1000 days to 8848

Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Meine war bisher ist alles andere als gewöhnlich. Ich wurde mehr als einmal komisch angeschaut, als ich von meinem Lebenstraum erzählte. Was mich aber trotzdem nicht daran gehindert hat, mein Projekt anzugehen, war der Wunsch, meine Fähigkeiten zu perfektionieren und so alles in meiner Macht stehende zu tun, um wieder heil nach Hause zu kommen.


Phase 1

Der Beginn meines Projekts liegt mittlerweile schon über 20 Jahre zurück. Als im Jahr 1996 das Drama am Mount Everest rund um Rob Hall geschah, schaffte es ein kleiner Artikel in die Basler Zeitung. Zu dieser Zeit war mein Morgenritual eben diese Zeitung mit meinem Vater zu lesen, und so las ich das erste Mal vom höchsten Berg der Erde. Seit diesem Tag träumte ich davon den Berg zu besteigen, in dem Wissen dass das nie passieren würde.

Phase 2

Am 24.Oktober 2021 wurde mein Leben und meine Lebensweise so richtig durchgerüttelt, als mein Vater mit 73 Jahren starb. Die letzten 12 Jahre waren ein Auf und Ab seiner Gesundheit und trotzdem war es ein Schock als 2 Tage vor seinem Tod „der“ Anruf kam. Wir hatten die Chance, uns von ihm zu verabschieden und in die letzten zwei Tage zu begleiten. Aber auch die schwierige Situation dass wir zusehen mussten, wie er stündlich schwächer und "weniger da" war. Seit dem Tag wünsche ich mir ihn, seine Stimme, seinen Humor und seine Umarmungen jeden Tag zurück. Zusätzlich wurde mir bewusst, dass unsere Zeit auf der Erde endlich ist, dass wir keine Ahnung haben, wann unsere Uhr abläuft. Dass man Dinge, die man tun möchte nicht aufschieben sollte. Denn wer weiss, vielleicht ist es morgen plötzlich nicht mehr möglich. Trotzdem vergingen nochmals knapp 3 Monate bis ich den Mut fasste, meinen grossen Lebenstraum seit 1996 in Angriff zu nehmen.

Phase 3

Wenn man den Mount Everest besteigen möchte, sollte man zumindest wissen, dass der Körper die Höhe verträgt, dass man die Kälte aushält und steile lange Gipfeltage machbar sind. Aus Bergsteigerkreisen hört man immer den Tipp: Wenn du den Everest besteigen möchtest, gehe zuerst auf 5000m, dann auf 6000m, dann auf 7000m, gehe an technische Berge und dann an hohe technische Berge. So gewinnst du Erfahrungen, lernst dein Material und deine Bedürfnisse kennen und baust deine innere Stärke für den Berg aller Berge auf. Idealerweise nimmst du auf dem Weg auch noch einen anderen 8000m mit, damit du das Sauerstoffsystem kennenlernst und weisst, was es heisst, sich in dieser Höhe zu bewegen.

 Mount Everest - 8848m

Die letzte Phase des grossen Lebenstraums ist gerade angelaufen. Seit dem 31.März 2025 weile ich in Nepal und wenn das Wetter hält, geht der Flug nach Lukla am Mittwoch, 2.April.
Alle Infos über mein Expeditionsprogramm findet ihr hier.

Phase 1 - Never stop dreaming

Der Beginn meines Projekts liegt mittlerweile schon über 20 Jahre zurück. Als im Jahr 1996 das Drama am Mount Everest rund um Rob Hall geschah, schaffte es ein kleiner Artikel in die Basler Zeitung. Zu dieser Zeit war mein Morgenritual diese mit meinem Vater zu lesen, und so las ich das erste Mal vom höchsten Berg der Erde. Seit diesem Tag träumte ich davon den Berg zu besteigen, in dem Wissen dass das nie passieren würde.

Als dann im Jahr 2014 eine meiner Freundinnen das erste Kind bekam, reiste ich mit einer gemeinsamen Freundin zum Babybesuch an. Zu dieser Zeit sahen wir uns eher sporadisch und kamen dabei auf unsere bisherigen Reisen zu sprechen. Unter anderem redeten wir über unsere Traumreiseziele und dass es schwierig sei, die perfekte Reisebegleitung zu finden, wenn man nicht nur mit dem Partner reisen möchte. Es stellte sich heraus, dass wir beide von einem Trek zum Everest Base Camp angetan waren. 3 Jahre später war es dann soweit und wir flogen gemeinsam nach Kathmandu für das 15-tägige Abenteuer. Meine geheime Hoffnung war, dass ich zufrieden sein würde, wenn ich den Everest einfach sehe und sein Basislager besuche. Aber wenn es so gewesen wäre, würde es mein Projekt jetzt nicht geben. In dem Moment in dem ich diesen Berg gesehen hatte, noch ganz weit entfernt und halb hinter einer kleinen Wolke versteckt, wusste ich, dass ich da irgendwann rauf möchte.
Als wir von diesem unbeschreiblichen und einzigartigen Erlebnis wieder zurück in Lukla waren und wegen dem Wetter nicht nach Kathmandu fliegen konnten, bekam der Mount Everest und sein Basecamp leider einen negativen Nachgeschmack. Denn durch die verspätete Rückkehr nach Kathmandu verpassten wir nicht nur unseren Rückflug, sondern ich auch den Schulstart nach den Ferien. Dies kam bei meinen Vorgesetzten leider überhaupt nicht gut an, so dass ich innerhalb von einer Woche dreimal zu einer Standpauke antanzen musste. Die ganze Freude und der Zauber den ich vom Kumbu mitnehmen konnte war so innerhalb weniger Tage völlig verflogen und die Lust über den Berg weiter nachzudenken ebenso.
2 Jahre später fand ich mich erneut auf dem EBC-Trek. Dieses Mal nicht in einer Gruppe, sondern mit einer guten Freundin, die durch meine Erzählungen von 2017 so fasziniert war, dass sie den Trek ebenfalls erleben wollte. Ich war natürlich sofort dabei, als sie mich als Begleitung anfragte. Während diesem Trek hatten wir viele Gespräche über den Mount Everest, dessen Besteigung, die Konsequenzen und die Möglichkeiten eine solche Besteigung zu realisieren. Ich denke das war genau richtig, um die negativen Gedanken darüber abzuschütteln, sich das Ganze von Grund auf zu überlegen und eine Auslegeordnung über alle Möglichkeiten zu machen.

Phase 2 - the dream became a project

Am 24.Oktober wurde mein Leben und meine Lebensweise so richtig durchgerüttelt, als mein Vater mit 73 Jahren starb. Die letzten 12 Jahre waren ein Auf und Ab seiner Gesundheit und trotzdem war es ein Schock als 2 Tage vor seinem Tod „der“ Anruf kam.

Mein Vater hat meine Entscheidungen und Handlungen mir gegenüber nie in Frage gestellt. Er wusste dass ich mir über alles meine Gedanken gemacht hatte und wenn ich mich entschieden hatte, dann war das die Konsequenz vieler Überlegungen, Abwägungen und Ideen. Üblicherweise war sein Kommentar „du weisst schon was du tust“. Egal mit was ich um die Ecke kam.
Ich muss zugeben, dass sein schwankender Gesundheitszustand mit ein Grund war, warum ich den Everesttraum bisher nicht weiter verfolgt hatte. Ich wollte es nicht riskieren, irgendwo ohne Kontakt an einem Berg zu sein und nicht mitzubekommen, falls es ihm schlecht geht.
3 Tage nachdem er gestorben war, nutze ich meinen freien Tag und reiste ins Bündnerland, um eine meiner absoluten Lieblingswanderungen unter die Füsse zu nehmen. Früher reisten wir in den Sommerferien jedes Jahr in die Bündner Berge. Unsere Eltern mieteten ein klitzekleines Häuschen in Surcuolm und die zwei Wochen verbrachten wir hauptsächlich mit Wandern im ganzen Kanton. Jedes Jahr wanderten wir einmal durch die Rheinschlucht und oft auch den Bahnlehrpfad über den Bau der Albulabahn von Preda nach Bergün. Mein Vater und ich hatten diese Wanderung das letzte Mal vor ein paar Jahren zusammen gemacht. Es war seine Motivation, nachdem er lange im Spital war, sich wieder so sicher auf den Beinen zu fühlen, dass er diese Wanderung sicher noch einmal absolvieren kann. In unserer Erinnerung von den Sommerferien war es eine gemütliche Wanderung mit wenig Auf und Ab. In der Realität war sie aber eher coupiert und so kam er ein paar Mal ziemlich an seine Grenzen. Ich war sehr oft extrem nah dran, ihn bei den steilen Stellen Huckepack zu nehmen, damit wir wieder sicher zurück zum Bahnhof kommen. Wir brauchten mehr als doppelt so lange wie man gemäss Wegweisern braucht, aber er gab nie auf. Egal wie viele Pausen er brauchte, er lief immer weiter, er nahm meinen Arm als Hilfe, wollte den Weg aber alleine schaffen. Ich schwitzte Blut und Wasser und war so froh, als wieder wieder im Zug nach Hause sassen.
Nun wanderte ich also 3 Tage nach seinem Tod genau diesen Weg und fragte mich bei jedem Steilhang, wie er damals da bloss hoch gekommen ist. Ich fühlte mich ihm nah, wollte dass die Wanderung nie endet und erwartete - obwohl ich wusste, dass das nicht möglich ist - dass ich ihn jeweils hinter der nächsten Wegbiegung sehen würde.
Ich fand einen schönen Platz mit Aussicht auf die Rhätische Bahn, die wunderschönen Berge und den unglaublichen Herbstwald, an dem ich Nepalesische Gebetsfahnen für meinen Vater aufhängen konnte. In Nepal werden diese an Orten aufgehängt, an denen es stetig windet, damit die Gebete mit dem Wind fortgetragen werden. Die Farben symbolisieren die 5 Elemente und darauf gedruckt ist das bekannte Gebet "Om mani padme hum". Die Nepalis hängen diese Gebetsfahnen in allerlei Grössen zu Ehren ihrer Verstorbenen auf und sie bleiben hängen, bis der Wind sie ganz mit sich genommen hat.
Ich hatte von meinem ersten Trek zum Basis Lager noch immer solche Gebetsfahnen zu Hause, aufbewahrt für spezielle Momente. Sie wurden im Kloster Tengboche, dem wichtigsten Monastery im Khumbu von einem Mönch gesegnet. Ein Teil davon hängt seit 2017 auf dem Kalla Pattar, einem Hügel neben dem Basislager, von dem man eine perfekte Ausicht auf den Gipfel des Everest hat. Ich hängte sie damals auf zu Ehren meines Grossvater, den ich mit 16 Jahren verloren hatte. Und nun hängt seit Oktober 2021 auch ein Teil im Bündnerland, zu Ehren meines Vaters, und als Andenken an all unsere gemeinsamen Erlebnisse.
Auf dieser Wanderung beschloss ich, das Projekt Everest nicht mehr als Traum, sondern eben als mögliches Projekt zu betrachten. Ich vermisste meinen Dad so fest und wollte ihn und mich stolz machen. In meinem Kopf manifestierte sich die Idee, dass ich ihm auf hohen Bergen näher wäre, da er ja ab jetzt im Himmel über uns wachte. Schritt für Schritt kreierte ich in meinem Kopf mein Projekt, wägte Möglichkeiten ab, verwarf Ideen, entwickelte neue, verwarf auch die wieder, und so weiter. All das passierte auf meinen vielen Wanderungen durch die Schweiz, auf langen Zug- oder Autofahrten und sogar manchmal während meine Lernenden lange Prüfungen schrieben. Darüber sprechen mochte ich damals noch nicht wirklich. Nur wenn jemand fragte, gab ich eher kurz Antwort, denn ich wusste, nur wenn ich mit einem durchdachten Projekt daher komme, würde man mich ernst nehmen.

Phase 3 - the first step is the hardest one

Wenn man den Mount Everest besteigen möchte, sollte man zumindest wissen, dass der Körper die Höhe verträgt, dass man die Kälte aushält und steile lange Gipfeltage machbar sind. Aus Bergsteigerkreisen hört man immer den Tipp: Wenn du den Everest besteigen möchtest, gehe zuerst auf 5000m, dann auf 6000m, dann auf 7000m, gehe an technische Berge und dann an hohe technische Berge. So gewinnst du Erfahrungen, lernst dein Material und deine Bedürfnisse kennen und baust deine innere Stärke für den Berg aller Berge auf. Idealerweise nimmst du auf dem Weg auch noch einen anderen 8000m mit, damit du das Sauerstoffsystem kennenlernst und weisst, was es heisst, sich in dieser Höhe zu bewegen.

Ich beschäftige mich seit rund 15 Jahren mit dem Mount Everest. Ich kenne diesen Berg - zumindest in der Theorie - in und auswendig. Ich weiss, wo die Route verläuft, ich weiss wo die Camps sind, ich kenne die Schlüsselstellen, die Saison, und so weiter. Ich könnte stundenlang über diesen Berg reden, war aber lange stumm, wenn es darum ging, über meine mögliche Besteigung zu sprechen.
Für mich war eines immer klar: Wenn ich das wirklich durchziehe, dann mache ich das richtig. Ich bereite mich so optimal vor, wie es möglich ist. Ich mache möglichst keine Ausnahmen; bei den wichtigsten Punkten sowieso nicht. Ich gebe mir Zeit und aber auch die Möglichkeit, jederzeit das Projekt abzubrechen, wenn ich das Gefühl habe, dass es das doch nicht ist. Ich las in den letzten Jahren diverse Bücher über das Bergsteigen, über den Everest, über Höhenbergsteigen, las Ratschläge von erfahrenden Bergsteigern und wälzte hunderte Blogeinträge von diversen renommierten und erfahrenen Expeditions-Unternehmen. Während Corona nahm ich sogar 3x mitten in der Nacht an online Livestreams aus Australien teil, in denen man sehr detaillierte Informationen zur Besteigung des Everest erhalten hat und auch Fragen stellen konnte.
In der Theorie war ich also schon lange bereit, nur wie ich mein Projekt optimal gestalten wollte, war noch ein wenig offen. Der erste Schritt war klar: Ich war zwei Mal auf dem Kalla Pattar auf 5611m und musste zuerst herausfinden, wie mein Körper in noch höheren Gefilden reagieren würde.

Der Kilimandscharo

Der Kilimandscharo bot sich mit 5895m als nächste Station an, zumal er während Corona viel weniger frequentiert war, als normalerweise. Ich wollte nicht unbedingt mit einer Schweizer Firma gehen, weil ich gerne in internationalen Gruppen unterwegs bin. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich einen Veranstalter in Tansania gefunden hatte, der in den Fasnachtsferien 2022 eine Gruppen geplant hatte, bei der ich mich anschliessen konnte. So buchte ich keine 2 Wochen vor Tourbeginn meinen Flug nach Tansania. Leider wurde mir bei der Vorbesprechung der Tour mitgeteilt, dass die anderen zwei Gruppenmitglieder wegen Corona nicht nach Tansania einreisen durften. So war ich doch - entgegen meiner Wünsche - auf einer Privattour am Berg unterwegs. Dies war durch den Tag weniger schlimm, da man ja sowieso den ganzen Tag am Wandern ist. Abends, wenn es kalt wurde, war es dann jeweils sehr einsam im Zelt, da alle anderen Gruppen natürlich zu dieser Zeit in ihren Esszelten verschwanden um zusammen zu essen. Ich hatte also viel Zeit mir Gedanken zu machen, was alles schief gehen könnte, oder warum ich es nicht auf den Gipfel schaffen würde. Dies war mental schwierig zu meistern, jedoch versuchte ich jeweils tagsüber genug positive Argumente für meinen Gipfelerfolg zu sammeln und die dann vor dem Einschlafen abzurufen.
Meine Freundin Esther war schon einige Jahre zuvor auf dem Kili und sie sagte mir viele Male, dass sie wusste, dass sie es zum Gipfel schaffen würde, als sie den Stella Point erreicht hatte. Dies nahm ich als Vorbild für meinen eigenen Gipfeltag und so war ich kurz überrascht, als ich beim Stella Point ankam, und mein Guide meinte, dass der Gipfel jetzt nochmals eine Stunde Gehzeit entfernt sei. Irgendwie hatte ich immer den Stella Point in meinem Kopf manifestiert. Aber die Stunde nahm ich dann auch noch mit, obwohl ich bei der Ankunft beim Stella Point meinen Mageninhalt den Steinen präsentierte. Die Guides zwangen mich während dem Aufstieg bei jeder Pause etwas zu essen und das war dann die Quintessenz davon. Ausser dieser kurzen "schlechten" Episode habe ich den Gipfeltag vom Kili in sehr guter Erinnerung. Das Wetter war wunderbar und die Aussicht spektakulär. Der Sonnenaufgang war kurz zuvor und die verschiedenen Gelb-, Orange- und Rottöne in Kombination mit dem Gletscher auf dem Gipfel werde ich nie vergessen.
Wir verbrachten ca. 30 Minuten auf dem Gipfel und danach hiess es, dass wir nun schnell wieder runter müssten. Dass ich das wörtlich nehmen würde, wussten meine Guides da noch nicht. Wir spazierten also wieder zum Stella Point und von dort ging es ziemlich vertikal die Geröllhänge hinunter. Die Neigung ist perfekt, um auf den Steinen runter zu sliden, wie auf Skis - vorausgesetzt man hat eine gute Balance. So waren wir 2h nach dem Gipfelfoto schon wieder im Camp. Da die Küchencrew wusste, dass ich Pizza sehr mag, hatten sie extra für mich eine Pizza gebacken, die schon bereit lag zum Essen. Leider mag ich in der Höhe keine Pizza, vor allem nicht wenn sie schon kalt ist und völlig überladen mit 
Schinken und Käse. Ich gab mir Mühe, zumindest ein bisschen was davon zu essen, da sie sehr stolz auf ihr Werk waren. Danach schlief ich 2h tief und fest im Zelt. Zuvor meldete ich bei meinem Guide an, dass ich gerne heute noch bis zur Strasse runterlaufen und keine Nacht mehr am Berg verbringen möchte. Üblicherweise geht man am Gipfeltag noch 2000hm runter in den Wald, um dann am nächsten Tag die letzten 1800hm zur Strasse zu gehen. Die Guides dachten wohl, dass sich diese Idee mit meinem Schlaf verflüchtigt hat und so waren sie ziemlich überrascht, als ich beim Zusammenpacken meinen Plan nochmals bekräftigte. Am Tag zuvor meinten sie noch, das sei absolut möglich, dass ich das wirklich ernst meinte, war ihnen wahrscheinlich nicht so recht. Aber ich hatte die einsamen Abende im Zelt wirklich satt und wusste, dass es im Hotel ein Kissen, ein bequemes Bett und einen Pool zum Relaxen hat und wollte mir das nicht noch einen Tag vorenthalten.
So bin ich also nach den 2h zum Camp nochmals 8h bis zur Strasse gelaufen, in Zahlen ausgedrückt vom Gipfel auf 5895m zur Strasse auf 1500m. Die letzten zwei Stunden spürte ich meine grossen Zehen nicht mehr wirklich, aber das war mir egal, denn ich konnte die Schuhe ja spätestens im Hotel in Flipflops umtauschen.  Amm nächsten Tag gönnte ich mir dann in der Stadt eine wunderbare Massage, inklusive Pediküre, die meine Zehen wieder einigermassen zum Leben erweckten.

Ecuador

Kaum war ich vom Kili zurück in der Schweiz, ploppte auf Insta eine Werbung für eine Vulkan-Expedition in Ecuador auf. Dies passierte immer wieder, doch dieses Mal passten die Daten genau mit den Sommerferien-Daten überein. Ich musste nicht lange überlegen und schon war ich Teil dieser Expedition. Das Ziel war, endlich über 6000m zu kommen, um zu wissen, wie mein Körper darauf reagiert. Das Ziel der 3-wöchigen Reise waren 3 Vulkane in Ecuador, der Cayambe, der Cotopaxi, und der höchste Vulkan der Cimborazo.
Die Gruppe bestand dieses Mal aus 4 Personen und ich war die einzige Frau. Das ist für mich jeweils kein Problem, meist verstehe ich mich mit Jungs sowieso besser. Im Detail war zuerst Akklimatisierung in Quito angesagt, danach ging es auf einen knapp 4200m hohen Berg dessen Name ich vergessen habe. Dann fing die Vulkantour an: Zuerst fuhren wir zum Cayambe, respektive in die Nähe der Berghütte die als Startpunkt gedacht war. Leider hatten wir nicht das beste Wetter, weshalb wir mit den 4x4 nur so weit fuhren wie möglich war, um dann den Rest zu Fuss zu gehen. Die Fahrt war abenteuerlustig, unser Fahrer ist anscheinend noch nie auf einer schlammigen, nassen, schmalen Strasse mit Abhängen auf der Seite gefahren. Wir mussten einmal vom anderen Auto sogar aus dem Graben gezogen werden. So waren wir alle froh, als es dann mit dem Auto nicht mehr weiterging und wir zu Fuss noch 45 Minuten zur Hütte wandern konnten. Leider hielt das schlechte Wetter weiter an, so dass wir am nächsten Tag eine kleine Übungsstunde in Sachen Steigeisengehen und Pickel-Handling in einem Hagelsturm absolvieren mussten. Als in der zweiten Nacht dann unser Guide im Zimmer stand, war allen schnell klar, dass mit unserem Aufstieg nichts werden würde. Das Wetter war noch immer schlecht, stürmisch mit sehr starkem Wind. So wollte niemand einen Gipfelsturm wagen und da das Programm gedrängt und der Wetterbericht für den nächsten Tag auch schlecht war, würden wir es auch nicht in der Nacht darauf versuchen können.
Der nächste Berg auf der Tour war der Cotopaxi. Dafür fuhren wir mit dem Auto gefühlt einmal quer durch das Land und landeten in einer wunderschönen Lodge am Fuss des Cotopaxi. Dort übernachteten wir - inklusive Ausschlafen - bevor wir am nächsten Tag mit dem Auto zum Ausgangspunkt der Wanderung zur Berghütte fuhren. Die Wanderung war kurz und sehr steil. Man sieht die Hütte schon vom Parkplatz aus, hat aber trotzdem knappe 2h vertikale Wege vor sich. In der Hütte gab es zuerst was zu trinken und dann genoss ich die wunderbare Aussicht in der wärmenden Sonne. Leider war das Wetter für den Aufstieg nicht optimal. Es stürmte die ganze Zeit ziemlich heftig. Ich war mit Carlos und einem zweiten Guide, der extra hinzu gekommen ist und fast nur Spanisch spricht in der Seilschaft. Wir waren ein wenig schneller als die andere Seilschaft und mussten dann nach dem grössten Teil des Aufstiegs fast eine Stunde im Sturm auf die anderen warten. Eigentlich das Dümmste, was du am Berg machen kannst, aber aus irgendwelchen Gründen machte mir das Warten gar nicht so viel aus. Ich ass einfach ein wenig Schokolade und dachte, dass mir jetzt wahrscheinlich bald extrem kalt werden würde. Als wir jedoch dann zusammen für die letzte Stunde aufbrachen, war mir bald wieder warm. Carlos jedoch hatte ab dann extrem zu kämpfen. Schlussendlich kam er nur auf den Gipfel, weil ich ihn ständig pushte, ihn Schritte zählen liess oder ablenkte. Am Gipfel sahen wir rein gar nichts, wir rochen nur den Schwefel, der aus dem Krater aufstieg. Es stürmte immer noch heftig und unsere gesamte Ausrüstung war unter einer Eisschicht versteckt. Wir blieben nicht lange und machten uns nach den obligaten Gipfelfotos wieder an den Abstieg. Dieser ging problemlos vorüber, so dass wir uns nach weiteren 3h in der wärmenden Hütte zum Gipfel beglückwünschen konnten.
Der letzte Gipfel in den drei Wochen war der Chimborazo. Schon auf der Fahrt dahin, erklärte uns der Guide, dass die Schneeverhältnisse nicht optimal seien, und wir im Highcamp schauen müssen, ob wir überhaupt eine Chance hätten. Zwischen Gletscher und Schneeschicht war aber in der Höhe über ein halber Meter Luft, so dass es zu gefährlich gewesen wäre, wenn wir wirklich einen Gipfelversuch machen würden. So beschränkten wir uns auf eine wunderbare Nachttour bis hin zum kritischen Punkt, um dann wieder zum Highcamp zurück zu kehren. Ich gebe zu, zu Beginn war ich nicht so erpicht darauf, "für die Katze" hoch zu gehen. Aber die Nacht war windstill, klar und der Himmel von Millionen Sternen übersäht. In dieser Landschaft auf einem Berg zu sein und in die Höhe zu klettern war unbeschreiblich. Nach der Rückkehr zum Highcamp sah ich auch einen unbeschreiblichen Sonnenaufgang und in der Ferne das Erwachen der Städte. Diese friedliche Stille trage ich seit dem fest in meinem Herzen und erfüllt mich mit wahnsinniger Freude.

Aconcagua 

Die erste grosse Expedition brachte mich nach Mendoza, zur Besteigung des Aconcagua. Dieser ist der höchste Berg ausserhalb von Asien und zählt zu den Seven Summits. Dieses Mal war ich mit der Company International Mountainguides unterwegs, da das Datum besser für mich passte. Die Gruppe bestand dieses Mal aus 5 Personen, 1 Amerikanerin namens Rebecca und 3 Amis namens Roberth (ursprünglich ein Schwede), Dave und Mark. Zudem war ein Ami-Guide mit am Start, Jason Tanguy, der für die Seven Summits nur noch den Aconcagua und den Elbrus braucht.
Während dem Trekking teilte ich das Zelt mit Rebecca, was wunderbar klappte. Wir hatten viele tolle Gespräche und ergänzten uns perfekt. Kein Selbstverständnis, da man zusammen auf ziemlich kleinem Raum lebt und wir beide Mühe hatten, Ordnung im Zelt zu halten.
Das Trekking lief gut, das Wetter war uns hold und am dritten Tag konnten wir uns sogar im kalten Fluss den Schweiss abspülen.
Das Leben im Basislager war der Hammer. Die Küche war super, wir wurden fast schon gemästet. Sogar eine warme Dusche gab es bei schönem Wetter. Bei schlechtem Wetter jedoch ist die Leitung gefroren und somit ist das Klo auch ein wenig mühsamer zu begehen.
Um das gesamte Gepäck auf der Rundtour zu transportierten, sind die Akklimatisationstage am Aconcagua auch gleich Tragetage. Das sieht dann wie folgt aus: Tag 1: Rucksack füllen mit Dingen, die man am nächsten Tag nicht braucht,  vom Basislager zum Camp 1 laufen, dort den Rucksack leeren und das Material in Abfallsäcken im Camp 1 deponieren. Am gleichen Tag wieder zurück ins Basislager gehen. Am nächsten Tag den Rest des Materials packen, inklusive alles Essen, Zelt, Schlafsack, etc. und wieder zum Camp 1 gehen. Dort Zelte aufstellen, alles sortieren und schlafen. Am nächsten Tag wieder das Material packen, das man im Camp 1 nicht braucht und zum Camp 2 laufen. Dort alles in Abfallsäcken deponieren und am gleichen Tag wieder runter zu Camp 1 gehen. Am nächsten Tag den Rest wieder einpacken und zum Camp 2 laufen. Dort die Zelte aufstellen, alles sortieren und schlafen.
Im Camp 2 war eigentlich ein Ruhetag eingeplant gewesen. Weil der Wind aber sehr heftig windete, hatten wir 3 Ruhetage. Dazwischen machten wir auch hier wieder einen Tragetag, um einen Teil des Essens und Dinge, die wir im Camp 2 nicht benötigen ins Camp 3 zu tragen. Somit verbrachten wir insgesamt 5 Tage im Camp 2, hauptsächlich  mit warten, essen und trinken und zur Toilette gehen.
Danach schliefen wir eine Nacht im Camp 3, wobei wir um 4h morgens zum Gipfel aufbrachen. Der Weg dahin dauerte für uns 8h Gehzeit, wobei ich die ersten 4h kalte Füsse hatte und fast hätte umkehren müssen. Wir bekamen die Kälte in den Griff, indem ich alle Hosen anziehen musste, die ich dabei hatte. Die oberste Schicht, eine Windhose, passte jedoch nicht mehr wirklich, so dass ich diese offen und halb über dem Hintern tragen musste. Einen Tobsuchtanfall konnte ich nur mit Mühe verhindern, da ich es peinlich fand, einen solchen wegen Hosen zu erleben.
Die Aussicht vom Gipfel war einmal mehr atemberaubend. Zu wissen, dass man auf dem höchsten Punkt im Umkreis von über 5000km steht, war schwierig zu begreifen. Ich war auf knapp unter 7000müM und konnte im Ruhezustand noch sehr gut atmen. Nur weinen und atmen ging nicht so gut, was ich einmal mehr merken musste.
Der Abstieg war problemlos und in 4h bewältigt und auch die Nacht danach im Camp 3 fühlte sich erholsam an. Am nächsten Tag gingen wir direkt von Camp3 ins Basislager auf der anderen Seite des Bergs, wo wir Popcorn und Pizza assen, bevor uns ein Heli zur Strasse brachte. Von da mussten wir noch ganze 4h nach Mendoza zurück fahren. Ich fiel kurz vor Mitternacht todmüde ins weiche Hotelbett, unfähig schon zu verarbeiten, dass ich vor weniger als 48h gerade auf dem höchsten Punkt Südamerikas gestanden bin.

Ama Dablam 

Die Besteigung der Ama Dablam war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich hatte mich schon 2017 in die Form dieses Berges verliebt und hätte mir damals nicht mal träumen lassen, dass ich sie nur 7 Jahre später besteigen würde.
Die Expedition verlief problemlos und war in zwei Teile aufgeteilt: Zuerst ging es in das Khote-Tal um den Mera-Peak zu besteigen. Dieser Gipfel gilt als höchster Trekkinggipfel in Nepal und dauert inklusive Akklimatisation rund 2 Wochen. Wir waren 12 Personen und verbrachten 2 wunderbare Wochen mit meist gutem Wetter auf dem Trekking.
Danach flogen 9 Personen nach Hause und wir flogen zu dritt zum Ama Basislager. Die Akklimatisierung führten wir weiter, indem wir bis zum zweiten Camp kletterten. Der Zweck dahinter war nicht nur das Akklimatisieren, sondern auch das Kennenlernen der technischen Schwierigkeiten auf der Route.
Diese stellte mich nicht all zu fest auf die Probe, was mich ziemlich erstaunte, geht es doch jeweils ziemlich steil runter, was mich normalerweise ziemlich stresst.
Den Gipfel erreichte ich am 13.November, morgens um 7h, nach rund 6h Aufstieg, an einem strahlend blauen Herbsttag und nur 12h später spazierte ich wieder ins Basislager, um einen grossen Teller Popcorn zu essen.
Mehr Details erfahrt ihr in meinem Blog, den ich während der Besteigung geschrieben habe.

Manaslu 

Im Herbst 2024 werde ich nun den ersten 8000er versuchen. Die Abreise ist am 31.August und die Expedition dauert rund 5 Wochen. Diese Expedition werde ich ebenfalls in meinem Blog beschreiben, so dass die Daheimgebliebenen zumindest einen kleinen Eindruck erhalten können, wie so eine Expedition abläuft.
Auch ich werde Neues lernen: Ich werde hoffentlich ein erstes Mal über 8000m kommen, das erste Mal mit Sauerstoff klettern und für noch längere Zeit in einem Zelt leben lernen. Diese Expedition gilt als letztes grosses Etappenziel bevor ich endgültig bereit bin, im Frühling 2025 den Mount Everest zu besteigen.
Aktualisierung vom 1.Oktober
Ich habe es geschafft!!! Am Dienstag, 24.September 2024 um 4.20h stand ich tatsächlich auf dem Gipfel des achthöchsten aller Berge der Welt. Leider hatte ich keine Aussicht, da die Sonne noch am Schlafen war, aber das Gefühl auf dem Gipfel zu stehen war bombastisch!! Nach ca. 20 Minuten auf dieser kleinen Spitze des true summit ging es gleichentags wieder runter bis zum Basecamp. Mein erstes Mal über 8000m hat sich so gut angefühlt, ich freue mich jetzt schon darauf, wieder da oben zu sein. Falls ihr wissen wollt, wie es mir ergangen ist, findet ihr alle Details in meinem Blog.