunderbares Gefühl! Für den nächsten Tag hatte ich mit Phunuru abgemacht, dass er mich um 10h im Hotel abholt. Ich wollte mich bei den Göttern für die erfolgreiche Expedition bedanken und darum den Bouddanath Tempel besuchen. Der Tempel ist 36m hoch und eine der grössten weltweit. Die Idee war es, den Tempel dreimal im Uhrzeigersinn zu umrunden, um meine Dankbarkeit den Göttern gegenüber zu äussern. Diesen Prozess nennt man «Kora» und symbolisiert eigentlich den Weg der Erleuchtung. Schon vor der Expedition hatte ich Phunuru gesagt, dass ich danach hierher kommen möchte, egal wie der Ausgang der Expedition sein würde. Ich hatte nun 11h, um einfach zu schlafen und mich zu erholen.
Freitag, 23.Mai - Kathmandu
Wie schön wäre es gewesen, wenn ich die 11h auch wirklich hätte schlafen können. Leider war das totale Gegenteil der Fall. Obwohl das Bett so viel bequemer war als alles andere, die Decke herrlich weich und kein Lärm zu hören war, schlief ich höchstens ein paar Minuten. Der Husten war unerträglich und durch nichts zu lindern. Ich trank in der Nacht etwa 2 Liter Wasser plus die von Sonam vorbereitete Teekanne. Als Folge davon musste ich auch etwa 6 Mal auf die Toilette, was natürlich das Einschlafen nicht leichter machte. Ich hatte für die Expedition 3 Packungen Ricola mitgenommen und bis und mit dem Gipfeltag vielleicht insgesamt 5 Bonbons gebraucht. Nun hatte ich in den letzten 12h das Dreifache gelutscht und abgesehen von einer leichten Linderung des Reizes für ein paar Minuten nützte es nichts. Auch der Trick, aufrecht im Bett zu sitzen, um ein wenig schlafen zu können – was in Lukla offensichtlich noch einigermassen funktioniert hatte – funktionierte nun nicht mehr. Manchmal war ich kurz davor mich wegen dem Husten zu übergeben. Doch der Reiz blieb unaufhörlich da. Irgendwann sah ich durch die Vorhänge einen Hauch von Licht und ich realisierte dass es langsam dämmerte. Es frustrierte mich, dass ich noch 4 Tage in Kathmandu feststeckte und diese nicht mal durch viel Schlaf verkürzen könnte. Wie schön wäre es, wenn ich mir nur über die 12h Tageslicht und das Programm dafür Gedanken machen müsste. Nun machte ich mir auch noch über die schlaflosen Nächte Sorgen, die nun schon eine beträchtliche Anzahl erreicht hatten. Mir tat mittlerweile der ganze Körper weh, wenn ich husten musste und wurde sogar dafür zu müde. Um halb 6h beschloss ich, dass ich wieder etwas Heisses zu trinken brauchte, denn die heisse Zitrone von gestern fühlte sich besser an als das kalte Wasser das ich in der Nacht getrunken hatte. Um etwas Heisses zu bekommen, musste ich mich aus dem Bett schälen und für das Frühstück anziehen. Ich beschloss, meinen Computer mitzunehmen und mich endlich an die Beantwortung der Whattsapp-Nachrichten zu machen. Da das Frühstück erst ab 7h war, musste ich mich nicht beeilen und meine Daunensachen ein wenig umhängen. Ebenfalls öffnete ich das Fenster, denn ich wollte nicht wissen, wie es in meinem Zimmer roch, nachdem ich meine gesamte Ausrüstung im ganzen Zimmer ausgebreitet hatte. Im Frühstücksraum wurde ich freundlich begrüsst und ich versuchte ein wenig zu essen. Sie servierten mir regelmässig Tee und ich beantwortete fleissig all die tollen Nachrichten meiner Freunde und Familie. Nun fühlte ich mich ziemlich schlecht, dass ich so lange gebraucht hatte, bis ich zurück schreibe. Im Khumbu hatte ich zwar keinen Empfang, aber sowohl in Namche, wie auch in Lukla hätte ich genug gutes WLan gehabt, um mich an die Nachrichten zu machen. Aber ich hatte die Muse dafür leider überhaupt nicht und musste mich auch heute dafür überwinden. Während dem Schreiben blickte ich gedankenverloren aus dem Fenster und sah plötzlich Phunuru draussen vor dem Hotel stehen. Ich fragte mich, ob ich die falsche Zeit im Kopf hatte für unser Treffen, denn es war gerade mal 8h. Ich schrieb ihm eine Whattsapp, dass er auch reinkommen könne, um einen Kaffee zu trinken. Seine Reaktion war so lustig, denn er suchte mich überall, bevor er mich durch das Fenster im Frühstücksraum sitzen sah. Natürlich kam er rein und setzte sich zu mir. Wir plauderten ein bisschen, bis er aufstand und meinte, dass er noch einen Termin mit einem Freund hätte. Er würde um 10h wieder da sein und mich dann im Zimmer abholen. Ich fühlte mich schon wieder müde und dachte, dass ich die zwei Stunden nutzen könnte, um ein bisschen zu schlafen. Netterweise füllten die Frühstücksmitarbeiter meine Teekanne nochmals mit heisser Zitrone. Leider hatte sich die Husten-Situation im liegenden Modus nicht verändert und an Schlaf war noch lange nicht zu denken. Also beantwortete ich weiter meine Nachrichten, trank meinen Tee und überlegte mir, was ich alles mitnehmen wollte zum Tempel. Ich wusste nicht, ob wir danach noch was essen gehen würden, oder ich noch ein wenig dort bleiben würde. Ich wollte um 10h bereit sein, denn ich musste mich nun wieder daran gewöhnen, in einer Welt zu leben, wo es eine Uhr gibt und Termine. Um kurz vor 10h schrieb mir Phunuru, dass er bald im Hotel sei und ob ich im Zimmer sei. Ich bejahte und fragte ob ich in der Lobby auf ihn warten solle. Er meinte, er würde mich im Zimmer holen kommen, ich könne mich ruhig noch ein wenig ausruhen. Also blieb ich auf meinem Bett sitzen und wischte ein bisschen auf meinem Handy herum. Was sollte ich die nächsten Tage noch tun? Sollte ich Phunuru fragen, ob er mir einen Hin- und Rückflug nach Phokara organisieren könnte. Oder sollte ich noch 2 Tage nach Chitwan fahren um die berühmten Nashörner zu sehen? Viele wissen nicht, dass Nepal auch einen sehr tropischen Teil hat mit seltenen Nashörnern und Flüssen und Dschungel. Vielleicht wäre das die Gelegenheit, auch diesen Teil des Landes zu sehen. Aber irgendwie fühlte ich mich zu erschöpft um jetzt noch gross im Land herum zu gondeln und ich wollte in der Nähe eines Krankenhauses sein, falls sich mein Zustand noch verschlechterte.
Für Nepalesen sehr ungewöhnlich stand Phunuru ziemlich pünktlich um 10h mit einem breiten Grinsen vor meinem Zimmer. Er freute sich anscheinend darauf, mit mir zum Tempel zu fahren. Ich sah wohl ein wenig müde aus, denn er meinte, wir könnten den Lift nehmen, um vom zweiten Stock runter zu fahren. Ich nahm die Idee dankend an, denn ich wusste ja noch nicht, wie das Programm nach dem Tempel aussieht und die Tage in der Stadt arteten oft in Tausenden von Schritten aus. Also stiegen wir in den Lift und fuhren in die Lobby und gerade als ich Phunuru irgendetwas fragen wollte, entdeckte ich eine mir sehr bekannte Person auf dem Sofa in der Lobby: Raphael. Diejenigen, die das Video gesehen haben, wissen was dann passiert ist. Mein Hirn schaltete aus und ich rannte einfach nur noch in seine Arme. Ich glaube ich werde nie in meinem Leben wirklich beschreiben können, was ich in diesem Moment gefühlt habe. Ich wollte ihn einfach nur noch festhalten und nie mehr loslassen. Wahrscheinlich hatte ich Angst, er könnte sich in Luft auflösen oder wieder verschwinden oder was auch immer. Er war genau die Person, die ich jetzt gerade – und auch schon die paar Tage zuvor brauchte. Und ich bin ihm so dankbar, dass er das gespürt hat und quer über den Globus geflogen ist, nur um bei mir zu sein. Aber er war nicht alleine gekommen, meine verrückte Schwester (na, wo haben wir das wohl her…) war ebenfalls dabei und grinste mich heulend an, als ich mich endlich von Raphael lösen konnte. Von ihr hatte ich diesen verrückten Trip schon eher erwartet, aber spätestens nach dem Telefonat von Lukla war mir klar gewesen, dass sie sicher nicht extra nach Nepal fliegen würden. Das Gefühl dieses ungläubigen Wiedersehens breitet sich jedes Mal erneut aus, wenn ich nur daran denke, oder das Video dazu sehe. Ich werde mich niemals genug bei den zwei bedanken können, denn es war für mich genau das Richtige, um endlich meine Gefühle über den Everest rauszulassen. Endlich konnte ich mit meinen Liebsten über das Geschehene sprechen und sie dabei berühren und ansehen. Nun wurde mir auch klar, weshalb ich erst so spät wieder in die Schweiz zurück fliegen konnte. Es gab keine Abmachung mit dem Schweizer Fernsehen, sondern sie wollten Nepal mit mir gemeinsam erleben und mit mir dieses Abenteuer abschliessen.
Ich möchte meine lieben Leser nicht mit Stadtgeschichten langweilen, weshalb ich diesen Blog nun beende. Ich danke euch von Herzen, dass ihr Geduld gezeigt habt, als ich nicht mehr weiter geschrieben habe, dass ihr mit mir mitgelitten habt und bis zum Ende durchgelesen habt. Ich hoffe, ich konnte eine neue Seite einer Expedition am Everest aufzeigen, denn ich wollte nichts beschönigen, sondern die Realität aus meiner Sicht weitergeben. Die Besteigung hat aus mir einen anderen Menschen gemacht, in einem Mass und einer Art, die ich so nicht erwartet habe. Es dauert, alles zu verarbeiten, aber genau so wie ich den Weg vor dem Gipfel gegangen bin, so bin ich bereit, auch den Weg danach zu gehen, egal wie lange dieser dauern wird.
DANKE!!!!