Die Akklimatisierungsphase

Hier findest du meinen Blog zur Akklimatisierungsphase meiner Everest/Lhotse-Besteigung. Falls du die Einträge über den Trek zum Basislager verpasst hast, kannst du diese mit einem Klick nachlesen.

Sonntag, 13.April - EBC

Gestern Nachmittag machte ich nicht mehr viel. Ich las ein wenig, genoss die Sonne und wartete auf meine Dufflebag. Zudem konnte ich Chirring und Gyalzen davon überzeugen, dass wir einen kleinen Spaziergang zum Crampon Point im Khumbu Icefall machen. Das ist der Ort, an dem nur Personen weiter gehen dürfen, die ein Permit für den Everest oder Lhotse haben. Auf dem Weg zum Gletscher versperrte uns eine Gruppe Yaks den Weg und wie es der Zufall so wollte, war meine Dufflebag auf einem der vielen Yaks fest gezurrt. Wir warteten, bis der Yak-Treiber die Tasche gelöst hatte und das Yak sich ein wenig beruhigt hatte. Danach brachte Chirring die Duffle zu meinem Zelt. Gyalzen und ich warteten in der Zwischenzeit am Gletscherrand auf ihn und überlegten uns, wie wir am besten über den kleinen Schmelzwasserfluss kommen könnten. Leider erwischte ich einen wackeligen Stein, so dass ich mit einem nassen Schuh weiter gehen musste. Da die Sonne schien, war das nicht weiter schlimm. Es war schön, endlich im Gletschter zu sein, auch wenn es nur ein kurzer Weg war. Die Route wurde am Morgen von den Icefall Doctors mit Fähnchen markiert, so dass alle wissen, wo es durch geht. Wir konnten vom Crampon Point 2-3 weitere Fähnchen entdecken, weiter konnten wir den Weg nur erahnen. Nach kurzem Bestaunen des Gletschers kehrten wir wieder um. Ich wechselte meine nassen Schuhe mit den Daunen-Finken und machte mich auf den Weg zum Esszelt. Plötzlich hörte ich von Camp nebenan eine weibliche Stimme, die sich über ein Pee-Tent freute. Ich drehte mich um und konnte fast nicht glauben, dass ich eine andere Westlerin sah. Es stellte sich heraus, dass die lustige Dame Gaby heisst, aus den Niederlanden kommt und schon seit 2 Wochen im EBC ist. Meine und ihre gesamte Crew hatten es versäumt, uns Bescheid zu geben, dass im jeweils anderen Camp eine einsame Dame sitzt und sich über Unterhaltung freuen würde. Sie war ziemlich wütend deswegen, da sie die gesamten 2 Wochen immer wieder fragte, wann denn mal jemand anderes ankommen würde. Auch ich wurde immer wieder vertröstet, wenn ich fragte, wann andere Kletterer oder Trekker kommen. Wir sassen sogleich gemeinsam in mein Esszelt, wo wir stundenlang miteinander plauderten. Sie ist seit letztem Oktober hier, um ihren PhD zu machen. Sie untersucht die Geschlechterrolle in Expeditionen und Camps, sofern ich das richtig verstanden habe. Sie war letzten Herbst an der Ama Dablam für ihre Recherche und bestieg sie zugleich, ging dann weiter zur Annapurna Winterexpedition ins Basislager und ist seit Anfangs April nun hier, um ihre Recherche weiter zu führen. Sie ist bei SST eingegliedert und hat dort auch ihr Zelt. Zu Beginn standen noch keine Esszelte oder ähnliches, so dass sie die erste Woche in der Sherpaküche essen musste, oder durfte. So kennen sie nun alle Sherpas und sie kennt die Sherpas, so dass eigentlich allen hätte klar sein sollen, dass sie Gaby informieren hätten sollen, als ich gestern ankam.

Immerhin hatten wir so Unterhaltung und sie durfte sogar bei mir bleiben zum gemeinsamen Abendessen. Wir versuchen, uns während der nächsten Wochen immer wieder mal zu sehen und uns auszutauschen. Sie wird ein Permit erhalten, dass es ihr erlaubt bis zu Camp 2 zu gehen, so dass sie auch am Berg ihre Beobachtungen machen kann. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf viele weitere lustige Gespräche. Um 21h musste sie dann aber langsam «nach Hause», damit es nicht zu kalt wurde für den kurzen aber steilen Rückweg. Wege zwischen den Camps gibt es nämlich noch nicht sehr viele und wir sitzen ja praktisch auf blankem Eis, das nur mit Geröll bedeckt ist.

Dienstag, 15.April - EBC - Lobuche Highcamp - EBC

Am Montag Morgen war wieder Frühstück um 8.30h und dann ging es ans Packen. Denn heute stand für mich, Chirring und Gyalzen die Wanderung zum Lobuche Highcamp an. Geplant wäre das gestern gewesen, aber der Ruhetag hat irgendwie auch gut getan. Wir brauchen die warmen Daunensachen, die Klettersachen und um auf dem Gipfel zu übernachten auch ein Zelt und die Luftmatratzen. Das alles musste zusammen gepackt werden, damit ein Porter uns auf dem Weg begleiten kann. Mein Part war einfach, ich musste nur alles bereit legen, was Chirring und Gyalzen mir auftrugen und dann kontrollierten wir nochmals gemeinsam, ob alles da ist. Mein Rucksack würde wieder nur mit Regenzeug, Handschuhen, Daunenjacke Snacks und 2L Wasser gefüllt sein. Nach gut einer Stunde waren wir startklar und wir marschierten in Richtung Lobuche. Schon nach 1.5h erreichten wir Gorak Shep. Auf dem Weg dahin trafen wir noch 2 Südafrikanerinnen mit denen Gyalzen ein Foto machte und ich ein wenig plauderte. Sie waren ein wenig beeindruckt, als wir ihnen erzählten, dass wir auf dem Weg zu einer Besteigung eines 6000ers sind. Ich traute mich fast nicht mehr zu sagen, dass das eigentlich «nur» eine Akklimatisierung für den Everest und Lhotse ist. Sie waren dann noch beeindruckter und löcherten mich mit Fragen. Ich versuchte alles so gut wie möglich zu beantworten, ohne allzu sehr ausser Puste zu geraten oder langsamer zu werden. In Gorak Shep mussten wir uns dann verabschieden, weil sie dort eine Pause einlegten. Wir wanderten weiter, bis wir eine knappe Stunde später in Lobuche eintrafen. Dort assen wir in einem der Teehäuser zu Mittag. Für mich gab es Pommes und für die Jungs Chowmein. Ebenfalls nutzte ich die Chance auf eine normale Toilette, bevor wir für den zweiten, steilen Teil der Wanderung aufbrachen. Zuerst nur mässig aufsteigend ging es in den Talkessel des Lobuche East und dann immer steiler in die Höhe. Mittlerweile hat das Wetter umgeschlagen und es wurde empfindlich kalt und windig. Nur wenig später begann es leicht zu schneien und je höher wir kamen, desto mehr Schnee kam uns entgegen. Die Steine verschwanden unter der Schneedecke und es wurde immer schwieriger den Weg zu sehen. Chirring führte uns aber unbeirrt weiter, er kannte den Weg wahrscheinlich in- und auswendig. Steile Stellen waren mit Seilen abgesichert, an denen man sich hochziehen oder halten konnte. Die Felsen waren zum Glück nicht so rutschig wie sie aussahen, aber Chirring und Gyalzen waren mit Turnschuhen unterwegs, darum war grosse Vorsicht geboten. Nach ca. 1.5h Aufstieg kamen wir auf ein Hochplateau wo einige Zelte standen. Aber wie ich erst später merkte, war das nur ein Teil des Highcamps. Unser Camp war 100hm weiter unten und der Weg dorthin alles andere als lustig: Sehr steil und schneebedeckt und ungesichert einer Felswand entlang schlichen wir gen Camp. Meine Hände waren trotz Handschuhe mittlerweile durchgefroren und ich versuchte neben dem Warmschütteln auch noch nicht zu stolpern oder auszurutschen. Ich glaube, wir vier – der Porter mit Turnschuhen und unserem Gepäck war zum Glück mit uns unterwegs – waren alle froh, als wir endlich im Camp ankamen. Dort trank ich erst einmal einen Schwarztee im kleinen Esszelt, um die Hände wieder zu reaktivieren und kurz darauf stand Eloise im Zelteingang. Sie war mit Bryce, Phunuru und Allan schon am Vortag angekommen und eigentlich war heute ein Trainingstag geplant gewesen. Weil der Lobuche East aber so schlechte und gefährliche Bedingungen an den Tag legt, sassen sie im Prinzip nur den ganzen Tag in den Zelten herum. Als wir angekommen sind, waren sie gerade am Material besprechen. Es war schön, nach dem Schneesturm in einem Zelt zu sitzen, obwohl spätestens dann klar war, dass es für uns keinen Aufstieg zum Gipfel geben würde, wenn sich die Bedingungen nicht sehr schnell verbessern würden.

Sie erzählten uns Neuankömmlingen auch interessante Neuigkeiten. Eine war, dass in der Nacht eine Chinesin mit einem Guide zum Gipfel aufgebrochen war und nun schon seit 13h unterwegs war. Ein anderer Australier war seit nunmehr 6h am Berg unterwegs, er jedoch mit einem sehr erfahrenen Sherpa Guide. Phunuru und Allan waren ziemlich besorgt, was die Chinesin anbelangt, denn sie war im Highcamp ohne Ausrüstung aufgetaucht. Sie schien auch keine Ahnung von Bergsteigen oder klettern oder Kälte zu haben. Auf jeden Fall schien ihre Idee den Lobuche East zu besteigen schon bei guten Bedingungen hirnrissig. Phunuru konnte mittlerweile einen Wetterbericht von Kathmandu über den Funk in Erfahrung bringen, der uns versprach, dass es um 17h aufklaren würde und dann am nächsten Morgen ab 9.30h wieder zu schneien beginnen würde. Für uns alle war klar, dass wir keinen Versuch starten würden, auf den Gipfel zu gehen, da es schlicht zu gefährlich ist. Der Berg hatte bis vor 2 Tagen keinen Schnee, nur eine ganz dünne Eisschicht auf den Felsen. Diese Schicht ist zu dünn um mit Steigeisen Halt zu haben, ist aber trotzdem extrem rutschig. Keiner von uns wollte am Lobuche East etwas riskieren. Ich gab Chirring und Gyalzen Bescheid, dass wir nicht hochgehen würden und der Plan war, eine Nacht im Highcamp zu verbringen und dann gemeinsam abzusteigen. Der Wetterbericht war ziemlich akkurat und nach und nach tauchten wunderschöne Aussichten hinter den Wolken auf. Sogar den gesamten Lobuche East konnten wir zeitweise sehen und so auch Ausblick nach den zwei Seilschaften halten. Man steht auf 5300m mitten in einem atemberaubenden Bergpanorama und alleine deswegen hatte sich der Wandertag schon gelohnt, auch wenn am Schluss keine Akklimatisierung hervorgehen würde. Allan meinte, ich hätte zumindest so ein gutes Training gehabt. Es war auch schön, mit den vieren nochmals einen Abend zu verbringen, gemeinsam zu reden und zu lachen und über die Chinesin zu lästern. Diese war nämlich mittlerweile aufgetaucht und im Camp angekommen. Ihre Ausrüstung war mehr als fragwürdig, sie war 18h unterwegs und zeigte uns allen stolz ihr Gipfelfoto, das gar keinen Gipfel zeigte. Der Sherpa hatte wohl irgendwann genug und sagte ihr dann einfach, dass sie auf dem Gipfel sei. Nur eine halbe Stunde nach ihr kam auch der Australier wieder zurück. Er war 8h unterwegs und hatte ein richtiges Gipfelfoto vorzuweisen. Leider auch einige Schauergeschichten, die ich hier lieber nicht detailliert wiedergeben möchte. Nur so viel: Die Chinesin verhielt ich am Berg offensichtlich so schlecht, dass der Australier einen Streit zwischen ihr und ihrem Sherpa schlichten musste, bei dem der Sherpa weinte.

Wir waren nur froh, dass es keine Rettungsaktion benötigte und alle vier wieder sicher im Camp angekommen waren. Im Camp waren ebenfalls 8 Russen, die sich den Lobuche East ausgesucht hatten. 4 von ihnen zur Akklimatisierung für eine Makalu-Besteigung, die anderen 4 als Erstgipfel in Nepal. Die 8 liessen sich von der Erfahrung der anderen und den miesen Bedingungen nicht davon abhalten, ebenfalls eine Besteigung zu wagen. Sie verliessen das Highcamp um Mitternacht, drehten aber alle irgendwo zwischen 5800 und 5300m um. Sie vertrauten den Locals nicht so ganz und wollten die Bedingungen mit eigenen Augen einschätzen. Es schienen auf jeden Fall alle das Highcamp wieder sicher erreicht zu haben. Ich teilte das Zelt hier im Camp mit Eloise, einmal mehr eine perfekte Zeltgenossin. Die Nacht war überraschenderweise nicht soo kalt, so dass wir beide gut schlafen konnten.

Am Dienstag morgen assen wir in der Sonne im Freien unser Frühstück. Ich ass nur ein Stück Toast, da die Eier zu kalt waren und dann packten wir unsere 7 Sachen zusammen. Das Ziel war es, den schwierigsten Teil des Abstiegs hinter uns zu haben, bevor die angesagte Schlechtwetterfront eintreffen sollte. Wir gingen ca. um 9h los. Der Weg hinunter war zum Glück ein anderer, als der den wir am Tag zuvor genommen hatten. Er war auch steil und schneebedeckt, aber ging nicht über schräge Felsen und über Abgründe. Wir gingen langsam aber vorsichtig und je weiter runter wir kamen, desto dünner wurde die Schneedecke. Es ging tatsächlich nur knapp 45 Minuten, bis wir aus dem Schnee raus waren und die Gefahr gebannt war. Kurze Zeit später trennten sich unsere Wege ein letztes Mal. Allan, Phunuru, Bryce und Eloise würden weitergehen in Richtung Pheriche und/oder Pangboche. Gyalzen würde sie begleiten und ein paar Tage zu Hause in Phortse verbringen. Chirring und ich bogen links ab in Richtung Lobuche, um wieder zum EBC zurück zu kehren. Ich hoffe, ich sehe die vier irgendwann mal wieder, Eloise hat von mir auf jeden Fall eine Einladung zur Basler Fasnacht erhalten und ich hoffe, dass sie auch wirklich kommt. (Eloise, wenn du das liest, ich zähle auf dich 😉 )
 In Lobuche nahmen wir uns wieder Zeit für einen kleinen Lunch. Dieses Mal ass ich Toast mit Spiegeleiern, da die Pommes ein wenig trocken waren gestern. Danach wanderten wir wieder den Gleichen weg zurück zum EBC, den wir schon zuvor gegangen waren, überholten Gruppen, wurden von Yaks überholt oder gequert, stiegen auf und ab, immer weiter Richtung EBC. Beim berühmten Stein angekommen, gingen wir ein weiteres Mal einfach weiter, um auch noch die letzte halbe Stunde hinter uns zu bringen. Als wir endlich am Fuss unseres Camps angekommen waren, erkannte ich die ganze Arbeit, die die Camp-Sherpas in den zwei Tagen gschafft hatten. Überall waren Wege und Treppen erkennbar und Puja-Schreine wurden aufgebaut, Licht und Dekos befestigt. Ich freute mich auf eine heisse Tasse Tee in unserem Esszelt und als wir um die Ecke kamen war ich ein wenig überrascht, dass ich Menschen im Esszelt sah. Ich wusste nicht, dass neue Kletterer ankommen sollten und als ich ins Esszelt reingehen wollte, ging das erst gar nicht. Es war voll mit einer Gruppe Südamerikanern, die alle ihre Rucksäcke in den Eingangsbereich gestellt hatten. Es gab fast kein Durchkommen. Trotzdem schaffte ich es rein und ergatterte mir die letzte frische Teetasse. Ich schenkte mir Tee ein und flüchtete wieder nach draussen. Da es dort aber seit 2 Stunden wieder schneite und entsprechend kalt war, nahm mich Chirring mit ins Küchenzelt, wo ich meinen Tee in Ruhe trinken konnte und auch noch 2x Nachschub erhielt. Ich war ein wenig irritiert, dass das Esszelt nach der Einsamkeit plötzlich so voll war und musste mich erst darauf einstellen. Nach meinem 3.Tee bin ich wieder hoch ins Esszelt wo sich die Lage mittlerweile ein wenig beruhigt hatte. Die Gruppe sass an einem Tisch und als ich nachfragte, woher sie kommen, erklärten sie mir, dass sie nur eine Nacht da bleiben würden und am nächsten Tag wieder zurück trekken würden. Nur 2 der Gruppe waren Everest-Kletterer und diese würden aber am nächsten Tag mit der Gruppe nach Lobuche gehen, um dann am Mittwoch ins Highcamp aufzusteigen. Ich zog mich in mein Zelt zurück um alles wieder umzupacken und mich umzuziehen, damit ich nach dem Abendessen nicht nochmals in der Kälte Kleider wechseln musste. Danach verbrachte ich die Zeit im Esszelt mit Gesprächen, lesen und dem Versuch, das Wifi zum Laufen zu bringen. Nach dem Abendessen zog es mich ziemlich bald in mein Zelt, damit ich mich ausruhen konnte und dem Lärm der Südamerikaner zu entkommen. Vorher musste ich noch ein kleines Stück des Kuchens essen, den sie zur Feier des Erreichens des EBC erhalten haben. Wie immer war der Kuchen sehr luftig, aber mit viel zu viel Frosting belegt.

Mittwoch, 16.April - EBC - Dusche

Heute war endlich, endlich der Tag der Dusche. Noch im Schlafsack am frühen Morgen hoffte ich auf einen sonnigen Tag, so dass ich die Haare waschen und schnell trocknen kann. Da ich fast keine Helikopter hörte, musste ich mich gedulden, bis ich aus dem Zelt ging, um zu wissen, was für Wetter draussen auf mich wartete. Ich hatte Glück, es war zwar ein bisschen windig, aber sonnig und wolkenloser Himmel. Zuerst war aber das Frühstück geplant, um 9h wurde es wie immer pünktlich gebracht. Ich bleibe bei Spiegeleiern und Toast mit einem Schälchen Früchten. Das kann ich im Moment sehr gut essen und hoffe, dass das auch so bleibt. Danach machten die Küchensherpas die Dusche fertig und versuchten mir zu dritt zu erklären, wie sie funktioniert. Es hat ein kleines Motörchen mit einem Knopf, den man betätigen muss zum Ein- und Ausschalten. Danach legt man das Motörchen in die Pfanne voll Wasser und schon beginnt die Duschbrause zu laufen. Da es nur einen Stuhl in der Dusche hat für die Kleider und es zum Glück vom Esszelt zur Dusche nur etwas 10m sind, habe ich im Esszelt alles bereit gelegt, und bin im Shirt und Adlietten ins Duschzelt gehüpft. Da die Luft nicht allzu kalt war, konnte ich die Dusche wirklich auch geniessen und die Haare gründlich waschen. Es tat gut, den Staub, die Sonnencreme und den wenigen Schweiss der letzten 15 Tage abzuwaschen. Ich brauchte beide Pfannen mit Wasser, so dass ich mich am Schluss auch wirklich sauber fühlte. Zurück im einsamen Esszelt konnte ich die frischen Kleider so richtig geniessen und die nassen Tücher aufhängen. Weil das Zelt zwei Fenster-Seiten hat und dort die Sonne direkt reinscheinen kann, war das Trocknen der Haare auch kein Problem. Schon vor dem Frühstück hatte ich mich erkundigt, ob mir jemand helfen könnte mit dem nicht funktionierenden Wifi, deshalb erwartete ich während dem Trocknen dass jemand mal vorbei kommen würde, und das Wifi-Problem lösen würde. Leider geschah das nicht, war mir je länger je mehr auf die Einsamkeit schlug. Schon 5 Tage hatte ich von meiner Familie und Freunden nichts mehr gehört und auch ich konnte mich nicht mitteilen. Da alle das Programm kannten, wussten sie, dass ich eigentlich planmässig auf dem Lobuche East herumkraxle, was ja nicht den Tatsachen entsprach und ich konnte das niemandem mitteilen. Ich wusste auch nicht, ob die schlechten Bedingungen irgendwo im Netz zu finden waren und hoffte einfach, dass niemand auf die Idee kam, den Lobuche East zu googlen um danach einen Schock zu haben. Das Mittagessen konnte ich darum auch nicht wirklich geniessen und so hockte ich 5h am Stück im Esszelt und ladete dabei sämtliche Geräte, die ich dabei hatte. Man weiss ja nie, wann die nächste Gruppe hereinstürmt und wieder alles in Beschlag nimmt. Mental war heute definitiv der schwierigste Tag, denn auch Chirring konnte mir nicht helfen und ein Telefonat mit Phunuru kam erst nach ein paar Stunden zu Stande. Phunuru versuchte auf dem Rückweg nach Namche irgendwie herauszufinden, warum das Wifi plötzlich nicht mehr funktionierte, nachdem es bis Samstag Mittag super lief. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten, meine laufende Nase zu ignorieren und mich zu beschäftigen. Ein einzelner Kletterer namens Valery tauchte irgendwann im Esszelt auf. Wir tauschten uns kurz aus und er genoss seinen Empfang am Handy in vollen Zügen. Ich puzzelte ein wenig auf dem Ipad, da ich ohne Wifi keine neuen Bücher ausleihen konnte und die aktuellen alle schon gelesen hatte. Da kam eine Gruppe von Indern herein, die kurz hallo sagten und dann wieder verschwanden. Kurz darauf tauchte wieder ein einzelner Inder auf, der dann auch ein wenig blieb. Es scheint als ob sie soeben mit Tashi im EBC angekommen wären nach 10 Tagen Trekking und jetzt nur noch darauf warteten, um mit dem Heli wieder nach Kathmandu zu fliegen. Er erzählte mir dann vom tollen Hotel, das auf ihn warten würde und das half meiner mentalen Verfassung nicht wirklich. Zum Glück war er nach einer Stunde im Heli zu seiner heiss ersehnten heissen Dusche und weichen Bett. Ich wartete immer noch auf jemanden, der mein Wifi-Problem ernst nahm und mir helfen konnte. Jeder den ich ansprach, konnte oder wollte mir nicht helfen. Valery hatte zwar Mitleid mit mir, konnte mir aber auch nicht wirklich helfen. Das einzige Erfreuliche war, dass er wusste, dass Julia, eine Russin, die in Zermatt wohnt und ich am Manaslu kennen gelernt hatte, gestern im EBC angekommen war und plante, ihn im Esszelt zu besuchen. Irgendwann war mir die Warterei zu doof und ich ging in mein Zelt, um mich warm anzuziehen, denn am Nachmittag kommt mit den Wolken auch immer die Kälte. Warm angezogen machte ich mich nun selber auf die Suche nach dem Wifi-Typen namens Ganesh und hoffte, dass ich dabei vielleicht Gaby oder Julia über den Weg laufen würde. Auf dem Platz vor dem Kaffezelt traf ich 3 Russen, die zu Seven Summit Trek gehören und sie meinten, sie hätten Gaby irgendwo bei den Esszelten gesehen. Also ging ich zu einem der drei, öffnete es und war völlig perplex, als es voll war mit Leuten und ich erst noch eine der Menschen wieder erkannte. Es war Bianca, die vor einem halben Jahr als jüngste Frau den Manaslu bestiegen hatte. Wir hatten in Samagaun während der Regenphase ein langes Gespräch, umso schöner war es, sie an einem solchen Tag wie heute zu sehen. Sie war die letzten Tage mit ihrem Vater und Freunden auf dem Trek unterwegs und alle hiessen mich extrem herzlich willkommen. Natürlich lehnte ich die Einladung zum Tee nicht ab, den Tag über hatte ich mich nichts als einsam gefühlt und nun erfuhr ich, dass keine 100m weiter den ganzen Tag schon eine lustige Truppe Aussies sitzt – neben der Gruppe Russen im gleichen Zelt. Nicht lange nachdem ich mein Plätzchen in ihrem Zelt gefunden hatte, erblickte ich auch Ganesh draussen und stürmte gleich auf ihn zu, damit er mein Wifi-Problem endlich aus der Welt schaffen konnte. Er stellte aber auf stur und wollte partout nicht helfen, meinte sogar dass meine Zugangsdaten eh nicht funktionieren würden. Während dem ich mit ihm zu diskutieren versuchte, tauchte plötzlich Chirring auf mit einer Nachricht von Phunuru mit neuen Zugangsdaten. Lustigerweise, oder sollte ich eher sagen, glücklicherweise funktionierten diese wie aus einem Guss und schwupps war mein Problem von der einen Sekunde auf die andere gelöst, nachdem ich mich den ganzen Tag als nutzlos und nicht wichtig gefühlt hatte. Sogar Valery hatte irgendwann am Nachmittag gemeint, dass wir einfach zu wenig Geld da lassen würden, um für irgendjemanden hier als wichtig angesehen zu werden. Er hat nämlich ähnliche Sorgen, seine Climbing duffle ist seit 8 Tagen unterwegs und noch immer nicht im EBC. Auch ihm möchte oder kann niemand helfen, egal wen er fragt.

Zurück zu den Aussies. Nun hatte ich zwar Wifi, aber auch Unterhaltung, und so liess ich mein Handy in der Jackentasche und genoss die Aussies in vollen Zügen. Gaby tauchte plötzlich auch auf und nach gefühlten 5 Minuten war auch Valery im Zelt, um mir mitzuteilen, dass Julia draussen sei. Also gingen Bianca und ich flux nach draussen, wo wir ein wenig mit Julia und Gaby plauderten. Valery meinte, er würde lieber im Esszelt bei den Russen essen und ich beschloss, unserer Küchencrew Bescheid zu geben, dass wir heute Abend bei SST essen würden. Obwohl ich schon 4 Nächte im EBC verbrachte, war ich trotzdem ziemlich ausser Atem, als ich nach einem 100m Sprint im Küchenzelt ankam. Es schien kein Problem zu sein, dass wir ausnahmsweise auswärts essen und sie versprachen, uns heisses Wasser bereit zu stellen für die Bettflaschen. So ging ich wieder zurück und verbrachte ein wunderbares Abendessen mit den Aussies. Es scheint so, als ob sie auf dieser Expedition ihre Rolle hätten, denn schon auf dem Trek oder im Lobuche Highcamp wäre es ohne «meine» Aussies ziemlich einsam geworden. Speziell heute bin ich darüber extrem dankbar. Um 21h war es dann an der Zeit sich zu verabschieden. Ausser Bianca und ihrem Vater Paul werden morgen alle den langen Weg nach Lukla auf sich nehmen und so wurden fleissig Umarmungen und Glückwünsche ausgetauscht. Ich ging so schnell wie möglich in der Kälte zu meinem Esszelt, wo ich meine Wasserflaschen füllte. Von da ging es direkt zu meinem Zelt, Wasserflaschen in den Schlafsack und Zahnbürste geholt, um draussen in der Kälte mit Blick auf die Stirnlampen im Icefall die Zähne zu putzen und noch ein letztes Mal zu pinkeln. Als ich danach im warmen Schlafsack lag, und das Wifi ausprobierte, war ich extrem froh, dass es immernoch funktionierte und ich endlich in Ruhe allen Antworten konnte. So wurde es dann auch ziemlich spät bis ich einschlafen konnte, dafür war ich um einiges weniger deprimiert als noch ein paar Stunden zuvor.

Donnerstag, 17.April - EBC - Pumori Highcamp - EBC

Heute morgen stand ein weiterer Akklimatisierungstag an, da ich ja wegen dem unbesteigbaren Lobuche East noch nicht genug Zeit in der Höhe verbracht habe. Geplant war, dass ich um 8h frühstücke. Leider konnte ich das gestern Abend der Küchencrew nicht mehr mitteilen, so dass sie erst mit den Vorbereitungen begannen, als ich um 10 vor 8 im Esszelt auftauchte. Ich fühlte mich auch nicht 100% fit, da ich stark erkältet bin. Ich nehme an, das kommt vom allerersten Tag im EBC, als es schlicht und einfach zu kalt für mich war. Während dem Warten auf das Essen trank ich schon einmal ein paar Tassen Tee und überlegte mir dabei, ob es überhaupt Sinn machen würde, heute wieder ein paar Stunden wandern zu gehen. Die Sonne schien und ich könnte auch ein bisschen Wäsche machen. Nachdem ich aber fast das Frühstück verputzt hatte, fühlte ich mich so okay, dass ich zumindest mal loslaufen konnte. Da ich mit Chirring alleine unterwegs bin, kann ich jederzeit wieder umdrehen. Die ersten 10-20 Minuten fühlte ich mich nicht wirklich wohl, aber nachdem wir den EBC-Stein passiert hatten und die ersten paar steilen Höhenmeter auf den Grat der Moräne überwunden hatten, ging es mir ganz gut. So ging es Serpentine für Serpentine in Geröll und über grosse Steine weiter in die Höhe. Das Ziel war das Highcamp des Pumori, das auf ca. 5700m liegt. Wir machten 2-3 kurze Trinkpausen und 2 längere Pausen in denen wir die Route am Lhotse und am Everest besprachen. Denn je höher wir kamen, desto mehr konnte man von der Route erkennen. Es waren heute einige am Pumori unterwegs, ich nehme an, das ist den Bedingungen am Lobuche East geschuldet. Wir überholten hin und wieder ein paar, obwohl wir eher langsam unterwegs waren. Beim Highcamp angekommen, gingen wir noch ein paar Meter weiter, so dass wir nicht in der Meute der anderen Gruppen sitzen mussten. Wir verbrachten rund eine Stunde dort oben, in der wir grösstenteils einfach den Everest, den Icefall oder den Lhotse betrachteten. Zwischendurch baute ich einen Mini-Schneemann und Chirring posierte mit ein paar Flaggen von Kollegen. Nach etwas 45 Minuten verschwand die Sonne hinter einer riesigen Wolkenwand und es wurde schlagartig kühler. Trotzdem blieben wir noch ein bisschen dort, und beobachteten die anderen auf ihrem Weg zurück zum EBC. Wir nahmen den selben Weg hinunter wie wir hoch genommen haben. Es ging über Stock und Stein und bei den Geröllfeldern musste man gut aufpassen, dass man nicht wegrutschte. Das war für uns jedoch kein Problem, so dass wir bald schon wieder die ersten Gruppen überholten. Eine Stunde später standen wir schon das dritte Mal diese Woche vor dem berühmten Stein vom EBC und beobachteten die Trekker, die sich ob der erreichten Challenge in den Armen lagen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass Esther und ich das vor 8 Jahren ziemlich genau so handhabten. Das EBC weckt halt eben nicht nur bei Everest-Kletterern Emotionen, was mir trotz der Hässlichkeit des Steins gefällt. Die letzte halbe Stunde spazierten wir einmal mehr durch das EBC, bis wir wieder bei unserem Camp ankamen. Dort empfing uns die Küchencrew schon mit einem Teller Käse-Kartoffel-Salat mit Toast und Pizza. Ich konnte alles vertilgen und nahm sogar ein bisschen Nachschlag vom Salat. Die Pizza war auch nicht so schlecht, da habe ich schon anderes erlebt.

Nun ging es zum Verdauen zurück ins Zelt, wo ich auch noch die Dufflebag, die heute morgen vom Lobuche East Highcamp ankam, verräumen musste. Auch legte ich schon den Wäschesack bereit, für den Fall dass morgen früh wieder die Sonne scheint. Morgen ist wieder ein Resttag eingeplant, also perfekt, um ein paar Sachen zu waschen und zu trocknen. Danach ging ich wieder zurück ins Esszelt um den Blog hier wieder auf den aktuellen Stand zu bringen.

Nun habe ich schon zu Abend gegessen, mich mit den zwei Südamerikanern und Val unterhalten und bin endlich fertig mit dem Blog. Es ist mittlerweile kurz vor 21h und alle 5 Minuten kommt ein Sherpa des Küchenteams ins Zelt um zu schauen, ob ich noch da bin. Deshalb habe ich gerade beschlossen, die ganzen Blogeinträge erst morgen auf die Homepage zu laden, da ich ja den ganzen Tag Zeit habe und heute doch einige Seiten zusammen gekommen sind. Mir geht es deutlich besser als noch gestern und ich bin überaus froh darüber. Solche Depri-Tage wie gestern rauben zu viel Energie und ich möchte mit 100% auf den Berg gehen können. Ich bin froh, dass die anderen drei bis jetzt anwesenden Kletterer allesamt sehr angenehmen Menschen sind. Wir können gemeinsam schweigen, gemeinsam lachen und auch diskutieren und austauschen. Ich hoffe, das bleibt auch so, wenn in den nächsten Tagen weitere Kletterer ankommen.

Freitag, 18.April - EBC 

Teil I:
Der Tag heute begann einmal mehr mit dem Aufwachen im warmen Schlafsack. Den Geräuschen von draussen nach zu urteilen, war es nicht der sonnigste Tag. Als ich mich endlich um kurz nach 8h aus dem Schlafsack schälte und den Reissverschluss des Zeltes öffnete, erwarteten mich etwa 5cm Neuschnee und ein teilweise wolkiger Himmel. Im Esszelt sass schon Juan Pedro mit einem frisch gemachten Kaffee in der Hand. Wir unterhielten uns ein wenig und kurz darauf kam schon das Frühstück. Während dem wir am Essen waren, kam auch schon Valery reingeschlüpft und um 9h sass auch Regina am Tisch. Das sind im Moment alle anwesenden Kletterer, obwohl heute anscheinend noch mehr ankommen sollten. Gestern habe ich auch endlich Jo angetroffen, die nach 20 Tagen Trekking und dem Erklimmen des Island Peaks nun auch in ihrem Heim angekommen ist. Ich habe sie am Manaslu kennen und schätzen gelernt. Sie ist am Everest als VIP unterwegs und hat darum ein eigenes Esszelt, das sie sich mit den 6 Russen teilen wird, die auch am Manaslu waren. Nachdem wir gefrühstückt hatten, kam sie ein wenig zu uns, und wir plauderten gemeinsam. Nun bin ich seit einer Stunde am Uploaden meines Blogs und hoffe, dass ich trotz Schnecken-Wifi alles hochladen kann. 

Teil II: 

Die fleissige Leserin wird es sicher erraten, wo ich gerade sitze. Viel Auswahl gibt es ja hier nicht. Unser Esszelt ist wieder ein wenig ruhiger geworden, nachdem gestern 21 Russen zum Lunch regelrecht in unser Zelt einfielen. Aber zuerst der Reihe nach und zurück zum letzten Freitag. Das Hochladen des Blogs kostete mich mehr als 2h. Dies, weil ich die Homepage ein wenig umsortierte und den ganzen neuen Text auch noch auf Englisch übersetzen musste. Ich bin mal gespannt, wie viele GB mich das jeweils kostet. Kurz nachdem ich den Laptop zugeklappt hatte, kam auch schon unser Lunch. Meistens haben wir Kartoffeln in irgendeiner Art auf dem Teller, plus Pasta oder Reis und Eier. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern, was es am Freitag war. Aber ich weiss, dass ich jeden Teller leer zurück gegeben habe (Leerer Teller Nr.8-10?!). Für das Essen nehme ich mir grundsätzlich Zeit. Obwohl es schnell kalt wird, kann ich es nicht einfach so herunter schlingen. Und an Ruhetagen hat man ja unendlich Zeit, warum also nicht auch beim Essen schön langsam machen? Schon vor dem Essen holte ich ein Puzzle in meinem Zelt, das ich in der Wartezeit und auch während dem Essen weitermachte. Es ist ein Chinesisches Holzpuzzle, das ich für sehr wenig Geld mal bestellt hatte. Die Formen der Teile ist anders als gewohnt und so verging die Zeit auch ein wenig. Danach schaute ich dem Neuschnee beim Schmelzen zu und plauderte einmal mehr mit Regina und Juan-Pedro. Als ich ein nächstes Mal beim Zelt vorbei ging, entdeckte ich einen kleinen Kunstrasenteppich vor meinem Zelt. Am Tag zuvor war schon der gesamte Weg zwischen den Zelten damit ausgelegt worden und ich machte noch Witze, dass sie mein Zelt vergessen hatten. Sieht so aus, als ob sie das nun nachgeholt hätten. Ich sehe zwar den Sinn darin nicht so ganz, aber ein bisschen grün schadet der weiss, rot, felsigen Landschaft sicher nicht. Am Donnerstag Abend ging auch noch eine Schar Sherpas in den Icefall, um das Camp 2 weiter mit Material zu beliefern. Chirring machte ich ebenfalls auf den Weg um ein bisschen was hochzubringen. Er redete von 2 Zelten und «other stuff», was auch immer das heisst. 

Als es am Nachmittag mal kurz sonnig war, habe ich mich dazu entschlossen, noch ein wenig Handwäsche zu betreiben. Wir hoffen morgen auf sonniges Wetter, so dass die Kleider spätestens dann wieder trocken sein sollten. Wäsche funktioniert hier ganz einfach: Man gibt der Küchenmannschaft Bescheid, dass man waschen möchte. Sie erhitzen einen grossen Krug mit Wasser und dann geben sie dir 2 Blechschalen, wovon eine davon schon mit heissem Wasser gefüllt ist. Vor dem Küchenzelt ist die Sherpa-Waschzentrale und wenn sie frei ist, darf man diese benutzen. Ich weiss nicht, ob ich es richtig gemacht habe, die wenigen Sherpas, die hin und wieder beim Waschplatz vorbei schauten, grinsten entweder oder schauten kurz interessiert zu, bevor sie weiter ihrer Wege gingen. Ich hatte folgendes Vorgehen: Zuerst 2-3 Kleidungsstücke in die leere Blechschale legen, dann mit dem Plastikbecher Wasser von der anderen Blechschale dazugeben, ein bisschen Seife in die Schale und dann die Kleider schwenken und reiben, bis das Wasser nicht mehr ganz so transparent ist. Dann die Kleider ein wenig auswringen und irgendwo hinlegen. Dann das ganze noch einmal, bis alle Kleider sicher einmal kurz mit Seife und Wasser in Berührung gekommen sind. Zwischendurch habe ich das schmutzige Wasser ausgeleert. Danach habe ich alle Kleidungsstücke nochmals in frischem Wasser geschwenkt, so dass der Grossteil des Schmutzes und vor allem des Geschmacks weg sein sollte. Zum Schluss habe ich alle Kleider nochmals gut ausgewringt und in einen Sack gesteckt. Damit bin ich zu unserer Zeltkolonne spaziert und habe die Kleider sorgfältig aufgehängt. Als ich fertig war, kam schon wieder die nächste Wolkendecke, so dass die Kleider maximal 20 Minuten in der Sonne hingen. Aber da ich noch genug Wechselkleider habe, spielte das für mich nicht so eine grosse Rolle. Die Unterwäsche hängte ich zur Sicherheit im Zelt auf, man weiss nie, wie windig es plötzlich in der Nacht wird. Nach dem Waschen ging es wieder zurück ins Esszelt für die übliche Unterhaltung mit Valery, Regina und Juan-Pedro und meinem Tolino. Wie immer ging es kurz nach dem Dinner ab in den Schlafsack, um dort noch ein wenig das Wifi zu probieren oder zu lesen. 

Samstag, 19.April – EBC – Fiesta Mexicana 

Der heutige Tag bestach mit strahlendem Sonnenschein ohne eine klitzekleine Wolke. Entgegen der Informationen des Küchenteams werden heute keinen neuen Gäste eintrudeln. Wir sind ehrlich gesagt alle ein wenig froh, denn irgendwie gefällt uns die Ruhe und Zeit ohne Hektik. Einmal mehr ass ich Spiegeleier mit Toast und einer Frucht zum Frühstück. Danach wollte ich ein wenig lesen, als Juan-Pedro plötzlich meinte, es sei zu heiss im Zelt, er wolle ein wenig draussen sitzen. Gesagt getan schnappte sich jeder einen Stuhl und wir gingen runter zu unserer Zeltreihe. Am Ende der Reihe hat es ein kleines Plätzchen mit direktem Blick auf den Icefall. Juan-Pedro hat dort sein Zelt und wir nennen den Platz ab jetzt seinen Vorgarten. Ich schleppte ebenfalls eine Thermos voll Schwarztee mit und Dipen begleitete uns, um zu sehen, ob wir auch alles hätten, was wir bräuchten. Es war herrlich windstill und so sassen wir in unseren dünnen langärmligen Sunhoodies, Juan-Pedro mit einem Mexikanischen Hut und ich sogar ein Zeit ohne Socken mit den Hosen hochgerollt. Leider hatte ich vergessen, dass meine Beinchen schon lange keine Sonne mehr gesehen haben. Die Quittung kam dann am nächsten Tag mit einem ziemlich mühsamen Sonnenbrand an den Schienbeinen. Aber die zwei Stunden in der Sonne waren richtig zum Geniessen. Wir beobachteten Kletterer im Icefall auf der Route, oder solche die im Gletscher ein wenig die Vorgänge übten. Dabei hörten wir Musik und schwiegen gemeinsam. Ich holte dafür auch die Theos raus, schliesslich müssen auch die regelmässig in die Sonne, um frische Luft zu schnappen 😊 Valery war am Morgen in Richtung Camp 1 aufgebrochen und wir fragten uns, ob wir ihn wohl irgendwo entdecken. Die Distanz war aber zu gross, um ausser bewegende Menschen mehr warzunehmen. 

Als es Zeit für den Lunch war, gingen wir glücklich in Richtung Esszelt, in dem es immer noch sehr warm war. Etwas später holte Juan-Pedro alle Stühle und einmal mehr waren wir überraschenderweise erstaunt, wie wenig es braucht, um hier oben so richtig ausser Atem zu sein. Wir sprechen hier vom Tragen von 4 Stühlen über 150m mit ungefähr 10m Höhendifferenz. Nach dem Lunch las ich wieder ein bisschen und als es kühler wurde, wechselte ich in mein Zelt. Der Grossteil der gewaschenen Kleider war schon trocken, so das ich diese wieder ins Zelt nehmen konnte. Dort zog ich mich schon für die Nacht um, denn auf 16h brach ich in Richtung Kaffezelt der Firma 8K Expeditions auf, wo ich mich auf eine heisse Schokolade mit anderen Kletterern treffen wollte. Der offizielle Weg würde 20m runter und wieder 20m hoch verlaufen, Luftlinie ist das Kaffezelt vielleicht 400m entfernt. Ich wählte aber einen Weg durch die Sherpazelte, wo ich hin und wieder ein wenig schräg betrachtet wurde. Aber ich kam nach 10Min sicher im Kaffeezelt an. Dort traf ich auf Julia, eine Russin, die in Zermatt wohnt und mit der ich auf dem Weg vom Gipfel zum Camp 4 vom Manaslu 2-3 Sätze gesprochen hatte. Wir blieben hauptsächlich über sporadische Text-Nachrichten über Instagram im Kontakt. Dann war da noch Bianca, aus Australien und die jüngste Besteigerin des Manaslu, die ich ebenfalls letztes Jahr im Basecamp kennen gelernt hatte. Als wir alle in Samagaun stecken geblieben waren, hatten wir lange und gute Gespräche. Sie ist hier mit ihrem Vater, um die jüngste Australierin (m und w) zu werden, die den Everest besteigt. Ihr Vater hatte den Mount Everest mit ihrer Mutter schon vor 20 Jahren bestiegen. Respektive hatte ihre Mutter den Everest bestiegen, während Paul wegen einer Fehlfunktion bei der Sauerstoffflasche umdrehen musste und dann ein Jahr später auf dem Gipfel stehen durfte. Es wird also seine dritte Expedition hier sein. Daneben sassen auch noch 2 Brasilianer, die sich aber bald wieder verabschiedeten und von Mitch ersetzt wurde. Mitch habe ich schon vor 1.5 Jahren an der Ama Dablam angetroffen. Er war nach dem Gipfelerfolg auch dem Weg zum Camp 1 und wir auf dem Weg zum Gipfel. Wir trafen uns im Yellow Tower, dem Teil, der das grösste Risiko für Rockfall hat, weshalb wir nur ein Paar Worte gewechselt hatten. Trotzdem erinnerte er sich an mich, als ich ihn dieses Jahr in Lukla kurz ansprach. Jetzt hatten wir endlich ein bisschen mehr Zeit um uns auszutauschen. Sein Weg zum Everest ist fast der eindrücklichste, den ich bisher gehört habe. Am 15.September ging seine Reise los, er setzte sich nämlich den längsten Triathlon in den Kopf: Er schwamm zuerst von England durch den Kanal nach Frankreich, pedalte von dort mit dem Fahrrad nach Indien. Von dort rannte er diverse Marathons bis nach Kathmandu. Dor tübernachtete er in der britischen Botschaft, von wo er auf den Spuren von Edmund Hillary nach Lukla wanderte. Dort machte er 10 Tage Pause, wartete auf seine Trekkinggruppe, mit der er ins EBC weiterging. Nun ist er hier und bereitet sich wie jeder andere auf die Besteigung des Mount Everest vor. Wer seinen Weg im Detail verfolgen will, sucht einfach auf youtube oder Instagram nach Mitch Hutchcraft. Nach 2h lachen und plaudern machte ich mich wieder auf den Weg in mein Esszelt, wo die anderen schon versammelt waren und wir gemeinsam Abendessen konnten. 


Sonntag, 20.April – EBC – Happy Birthday Daddy 

Ein weiterer Ruhetag steht heute auf dem Plan. Ich kann es mittlerweile kaum mehr erwarten, endlich etwas anderes zu machen, als herumzusitzen. Aber heute wäre der 77.Geburtstag von meinem Vater und das nahm ich zum Anlass, nach dem Frühstück runter zum Gletscher zu gehen, und für ihn ein kleines Smiley und ein Herz aus Steinen zu bauen. Ich nahm mir Zeit, das habe ich heute ja zur Genüge. Es macht Spass, solche Dinge zu machen hier, denn zu Hause habe ich das seit meiner Kindheit nicht mehr wirklich gemacht. Die Sonne scheint auch heute wieder wolkenlos vom Himmel und auch vom Wind ist nicht viel zu spüren. Ansonsten ist die Zusammenfassung des heutigen Tages einfach: Ich habe 3x gegessen, mehrmals versucht das Wifi in Gang zu bekommen, meine üblichen 3L Tee und/oder Wasser getrunken, bin regelmässig im Pee-Tent gewesen und habe ein ganzes Buch gelesen. Gegen 16h hat es mich wieder in das Kaffezelt verschlagen. Dieses Mal in unser eigenes, da es mittlerweile auch offen ist. Wir haben uns gestern für heute hier verabredet, weil das Zelt grösser ist als das 8k-Zelt. Es war die gleiche Runde wie gestern, nur dass auch Biancas Vater heute dabei war und auch noch Ewan, ein Kalifornier, mit dem ich am Manaslu nur kurz gesprochen hatte, der sich aber noch genau an meinen Daunenanzug erinnern konnte. Zudem war auch noch Bella da. Sie war mit Mitch ins EBC getrekkt und verbringt hier eine Woche. Sie möchte in den nächsten paar Jahre ein Buch schreiben, weshalb Menschen 8000er besteigen und in 2 Jahren selber einen Versuch am Everest starten. Sie hatte mit der Gruppe um Mitch vor 2 Tagen den Lobuche East besteigen können und wird nach ihrer Abreise vom EBC auch noch einen Versuch am Island Peak machen, bevor sie dann Ende Monat wieder nach Hause fliegt. Sie hat uns ihr Editorial vorgelesen und wir wissen jetzt schon, dass das Buch spannend sein wird. Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis ich es in den Händen halten kann. Die paar Jahre werde ich mich gedulden müssen, aber das Warten lohnt sich, dass hat mein Leben schon ein paar Mal bewiesen. Heute haben Mitch und ich herausgefunden, dass unsere Verbindung mit dem Everest etwa gleich lang ist und sich ähnlich verhalten hat. Es ist immer sehr spannend mit ihm zu reden, obwohl er ein horrendes Tempo vorlegt, wenn er redet. Zum Glück bin ich kein Anfänger in Englisch, ich würde sonst kein Wort verstehen. Er scheint mir ein wenig ein Getriebener zu sein, der es selbst kaum fassen kann, dass er nach so vielen Jahren jetzt wirklich hier ist, um seinen Versuch am Everest zu starten. Mir geht es da sehr ähnlich und ich sehe die gleichen Gefühle in seinen Augen, wie ich fühle: Ungläubigkeit, Stolz, Respekt, ein wenig Angst und ganz viel Vorfreude. In den Stunden im Kaffezelt reden wir über Diverses und es ist immer wieder spannend für mich zu sehen, wie schnell man mit Fremden über sehr Persönliches redet. Alle sind aus einem anderen Grund hier, aber trotzdem sind wir nach Minuten eine Gemeinschaft, die man nirgendwo anders findet. Wer schon einmal auf einer Bergtour war, kann dem vielleicht ein bisschen nachfühlen. Ich verzichte darauf zu versuchen das näher zu erklären. Man muss es einfach erlebt haben und dann weiss man genau was ich meine. Nehmt das als Aufforderung, euch für eine mehrtätige Wandertour (nein, es muss nicht im Himalaya sein) anzumelden oder selbst eine zu organisieren und diese zu erleben. Ich verspreche euch, ihr werdet es nicht bereuen! 

Um die übliche Zeit war im Kaffezelt Aufbruchstimmung, denn niemand möchte zu spät zum Abendessen erscheinen. Ich wurde von Chirring und Gyalzen empfangen, die mir eröffneten, dass wir morgen endlich in den Gletscher gehen werden, wo wir ein wenig üben werden, damit ich bereit bin, wann immer wir in uns in Richtung Camp 1 bewegen dürfen. Ich packte darum nach dem Abendessen noch kurz das Nötigste in meinen Rucksack, so dass ich morgen bereit bin. 


Montag, 21.April – EBC – Training im Gletscher 

Ein weiterer sonniger Tag erwartete mich als ich heute aus dem Zelt trat. Peinlicherweise musste mich heute die Küchencrew aus dem Zelt holen, da ich fälschlicherweise im Kopf hatte, dass wir um 8.30h Frühstücken. Seit Samstag ist es um 8h und ich hatte das schlicht vergessen. Ich lag zwar - wie üblich – seit 6.30h war im Schlafsack, konnte mich einfach nicht überwinden aufzustehen. Also musste Dipen um 8.15h zu meinem Zelt runtersteigen, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Ich schämte mich ein bisschen, weil ich sonst immer darauf achte pünktlich zu sein. Die Küchencrew um Nathi macht einen exzellenten Job und ich möchte diesen nicht unnötig erschweren. Sie erfüllen uns jeden Wunsch, hören uns zu und versuchen es an nichts fehlen zu lassen. Ich bin jeden Tag schwer beeindruckt, wie viel Liebe sie ins Detail legen und wie wichtig wir ihnen sind. Da empfinde ich das zu spät kommen als No-Go. Sie nahmen es aber mit Humor und schon 5 Minuten später sass ich vor einem weiteren Teller mit Toast und einer heissen Vegi-Omelette. Ich nahm mir Zeit um zu essen, und um 9h stand Gyalzen vor mir, der mir mitteilte, dass wir um ca. 9.30h losgehen würden. Nach dem Frühstück machte ich mich also auf zum Zelt, um mich dafür umzuziehen. Ich wollte alle Handschule einpacken, damit ich mit allen üben konnte und wappnete mich auch für die ersten Schritte in den grossen Schuhen seit dem Manaslu. Regina und Juan-Pedro würden heute ebenfalls im Gletscher üben und so fanden wir uns um 10h alle beim schon vorbereiteten Parkour. Das Ziel war es für mich, wieder reinzukommen in das Leiterngehen, die Benutzung der Steigklemme und das Abseilen. Die erste Runde war katastrophal. Ich versuche die Spitzen meiner Steigeisen in Eis zu rammen, wo sie nicht halten. Trotzdem stellte ich mein volles Gewicht auf die Zacken, die promt rutschten. So hatte ich nach 2 Minuten zwei schmerzende Knie und fragte mich, was ich hier eigentlich mache. Ich weiss, dass ich das besser kann, aber es schien als ob ich ein paar Minuten bräuchte, um mich wieder darauf zu besinnen. Völlig ausser Atem und mit Schmerzen kam ich oben an. Ebenfalls war mein Klettergurt ein wenig zu eng, so dass ich das Gefühl hatte, dass das Frühstück entweder oben oder unten wieder raus will. So brauchte ich auf der Pattform zuerst ein paar Minuten um zur Ruhe zu kommen und mich auf die kurze Traverse zu konzentrieren. Diese meisterte ich ohne Probleme, wenn auch nicht mit dem vollsten Vertrauen in meine Steigeisen. Die letzte Etappe war das Abseilen, wobei Gyalzen darauf bestand, das Seil für mich in mein Abseilgerät einzuhängen. Lustigerweise machte mir die 11m Vertikalwand überhaupt nichts aus, so dass ich nach einer halben Minute wieder unten war. Ich war trotzdem nicht zufrieden mit dem ersten Durchgang, denn die Schmerzen am Knie würden mich jetzt ein paar Tage begleiten und das war einfach völlig unnötig. Da Regina und Juan-Pedro noch in ihrer Runde waren, nahm ich mir Zeit, um etwas zu trinken und mich auf das zu konzentrieren, was ich kann. Ich machte ein paar Runden auf der Leiter, wobei ich schnell wieder wusste, wo beim Schuh die Sprosse hinkommt. Ebenfalls versuchte ich mich so nach vorne zu legen, dass das Seil auch ohne Hilfe von Gyalzen oder Chirring einigermassen gespannt ist. Ich hoffe, ich bekomme das dann auch auf der Route so ruhig hin, denn dort würden tiefe Gletscherspalten unter der Leiter auf mich warten. Die zweite Runde gelang mir schon viel besser. Ich nahm mir viel mehr Zeit zu schauen, wo ich meine Frontzacken hinsetzen kann und auch den Klettergurt hatte ich zuvor justiert. Die schmerzenden Knie behinderten mich zum Glück nicht wirklich, so dass ich nach knapp 5 Minuten schon wieder unten stand. Nun drehte ich noch ein paar Runden an den Seilen, wechselte aber immer wieder die Handschuhe, so dass ich sowohl mit den Innenhandschuhen, den dicken Fingerhandschuhen, wie auch den dicksten Handschuhen alle Vorgänge mehrmals üben konnte. Wenn ich warten musste, ging ich ein paar Mal über die Leiter und ich versuchte auch jedesmal links oder rechts vom Seil hochzusteigen, und auch die Arme abzuwechseln, so dass ich mir die Schritte nicht angewöhnen konnte und die Armmuskeln gleichmässig müde wurden. Im Icefall wird die Route auch jedes Mal anders aussehen und darauf möchte ich mich mental vorbereiten. Nach knapp 2 Stunden war die Trainingssession auch wieder vorbei und wir packten wieder alles zusammen. Ich war zufrieden und hoffe, dass ich nicht am nächsten Tag die Muskeln spüren würde, denn das würde mich ziemlich verunsichern. Die normale Dauer durch den Icefall ist 6-8h, wenn ich nach 2h Training schon meine Muskeln spüren würde, wäre das ziemlich doof. 
Wir gingen zurück zum Esszelt, wo es wie immer Mittagessen gab. Bei unserer Ankunft war ein wenig Hektik zu spüren, offensichtlich würden zum Lunch noch 21 Russen erwartet, die auf dem Trek zum EBC sind. Zum Glück konnten wir vor deren Ankunft in Ruhe essen. Als es hiess, dass sie 5 Minuten vom Zelt entfernt sind, packte ich meine 7 Sachen zusammen und machte mich auf zum Kaffeezelt. Auf dem Weg kreuzte ich die Gruppe und einige sahen ziemlich kaputt aus. Ich begrüsste einige, bekam aber keine Reaktion, so dass ich es beim Rest sein liess und mich ins Kaffezelt verzog. Dort genoss ich eine heisse Schokolade, als schon eine der Russinnen – wahrscheinlich eine Guide – ins Zelt kam und am Telefon mit Tashi sprach. Tashi ist der Besitzer von 14peaks, dessen Bruder eine Helifirma hat. Offensichtlich wollten ein paar der Trek-Gruppe keine Minute länger in der Höhe sein und wieder zurück nach Namche oder Kathmandu geflogen werden. Von der Küchencrew habe ich beim Lunch erfahren, dass 5 dieser Gruppe bleiben würde, um den Everest zu besteigen. Es würden die gleichen 5 sein, die ich schon am Manaslu im Basecamp am Rand erlebt habe. Wir hatten damals unser eigenes Esszelt und kamen dadurch nur draussen oder im Kaffeezelt mit ihnen in Kontakt. Sie sassen an den Ruhetagen meistens irgendwo draussen an der Sonne, einer rauchte die Pfeife und abends hörte man aus ihrem Esszelt Gitarreklänge. 
Ich war nicht lange alleine im Kaffeezelt, nach und nach kamen Bella, Bianca, Mitch, Ben, Ewan, etc. dazu und wir sassen da bis kurz vor 18h. Irgendwann dazwischen ging ich in mein Zelt, um mich ein wenig wärmer anzuziehen, denn sobald die Sonne weg ist, wird es sehr viel kälter. Auch hilft es, sich umzuziehen, wenn das eigene Zelt noch ein wenig aufgewärmt ist und nicht erst nach dem Abendessen. 
Auf das Abendessen freute ich mich nicht sonderlich. Die Russen hatten das gesamte Esszelt in Beschlag genommen und zum Glück waren Regina und Juan-Pedro da, die mir einen Stuhl freihielten. So konnten wir an einer kleinen Ecke am Tisch gemeinsam sitzen und essen. Die anderen zwei verzogen sich schon bald nach dem Essen, und auch ich sass nicht mehr allzu lange im Zelt. Einige waren am Husten und ich fühlte mich zu fest in die Ecke gedrängt, als ob ich nicht mehr genug Luft zum atmen hätte. Das Stück Kuchen, das man mir anbot, lehnte ich erfolglos ab, so dass ich höflichkeitshalber zwei drei Löffelchen davon ass und dann ab in mein Zelt huschte. Dort las ich noch ein bisschen und hoffte auf einen ruhigeren morgigen Tag. 


Dienstag, 22.April – EBC 

Die Nacht war einmal mehr ruhig, obwohl ich 2-3 Mal erwachte, als gestern Abend noch Leute ins Bett gingen. Es schien, als ob das Esszelt länger besetzt gewesen wäre als normalerweise. Ich war ein wenig früher unterwegs als sonst, damit ich sicher einen Platz mit Regina und Juan-Pedro am Tisch ergattern konnte. Die zwei waren auch schon da und assen schon ihr Frühstück. Sie würden uns für 3-4 Tage verlassen, um den Lobuche East zu besteigen. Ich bin gespannt, wie diese Tage ohne sie sein werden, denn sie waren immer gute Zuhörer und Gesprächspartner und unser Humor ist sehr ähnlich. Ich hoffe, dass sich ihr Ausflug lohnt und sie gut akklimatisiert und glücklich wieder zurück kommen werden. Nachdem ich sie verabschiedet hatte, ging ich zurück in mein Zelt um dort ein wenig die Ruhe zu geniessen. Nach dem Frühstück brachen auch die trekkenden Russen auf, so dass es gegen 10h auch im Esszelt wieder ein wenig ruhiger wurde. Als ich so da sass, teilte mir Dipen von der Küchencrew mit, dass heute wieder eine grosse Gruppe auf das Mittagessen ankommen würde. Dieses Mal waren es 14 Inder. Ich bekam mein Mittagessen wieder ein wenig früher, so dass ich mitten drin war, als die Indische Meute über das Zelt einbrach. Innert kürzester Zeit war ich umringt von ihnen, denn die ganze Gruppe wollte zusammen an einem Tisch sitzen, obwohl der andere Tisch halb frei war. So nahm ich meinen Lunch und wechselte den Tisch, so dass sie ihren Wunsch erfüllt bekamen. Ich wählte wieder dieselbe Strategie wie gestern, nach dem Lunch verschwand ich im Kaffezelt, einmal mehr beste Unterhaltung mit den üblichen Verdächtigen für den gesamten Nachmittag. Dieses Mal kam auch noch Nelly Attar dazu, die in den Sozialen Medien unter anderem für Putzaktionen in den Bergen bekannt ist. 

Pünktlich um 18h trennten wir uns wieder, ich in der Hoffnung, dass das Abendessen einigermassen unbedrängt über die Bühne gehen würde. Ich setze mich von Beginn weg an den Tisch mit den Russen, damit die Inder genug Platz haben. Aber sobald ich gegessen hatte, machte ich mich auf den Weg ins Camp von Seven Summit Treks. Die meisten meiner Kaffeezelt-Freunde waren dort untergebracht und sie hatten mich schon viele Male eingeladen, zu ihnen zu kommen, falls es bei mir zu langweilig, zu eng oder zu laut sei. So sass ich 10 Minuten danach in einem warmen Zelt mit vielen lustigen und offenen Leuten. Sie waren noch mitten im Essen, trotzdem freuten sie sich, mich zu sehen. Ich blieb schlussendlich fast 2h, in denen ich mit Paul, Biancas Vater die Bilder von seinen Everest-Besteigungen von 2006 und 2007 analysierte. So konnte ich mir einen guten Überblick über Teile der Route verschaffen, von denen ich bis jetzt noch keine Fotos gesehen habe. Es war auch interessant, seine Erfahrungen zu hören und worauf er beim zweiten Mal geachtet hat. Wir planten, für morgen eine gemeinsame Akklimatisierungstour zum Pumori Highcamp, aber dieser Plan wurde eine halbe Stunde später zerschmettert, als der Basecamp Manager in seiner Ansprache den Plan für Seven Summit für morgen bekannt gab: Am Vormittag Gletscher-Training, am Nachmittag Sauerstoff-Training.  Um halb 10 machte ich mich wieder zurück in unser Camp, füllte im Esszelt noch schnell meine Flaschen mit heissem Wasser und schlüpfte dann in meinen Schlafsack. 


Mittwoch, 23.April – Pumori Highcamp 

Heute war wieder mal ein Akklimatisierungstag eingeplant. Weil Chirring und Gyalzen gestern Abend in Richtung Camp 2 aufgebrochen sind, werde ich heute alleine unterwegs sein. Es war fast schon lustig, wie bemutternd die zwei gestern waren, als ich ihnen gesagt habe, dass ich auch alleine unterwegs sein kann. Sie gaben mir vor, was ich alles einpacken soll (das Gleiche wie seit 3 Wochen), dass ich Sonnencreme schon am Morgen auftragen und nicht zu schnell gehen solle. Wie wenn ich zu Hause nie alleine unterwegs wäre. Aber es zeigt mir, dass es ihnen wichtig ist, dass ich ideal vorbereitet bin und dass sie mir auch ein Stück weit vertrauen. Ich versprach ihnen, dass ich mich gleich melden werde, wenn ich wieder zurück bin und ganz gut auf mich aufpassen würde, vor allem beim Runtergehen. 

So startete ich nach dem Frühstück um kurz vor 9h in Richtung unteres Ende des EBC. Dafür braucht man etwa 20 Minuten. Der berühmte EBC-Stein markiert den Beginn des Basecamps und egal zu welcher Tageszeit man da durch geht, es posieren Leute vor, am oder auf diesem Stein. Nach einer halben Stunde war ich schon auf dem Grat, der die Seite des Gletschers markiert, bereit für den steilen Aufstieg Richtung Highcamp. Ich nahm den Weg, an den ich mich erinnern konnte, bog aber dann irgendwo bei einem Stein offensichtlich ein wenig falsch ab. So endete ich in einem Geröllfeld, durch das ich mich mühsam und so langsam wie möglich durch kämpfte. Über grosse Steine, kleine Steine, rutschige Steine, feste Steine, Kies, Geröll und Dreck bahnte ich mir den Weg in die richtige Richtung. Ich wusste, dass ich irgendwann wieder auf den Weg kommen würde und sah nach 40 Minuten genau über mir eine kleine Gruppe aufsteigen. Es kostete mich weniger als 5 Minuten, bis ich wieder auf dem Weg war. Nun folgte ich der Gruppe, um den Weg sicher nicht wieder aus den Augen zu verlieren, was mir gut gelang, denn sie waren ein Mü schneller unterwegs als ich mir selbst aufgetragen habe. Ich spazierte nämlich etwas so, dass ich im Kopf problemlos das «Om mani padme om» im gleichen Takt aufsagen konnte wie ich Schritte machte. Als die Gruppe eine Pause machte, ging ich weiter, denn der Weg war weiterhin gut sichtbar. Etwa 20m unterhalb der ersten Plattform des Highcamps bog ich wieder falsch ab und musste darum nochmals ein wenig kraxeln. Da der Hügel nicht steil und die Steine felsenfest waren, war das kein Problem. Da es nach der Plattform wieder einen einigermassen sichtbaren Weg weiter hoch gab, wanderte ich noch weitere 50hm, bis ich einen guten Sitzplatz im Windschatten fand. Dort verbrachte ich gut eine Stunde mit Aussicht geniessen. Zudem hatte ich heute die Theos mitgebracht, so dass auch sie für Fotos posieren mussten. Es waren noch 2 andere Gruppen dort, von denen ich Gruppenfotos schoss und die auch von mir noch Fotos machten. Nach knapp 70 Minuten packte ich alles wieder zusammen und machte mich auf den Rückweg. So war der Weg für mich einfacher zu sehen und ich hatte auch immer eine Gruppe vor mir, die mir im Zweifel die Richtung vorgab. Nur 30 Minuten nach Aufbruch war ich schon wieder auf dem Seitengrat, der den Gletscher seitlich begrenzt. Die Beine fühlten sich sowohl beim Auf- wie auch beim Abstieg sehr gut an. Beim Kraxeln kam ich ein wenig mehr ausser Atem als erwartet, aber da war ich auch ein wenig schneller unterwegs als gedacht. 

Da ich wusste, dass meine Zeltfreundin von der Aconcagua, Rebekka, gestern im EBC angekommen war, wollte ich es mir nicht nehmen, und ihr in ihrem Camp einen Besuch abstatten. Sie ist mit Furtenbach unterwegs, die ihr Camp ziemlich am unteren Ende haben. So spazierte ich um ca. 12.30h bei ihr im Esszelt ein und konnte ihr überraschtes Gesicht sehen. Sofort wurde ich mit einem Drink versehen und eingeladen, dort zu Mittag zu essen. Weil ich aber meiner Küchencrew versprochen hatte, dass ich bei ihnen zu Mittag esse, lehnte ich dankend ab. Trotzdem genoss ich die rund 40 Minuten Besuch bei ihr, bei dem wir uns kurz über Kleinigkeiten austauschten. Hoffentlich werden wir noch genügend Zeit finden, um länger miteinander zu plaudern. Das letzte Mal hatten wir uns in Salzburg gesehen, als ich im Oktober für 24h spontan zu ihr fuhr, als sie dort in den Ferien war. Mitch war zufällig ebenfalls dort, weil er von den Chefs der Firma zum Mittagessen eingeladen war. Als die Gruppe zu ihrer Puja gerufen wurde, brach ich wieder auf, um die letzten 20 Minuten zu meinem Camp zurück zu gehen. 

Ich ging sofort ins Esszelt, damit sie Bescheid wussten, dass ich wieder heil zurück bin. Danach zog ich mich kurz um, damit ich einigermassen sauber zu Mittag essen konnte. Leider hatte ich schon ein wenig Kopfschmerzen, so dass ich mich ziemlich zwingen musste, um zu essen. Es kostete mich fast eine Stunde, um zumindest die Hälfte des Salate zu essen und nochmals 20 Minuten für den kleinen Früchteteller als Dessert. Dazu trank ich ein paar Tassen Tee was aber alles nichts nützte, um das Kopfweh loszuwerden. Das erste Mal seit ich hier bin, verbrachte ich darum den zweiten Teil des Nachmittags im Schlafsack, um ein wenig zu dösen. Ich nahm auch eine Tablette, damit die Kopfschmerzen verschwinden. Leider gelang das nicht vollständig, so dass ich ein wenig kaputt wieder zum Abendessen im Esszelt war. Auch da konnte ich nicht alles essen und verschwand nach dem Zähneputzen wieder im Bett. Ich las zwar noch ein bisschen, aber so wirklich wohl fühlte ich mich wegen der Kopfschmerzen nicht. 




Donnerstag, 24.April – EBC – Puja Seven Summit treks 

Nachdem ich gestern mit Kopfschmerzen ins Bett ging, hatte ich eher eine unruhige Nacht. Entgegen der Gewohnheit musste ich in der Nacht zwei Mal aufstehen um zu pinkeln. Ich sah jeweils Stirnlampen im Icefall, jedoch waren diese viel langsamer unterwegs als in den Nächten als die Sherpas unterwegs waren. Ebenfalls musste ich eine zweite Tablette nehmen, damit ich einigermassen schlafen konnte. Als ich heute aufwachte, war immer noch ein dumpfes Klopfen da. Ich nehmen an, dass es von meinem Nacken kommt, denn das Kissen ist leider zu hoch, so dass sich meine Nackenmuskeln nicht wirklich entspannen können. Mal schauen, ob sich das Ganze in den nächsten Tagen verbessert oder nicht. Ich stand auf jeden Fall pünktlich für das Frühstück auf und ass das Gemüseomelette mit Tibetian bread. Danach las ich ein wenig, sprach kurz mit einer der Russinnen, Anastasiia, die leider ein wenig krank ist und entschloss mich dann, nochmals eine kleine Wäsche zu machen. Es ist wie seit einer Woche wunderbar sonnig, jedoch sehr windig. Das störte mich aber nicht, die paar Shirts, Hosen und Buffs zu waschen und aufzuhängen. Ich bekam von Nathi sogar Wäscheklammern, damit die Kleider nicht davon fliegen. Danach machte ich mich auf zum Lager von Seven Summit treks, wo die Puja heute stattfindet. Ich konnte das Ganze von aussen betrachten, was auch mal schön war. Obwohl es komisch war, dass alle meine Freunde gesegnet wurden und ich mir vorstellen muss, mit fast Unbekannten morgen die gleiche Zeremonie zu erleben. Man streicht sich Reismehl ins Gesicht, beglückwünscht sich, umarmt sich, etc. Alles, was ich heute am liebsten miterlebt hätte, aber nur vom Rand aus beobachten konnte. Ich hoffe, es wird morgen herzlicher, als ich mir das gerade ausmale. Im Idealfall sind auch Regina und Juan-Pedro morgen wieder da, so dass ich immerhin zwei bekannte Gesichter um mich haben werde. Ich fühlte mich nicht dazugehörig, obwohl es dafür – abgesehen von meiner Nichtteilnahme – keinen wirklichen Grund gibt. Nach der Segnung standen alle in Grüppchen, machten Fotos, lachten, nahmen Videos auf und ich war die passive Zuschauerin. Immerhin konnte ich heute endlich Kristin Harila danke sagen für das was sie für uns Frauen im Bergsteigen macht. Sie ist einer der Gründe, weshalb ich den Mut hatte, endlich den Everest in Angriff zu nehmen. Ich hatte mich in den letzten 3 Jahren 2-3x bei ihr gemeldet, und sie hatte immer ausführlich geantwortet. Dass ich ihr nun endlich persönlich sagen konnte, wie wichtig sie für mich und mein Projekt war, macht mich extrem glücklich. Natürlich ging es auch dieses Mal nicht ohne Tränen. Keine Ahnung was da in Bezug auf den Everest mit mir los ist. Ich bin einfach happy und stolz und kann das fast nicht ohne Tränen ausdrücken. Vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass die 28 Jahre, die ich darauf gewartet habe, jetzt auf einen Monat geschrumpft sind. Als sich die ganzen Gesegneten zu einem Gruppenfoto formierten, war das mein Zeichen, mich wieder zurück in mein Zelt aufzumachen, wo ich zuerst mit den Theos knuddelte und die restlichen Tränen loswurde. Danach schaute ich kurz zu meiner fast schon trockenen Wäsche und machte mich auf zum Esszelt, wo es in etwa einer halben Stunde Lunch geben wird. 


Freitag, 25.April – EBC – Puja 

Das gestrige Mittagessen war überraschenderweise ein Burger, der zwar ein wenig zu viel Käse drin hatte, aber sonst ganz gut war. Danach ging ich in mein Zelt, um meine Kleider wieder frisch zu ordnen und ein wenig für mich zu sein. Danach machte ich mich auf in unser Esszelt, um den Blog fertig zu schreiben. Um ihn hochzuladen, ging ich ein wenig näher zum Router, aka ins Kaffezelt, wo ich bei zwei heissen Schokoladen versuchte, irgendwas zu erreichen. Leider klappte das Hochladen nicht so wie ich wollte, so dass ich meine Schwester als Blog-Assistentin einspannte. Danach wollte ich gerade aus dem Kaffezelt gehen, als Mitch und Stan auftauchten. So genoss ich noch eine dritte Tasse heisse Schokolade, während ich mich mit den zwei über die Puja, den Zeitplan, etc austauschte. Es ist immer wieder spannend, mit den zwei zu reden. Stan wohnt nur zeitweise im EBC, seine Base hat er 3h weit weg in der Italienischen Pyramide. Dort schneidet er fast ununterbrochen an den youtube-Videos und Insta-Inhalten von Mitch herum, damit diese jeweils pünktlich fertig werden. Ich habe ehrlich gesagt noch keines der Youtube-Videos angesehen, werde das aber nach der Expedition nachholen. Ich glaube, die beiden freuen sich etwas gleich fest auf das Danach wie ich. Ich finde die Expedition mental schon anstrengend, muss mir aber keine Gedanken über Bezahlung von Mitarbeiter, Inhalten, Zeitungsberichten, etc machen und bin ehrlich gesagt auch froh darüber. Ich kann hier im EBC so ziemlich in den Tag leben, müsste nicht mal diesen Blog schreiben, wenn ich nicht wollte und den ganzen Tag lesen, schlafen, trinken und warten, bis ich an den Berg darf. Ich glaube, ich habe in den letzten 4 Wochen nur 3x etwas auf Insta gepostet und auch nur, weil alle um mich rum etwas gepostet haben und ich den Grossteil kopieren konnte. Auch nach dem Manaslu hatte ich nie wirklich gross Lust, etwas in die sozialen Medien zu stellen, irgendwie ist es mir zu wenig wichtig. Auf jeden Fall tat mir das Gespräch mit den beiden gut und endlich stellte sich nun auch Vorfreude auf meine Puja ein. 

Was es zum Abendessen gab, weiss ich nicht mehr, ich tippe auf Vegi Sizzler, weil wir das schon 3x hatten. Danach ging es ab ins Bett, damit ich für die heutige Puja bereit war. 

Diese fand kurz nach dem Frühstück statt. Ich war als eine der ersten da und konnte so einen tollen Sitzplatz ergattern, sogar mit Stein als Rückenlehne falls nötig. Zuerst musste ich aber mein Material holen und am Schrein hinstellen. Bei Furtenbach hiess es vor 2 Tagen, dass man alles, was den Berg berühre mitnehmen solle. Ich nehme immer alles mit, was mir Sicherheit am Berg verleiht: Die Schuhe, Steigeisen, den Klettergurt und den Helm. Weil ich auch hier eine der ersten war, standen meine Dinge gleich am Schrein, was ich als gutes Omen zähle. Danach setze ich mich auf meinen Platz und las noch ein bisschen, bis alle bereit waren. Für die Pujas kommt immer ein Lama, der mit einem Assistenten seine Gebete vorliest, oder besser gesagt vorlsingt. Dazu wird vom Assistenten die kleine Pauke hin und wieder geschlagen und vom Lama auch die Cinellen-ähnlichen Dinger aneinandergeschlagen. Bei der Puja geht es darum, eine «safe passage» zu erfragen, also einen sicheren Auf- und Abstieg. Dafür werden die Gebete aller Berge rund um den Everest und vom Everest selber gesungen. Dazwischen wird Reis und/oder Reispulver in die Luft geworfen. Wir Zuhörer erhielten zwischendurch ein wenig Schwarztee, damit wir genug trinken und ich war froh, dass ich sowohl Hut, wie auch Buff trug. Es war ziemlich windig und auch sonnig. Als die Puja zu Ende war, bekam jeder ein gelbes Band und einen Kathaschal um den Hals gelegt. Das gelbe Band sollte man nicht ablegen, da es Schutz bietet. Der Katha soll ebenso Schutz bieten, kann aber wieder abgelegt werden .Ich habe alle meine bisher erhaltenen Kathas in meinem Zelt aufgehängt und werde sie dann, wie alle anderen auch mit nach Hause nehmen. Wer in den letzten 3 Jahren bei mir zu Hause war, wird sich sicher an die weissen Schals, die überall hängen erinnern. Da ich einmal mehr Gebetsfahnen auf dem Gipfel aufhängen möchte, hatte ich in Kathmandu ein paar eingekauft, die jetzt noch gesegnet werden mussten. Eigentlich wäre in Pengboche ein guter Zeitpunkt gewesen, aber ich hatte die Gebetsfahnen in die Climbing duffle gepackt, welche auf dem Trek ja zwischenzeitlich verschwunden war. Nun fragte Chirring den Lama, ob er die Fahnen noch segnen könnte, was dieser ohne zu zögern erledigte. Wir machten auch noch ein paar Gruppenfotos, so dass wir diesen Tag in Erinnerung behalten konnten. Danach ging ich ins Esszelt, da es draussen ziemlich windig war. Nach dem Essen würden Chirring, Gyalzen und ich gemeinsam einen neuen Zeitplan entwickeln, damit ich in etwas weiss, wann was geplant ist und ich nicht allzu fest in negative Gedanken verfalle, weil alle anderen vor mir auf ihre Rotation aufbrechen, obwohl ich die erste im Basecamp war. 

Der Vorschlag von den Sherpas war es, morgen einen Dry run im Icefall zu machen. Das heisst, man geht etwa zur Hälfte hoch, und kommt dann wieder runter. In den Worten von Chirring hiess das: 3h up, 1h down. Mein Vorschlag war es, die Rotation zu starten, so dass wir nach 5 Tagen am Berg ready wären für den Gipfel, sobald das Fixingteam mit ihrer Arbeit fertig war. 

Mir gefiel der Sherpa-Vorschlag nicht wirklich, da ich erstens nicht zu viele unnötige Stunden im Icefall verbringen wollte, und zweitens endlich meine Rotation starten wollte. Zudem habe ich Angst, dass ich, wenn ich noch länger warten würde, mit zu viel anderen Leuten im Icefall sein würde, was grosse Wartezeiten, Kälte und Risiko mit sich bringen würde. Ich fragte auch bei Phunuru nach, was er davon hält. Leider hatte er kein Internet und konnte mir keine Antwort geben. Ebenfalls war es schwer, einen einigermassen zuverlässigen Wetterbericht zu erhalten, da das Wifi einmal mehr seeeehr langsam war. Es ist einer dieser Momente, wo man entscheiden muss, und erst im Nachhinein erfahren wird (vielleicht), ob man richtig oder falsch entschieden hat. Ich habe zwei Devisen, die ich hier am Everest in jedem Fall einhalten möchte: Ich möchte im ersten Zeitfenster meinen Gipfelversuch wagen und ich möchte davor mindestens 3 Ruhetage für alle drei haben. Das erste Wetterfenster möchte ich nutzen, weil erfahrungsgemäss dann noch nicht so viele Personen am Berg sind, weil sie noch nicht bereit sind. Die drei Ruhetage für alle sind glaube ich für alle klar. Wir müssen ausgeruht sein, wenn wir unseren Doppelversuch wagen, auch Chirring und Gyalzen, denn sie sind ein sehr grosser Teil der Sicherheit am Berg. 

Unsere Diskussion nach dem Essen war nicht allzu lang, denn die zwei wollten sich nicht von ihrem Plan abhalten lassen und ich bin nicht zur Chefin geboren, weshalb ich sie nicht zu meinem Vorschlag überreden wollte. Ich war immer noch gefangen zwischen «wenig Zeit im Icefall verbringen» und «Vertraue einfach den Sherpas», wollte aber nicht einfach so bestimmen. Deshalb einigten wir uns darauf, dass wir alle nochmals über die Optionen nachdenken würden, ich versuchen würde, einen Wetterbericht zu erhalten und wir uns beim Nachtessen nochmals austauschen würden. 

Danach ging ich einmal mehr ins Kaffezelt, wo ich die üblichen Verdächtigen traf. Ich konnte mich auch kurz mit Paul austauschen, der ja schon einige Everest-Erfahrung hat. Er meinte, dass er damals auch einen Dry run machte und das eigentlich ganz gut fand. Trotzdem war der Tenor, dass alle lieber die Rotation starten würden, als einen Dry run zu machen. Für mich war der Grund für den Dry Run nicht klar, auch nicht nach dem Treffen am Nachmittag mit Chirring und Gyalen. Es fühlte sich unnötig an und weil ich es nicht verstand, störte mich der Plan fast noch mehr nach den Gesprächen. Und einmal mehr rettete mich Stan vom Vertiefen in die negativen Gedanken. Er konnte mir rational erklären, dass es überhaupt nicht schlimm ist, wenn ich nicht wie alle anderen die Rotation starten würde. Es sei noch genug Zeit und er sei überzeugt, dass ich, egal welche Option wir wählen würden, meine reelle Chance auf den Gipfel erhalten würde. Auch wurde ich von meinen Gedanken abgelenkt, als wir ein spannendes Gespräch mit Kristin über ihre zahlreichen Expeditionen führten. Sie wartet auf das Helikopter-Permit in China, damit sie ihren an meinem Geburtstag 2023 am Shishapangma von einer Lawine mitgerissenen Sherpa endlich finden kann. Für alle, die Kristin Harila nicht kennen: Sie hat den Geschwindigkeitsrekord gebrochen, alle 14 8000er zu besteigen. Es dauerte nur 92 Tage, bis sie das erreicht hat. Im Jahr 2022 machte sie ihren ersten Versuch und stand bei 13 von 14. Leider erhielt sie von China keine Erlaubnis, den Shishapangma zu besteigen, weshalb sie in ihrem Versuch scheiterte und noch immer Nimsdai der Rekordhalter war. Nimsdai ist der Nepali, der hinter dem sehenswerten Netflix-Film (und Buch) 14 peaks steckt. Sie erzählte uns gestern, dass sie in dem Moment, als das Nein kam, wusste, dass sie im Jahr 2023 einen neuen Versuch starten würde. In dem Jahr würfelte sie die Reihenfolge ein wenig durcheinander und erhielt tatsächlich für den Frühling die Bewilligung für den Shishapangma und Cho Oyu. Beide Berge werden von China aus bestiegen, wobei der Cho ou theoretisch auch aus, Nepal bestiegen werden kann, was jedoch extrem schwer ist (Gelje von AGA Adventures erreichte dieses Ziel letztes Jahr nachdem die Route lange Zeit nicht begangen wurde à just google it). Wieder zurück zu Kristin: Nachdem sie nun also die Bewilligungen hatte, bestieg sie alle 14 Berge in eben diesen 92 Tagen und immer mit ihrem Sherpa Lama an ihrer Seite. Sie wurden weltweit dafür gefeiert und nun war allen klar, dass Lama der beste Sherpa weit und breit ist. Neben Kristins Rekordversuch lieferten sich zwei Amerikanerinnen einen Wettlauf, wer die erste Amerikanerin sein würde, die alle 14 8000er bestiegen hat. Die zwei hiessen Anna und Gina-Marie und beide hatten schon 13 Gipfel auf dem Konto, nur der Shishapangma fehlte ihnen. Beide erhielten eine Bewilligung und Gina-Marie wollte den besten Sherpa an ihrer Seite. So ging Lama, obwohl er nicht musste, ein weiteres Mal nach China, um ihr zu ihrem Erfolg zu helfen. Der Shishapangma ist schon im Frühling ein gefährlicher Berg, im Herbst jedoch noch ein Stück gefährlicher, denn seine Hangneigung ist perfekt für Lawinen. An meinem 39.Geburtstag hatte der Berg genug und verschüttete sowohl die Seilschaft um Gina-Marie, wie auch die Seilschaft von Anna Gutu mit ihrem Sherpa. Alle vier starben, wobei Anna und ihr Sherpa gefunden wurden und letztes Jahr nach Hause gebracht werden konnten. Gina-Marie und Lama liegen noch immer irgendwo auf dem Berg und Kristin hat es sich zum Ziel gesetzt, seine Leiche nach Hause zu bringen. Ich denke, dass sie erst Frieden mit ihrem Leben findet, wenn sie dieses Zeil erreicht. Sie kümmert sich sehr um Lamas Familie, vor allem um seine zwei Söhne; sie war auf dem Trek mit dem jüngeren unterwegs, der jetzt aber wieder zurück in Kathmandu in der Schule ist. 

Diese Kaffezelt-Gespräche sind das Herz dieser Expedition und für mich, und ich denke, für viele andere auch, sehr wichtig. Die grosse Community trifft hier zusammen und alle sitzen im gleichen Boot und alle, mit denen ich bisher gesprochen habe, sind extrem offen. Es ist egal, ob du erst einen 8000er oder schon 27 bestiegen hast. Es ist egal, ob du «nur» für den Trek oder für die triple crown (Everest, Lhotse, Nuptse) da bist. Man sitzt gemeinsam am Tisch, hört einander zu und die Tiefe der Gespräche ist in sehr kurzer Zeit da. Ich hatte es schon erwähnt, dass es mir ein grosses Anliegen war, Kristin für Ihre ausserordentliche Leistung zu danken. Dass sie so einen negativen Einfluss auf ihr Leben haben, tut mir von Herzen leid. Positiv und negativ liegen so nahe beieinander und ich bin sicher nicht die einzige, die hofft, dass Kristin bald das Permit erhält und Lamas Leiche noch diesen Frühling findet. 

Als ich in Gedanken zu meinem Esszelt zurück ging, warte schon ein feines Znacht auf mich, so dass ich wieder einigermassen positiv eingestellt war. Ich konnte zwar keinen Wetterbericht finden, aber immerhin einen Wind-Bericht konnte ich von unserem Camp-Arzt ergattern. Nach dem Essen waren auch Chirring und Gyalzen wieder da, und gemeinsam besprachen wir den Windbericht vor unserem Zelt. Nach ein paar Minuten kam ein Sherpa mit einem Radio um die Ecke, der ihnen irgendetwas mitteilte. Anscheinend war zwischen Camp 1 und Camp 2 eine Lawine vom Nuptse auf die Route getroffen, so dass diese im Moment unterbrochen war. Ein Grund für meine Sherpas, am Dry run festzuhalten. Ich akzeptierte diese Entscheidung und so beschlossen wir, dass wir um 6h losgehen würden. Sie gaben mir auch Bescheid, was ich alles einpacken müsse, hauptsächlich warme Kleidung, da es morgen sehr windig sein würde und wir nicht wissen, wie viele Personen wir im Icefall antreffen würden. 

Ich ging sogleich ins Zelt, um meine sieben Sachen zu packen und dann legte ich mich ins Bett, da ich plante, um 5h zu frühstücken, damit mir nicht wieder das Gleiche passiert, wie beim Training, als das Essen sich nicht entscheiden konnte, ob es oben oder unten raus wollte. Kurz vor dem Schlafen wollte ich nochmals kurz meine Nachrichten und Instagram checken. Dort sah ich, dass offensichtlich in den letzten Stunden ein Teil der Route im Icefall kollabiert war. Alle, die eigentlich geplant hatten, in der Nacht in Richtung Rotation aufzubrechen, cancellten den Plan und blieben im EBC. Ich lag im Bett und musste mir eingestehen, dass ich doch wirklich 100% Vertrauen in die Vorschläge von Chirring und Gyalzen haben sollte. Denn ihr Vorschlag mit dem Dry Run war nun perfekt, denn weiter würden wir sowieso nicht gehen können. Ich nahm das als Zeichen vom Everest, um mir zu zeigen, dass ich sehr fähige Sherpas habe und auch vertrauen in mich selbst haben solle. Ich habe mündlich schon vielen Menschen gesagt, dass ich seit dem ersten Besuch im Khumbu-Tal 2017 eine Verbindung zu meinem Traumberg spüre. Einmal mehr spürte ich diese Verbindung genau jetzt, in meinem Schlafsack im EBC liegend und nahm mir vor, auch auf dem Everest zu vertrauen, dass sie mir meine Chance gibt. 




Samstag, 26.April – Dry Run im Icefall 

Es war komisch, dass mich heute wieder einmal ein Wecker weckte. In den letzten 2-3 Wochen wachte ich immer genug früh auf, da ich ja auch immer sehr früh im Schlafsack war. Nun zeigte die Uhr 4.30h an. Ich blieb noch 10 Minuten liegen, bis ich mich mental bereit fühlt, aus dem warmen Schlafsack zu schlüpfen. Die Kleider hatte ich schon gestern Abend in den Schlafsack gelegt, so dass ich sie jetzt auch im Schlafsack anziehen konnte. Danach kontrollierte ich nochmals, ob alles Nötige im Rucksack war: Ich packte sowohl meine Daunenhosen, wie auch meine dicke Daunenjacke, sowie die dicken Handschuhe und Handwärmer ein. Schliesslich wollte ich nicht wegen kalten Fingern umkehren müssen. Auch die Theos fanden ihren Platz im Rucksack, wie auch Sonnencreme, etc. Um 5h ging ich zum Küchenzelt. Dipen hatte mir gestern gesagt, dass ich einfach beim Küchenzelt vorbei gehen solle, da würde man mir dann Schwarztee kochen. Ich plante, nur Cornflakes zu essen, so dass sie nicht so früh am Morgen schon ein grosses Geköche hätten. Leider war um 5h das Küchenzelt noch zu und menschenleer. So setzte ich mich halt in die Kälte des Esszeltes und ass zuerst meine Cornflakes. So ohne Tee war das eine ziemlich trockene Angelegenheit, aber ich konnte es ja nicht ändern. Um 10 nach 5 hörte ich den Kocher im Küchenzelt und wusste, dass ich halt einfach wieder zu Schweizerisch pünktlich war, als ich um Punkt 5h bereit stand. So ging ich jetzt hinunter und wurde von Nathi herzlich empfangen. Er kochte mir 2 Tassen Tee und hätte mir auch etwas Essbares zubereitet, wenn ich ihn gelassen hätte. Danach ging ich in mein Zelt um die grossen Stiefel zu montieren. Das dauert hier unten zwar nur 5 Minuten, aber ich muss mich immer gut konzentrieren, dass es keine Falten in den Socken oder Thermos hat, damit ich keine Scheuerstelle bekomme. Auch habe ich eine Schicht Tape an meine bekannte Gefahrenstelle am Unterschenkel zu kleben versucht. Note to myself: Tape klebt bei Minusgraden nicht wirklich auf menschlicher Haut. Als ich fertig war, ging es nochmals ins Pinkelzelt, man will ja nicht mit heruntergelassenen Hosen im Icefall sterbe, weil man nicht vor einem Eisklumpen fliehen kann 😉 Zuletzt zog ich schon mal meinen Klettergurt an, damit ich das nicht in der Kälte des Icefalls erledigen musste. Chirring und Gyalzen waren auch schon bereit und nach einer weiteren Tasse heissen Tees ging es zuerst zu unserem Puja-Schrein, den wir einmal linksrum umkreisten und dann auf ziemlich direktem Weg runter zum Gletscher. Es kostete uns rund 30 Minuten, bis wir beim Crampon Point waren. Dieser war ein anderer, als den den wir vor knapp 2 Wochen besucht haben. Da der erste Teil hauptsächlich über flaches Gletschereis und Steine führt, kann man diese ersten 30 Minuten gut ohne Steigeisen begehen. Danach hiess es, nochmals die letzten Tröpfchen rauszupinkeln, bevor es ans eingemachte, nämlich an den Teil mit Steigeisen ging. Lustigerweise ging es fast nochmals 30 Minuten mehrheitlich auf Fels weiter, jedoch teilweise steil und manchmal mit Schmelzwasser überzogener Fels, auf dem man mit den Steigeisen super Halt findet. Kurz vor dem ersten vertikalen Abschnitt trafen wir unseren einzigen Gegenverkehr an, ein Westler mit seinem Sherpa. Zudem war dort auch der Crampon Point für die Icefall Doctors. Dies fanden wir heraus, weil 6 der Gruppe mittlerweile dort eingetroffen waren und sich bereit machten, in den Icefall zu steigen, um die kollabierte Route zu fixen. Wir machten uns derweil an den Fuss der Vertikale, um ein erstes Mal die Steigklemme zu benutzen. Ich versuchte, meinen vom Manaslu bewährten Rhythmus beizubehalten: Schritt, zweimal tief ein- und ausatmen, Schritt, zweimal tief ein- und ausatmen, etc… So dauert es zwar ein bisschen, bis man am oberen Ende angekommen ist, aber ich bin so nie ganz ausser Atem und kann mich auf die technischen Finessen konzentrieren. Chirring war vor mir und Gyalzen hinter mir. Die Sherpa-Version der Vertikale ist ein wenig anders: Warten bis eine Lücke ist und dann 5-6 schnelle Schritte machen, dann wieder warten, bis eine Lücke ist, etc. Das fühlt sich für mich mehr nach Intervall an, weshalb ich diese Art der Besteigung nicht anwende. Ich denke auch, dass es für allfällige Wartenden unten angenehmer ist, wenn man einen Fortschritt sieht bei der Person am Seil, als wenn die Person 5 Minuten an Ort und Stelle steht und versucht, zu Atem zu kommen. Nun waren wir also im Icefall, gingen auf und ab, klickten ein und aus und ich versuchte mich auf die Route zu konzentrieren. Chirring wartete jeweils beim Anker auf mich, um mir das Seil hinzuhalten, in das ich mich als nächstes einklicken sollte. Bei den Aufstiegen hatte ich das Gefühl, dass ich schnell ausser Atem komme, aber nach 10s stehen regulierte sich das auch wieder sehr schnell. Es gab eine kleine Gletscherspalte die wir überspringen mussten und eine Stelle, die mir ein wenig Angst einjagte, als ich schmale eisige Treppenstufen sah, die so aussahen, als ob sie mein Gewicht nicht halten würden. Aber da Chirring ein wenig schwerer ist, und er voraus geht, versuchte ich einfach Vertrauen in diese Stufen zu haben. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich sie beim nächsten Mal nicht mehr sehe, so dünn waren sie. 

Nach einer Zeit, die ich nicht benennen kann, irgendwo zwischen 30 Minuten und 15h kamen wir auf ein offene Fläche, die so aussah, als ob man durch einen Lawinenkegel geht. Rechts oberhalb des Icefalls hat es einen Gletscherabbruch, von dem alle paar Tage ein bisschen was abbricht und die Route führt durch dessen Kegel. Zum Glück ist die Route dort einigermassen flach, so dass man nach 1 Minute da durch ist. Trotzdem fragte ich sicherheitshalber nach, in welche Richtung man rennen sollte, falls zum falschen Zeitpunkt was abbricht. Obwohl die Gfahr des Icefalls hier sehr sichtbar ist, fühlte ich mich pudelwohl und nahm das nicht so wahr. Die Route war breit, ich sah viele Stellen, wo man Menschen überholen konnte und von Seracs war in weiter Ferne nichts zu sehen. Also ging es weiter auf der Route. Wir passierten insgesamt drei Leitern, die allesamt in der (meiner Meinung nach) richtigen Richtung benutzt werden: In der Vertikale. Meist als Einstieg in eine steile Eiswand, auf der man dann nochmals 10m hoch steigen muss. Alle diese Stellen hatten viele kleine Stufen, so dass immer klar war, wo man seine Füsse hinstellen muss. Auch hat es an diesen Stellen jeweils 2-3 Seile, so dass man abseilen kann, auch wenn jemand am Aufsteigen ist. Eine Stelle mit Leiter sehe ich jedoch als Engpass, weil die Abseil-Seile am gleichen Ort runter kommen, wie man hochsteigt. Ich bin gespannt, ob ich da mal stecken bleiben werde. Es hat aber einen einigermassen grossen, sicheren Warteplatz, der aber wahrscheinlich ziemlich kalt wäre. 

Als wir etwas 2h unterwegs waren, schienen Chirring und Gyalzen plötzlich ein wenig nervös zu werden. Ich fragte, ob das eine Stelle wäre, an der man eher schnell unterwegs sein sollte und sie nickten nur. Also «rannte» ich Chirring hinterher, wobei rennen eher eine Übertreibung ist. Ich würde eher sagen, ich ging in meinem gewohnten Tempo von zu Hause durch den Icefall, denn schneller geht es in dieser Höhe schlicht nicht. Nach ein paar Minuten brauchte ich eine Pause, die mir zum Glück gewährt wurde. Der Weg ging duckend unter und zwischen Seracs hindurch, hoch und runter und dann wieder auf eine Wächte. Jetzt waren wir so richtig, richtig in Mitten des Icefalls und noch immer machte es mir Spass. Kurz darauf gab es zwei Routenvarianten. Die alte und die neue. Wir folgten der neuen Route, jedoch fiel ein grosser, sehr stabil aussehender Eisbrocken 1m in die Tiefe, als Chirring sein Gewicht darauf setzte. Da fing mein Hirn ziemlich an zu rotieren, dann der Brocken sah wirklich fest aus. Nun zögerte auch Chirring ein wenig, da er offensichtlich der alten Route mehr traute, als der neuen. So ging es über 5m Eisbrocken zum alten Seil, nur an Chirrings Klettergurt gesichert, wohlgemerkt. Ich war dann schon froh, als wir uns wieder im Seil einklicken konnten. Wir machten da unsere erste richtige Pause, davor gab es 2-3x eine kurze Trinkpause oder Mini-Atempausen. Chirring meinte, wir würden noch 10-15 Minuten weitergehen und dann umdrehen. Genau 10 Minuten später waren wir an dem Punkt der Route angekommen, wo in der Nacht ein Teil kollabiert war. Wir standen am Ende des Seils und sahen etwa 100m weiter einen Icefall Doctor. Es scheint, als ob sie von oben versuchten, die Route neu zu fixen. Für uns hiess es nun, nach exakt 2h26 Minuten, dass wir umdrehen. Die Uhr zeigte mir knapp 5694m an. Wir waren also rund 400m höher als das Basecamp. Gemäss Gyalzen waren wir auf dem halben Weg Richtung Camp 1. Wenn man die Höhenangabe meiner Uhr als Referenz nimmt, sollte das höhenmässig etwa stimmen. Distanzmässig bin ich mir da noch nicht so sicher. Da ich mich aber nicht müde fühlte, bin ich überzeugt, dass ich es auch in diesem Tempo gut ins Camp 1 schaffen würde, wann immer das auch sein würde. 

Als wir nun auf dem kleinen Schneegrat, auf dem wir standen zurück gingen, viel mir auf, dass sowohl auf der rechten Seite ein ziemliches Loch war, nämlich die kollabierte Route. Jedoch war auch auf der rechten Seite nicht viel Schnee zu sehen. Ich schloss daraus, dass wir auf einer nicht sehr stabilen Wechte stehen, die unterhöhlt ist. Entsprechend schnell war plötzlich mein Tempo auf dem Rückweg, zumindest die ersten 5 Minuten. Da wir nun mehrheitlich abwärts gingen und nicht aufwärts, waren wir mit einer anderen Geschwindigkeit unterwegs. Auch war nun Gyalzen vor mir und Chirring hinter mir. Leider war Gyalzen 1% weniger Gentleman wie Chirring, so dass ich mich oft bücken musste, um das neue Seil aufzunehmen und einzuklicken. So ging es auf gleichem Weg wieder in Richtung Crampon Point. An den vertikalen Stellen, die wir auf dem Hinweg mit der Steigklemme überwunden hatten, seilten wir nun ab. So waren wir nach nur 50 Minuten wieder bei unserem Crampon Point und zogen die Steigeisen und den Klettergurt aus. Die letzten Minuten mussten wir wieder auf den Felsen gehen, was mit Steigeisen nicht ganz einfach ist. Ich versuchte mich darauf zu fokussieren, denn sich jetzt zu verletzen wäre nichts anderes als dumm. Ich war darum froh, als wir die Steigeisen los wurden und denn Rest des Weges ohne zurücklegen konnten. Es ging zwar immer noch abwärts und man musste aufpassen, aber es war ein wenig leichter. So war ich um kurz nach 10h wieder zurück in meinem Zelt, wo ich mich zuerst wieder in meine Basecamp-Klamotten fläzte. Es wurde auf dem Rückweg nämlich langsam warm mit den Thermohosen und ich will wenn möglich vermeiden, allzu sehr ins Schwitzen zu kommen. 

Ich blieb noch ein wenig im Zelt, um wieder einen Wäschesack bereit zu machen, wieder alles Material an seinen angestammten Platz zu legen, die Stiefel draussen in der Sonne zum Trocknen hinzustellen, und Raphael mitzuteilen, dass ich wieder im Zelt bin. Aussser ihm wusste ich, so glaube ich, gar niemand von meinem Dry Run, so dass sich sicher niemand grössere Sorgen machten musste. Als ich mich mit dem Wifi verbunden hatte, erhielt ich auch endlich von Phnuru eine Antwort auf meine Frage von gestern. Deshalb beschloss ich, ihn anzurufen. Die Verbindung war perfekt, so dass wir uns fast eine halbe Stunde austauschen konnten, welcher Plan für die nächsten 3 Wochen am besten war. Das Ziel ist nun, gute Wettervorhersage vorausgesetzte, dass wir am Montag, 28.April unsere Rotation starten und 5 Nächte im Western Cwm verbringen. So sollten wir mindestens 3 Resttage haben, bis wir auf die Gipfelrotation gehen. Auch sollten Chirring und Gyalzen so genug Zeit haben, die Sauerstoffflaschen ans richtige Ort zu bringen und sich genug auszuruhen danach. Während dem Gespräch ass ich ein bisschen was von meinem noch immer riesigen Snack-Arsenal und begab mich dann ins Esszelt für das Mittagessen. 

Ich hatte Glück, denn es gab italienische Pasta und so kam es, dass ich unter den ungläubigen Augen der Küchencrew 2x Nachschlag bestellte. Schliesslich hatte ich nur eine Schüssel voll Cornflakes zum Frühstück und die Regeneration funktioniert am Besten mit Kohlenhydraten. Obwohl ich ein bisschen müde vom frühen Aufstehen war, wollte ich nicht schlafen gehen. So las ich mein Buch fertig und begab mich dann einmal mehr ins Kaffezelt. Die Routine hier ist glaube ich für keinen mehr eine Überraschung 😊 

Im Kaffezelt plauderte ich ein bisschen mit Bianca und Mitch und gerade als ich wieder gehen wollte, kam Gabi ins Zelt. Ich nahm mir nochmals eine halbe Stunde Zeit um zu erfahren, wie es mit ihrer Recherche läuft und was sie so getrieben hatte die letzten paar Tage. Ich hatte sie schon seit Mittwoch oder so nicht mehr gesehen. Da sie die erste war, die ich hier im EBC getroffen habe, freue ich mich immer besonders, wenn wir uns wieder sehen. 


Sonntag, 27.April – EBC 

Der heutige Tag war wieder ein Ruhetag, also ein Tag ohne Wecker. Wie üblich lag ich eine halbe bis Dreiviertelstunde wach im Schlafsack, bis ich mich darin umzog und dann daraus herausschälte. Das Frühstück ist jeden Tag um die gleiche Zeit, um 8h, trotzdem schaffen es täglich nicht alle pünktlich da zu sitzen. Ich hatte vor 2 Wochen angefangen, eine Thermoskanne Schwarztee zu bestellen, die nun täglich 5 Minuten nach meinem Eintreffen auf dem Tisch steht. So kann ich gewährleisten, dass ich genug trinke, denn in einer Themos hat 3l Schwarztee Platz. Meist schaffe ich es, die Thermos nach dem Lunch leer zu trinken und am Nachmittag trinke ich dann nicht mehr ganz so viel. Vor allem in Bezug auf die Schlafzeit, versuche ich zum Abendessen maximal noch 2 Tassen zu trinken, so dass ich in der Nacht nicht pinkeln muss. Das funktioniert bis jetzt ziemlich gut, musste ich doch erst 2x in der Nacht aufstehen und ich bin jetzt schon fast einen Monat unterwegs. 

Nach dem Frühstück ging es für mich wieder einmal zum Küchenzelt um nach warmem Wasser zum Waschen zu fragen. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, jeweils an sonnigen Ruhetagen ein bisschen was zu waschen. Nicht weil es nötig wäre, sondern weil ich so das Gefühl habe, zumindest etwas Sinnvolles zu machen während dem Herumsitzen. Dieses Mal waren meine Pijama-Thermos an der Reihe. Eine dünne lange Unterhose und ein dünner Pulli aus Merino, die ich seit dem ersten Tag auf dem Trek jede Nacht trug. Zudem wusch ich auch noch eine Garnitur Unterwäsche und ein Buff. Noch immer werde ich angelächelt, wenn ich da vor dem Küchenzelt zu Werke gehe, aber da es mir eher um den Akt und nicht um die Sauberkeit der Kleider geht, gebe ich mir noch immer nicht so ganz Mühe beim Waschen 😉 Anschliessend packte ich meine 4 Sachen und hängte sie beim Zelt in die Sonne. Ich bekam das letzte Mal von Nathi Klammern, die ich nun natürlich gleich wieder benutzte, obwohl es ziemlich windstill war. Danach ging es an den Computer, denn ich wollte heute den Blog endlich nachführen. Leider reichte der Strom nur für knapp 1.5h, weshalb ich dann die freie Zeit bis zum Mittagessen mit Spielen am Handy verbrachte. Auch nach dem Lunch war das meine Hauptbeschäftigung, denn ich hatte gestern mein siebtes Buch fertig gelesen und brauche ein wenig Lesepause. Ich gehe davon aus, dass ich auf unserer Rotation noch genug zum Lesen kommen werde. Den Kauf des Tolinos vor 2 Jahren bereue ich auf jeden Fall keine Sekunde auf meinen Expeditionen. Während dem Nachmittag zogen immer mehr Wolken auf und man hörte sogar ab und zu ein Donnern. Es scheint als ob das angesagte schlechte Wetter im Anzug wäre und draussen sah ich schon die eine oder andere Schneeflocke fallen. Das nahm ich als Zeichen, um nach meiner Wäsche zu schauen, die überraschenderweise schon fast trocken war. Nur das Oberteil war noch ein wenig feucht, deshalb hängte ich es in mein Zeltdach, wo es noch schön warm von der Sonne war. Den Rest versorgte ich wieder in die dafür vorgesehenen Säcke, die meinen improvisierten Kleiderschrank darstellen sollten. Es gibt einen Sack für Oberteile, einen für die dicken Thermos, einen für Unterwäsche, einen für Socken und einen für gebrauchte Socken. Dann gibt es noch einen Entertainment-Sack und drei Säcke voll Snacks, von denen ich mich mittlerweile fragte, wann ich die essen soll. Zu Hause schien es mir noch so, als ob es viel zu wenig wäre. Hier jedoch sind die Tische im Esszelt voll mit Esswaren, man könnte hier also praktisch 24/7 Essen in sich hineinstopfen und es hätte immer noch genug für andere. Zurück im Esszelt beschloss ich, dass noch genug Zeit ist, um mich einem der mitgebrachten Puzzles zu widmen. Also räumte ich eine Ecke des Tisches frei und machte mich an ein Einhornpuzzle mit sehr vielen dunklen Farben und viel Glanz. Ich hatte das Puzzle von Raphaels Schwester Daniela letzten Sommer erhalten und das Bild ist nicht so ganz mein Favorit. Da ich ja Zeit hatte, liess ich für einmal den Timer auf der Seite und kämpfte mich auf dem unebenen Tischtuch durch die Teile. Die 1.5h puzzeln nutze ich auch, um mit Dipen ein bisschen über seine Ziele und Zukunft zu plaudern. Er macht hier einen exzellenten Job und mit seinen 26 Jahren hat er noch viele Träume, die er verfolgen möchte. Er kam vor ein paar Wochen zusammen mit seinem Vater, seinem Onkel und einem Freund seines Vaters im Basislager an. Die anderen drei arbeiten für die gleiche Firma aber in einem anderen Küchenzelt (die chinesische Küche). Vor 2 Wochen hatte der Freund des Vaters aber einen Herzinfarkt und wurde mit dem Heli nach Kathmandu geflogen. Leider überlebte er den Vorfall nicht, so dass die drei ebenfalls mit dem Heli nach Kathmandu fliegen konnten, um an der Beerdigung teilzunehmen. Das alles haben wir nicht mitbekommen, während dem wir hier unsere Ruhetage absassen. Er scheint glücklich zu sein, dass er einen Teil der Familie in der Nähe hat, aber er freut sich auch schon darauf, wenn er wieder zurück in Kathmandu ist und sich seiner Zukunft widmen kann. Er möchte die Welt bereisen und den Anfang machen, indem er sich um das Zertifikat des Trekking-Guides kümmert. Das bedeutet 26 Tage Theorie in Kathmandu und dann nochmals 2 Wochen praktische Arbeit «auf dem Feld». Sein Englisch ist sehr gut, was ihn vom Grossteil der anderen Küchencrew unterscheidet und ich bin überzeugt, dass er nicht mehr viele Saisons in der Küche arbeiten wird. Ich drücke ihm auf jeden Fall die Daumen, dass er seine Ziele bald erreicht. Er ist ein Highlight jeden Tages und ich bin froh, dass ich seine Arbeit hier geniessen kann. 

Nachdem ich mein Puzzle fertig hatte, ging es wieder einmal ins Kaffezelt für eine heisse Schokolade. Leider war dieses Mal niemand da, den ich kannte, so dass ich nicht lange dort sitzen blieb. Auch war es wieder ziemlich voll und die Gefahr sich etwas einzufangen ungleich grösser, als wenn das Zelt leer wäre. Ich machte auf dem Weg zum Esszelt noch einen Umweg zu meinem Zelt, um mich einmal mehr schon für die Nacht bereit zu machen. Das heisst, Thermos anziehen, Zahnbürste, Zahnpaste und Stirnlampe einpacken, Trinkfalschen bei Bedarf ausleeren und mitnehmen. Im Esszelt telefonierte ich bei sehr guter Verbindung ein bisschen mit Raphael, da die Schulferien heute zu Ende gingen und ich wissen wollte, wie es so läuft zu Hause mit den 5 Schnüsis. Ebenfalls konnte ich meinen Laptop endlich laden, da hier Strom zum Laden erst am 18h bereit steht, da er von Generatoren kommt. Zum Abendessen gab es Reis und Gemüse für mich, das ich brav aufass (leerer Teller Nr. 21?!). Danach putzte ich mir erst die Zähne, packte meine 7 Sachen, inklusive den mit heissem Wasser gefüllten Flaschen und ging wieder zurück in mein Zelt. Da das Wlan immer noch hervorragend lief, konnte ich auch noch telefonisch meiner Schwester zum Geburtstag gratulieren und ein bisschen mit Seraina telefonieren. Um 21h war aber Schluss, denn ich wollte am nächsten Morgen nicht nochmals zu spät zum Frühstück kommen. Als letzter Akt vor dem schlafen gehen, montiere ich immer meine Oropax, meine Augenmaske, ziehe meine Daunenjacke und Jacke darunter aus und kuschele mich in den Schlafsack.


Montag, 28. April – EBC 

Gemäss Plan sollte heute mein letzter Ruhetag vor der Rotation werden. Ich bin gespannt, ob der Plan so aufgeht. In der Nacht hat es 10cm Neuschnee gegeben, aber es blieb ziemlich windstill. Ich wachte pünktlich auf und hörte, wie unregelmässig der Schnee von den Zeltdächern rutschte. Es dauerte ein paar solcher Mini-Dachlawinen, bis ich begriff, dass es keine richtigen Lawinen waren. Wie üblich war ich zu früh wach und nutzte das Wifi aus. Danach folgte ich der Abendroutine, einfach rückwärts: Im Schlafsack das Thermos ausziehen und die Hosen anziehen, den Pulli und die Daunenjacke anziehen, aus dem Schlafsack schlüpfen, die Haare bürsten, Mütze und Sonnenbrille aufsetzen und ab geht es nach draussen. Auf dem Weg zum Esszelt steht das Pinkel-Zelt, das ich natürlich nicht auslasse und schon sitze ich im Esszelt. Dort sitze ich noch immer, jetzt mit Akku am Laptop und bereit, meiner Schwester den Blog zu schicken. Ebenfalls habe ich die Zeit genutzt, um meine Fotos vom Handy auf den Laptop zu laden, damit ich zumindest den ersten Teil sicher gesichert habe. Ich nehme an, dass am Nachmittag irgendwann Chirring und Gyalzen auftauchen werden, damit wir gemeinsam alles Notwendige für die Rotation packen können. Ich habe mittlerweile schon ein kleines Apotheker-Säckchen bereit gemacht und mir Gedanken gemacht, welche Kleider ich brauchen werde. 


Nachtrag Montag, 28.April – EBC

Mittlerweile bin ich wieder zurück von meiner Rotation und ich möchte es nicht versäumen, euch auf diese drei intensiven Tage mitzunehmen. Zuerst erzähle ich aber noch vom Nachmittag des letzten Montags.

Wie erwartet tauchten gegen 15h Chirring und Gyalzen in meinem Zelt auf, um zusammen zu schauen, was auf den Berg mitkommt und was nicht. Ich hatte davor schon eine Vorselektion gemacht, damit es nicht allzu lange dauert. Hier kommen mir sicher die früheren Expeditionen zu gute, so dass ich eigentlich schon zu 99% wusste, was ich einpacken sollte. Zweifel hatte ich bei den Zusatzkleidern, da es in den oberen Camps noch kälter ist. Die Lust sich umzuziehen ist da oben noch kleiner als hier im EBC. Dennoch könnte es im Western Cwm sehr heiss werden und dann möchte man die verschwitzten Sachen zumindest zum Trocknen ausziehen können. Ebenfalls packte ich einen grossen Sack voll mit möglichen Snacks, falls das Essen in den Camps mir nicht munden würde. Ich esse ja zu Hause schon nicht viel, geschweige denn auf dem Berg. Wenn man aber den ganzen Tag im Zelt sitzt, weil es zu kalt ist um raus zu gehen, sind ein paar Snacks in der Langeweile nicht zu verachten. Zum Essentiellen gehören Dinge wie die Luftmatratze, Schlafsack und der Daunenanzug, respektive für mich auch noch verschiedene paar Socken, je nachdem ob wir in der Kälte oder in der Hitze in den Triple Boots stecken. Meinen E-Book-Reader legte ich ebenso bereit wie die Theos und die 100 SPF Sonnencreme. Als wir uns einig waren, packten Chirring und Gyalzen alles was schon bereit ist zusammen, um es in ihren Rucksack zu packen. Ich ging noch ein letztes Mal ins Kaffezelt für eine heisse Schokolade, wo ich aber leider niemanden Bekannten mehr antraf. Es schien als ob alle schon am Berg waren. Die heisse Schokolade war trotzdem lecker und die Ruhe vor dem Sturm tat mir irgendwie auch gut. Was es zum Abendessen gab, weiss ich nicht mehr, ich versuchte auf jeden Fall wie immer die Hälfte zu essen. Danach war ich nur noch im Esszelt, bis mein Handy fertig ladete und ging dann ins Bett. Tagwache war um 1h für mich, wir wollten am nächsten Tag um 2h los und davor musste ich noch irgendwas frühstücken, damit alle zufrieden sind.

Dienstag, 29.April – EBC zum Camp 1 

Ich hatte keine allzu grossen Schwierigkeiten um nach dem Abendessen einzuschlafen. Alles lag bereit und ich war sowieso so was von bereit, endlich in die höheren Camps aufzusteigen. Ich zog mich also nach dem Klingeln des Weckers an, machte meine Stirnlampe an, um ins Esszelt zu gehen, wo gemäss Abmachung 3l Tee auf mich warten würden. Als ich den Reissverschluss öffnete, glaubte ich nicht so richtig zu sehen was ich sah: Entgegen aller Wettervorhersagen die ich gecheckt habe, lagen 7cm Neuschnee vor dem Zelt. Es windete auch irgendwie mehr als ich das erwartet hatte. Irgendwie ging das noch nicht so ganz in meinen Kopf und während dem ich pinkelte, überlegte ich, ob der Schnee ein Problem darstellen würde. Der Versuch, andere Stirnlampen im Icefall zu entdecken, blieb erfolglos. Im Esszelt standen die versprochenen Thermos und so gönnte ich mir zuerst eine Tasse Schwarztee mit Cornflakes. Nach mehr war mir im Moment nicht zu Mute. Als ein Küchensherpa hereinkam, fragte er mich, ob ich heute hoch gehen würde. Wie wenn ich einfach so zum Spass um 1.20h im Esszelt sitzen und Cornflakes essen würde. Er meinte, sein Bruder würde auch heute hoch gehen und es wäre gefährlich. Ich hörte nur so halb hin, denn ich hatte gutes Wifi und wollte noch meinen Wattsapp-Status aktualisieren. Ich vergass, dass zu Hause ja noch Abend war und so beantwortete ich auch noch kurz ein paar Nachrichten. Chirring und Gyalzen tauchten auch bald auf und tranken ebenfalls noch einen Tee. Ich ging wieder zurück zum Zelt um meine Boots anzuziehen und meinen gepackten Rucksack zu holen. Zuletzt füllte ich noch meine zwei Wasserflaschen mit heissem Wasser und gab noch ein bisschen Geschmack dazu. Um 2.20h waren wir bereit loszumarschieren, was hier heisst, dass man zuerst noch einmal um den Puja-Schrein geht, um nochmals eine sichere Passage zu erwünschen. Im Schneegestöber ging es in Richtung Gletscher und von dort zum Crampon Point. Dieses Mal dauerte es 5 Minuten länger, wir hatten ja eine lange Strecke vor uns und mussten uns nicht beeilen. Im fernen Icefall sah ich zumindest jetzt ein paar Stirnlampen und war entsprechend beruhigt, dass wir nicht die einzigen waren, die trotz Neuschnee und Schneefall auf dem Weg waren. Beim Crampon Point gab es nochmals eine letzte Pinkelpause und gerade als wir die Steigeisen montierten, tauchten 5 Sherpas aus dem Icefall auf. Sie waren auf dem Rückweg ins Basislager und was ihre 5-minütige Diskussion mit Chirring und Gyalzen auf sich hatte, erfuhr ich nicht. Ich wollte ehrlich gesagt auch nicht gross nachfragen, ob es eine dumme Idee sei, jetzt aufzusteigen. Ich dachte einfach, dass sie gerade den gesamten Icefall hinunter gestiegen waren und runter gehen im Schnee normalerweise schwerer ist als aufzusteigen. Also sollte es für uns auch kein Problem sein, heute hochzusteigen. Und so begannen wir unseren Weg auf der schon bekannten Route. Die Seile waren gut sichtbar, die Stellen, die wir letztes Mal auf Stein gehen mussten, waren auf Schnee viel besser zu begehen. Immer wieder blickte ich nach unten, um zu sehen, wie viele uns wohl folgen würden, aber ich sah nie irgendwelche Stirnlampen. Chirring führte uns stoisch von Haken zu Haken und noch immer windete uns Schneegestöber um die Gesichter. Ich war mir nicht sicher, ob mein Kinn nicht eingefroren war, denn ich musste immer wieder meinen Buff für ein paar Sekunden herunter ziehen, um genug atmen zu können und der war vom Atmen nass. Ob ein Kinn überhaupt einfrieren konnte, war zu Beginn der Mittelpunkt meiner Gedanken, eine Antwort darauf konnte ich mir aber nicht zusammen reimen. Der Fokus meiner Stirnlampe war hingegen die Route, die zu jederzeit klar erkennbar war. Zu Beginn kreuzten uns noch 2-3 Sherpas, die aber nicht viel zu sagen hatten und zielstrebig weiter abstiegen. Nach knapp 3h waren wir wieder an der Stelle, an der wir das letzte Mal umdrehten und wo nun klar erkennbar ein neues Seil in das Unbekannte zielte. Ich sagte Chirring und Gyalzen, dass wir auch umkehren könnten, falls es zu gefährlich wäre. Denn noch immer sah ich keine weitere Stirnlampe unter oder über uns, wir waren völlig allein in einem Icefall, der theoretisch nur so von anderen Leuten wimmeln sollte. Die beiden verneinten nur knapp und fragten, ob meine Finger warm genug seien. Alle halbe Stunde machten wir kurz eine Trinkpause, oder wenn ich meine Handschuhe wechseln musste, stoppten wir ebenfalls kurz. Da es aber zu windig und ergo schnell zu kalt wurde, versuchten wir immer gleichmässig in Bewegung zu bleiben. Die Aufwärtsstellen nahm ich langsam aber stetig unter die Stiefel. Geradeaus und runter ging ich in einigermassen normalem Tempo. Die neben mir aufragenden Seracs nahm ich zwar zur Kenntnis, schenkte ihnen aber keinen grossen Fokus. Denn sie sind da, ob man will oder nicht, und man sieht ihnen nicht an, ob sie gefährlich sind oder nicht. Schön waren sie in jedem Fall. Jedes Mal wenn ich ein Foto machen wollte, fragte ich die beiden Jungs, ob es okay ist oder nicht. Meistens nickten sie, denn sie wussten, es würde schnell gehen, bis ich wieder weiter gehen konnte. Die Route führt mehrheitlich auf, manchmal ab über Schneebrücken und Spalten, manchmal hatte es eine Leiter, oft blieb einem nur der Sprung über die Spalte. Trotzdem hatte ich nirgends totale Panik. Die grossen Sprünge erforderten Mut, doch je weiter hoch ich gekommen bin, desto weniger wollte ich mir von einer Gletscherspalte das Stopp aufzeigen lassen. Einen riesigen Sprung wagte ich erst auf Zählen von Chirring hin und auch nur nach dem Hinweis, dass ich wahrscheinlich weiter auf den Bauch schlittern würde (was aber ausblieb). Die auf den Sozialen Medien gesehene lange Leiter über eine Spalte war verschwunden, sie war jetzt steil an eine Wand angelehnt, so dass man sie wie zu Hause ziemlich einfach hochgehen konnte. Für mich ist das so viel einfacher, als die Horizontalen, bei denen man auch noch nach unten, quasi in die Spalte schauen muss, um zu sehen, wo man die Schuhe platzieren muss. Ebenfalls gab es Stellen, wo man auf einer Anhöhe steht, links die Seile sieht, an denen man sich hochhangeln muss, die Fixseile aber nach rechts gehen. So eine kleine Umleitung, die weitere Höhenmeter bedeuten ist mental immer wieder eine kleine Herausforderung. Nichtsdestotrotz merkt man je länger man unterwegs ist, dass man im Icefall höher und höher steigt. Vom Basecamp aus gesehen ist die Route wie ein grosses Fragezeichen. Man startet rechts, macht dann einen Bogen links um den Fels und geht auf der rechten Seite hoch. Von dort geht es dann im Zickzack in Richtung linke Seite, wo man ziemlich im oberen Drittel aus dem richtigen Icefall herauskommt. Nun stehen zwischen einem und Camp 1 nur noch ganz viele Gletscherspalten, über die man springt und später wie Sanddünen überwindet: Auf und ab und auf und ab. Dass dem so ist, habe ich erst realisiert, als ich auf einer der «Sanddünen» stand und vor mir ein einzelnes Zelt hinter einer Kuppe entdeckte. Ich dachte mir, dass das das Camp 1 wäre und nach 10 Minuten standen wir tatsächlich auch bei dem Zelt. Das Camp sahen wir jedoch in naher Ferne, gefühlt 5 Minuten weg. Aber dazwischen lagen 6 steile Dünen, die natürlich jeweils erst sichtbar wurden, wenn man die nächste (oder gedacht letzte) erklommen hatte. Es dauerte geschlagene 35 Minuten, bis wir dann endlich im Camp standen. Es ist mir klar, dass der Icefall die Route vorgibt, aber solche sechs «kleine Arschlochhügel» braucht keiner nachdem er schon 6h im Icefall verbracht hat. 
Nun denn, das Camp 1 hatten wir nach 6.5h erreicht und als erstes ging ich in das kleine Esszelt, in dem es heissen Tee gab. Ich trank eine Tasse und plauderte mit meinen im Basecamp vermissten Freunden. Das Zelt ist übrigens ziemlich gleich wie am Manaslu das Camp 1: In der Mitte war aus Schnee und Eis ein Tisch gehauen worden und rundherum aus Schnee und Eis eine Sitzplattform. Die anderen waren alle gestern hochgekommen und abgesehen von Bianca und Paul waren alle in Aufbruchstimmung, denn sie würden heute ins Camp 2 gehen. Bianca hatte gestern kurz vor dem Start ihren Magen leeren müssen, Paul hatte den Käfer anscheinend dann auf dem Weg durch den Icefall und im Camp 1. Er wurde im Verlauf des Icefalls immer langsamer, so dass es sie fast 10h kostete, bis sie im Camp 1 ankamen. Er verbrachte seine Zeit darum grösstenteils liegend im Zelt. Bianca hingegen langweilte sich ein bisschen, da das Camp 1 wirklich hauptsächlich als Zwischenlager gebraucht wurde, und niemand mehr als eine Nacht da verbringt, wenn er nicht gesundheitlich dazu gezwungen wurde. Wir nutzten die Zeit auf jeden Fall, um uns gegenseitig zu unterhalten und die anderen zu beobachten, wie sie ihre 7 Sachen packten und langsam in Richtung Camp 2 aufbrachen. Vom Esszelt konnte man gut den ersten Teil der Route einsehen und dieses sah eher flach und gemütlich aus. Auch sind es nur 400hm bis zum Camp 2 und diese führen quer durch das Western Cwm. Nach einiger Zeit suchte ich meinen Rucksack und fragte Gyalzen. Er und Chirring hatten in der Zwischenzeit mit anderen Sherpas eine grosse Plattform geschaufelt und darauf Zelte gestellt. Eines dieser Zelte hatten sie schon für mich vorbereitet. Das heisst, sie hatten meine Luftmatratze gefüllt, meinen Schlafsack ausgebreitet und meinen Kleidersack und Daunenanzug bereit gelegt. Der Rucksack lag ebenfalls schon im Zelt, so dass ich mich nur noch reinfläzen musste. Ich hatte nicht mit so einem Service gerechnet und bin den beiden sehr dankbar für diesen «princess service». So legte ich mich also in mein Zelt, wechselte meine Kleidung und schon nach kurzer Zeit wurde es ziemlich heiss im Zelt. Die Sonne schien und die Plattform war strategisch an einem eher windstillen Ort geschaufelt worden. So lag ich zwischenzeitlich barfuss, nur in Thermos und T-Shirt in meinem Zelt, versuchte regelmässig Snacks zu essen und meine Flaschen zu leeren. Chirring und Gyalzen machten sich in der Zwischenzeit daran, ein neues WC zu graben, das ein bisschen besser versteckt ist, als das bisherige. Vom Esszelt hatte man darauf nämlich einen guten Blick, nichts konnte man verstecken, egal wie sehr man sich bemühte. Für das neue WC musste man zwar ein paar hm in Kauf nehmen, aber das Risiko, dass man oder sein nacktes Hinterteil entdeckt wird, war hundert Mal kleiner. Am Nachmittag puzzelte ich auch noch mein Gipfelpuzzle ein paar Mal mit Handschuhen, um herauszufinden, dass das ziemlich schwer ist. Und ich benutzte nicht mal die dicken Handschuhe, sondern meine ganz dünnen. Mal schauen, ob das etwas wird, auf dem Gipfel des Everest zu puzzeln. Im Moment sehe ich es eher nicht als machbar an. 
Ich erhielt zum Abendessen eine grosse Portion weissen Reis, und ich versuchte mit der Hilfe von Aromat so viel wie möglich zu essen. Das Problem ist, dass der Reis spätestens wenn er jeweils bei mir ankommt, schon ziemlich kalt, pampig und geschmackslos ist. Da hilft das Aromat nur noch ein bisschen, um so viel wie möglich zu essen. Zum Glück hatte ich schon genug Nüsse gegessen, so dass ich – zwar mit schlechtem Gewissen – beruhigt die Hälfte stehen lassen konnte. Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, wurde es sehr schnell sehr kalt und ich zog sämtliche nützlichen Kleider an. Das Zelt verliess ich nur noch zum Pinkeln und dabei genoss ich jeweils für ein paar Minuten die Aussicht auf das Western Cwm und die Berge um mich herum. Ich las noch bis es dunkel wurde und versuchte danach zu schlafen. Leider hatte ich zum Schlafen nur die dünnen Socken angezogen, weshalb ich in der Nacht ziemlich fror. Ich wachte sehr oft auf und bei jeder Positionsänderung verrutschte mein Schlafsack von der Luftmatratze, so dass es doch einiges brauchte, bis ich wieder eine gute und einigermassen warme Schlafposition hatte. Zudem fühlt sich die Nacht unendlich lang an, wenn man schon seit 17h im Schlafsack liegt 😉 



Mittwoch, 30.April – Camp 1 zum Camp 2 

Ich wachte am Mittwoch nicht unbedingt gerädert auf, aber doch nicht ganz so super happy wie sonst im Basecamp, Die heissen Nalgene-Flaschen waren mittlerweile auf Körpertemperatur herunter gekühlt und egal, wie ich mich drehte, irgendwo war der Schlafsack eiskalt. Ich lenkte mich davon ab, indem ich ein bisschen auf meinem Handy herumspielte. Leider trieb mich die Blase auch aus dem Zelt und da wir sowieso eher früh ablaufen wollten, quälte ich mich nicht allzu lange und schlüpfte im Schlafsack in meine Kleider um aufzustehen. Weil ich den ganzen Zeltinhalt noch zusammenpacken musste, schlüpfte ich nur in die Aussenschuhe der Stiefel und ging pinkeln. Hier wird es schon sehr früh hell, obwohl die Sonne sich hinter den Bergen versteckt, was einem hilft, früh wach zu werden. Nach dem Pinkeln packte ich alles zusammen, was in meinen Rucksack gehört, steckte den Schlafsack in den dafür vorgesehenen Packsack und faltete die Luftmatratze so zurecht, dass sie in ihren Packsack passte. Alles, was Chirring und Gyalzen schon ins Camp 1 getragen haben, legte ich im Zelt bereit und der Rest steckte schon in meinem Rucksack. Zum Schluss zog ich meine Stiefel an, dieses Mal auch mit den Innenschuhen und bereits gut geschnürt für den Weg ins Camp 2. Danach zog ich den Rucksack nach draussen und ging ins Esszelt. Dort sassen schon Bianca und Paul, die sich heute ebenfalls auf den Weg ins Camp 2 machen würden. Ich bekam eine Schüssel mit wenig Cornflakes, und trank einen halben Liter Schwarztee. Chirring und Gyalzen mussten ebenfalls noch Frühstücken und ihre Rucksäcke packen, so dass ich keine Eile zu haben brauchte. Bianca und Paul waren derweil schon fertig mit ihrem Frühstück und waren schon dabei, Ihre Klettergurte und Steigeisen zu montieren. Das alles braucht hier oben ein bisschen mehr Zeit und da man das weiss, ist man auch eher zu früh vor dem geplanten Aufbruch schon daran, diese wichtigen Tools anzuziehen. Das Ziel von Biancas Gruppe und auch von uns, war es, einen Grossteil der Strecke schon hinter uns zu bringen, bevor die Sonne in das Cwm scheinen würde. Es ist nämlich bekannt, dass sich das Cwm innert Minuten in einen Ofen verwandelt und man wie ein Hähnchen darin gebraten wird, während dem man sich in Richtung Camp 2 macht. Ich bin in solchen Situationen wie ausgelaugt und verliere sämtliche Energie, ein weiterer Grund für mich, heute eher wenige warme Kleidung zu tragen, um auch nicht gross ins Schwitzen zu kommen. Dafür fror ich ein wenig, während ich so im Esszelt auf dem Schnee sass und meine wenigen Löffel Cornflakes in mich rein schaufelte. Bianca und Paul verliessen das Camp etwa eine halbe bis Dreiviertel-Stunde vor mir und während ich wartete, trank ich einfach weiter Schwarztee. Je mehr ich jetzt trinken würde, desto besser würde ich den Höhenwechsel vertragen. Als meine Jungs fertig waren, konnte es endlich losgehen und ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es erst 8h war. Der Weg führt langsam ansteigend rechts am Camp 1 vorbei in Richtung Talende. Oft hat es kein Seil, an dem man sich orientieren könnte, falls es zu viel Schnee hätte. Jedoch weisen einem Flaggen des Fixing-Teams den Weg durch das Cwn. Er schlängelt sich erst am rechten Bergufer entlang und wechselt dann langsam die Seite, denn das Camp 2 liegt dann an der linken Bergseite oder besser gesagt, ziemlich genau unterhalb des Gipfels des Everest auf der linken Seite. Obwohl man den ganzen Weg auf dem Gletscher geht, sieht man sehr wenige Spalten auftauchen. 2-3 kleiner Spältchen übergeht man einfach und die 2-3 grossen Spalten sind mit einem Fixsteil gesichert und führen über eher breitere Schneebrücken. Nach etwa 50 Minuten stehen wir plötzlich vor einer 10m Vertikalen. Ich habe solche Szenen schon in diversen Videos gesehen, aber trotzdem war sie ein wenig unerwartet. Das Überwinden dieses Seracs wurde mit diversen Seilen gesichert, so dass man nicht allzu lange warten muss. Die Sherpas mit den grossen und schweren Rucksäcken hängten diese an die Seile, stachelten sich ohne Rucksack hoch, um dann mit Hilfe anderer Sherpas, die Last von oben hochzuziehen. Ich bemerkte Paul im oberen Drittel der Vertikale, während Bianca sich gerade bereit machte, sich nach oben zu befördern. Ich dachte, das gäbe ein schönes Video und wollte mein Handy wieder hervor nehmen, das ich gerade nach einem Foto versorgt hatte. Doch Bianca war so schnell oben, dass ich keine Chance hatte, auch nur eine Sekunde zu filmen. Keine Ahnung, wie fest ausser Atem sie oben war, denn schnell bewegen ist auf dieser Höhe für Normalos wie uns fast nicht möglich und sie war wirklich sehr sehr schnell oben. Ich nahm mir dafür schon ein bisschen mehr Zeit. Bei den Vertikalen versuche ich mich immer schnell einzuklicken und dann in einem regelmässigen Tempo hochzusteigen. In der Mitte nehme ich mir meistens kurz Zeit, um wieder zu Atem zu kommen und dann geht es weiter für die zweite Hälfte. Ich versuche immer, zu ignorieren, dass unten eventuell Leute auf mich warten, denn beeilen bringt nämlich rein gar nichts. Da wäre ich nur noch mehr ausser Atem und bräuchte eine noch längere Pause in der Wand. Oben angekommen bin ich dann jeweils so ausser Atem, dass ich immer wieder froh bin, wenn Chirring mir das umhängen des Jumars abnimmt. Den Safety habe ich bis jetzt immer selber umgehängt, auch wenn das die paar Sekunden fast unmöglich scheint. Oberhalb der Vertikale ist eine grosse Fläche, auf der alle ihren Platz finden, um zu verschnaufen. Ich war froh, als Gyalzen meinte, dass wir hier eine kleine Pause einlegen würden. Ebenfalls scheint die Fläche der Crampon Point für die Sherpas zu sein. Oberhalb der Fläche sah ich fast keine Porters mehr mit Steigeisen und überall auf der Fläche waren Häufchen mit Klettergurten und Steigeisen verteilt. Nach unserer Pause ging es für uns weiter auf der Route und kurz darauf überholten wir Bianca und Paul, der noch immer nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Er brauchte relativ viele Pausen und sein Tempo war sehr langsam. Wettermässig hatten wir auch riesiges Glück. Mittlerweile war schon mehr wie eine Stunde vergangen und das Western Cwm ware wolkenverhangen, so dass die Sonne uns nicht braten konnte. Es war genau richtig warm, um ohne Daunenjacke zu gehen, aber nicht zu heiss, so dass man zu schwitzen beginnt. Trotzdem waren die Wolken hoch genug, so dass wir ein bisschen Aussicht auf die Berge geniessen konnten. Ebenfalls konnte man immer wieder die Zelte von Camp 2 in der Ferne sehen und sie sahen nicht sehr weit entfernt aus. Der Weg führte nun in einer Diagonalen in Richtung linke Seite des Cwms und war manchmal fast flach, manchmal ein wenig steiler. Paul meinte, er könne sich noch von seiner letzten Besteigung erinnern, dass ein sehr langer Hügel direkt zum Camp 2 führen würde. Es fühlte sich für mich zwar wie ein langer Hügel an, jedoch war er nicht so steil, wie ich erwartet hatte. Nach rund 2.5h erreichten wir das untere Ende des Camp 2. Wie immer am Everest, hatte 14peaks natürlich das oberste und fast letzte Camp eingerichtet. Das heisst für mich, dass ich nochmals 40 Minuten gehen musste, bis ich unser Camp erreicht hatte. Wir machten aber zuerst noch einen letzten Stopp, wo wir auch unsere Steigeisen auszogen, da der Weg teilweise über Steine führte und ohne Steigeisen besser zu bewältigen war. Ich dachte eigentlich, dass ich den Weg in 30 Minuten schaffen würde, aber es war steiler als es von unten aussah und unser Camp war von unten gar noch nicht sichtbar. Ich dachte, dass wir wie im Camp 1 ein Camp mit Seven Summit Treks teilen würden und peilte darum auch deren Esszelt an. Chirring meinte aber einige Male, dass ich einfach weiter gehen sollte und irgendwann war ich dann schon ein bisschen frustriert, weil ich das blöde Zelt einfach nicht entdeckte. Ich machte die letzten 10 Minuten hundert Mal Pause, um nach dem Zelt Ausschau zu halten, was natürlich noch mehr Zeit brauchte. Als ich es endlich in meinem Blickfeld entdeckte, war es nur noch ein paar Minuten entfernt und ich froh, dass wir angekommen waren. Es war zwar der kürzeste Tag der Rotation, denn wir kamen genau nach 3h an, dennoch fühlte ich mich fast gleich müde wie am Tag zuvor, an dem wir 6.5h unterwegs waren. Der letzte Hügel war einfach zu lang für meinen Kopf 😊 Es scheint so, als ob sowohl der erste Tag mit den 6 Wellen, wie auch der zweite Tag mit dem letzten Hügel jeweils am Ende des Tages noch mit einem «Arschloch-Teil» auf sich wartet… 

Da es erst kurz vor halb 12h war, steckten Chirring und Gyalzen mich wieder ins Esszelt, wo ich einmal mehr Schwarztee trank und auch einen Riegel ass. Sie kümmerten sich wieder um mein Zelt und eine Stunde später war der princess service wieder bereit für mich. Ich trank weiter draussen meinen Schwarztee und dachte, dass ich eigentlich kurz runter zum Seven Summit Treks Camp gehen könnte, um mit Bianca und Paul zu plaudern. Da sah ich in der Nähe Mitch mit seinem Sherpa Gjelze und Kristin, die sich gerade trafen und spazierte zu ihnen. Kristin war gerade auf dem Weg in Richtung Lhotseface, um zu erkunden wie viel Schnee da liegt. Mitch und Gjelze kamen gerade von ihrer Akklimatisierung dort und waren auf dem Weg nach unten. Mitch hatte schon seit einigen Wochen Probleme mit Heiserkeit und nun war seine Stimme fast weg und sein Hals schmerzte. Sie hatten darum beschlossen, dass sie heute den ganzen Weg ins Basecamp auf sich nehmen würden, um Mitch seine verdiente Erholung zu geben. Eventuell würden sie sogar weiter absteigen, damit die Gesundung schneller von statten gehen kann. Kristin fragte mich, ob ich sie begleiten möchte, aber da ich erst vor einer Stunde angekommen war, musste ich ihr leider einen Korb geben. Mal schauen, ob ich je in meinem Leben wieder einmal die Chance habe, mit Kristin an einem Berg zu wandern… Ich verabschiedete mich also von den dreien, und ging zurück zu meinem Camp. Dort fragte ich Chirring, ob es okay sei, wenn ich kurz bei Bianca und Paul vorbei gehe, um zu schauen, dass es ihnen gut geht. Sie gestatteten mir 30 Minuten, da es bald Mittagessen geben würde. Ich ging also die 2 Minuten runter, die mich vor 2h noch fast 10 Minuten kosteten und kam gerade rechtzeitig, um Bianca bei ihrer Ankunft zu umarmen. Paul folgte ein paar Meter hinter ihr und er sah noch müder aus, als noch mitten auf dem Gletscher, als ich die zwei überholt hatte. Da sie beide froh waren, angekommen zu sein und ich selber weiss, dass man dann nicht gross in Plauderlaune ist, liess ich die zwei in Ruhe ankommen und ging wieder zurück zu meinem Camp. Dort richtete ich mich in meinem Zelt ein und blieb für ein paar Stunden auch da drin. Ich versuchte ein wenig zu dösen, spielte auf dem Handy und las in meinem Buch weiter, da es draussen immer noch wolkig war und mittlerweile auch wieder schneite. Um halb 5 sah es draussen dann ziemlich freundlicher aus, und da ich sowieso wieder aufs Klo musste, nahm ich das zum Anlass, mich aus meinem Schlafsack zu schälen und meine Daunenhosen zu montieren. In der Sonne war es so angenehm warm und die Aussicht, die sich mir bot, war so viel besser als noch ein paar Stunden zuvor. Als die Küchencrew mich draussen entdeckte, fragte sie, ob ich eine Suppe vor dem Abendessen wollte. Ich verneinte, fragte aber, ob sie vielleicht ein bisschen Popcorn für mich machen könnten. Es dauerte keine halbe Stunde und schon hatte ich ein Körbchen mit warmem Popcorn in den Händen. Draussen vor der Lhotseface auf einem Klappstühlchen zu sitzen und mir das Popcorn einzuverleiben machte all die Jahre, die ich auf diesen Anblick warten musste wett. Ich glaube, ich sass da über eine Stunde und schaute einfach auf diese wunderbare Eiswand, die ich irgendwann zu erklimmen hoffe. Das Wetter meinte es gut mit uns, die Sonne strahlte die Wand in seiner vollen Pracht an. Zu meiner Linken steht der Mount Everest, eine ebenso steile Felswand, die ich ebenfalls einfach nur bestaunen konnte. So lange hatte ich gewartet, dass ich diesen Berg sehe und jetzt sitze ich quasi vor ihr und kann nicht genug davon bekommen. Keine Ahnung, was die Küchencrew dachte, als sie mich so da sitzen sah, ähnlich wie im Kino wenn man den Film schaut und dabei sein Popcorn isst. Nur dass mein Film eine starre Steinwand und eine eisige Lhotseface waren und ich trotzdem einfach unbeschreiblich glücklich darüber bin. Ich weiss nicht, wie es euch geht, wenn ihr das liest, aber dieser Anblick ist für mich im Moment (und das ist jetzt 4 Tage später) noch immer nicht fassbar. Ich sass tatsächlich genau vor dem Everest. Genau davor, wortwörtlich und wahrhaftig. Luftlinie ist der Gipfel vielleicht noch vertikale 2.5km von mir entfernt. Was für ein Unterschied zu den über 6000km und 28 Jahren, die ich nun schon darauf warte, meinem Schicksalsberg so nah zu sein. Weit weg ist jetzt der Frust über den letzten Hügel, um zum Ende des Camp 2 zu kommen, den ich heute Morgen noch in mir trug. 

Ich blieb draussen, bis die Sonne hinter den aufziehenden Schleierwolken an Kraft verlor und mir ein wenig kalt wurde. Ich erklärte der Küchencrew, dass ich neben dem Popcorn kein Abendessen mehr brauchen würde. Sie sahen zwar ein wenig enttäuscht aus, weil sie für die drei Chinesen im Esszelt schon was gekocht hatten. Aber als ich dort kurz reinmusste, um Toilettenpapier zu holen, drehte es mir vom Geschmack schon fast den Magen um, so dass ich höchstfroh war, dass ich schnell wieder nach draussen konnte. Nach dem Pinkeln war mein Zelt der beste Ort um die Nacht abzuwarten. Ich lernte aus der ersten Nacht im Cwm und zog meine warmen Socken für die Nacht an. Ebenfalls bat ich Chirring, mir die wärmenden Flaschen erst nach ihrem Abendessen zu füllen, so dass ich vielleicht länger warm hätte in der Nacht. Da wir uns alle drei sehr gut fühlten, beschlossen wir vor dem Zuzeltgehen, dass wir für morgen den Ruhetag streichen würden und einen Anlauf starten würden, um Camp 3 zu erreichen. Wir wollten am nächsten Morgen um 7h frühstücken und um 8h losgehen. 


Donnerstag, 1.Mai – Camp 2 – Touch Camp 3 

Mein Wecker klingelte um 6.45h, da ich dieses Mal mein Zelt nicht wieder aufräumen musste. Die wichtigsten Dinge hatte ich schon am Abend eingepackt, so dass ich am Morgen in der Kälte nicht zu viele unnötigen Bewegungen machen musste. Nach dem Pinkeln nach ich meinen Rucksack aus dem Zelt ins Esszelt und montierte als erstes meine dicken Stiefel. Danach ging ich ins Küchenzelt, wo ich herzlich willkommen wurde und mir sogleich eine Tasse Tee in die Hände gedrückt wurde. Ebenfalls wollten die Crew wissen, ob ich Nudelsuppe zum Frühstück wolle. Schon beim Gedanken daran hatte ich Mühe, meinen Tee weiterhin zu trinken. Da ich aber nicht ohne zu Essen aus dem Zelt gehen durfte, streckten mir fleissige Hände eine Packung Kekse ins Gesicht. Ich sah die Verpackung und wusste, dass das Schokoladenkekse waren und nahm mutig einen zur Hand. Am Morgen fällt mir das Essen immer besonders schwierig, weil ich zu Hause normalerweise erst um 12h esse. Das heisst, die Überwindung ist am Morgen auch am grössten. Die Schokoladenkekse waren aber eine gute Sache und ich schaffte es, in der nächsten halben Stunde doch 5 Stück davon zu essen und dazu etwa 4 Tassen Tee zu trinken. Chirring und Gyalzen tauchten beide in der Zwischenzeit auch auf, klagten aber beide über Kopfschmerzen. Da wir keine Eile hatten, erklärte ich den beiden, dass wir heute trotz anderem Plan auch einen Ruhetag einlegen könnten. Sie hatten gestern und vorgestern je 25kg durch die Gegend geschleppt, da ist es für mich fast klar, dass ihr Körper eine Pause willkommen heissen würde. Sie meinten aber, dass es schon gut gehe und sie einfach frühstücken müssten. Ich meinte dazu, dass wir in dem Fall nach dem Frühstück entscheiden würden, ob wir ruhen oder zum Camp 3 aufsteigen würden. Ich konnte nun im Küchenzelt hautnah miterleben, wie ein grosses Kommen und Gehen herrscht, zahlreiche Personen versuchten, das nützliche Wasser zu schmelzen, den Gaskocher besser zum Laufen zu bringen. Es sah so aus, als ob einer der Nepali die Verantwortung für das Kochen des Frühstückes hätte, viele Hände spielten aber ebenfalls mit rein. Nach etwas 20 Minuten wurden dann Nudeln und Suppen in Schälchen geschöpft und an alle anderen Nepali verteilt. Diese schlürften den Inhalt dieser Schälchen in Sekundenschnell runter und gingen raus, um diese auch eigenhändig zu putzen. Ein weiteres Mal lehnten Chirring und Gyalzen den Ruhetag ab und so trafen wir uns draussen, um die Steigeisen für unser Abenteuer zu montieren. Mittlerweile waren auf der Route Richtung Camp 3 zwei Personen unterwegs, die uns zum Glück den Weg durch den in der Nacht gefallenen Schnee spurten. Zu Beginn ist wieder kein Seil gespannt, so dass man sich an den Fähnchen orientieren musste. Der Weg schlängelt sich zu Beginn ziemlich flach oder sehr wenig ansteigend den Spalten entlang in Richtung Lhotseface. Wir näherten uns langsam aber stetig den zwei Vorspurern und je näher wir kamen, desto langsamer wurden die wie gefühlt. Als wir schon in Sichtweite waren, entdeckte ich, dass es ein Sherpa mit seinem Kunden am Kurzseil war. Das Kurzseil ist hier eigentlich nicht nötig, es sei denn, der Guide möchte, dass der Kunde das Tempo einigermassen halten kann. Hinter uns waren etwas 10 weitere Personen unterwegs, die wahrscheinlich den gleichen Plan wie wir hatten. Nach 1,5h hatten wir die zwei Personen vor uns eingeholt und vor uns lag nur noch eine Neuschneeplatte, teilweise von Fähnchen unterbrochen. Mir widersträubte es, nun Chirring in den Neuschnee zu lassen, denn ich wusste, dass wir uns immer noch auf Gletscher befanden und jederzeit irgendwo eine Spalte lauern würde. Wir hatten jedoch keine andere Wahl als nun die Vorhut zu übernehmen. Gyalzen beruhigte mich, dass es kein Problem sei und ich vertraute einfach mal darauf, dass das Fixingteam allfällige Spalten auf der Route markiert hätte. Und so ging ich im Abstand von 5m hinter Chirring den immer steiler werdenden Hügel in Richtung Bergschrund hinterher. Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir am Ende des Hügels angekommen waren und eine wunderbare Traverse vor uns in einer Gletscherspalte mit orangen Seilen gesichert auftauchte. Zuerst muss man 5m hochjumaren, dann 5m traversieren, wobei die Füsse keinen wirklichen Halt haben. Respektive unter dem vielen Schnee keine möglichen Orte auszumachen sind, auf denen man seine Füsse, oder zumindest ein paar Zacken der Steigeisen platzieren könnte. Danach muss man nochmals etwa 7m hochjumaren, bis man sich am Fuss der Lhotseface befindet. Diese Stelle wird sicher spannend werden, wenn der Berg voller wird und auch Personen mit ein bisschen weniger Erfahrung mit den Geräten hier durchmüssen. Mir graut es jetzt schon, welche Konflikte es geben könnte, wenn jemand stecken bleibt, denn die Traverse ist nicht ohne, unter einem wartet nämlich eine wunderbar tiefe Gletscherspalte. Ich musste mich ziemlich kontrollieren und 2-3x anhalten um durchzuatmen, bis ich weitergehen konnte. Ich machte das aber im vollen Bewusstsein, dass niemand hinter mir wartete. Ich habe keine Ahnung, wie ich dort reagieren werde, wenn hinter mir Leute warten und oberhalb von mir ebenfalls Leute runter wollen. Und dann steckt man mitten in der Traverse, hat Panik und kann sich nicht mehr bewegen… We will see.. 

Aber zurück zur Gegenwart. Nun stehe ich am Fuss der Lhotseface und alles was ich sehe, ist Teile von orangen Seilen in Mitten von einer nicht endenden Wand. Weil wir die ersten sind und es in den letzten beiden Tagen ein wenig Neuschnee gab, waren die Seile teilweise von Schnee bedeckt. Ebenfalls war unter dem Tiefschnee der Untergrund verdeckt, also wusste man nie, ob der nächste Schritt sitzen würde, man ein wenig rutschen würde, oder ob eine Eisplatte darunter liegt. Chirring ging wie meist voraus und stoppte alle 10 Schritte, um mir Zeit zu geben, um ihm zu folgen. Leider waren die Schritte, die er machte für mich ein bisschen zu gross. Ich fühlte mich teilweise an die Ama Dablam erinnert, dachte aber keine Sekunde daran, umzudrehen. Ich wollte heute unbedingt über 7000m kommen. Zum einen, weil ich noch nie über dieser Grenze war ohne Sauerstoff und weil ich dem Everest beweisen wollte, dass ich meine Rotation ernst nehme. Und das Camp 3 gehört darum für mich einfach dazu. Die einzelnen Schritte waren mühsam, die vielen Pausen irgendwie ebenfalls. Trotzdem war ich immer froh, wenn ich kurz eine Minute wieder zu Atem kommen konnte. Ich schaute zu oft nach oben um zu sehen, wie weit es noch wäre und obwohl ich den langsamen Fortschritt wahrnahm, fragte ich mich, wie das dann auf der Gipfelrotation sein sollte. Da sollte ich an einem Tag von Camp 2 ins Camp 3 steigen und am nächsten weiter ins Camp 4. Und das obwohl das Camp 3 nicht in der Hälfte der Lhotseface liegt, es also am zweiten Tag noch länger bergan gehen würde. Aber ich versuchte diese Gedanken wegzudrängen und mich drauf zu fokussieren, dass ich mich in der Lhotseface befinde, nur einen Wimpernschlag weg vom Gipfel, verglichen damit wo ich herkam. Ich glaube, wenn ich den Jungs gesagt hätte, dass ich umkehren möchte, hätten sie es getan, ich hatte es also in den eigenen Händen, wie hoch ich gehen wollte. Irgendwie sträubte es mir, je höher wir kamen, umzudrehen, denn dann wäre all die Mühe fast für die Katze. Wahrscheinlich liess mich das durchhalten und kurz unterhalb von Camp 3, also etwas 30 Min unterhalb, kam eine kleine Traverse, bei der es mal nicht einfach steil hoch ging. Von da an war zu 100% klar, dass wir bis zum Camp gehen würden und ich war froh, als wir den Platz von 14peaks da oben endlich erreicht hatten. Etwas oberhalb waren die 6 Zelte, die bisher aufgestellt waren, aber diese 15m gingen wir dann nicht mehr. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es mich seit der engen Stelle am Fuss der Lhotseface 2h gekostet hat. Wir waren also ziemlich genau 4h unterwegs bis Camp 3. Phunuru und Allan hatten mir vor fast 4 Wochen prophezeit, dass ich fit genug wäre, den Weg zum Camp 3 in vier Stunden zu bewältigen. Dass ich jetzt genau so lange brauchte, obwohl ich mich so langsam fühlte, erstaunte mich ziemlich. Auch fühlte ich mich nicht so müde, wie ich erwartet hatte, nach den 2h im Neuschnee. Da die zwei Jungs noch immer unter Kopfschmerzen litten, tranken wir nur kurz etwas und bereiteten uns dann auf den Abstieg vor. Es hatte in der Zwischenzeit zugezogen und Neuschnee kam auf. Wir zogen darum eine Schicht mehr an und ich liess mir nochmals kurz erklären, wie ich am Besten mit dem Abseil-Achter umgehen sollte, so dass er mir nicht dummerweise vom Klettergurt fällt. Ich hatte ihn erst einmal vor ein paar Jahren benutzt, da ich lieber mit dem ATC arbeite. Da aber gewisse Seile hier zu gefroren oder dick für den ATC sind, haben wir beschlossen, am Berg den Achter zu benutzen. Ich nahm die Tipps der beiden gerne an und machte mich an die erste Abseillänge. Ironischerweise brauchten wir für die Strecke bis zum Fuss der Face nur knappe 30 Minuten. Die mühsam erklommenen Höhenmeter rasten nur so an mir vorbei und da es nicht so viele Haken hat, mussten wir nicht so oft umklippen. Leider schnürte mir der Klettergurt ein wenig den Magen ab, so dass ich ab und zu kurz Pause beim Abseilen machen musste. Es fühlte sich jeweils an, als ob ich kurz vor dem Erbrechen wäre. Aber nach kurzer Entlastung ging es wieder für ein paar Minuten gut. Wir kreuzten auf dem Weg nach unten einen Guide mit Westerlin, die Sauerstoff nutzte und drei Sherpas mit grossen Rucksäcken. 

Als wir wieder bei der Traverse ankamen, die mir schon beim Aufstieg Angst machte, stellte ich fest, dass man von oben nicht sieht, ob jemand in der Traverse steckt oder nicht. Rufen geht auch nicht wirklich, da der Hall nicht um die Ecke zu hören ist. So muss man am Seil ziehen und hoffen, dass alles leer ist, bevor man sich einhängt. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob es gross Möglichkeiten gibt, noch umzuhängen, falls man sich dort abseilt, während jemand hoch jumaren will. Ich freue mich auf jeden Fall definitiv nicht darauf, diese Stelle ein zweites und drittes Mal zu passieren. Ich hoffe einfach, dass wir mit wenigen Personen am Berg sein werden und auch beim Abstieg von meinen zwei Gipfeln Glück haben an dieser Stelle. Einmal mehr atmete ich mich durch die Traverse und war froh, als wir sie hinter uns hatten. Unterhalb von der Stelle trafen wir Kristin an, die – einmal mehr alleine - auf dem Weg für eine Nacht in Camp 3 unterwegs war. Sie fragte uns ein wenig über den Zustand der Face aus und ob noch andere oberhalb von ihr unterwegs wären. Sie wusste, dass die drei Sherpas mit dem Ziel aufstiegen, ein paar Zelte aufzustellen und dann wieder ins Camp 2 zu gehen. Sie würde also die Nacht da oben ganz alleine verbringen. Ich nutzte die Gunst der Stunde und fragte sie endlich nach einem Foto, schliesslich möchte ich mich auch in 10 Jahren noch daran erinnern, dass ich mit einer Legende gleichzeitig an meinem Traumberg war. Sie war einverstanden und ich offerierte ihr sogar, ihr einen der Theos mitzugeben, damit sie nicht ganz alleine in Camp 3 wäre. Sie lehnte dankend ab und nahm dafür ein bisschen mentale Einhorn-Power mit. Wir nahmen den Restweg ins Camp 2 unter die Füsse und schon 1 Stunde nach dem Aufbruch in Camp 3 spazierten wir wieder in unser Camp. Das Schneegestöber war ein bisschen stärker geworden, so dass ich mich sogleich wieder in mein Zelt verzog. Chirring wusste genau, was ich brauchte und darum war ich 10 Minuten später schon wieder mit Schwarztee und Popcorn eingedeckt. Einmal mehr verhielt sich das Wetter ähnlich wie gestern und je später der Tag, desto mehr Sonne tauchte am Ende des Western Cwms auf. Ich konnte es mir nicht nehmen lassen, auch heute wieder einige Zeit auf dem Klappstühlchen draussen zu sitzen und einfach die Lhotseface zu betrachten. Ich weiss, dass ich nach dieser Expedition nie mehr hier hin kommen werde und ich möchte diese ganze Umgebung so fest in mich aufsaugen, dass es fast schon schmerzt. Der Anblick ist wunderschön, der obere Teil des Lhotses schneebedeckt. Die Felswand zu meiner linken ist mittlerweile auch grösstenteils mit Schnee bedeckt und trotzdem sieht man die verschiedenen Gesteinsschichten darunter hervor blitzen. Ich habe schon ein paar Mal den Gesteinsaufbau des Everests gelesen, aber kann es mir trotzdem nicht merken. Ich weiss nur dass das yellow band nach der Steinfarbe benannt wurde, und dass dieses Band durch den ganzen Berg geht und auch von hier sichtbar ist. Von allen Anblicken des Everest ist mir die von hier bis jetzt am Liebsten, obwohl ich ziemlich sicher bin, dass ich von hier den Gipfel gar nicht sehen kann. Sie sieht irgendwie ganz anders, aber doch sehr gleich aus, wie aus dem Khumbutal heraus. Da es draussen mit der Zeit kalt wurde und die Sonne einmal mehr hinter den Wolken zu verschwinden drohte, wollte ich wieder in mein Zelt gehen. Chirring meinte aber, dass ich doch ins Küchenzelt kommen solle, da es dort wärmer wäre und ich ja noch nichts gegessen hätte. So endete ich um 18h im wuseligen Küchenzelt. Die Nepali wussten nicht so ganz, warum ich hier sass, obwohl es ein Esszelt für uns Westler hätte. Dort sassen aber drei Russinnen, die ein wenig husteten, ein doppelter Grund, nicht unbedingt da drin zu sitzen. Ich genoss die Stunde im Küchenzelt, denn der Einblick der sich hier bietet, bekommt nicht jeder mit. Die Küche kann man positiverweise als rudimentär bezeichnen. Es stehen 3 Gaskartuschen mitten im Raum, auf denen jeweils grosse Schüsseln mit Eis und/oder Wasser stehen. Dann ist als Raumteiler ein kleiner Tisch aus dem Eis gehauen und mit flachen Steinen versehen. Darauf bereitet der Hauptkoch die Speisen vor, es stehen aber auch diverse Schüsseln bereit mit Gewürzen, etc. Daneben ist ein Teil mit einem Holzbrett abgedeckt, worauf Thermos stehen, die entweder mit Milchtee, Schwarztee oder heissem Wasser gefüllt sind. Die Sherpas dürfen sich dort bedienen und auch meine Tasse wurde davon immer wieder aufgefüllt. Weil die Küchencrew mich in regelmässigen Abständen dazu überreden wollte, von dem für die Nepali gekochten Dal Baht zu essen, ich aber überhaupt keinen Hunger hatte, beschloss ich irgendwann, eine Schüssel Cornflakes zu verlangen. Sie würden mich nicht ohne Essen aus dem Zelt lassen und obwohl das Essen in der Nase sehr gut roch, konnte ich mich nicht überwinden, etwas davon zu essen. Sogar die paar gegessenen Löffel Cornflakes brauchten viel Überwindung und Zeit. Um ca. 19h liess ich mir meine Flaschen mit heissem Wasser füllen, ging nochmals aufs Klo und kuschelte mich dann für die letzte Nacht im Camp in den Schlafsack. Mit den Jungs habe ich abgemacht, dass wir am nächsten Morgen um 5.30h losmarschieren würden, um direkt zurück ins Basislager zu gehen. Die Nacht würde also eher kurz werden, was für mich völlig okay war. 


Freitag, 2.Mai – Camp 2 zum Basislager 

Ich konnte auch diese Nacht nicht so gut schlafen, wie im Basislager, aber ich denke, ein paar Stunden Schlaf konnte ich sicher sammeln. Da ich wieder den gesamten Zeltinhalt zusammen packen musste, liess ich mich von meinem Wecker um 4.45h wecken. Als erstes ging ich wieder pinkeln und nahm dabei schon den Rucksack ins Esszelt mit, in dem ich schon alles mögliche eingepackt hatte. Auf dem Weg traf ich auch wieder auf Kristin. Sie hatte in der Nacht nicht gross geschlafen, fühlte sich aber gut. Weil sie heute ebenfalls bis ins Basecamp gehen wollte, war sie frühzeitig auf 7000m aufgebrochen und schon eine Stunde unterwegs. Nach dem kurzen Austausch ging es wieder zurück zum Zelt, um den Schlafsack und die Luftmatratze wieder in Packgrösse zu verwandeln. Ebenfalls liess ich meinen grossen Snacksack da. Diese drei Dinge würden im Camp 2 bleiben, denn auf unserer Gipfelrotation würden wir direkt vom EBC ins Camp 2 aufsteigen und im EBC brauchte ich sie nicht. 

In der Zwischenzeit war Chirring aufgetaucht, der mich wieder ins Küchenzelt einlud. Dort standen die Thermos mit heissem Inhalt bereit und ein weiteres Mal weckte ich mich mit Schwarztee. Mit noch weniger Hunger als gestern schaffte ich es diesmal nur, 2 Kekse zu essen, dafür trank ich wieder 2-3 Tassen Tee. Ob Chirring und Gyalzen etwas zum Frühstück assen, weiss ich ehrlich gesagt nicht, es war auf jeden Fall nichts für die zwei vorbereitet und ich sah Chirring an einem Schokokeks knabbern, während dem ich in meinen Klettergurt stieg. Gyalzen war dieses Mal dafür verantwortlich, meinen Schlafsack und CO sicher zu verpacken und zu versorgen. Ich nehme an, er steckte alles in einen Reissack, der für uns beschriftet ist und legte ihn zu den schon für mich hochgetragenen Sauerstoffflaschen neben das Esszelt. Wir montierten die Steigeisen noch nicht, denn wir wollten den ersten steilen Hügel hinunter zum tieferen Camp 2 ohne gehen. Pünktlich um 5.30h ging es also los. Wir schlugen ein ziemlich üppiges Tempo an, trotzdem wurden wir schon nach ein paar Minuten von ein paar Sherpas überholt, die gefühlt den Hügel runter sprinteten. Ich wollte aber sorgsam die Schritte wählen, denn eine Verletzung wäre zum jetztigen Zeitpunkt noch blöder, als in den letzten paar Monaten. Sobald wir das untere Ende des Camps erreicht hatten, waren die Steine nicht mehr im Weg und wir konnten im ähnlichen Tempo weitergehen, wie das die Sherpas vor uns machten. Endlich war ich wieder in meinem Wander-Tempo unterwegs und es fühlte sich grossartig an, das zu spüren, ohne allzu fest ausser Atem zu sein. Ebenfalls war die Atmosphäre im Western Cwm einzigartig. Wir kreuzten nur Sherpas, die Luft war strahlend klar und der Himmel in dem typischen Nepal-Blau. Die Aussicht auf Pumori und Co einzigartig und das Tal strahlte irgendwie eine Stille aus, die ich beim Aufstieg vor 2 Tagen noch nicht so wahrgenommen hatte. Ich musste immer wieder mal anhalten, um das Ganze mit dem iphone festzuhalten, aber ich bezweifle, dass ich die Atmosphäre so speichern konnte. Ich genoss auf jeden Fall jede einzelne Sekunde, die wir auf dieser Mini-Hochebene unterwegs waren. Knapp 30 Minuten nach Aufbruch standen wir wieder auf der Plattform oberhalb der vertikalen Spalte und nun zogen wir auch wieder die Steigeisen an. Die Vertikale war nicht allzu voll, so dass wir uns in Ruhe abseilen und weiter gehen konnten. Nochmals 25 Minuten später kamen wir schon im Camp 1 an. Gyalzen fragte mich, ob ich eine Pause benötigte, aber ich fühlte mich gut und sehnte mich langsam wieder nach dem Basecamp, weshalb es für mich okay war, weiter zu gehen. Wir liessen noch einer Gruppe Sherpas den Vortritt, der sich auch Kristin angehängt hatte. Sie legten ein horrendes Tempo vor und da ich mich an die wunderbar steilen 6 Wellen erinnerte, die gleich zu Beginn auf uns warteten, liessen wir sie noch so gern passieren. 

Ich nahm die Wellen sehr langsam, denn obwohl ich ein paar Minuten auf 7000m verbracht hatte, waren wir immer noch auf 6066m und das Atmen fällt einem hier oben einfach schwerer. 

Nach den Wellen konnte ich den Weg viel mehr geniessen. Zu Beginn kreuzten wir nur wenige Sherpas und nach etwas 100hm kamen wir zu unserem ersten kleinen Stau. Ich wusste, dass ich ziemlich sicher nicht mehr das Glück haben werde, einen völlig leeren Icefall vor mir zu haben, der Anblick der etwa 25-30 Personen war aber dann trotzdem irgendwie unerwartet. 

Die Stelle war eine einzige kurze Leiter, die man überwinden musste, eine typische Einbahnstelle. Zum Glück war unterhalb der Leiter ein netter Sherpa, der Chirring erkannte und so liess er uns den Vortritt. Wahrscheinlich hatte Chirring ihm beim Warten gesteckt, dass ich nicht ganz ungeschickt und das Warten darum kurz wäre. Auf jeden Fall waren wir nach vielleicht 6 Minuten Warten schon auf der Leiter und danach an allen Wartenden vorbei weiter auf dem Abstieg. Das Überholen ging ganz gut, weil es eine breite Stelle war. Nur wenige Minuten später wäre das nicht mehr ganz so einfach gewesen. Ein weiterer kleiner Gruppenauflauf trafen wir in der ersten technischen Stelle unterhalb der Leiter an. Wir liessen zwei Sherpas passieren und seilten uns dann in eine Spalte ab, um auf der anderen Seite wieder hochzuklettern. Als wir im Grund der Spalte waren, seilten sich an unserer Hochkletterstelle schon ein paar Indische Armee-Angehörige ab, so dass wir dort unten auch wieder kurz warten mussten. Weil oben schon neue Inder bereit waren, sich abszuseilen, verloren wir keine Zeit und kletterten ihnen vor die Nase. Ich wollte sie nicht zu lange warten lassen, und gab Gas, natürlich bereute ich das spätestens in der Hälfte, konnte da aber nicht anhalten. Oben angekommen gab es erst einmal 5 Minuten Luftholen für mich. Diese zwei kurzen Staus waren auf dem Rückweg aber die einzigen Ereignisse, die einem zeigen, dass doch wieder einige in diesem Jahr den Everest besteigen möchten. Wir kreuzten weiter einzelne Personen, aber immer an gut übersichtlichen und sicheren Stellen, so dass wir in unserer Pace absteigen konnten. Nach 2.5h kamen wir wieder am Crampon Point an. Die letzten 20 Minuten war es richtig warm und ich musste mich zweimal ausziehen, dass ich nicht ins Schwitzen kam. Wir hatten es geschafft, aus dem Icefall zu sein, bevor die Sonne ihn traf, was ein grosser Sicherheitsfaktor ist und mich auch ein wenig stolz machte, denn wir waren fast in Sherpa-Zeit unten gewesen. Wir entledigten uns unserer Steigeisen und gingen weiter in Richtung Basislager. Hier war die Sonne schon so richtig am Scheinen, so dass ich innert kürzester Zeit fast kochte. Da wir so nah am Ziel waren, wollte ich mich nicht noch einmal umziehen und die heissen Füsse konnte ich sowieso nicht aus den Stiefeln holen bis wir beim Zelt wären. Also litt ich die letzten 15 Minuten ein wenig und versuchte verzweifelt, nicht daran zu denken, dass ich das nächste Mal hier in diese Richtung durchgehen würde mit hoffentlich 2 Gipfeln in der Tasche und zufrieden aber sehr müde. Für mich fast unfassbar, aber trotzdem auch ein Ziel, das unaufhaltbar näher kommt. Die letzten steilen Meter ins Camp nahm ich sehr langsam und beim Eingang verabschiedete ich mich dankbar von Chirring und Gyalzen. Ich ging weiter zum Puja-Schrein, um mich für die erfolgreiche Rotation zu bedanken und machte mich dann in Richtung Zelt. Unterwegs traf ich noch auf Jo, die mich ein wenig über den Berg ausfragte. Sie konnte es ebenfalls nicht erwarten, endlich durch den Icefall zu gehen und geplant war, dass sie in der folgenden Nacht aufbrechen würde. Ich ging dann zurück zu meinem Zelt und konnte endlich, endlich die Schuhe ausziehen, in deren Höhle meine Füsse kochten. Danach zog ich mich um, setzte mich erst einmal auf mein Bett im Zelt und überbrachte meiner Familie die gute Nachricht, dass ich wieder heil zurück bin. Ich nutzte die Ruhe der Stunde und genoss mein Zelt den gesamten Vormittag. Las die Nachrichten nach, beantwortete SMS und ass ein paar Snacks oder sass einfach da, glücklich darüber wie gut alles lief in den letzten paar Tagen. Auf 12.30h machte ich mich ins Küchenzelt auf, um der Crew mitzuteilen, dass ich wieder zurück war. Auch wollte ich fragen, ob sie für mich Pommes mit Spiegeleiern kochen könnten. Danach sass ich im Esszelt und trank Tee bis das Essen kam. Leider hatten sie mich nicht ganz verstanden, so dass nicht das gewünschte Essen kam. Da ich ab jetzt wirklich so viel essen musste, wie es geht, fragte ich nochmals nach den Pommes mit Spiegeleiern, die ich dann mit ein bisschen Verspätung auch bekam. Den Nachmittag sass ich meist im Esszelt, um die vielen Nachrichten zu beantworten und meine Fotos durchzugehen. Eigentlich wollte ich auch noch duschen, aber da das Wetter am Nachmittag wieder umschlug, liess ich es bleiben. Zum Abendessen wollte ich wieder dasselbe, aber auch jetzt klappte es nicht. Ich bekam zwar Spiegeleier, aber mit Spaghettis und 2 Bratkartoffeln. Ich konnte die Spaghettis zum Glück weitergeben und nach dem Essen nochmals mit der Küchencrew klären, dass ich bis auf Weiteres jeweils Pommes mit Spiegeleiern zu essen möchte. Ich lass nach dem Essen noch ein wenig in meinem Buch, ging dann aber bald schlafen, da mich die letzten paar Nächte doch ein wenig geschlaucht hatten. 


Samstag, 3.Mai – EBC

Ich konnte in dieser Nacht wunderbar schlafen und wachte wie immer im Basislager um 6h auf. Ich genoss dann wieder die Schlafsackwärme und spielte ein wenig auf dem Handy herum. Pünktlich auf 8h war ich aber schon im Esszelt, wo ich erfuhr, dass andere die Frühstückszeit um eine halbe Stunde nach hinten geschoben hatten. Es wäre schön gewesen, das schon früher zu wissen, aber ich nutzte die Zeit, um weiter zu lesen. Nach dem Frühstück war es immer noch wunderbar sonnig und windstill, so dass ich die Gunst der Stunde nutzte, und meine schon gestern geplante Dusche genoss. Die Luft war fast nicht kalt, es war bisher das beste Duscherlebnis im Basislager. Ich musste fast ein bisschen lachen, als ich realiserte, dass es erst meinen vierte Dusche seit meiner Abreise in Kathmandu ist und diese ist schon fünf Wochen her. Danach packte ich endlich meinen Laptop aus und begann meine Erlebnisse von der Rotation aufzuschreiben. Da ich dabei ziemlich gründlich vorgehe, rast die Zeit nur so dahin und bevor ich mich versah, war der Akku des Laptops schon wieder leer. Keine 15 Minuten später gab es Mittagessen, so dass mich das nicht gross störte. Am Nachmittag spielte ich hauptsächlich auf dem Handy herum oder plauderte ein wenig mit Dr.Berus oder Alfredo, die die ärztliche Aufsicht von Seven Summit Trek und 14Peaks haben. Ebenfalls nutzte ich das gute Wifi, um wieder einmal mit Raphael zu telefonieren. Wir brachten es auf eine Stunde Videotelefonie ohne Unerbrechung, so dass ich jetzt wieder weiss, wie unsere fünf Schnüsis und er aussehen. Er scheint die Zeit ohne Freundin zu Hause zu geniessen und darüber bin ich sehr froh. Obwohl ich mich sehr freue, wenn ich dann auch wieder zu Hause bin und das Leben normal weiter gehen kann. Mittlerweile hatte die Küchencrew verstanden, dass ich bei jeder Mahlzeit das Gleiche essen möchte und so kam um 18.30h nach dem heissen Tuch vor dem Abendessen ein Teller mit 2 Spiegeleiern und Pommes. Das heisse Tuch wird vor allem dem fleissigen Leser des Blogs vom Manaslu noch ein Begriff sein. Immer vor dem Abendessen taucht Pasang mit einer Pfanne auf, in der für jeden ein heisser Waschlappen wartet. Dieser ist mit ein wenig Eucalyptus getränkt, so dass es eine perfekte heisse Erfrischung vor dem Zubettgehen ist. Der Lappen ist zu Beginn viel zu heiss, und jeden Tag versuche ich den perfekten Zeitpunkt zu erwischen, mein Gesicht darin verschwinden zu lassen und die Hitze auf den Körper einwirken zu lassen, bevor er nur noch warm ist. Kurz nach diesem Ritual erscheint jeweils das Abendessen und ein kleines Schälchen mit Früchten. Heute wollte ich noch mein Buch fertig lesen, weshalb ich nach dem Abendessen noch ein bisschen länger im Esszelt blieb. Als aber alle anderen verschwunden waren, machte auch ich mich auf den Weg in mein Zelt, denn Dipens Anweisung ist jeweils, so lange zu arbeiten, bis das Esszelt leer ist. Ich wollte das nicht künstlich in die Länge ziehen, denn sobald die Russen wieder hier wären, würden die Abende unendlich lange werden und ich wollte Dipen bis dahin frühe Feierabende schenken.
So las ich in meinem Zelt noch ein bisschen weiter, bis ich zu müde war.

Sonntag, 4.Mai – EBC 

Heute ist schon mein zweiter Ruhetag seit meiner Rotation. Gestern am Nachmittag kam Gyalzen vorbei, um mich vorzuwarnen, dass wir nicht vor dem 12.Mai auf unsere Gipfelrotation gehen würden. Das Fixingteam war zur Erholung für 2 Tage im Basislager und für den 5./6.Mai war schlechtes Wetter angesagt. Sie hatten sich heute Morgen wieder auf den Weg ins Camp 2 gemacht, aber oberhalb von Camp 3 liegt einiges an Neuschnee und niemand weiss, wie lange es geht, bis sie sich bis zum South Col vorgearbeitet haben. Val, der den Everest in diesem Jahr ohne Sauerstoff bestiegen möchte, machte sich heute Morgen ebenfalls auf den Weg, denn sobald der South Col gefixt ist, möchte er dort oben mindestens eine Nacht verbringen. Für mich heisst das Ganze, dass ich mich darauf einstellen kann, mindestens 9 Ruhetage zu haben und ich weiss noch nicht, wie ich dieses genau verbringen möchte. Zum einen denke ich, dass es hier im Basislager gut genug ist, um die Zeit hier zu verbringen. Andererseits würde die Erholung weiter unten im Tal besser vonstatten gehen. Für mich macht es nur Sinn das Basislager zu verlassen, wenn ich dafür eine massive Verbesserung erhalte. Nur nach Dingboche oder Namche zu gehen, wäre für mich nur eine kleine Verbesserung, verglichen mit dem Aufwand der den Wechsel nach sich ziehen würde. Am liebsten würde ich mit dem Heli nach Kathmandu fliegen, dort richtig schlafen, mir jeden Tag eine Pizza einverleiben und mir eine Massage gönnen und dann nach 5 Tagen wieder zurück fliegen. Abgesehen davon, dass es gegen meine vor der Expedition gemachten Prinzipien geht, nach Kathmandu zu fliegen, ist es auch umwelttechnisch und finanziell ein Witz. Trotzdem kitzeln mich die ganzen Vorteile schon sehr stark, vor allem als ich am Morgen erfahre, dass Bianca und Paul gestern nach Kathmandu geflogen sind, weil Paul immer noch krank ist. Ich gebe zu, das macht mich schon ziemlich eifersüchtig und die Gelüste und Sehnsüchte stiegen nach dieser Nachricht stark an. Mittlerweile weiss ich auch, dass ein Flug nach KTM um die 1000USD kostet, ein 5-tägiger «Ausflug» nach KTM würde mich also um die 2500USD kosten, wenn man das Hotel, etc. dazu zählt. Auch wenn ich mir das mit dem derzeitigen lächerlich tiefen Dollar-Kurs wahrscheinlich leisten könnte, ist es mir schlicht zu viel. Ich muss mich also darauf einstellen, dass ich mich für die nächsten 7-9 Tage hier im EBC beschäftigen muss. Ich bin gespannt wie gut mir das gelingen wird, vor allem jetzt wo ich den Grossteil des Blogs aktualisiert habe und meine Dusche schon genossen habe. Ich habe immer noch Wäsche, die ich waschen kann, sobald das Wetter besser ist. Im Moment ist es sehr wolkig und kalt. Dann habe ich noch 3 Puzzles, die ich machen kann, habe eine Idee für ein kreatives Projekt und mit dem guten Wifi kann ich auch jederzeit das eine oder andere Puzzle bestellen 😊 Jetzt muss ich nur noch die Muse für all das finden. Heute habe ich mich zum Schreiben des Blogs ins Kaffezelt verschoben, wo ich fast stündlich eine heisse Schokolade trank. So ging auch nach dem Mittagessen die Zeit vorbei und jetzt gerade sitze ich in unserem Esszelt und versuche die Zeit nach dem Abendessen zu nutzen, um den Blog abzuschicken. 


Montag / Dienstag, 5./6.Mai - EBC

Da im Moment im Base Camp nicht viel passiert, nehme ich die letzten zwei Tage zusammen. Am Montag hatte ich am Morgen gutes Wetter und Zeit (Hahaha), weshalb ich mich wieder einmal mit der Handwäsche versuchte. Dipen leistete mir Gesellschaft und danach roch zumindest alles nach dem Zitronenmittel, das ich jeweils benutze. Als ich fertig war, hängte ich alles über die Seite, die in unsererem Zeltgang bei allen Zelten gespannt sind. Zum Glück sind im Moment nicht so viele Personen hier, so dass sich hoffentlich niemand über die Socken, Hosen, Shirts, etc. aufregt. Als ich fertig war, war Zeit für Sonnen und ins Kaffezelt zu gehen. Ich kam aber nicht mal ins Zelt, sondern traf Mitch VOR dem Zelt. Er war für ein paar Tage in Pangboche, um sich auszukurieren und war vor einer Stunde mit dem Heli angekommen. Mit an Bord hatte er Adrianna Brownlee, Mitbegründerin der Firma AGA Adventure und seine Company für die Expedition. Sie war, wie alle anderen Legenden hier im BC sehr offen und es war schön, auch mit ihr in Ruhe zu plaudern. Weil es draussen ein wenig zu windig war, zogen wir bald um ins Kaffeezelt um ein wenig Karten zu spielen. So vergeht die Zeit natürlich um einiges schneller, als wenn man alleine am Handy herumspielt. Ich verpasste aber das Mittagessen nicht, und um kurz vor 13h trennten wir uns, um im jeweiligen Esszelt zu essen. Am Nachmittag blieb ich noch ein bisschen im Esszelt, denn die Mexikaner waren wieder zurück von ihrer Rotation und ich wollte wissen, wie es bei ihnen lief. Es ist schön, sie wieder hier zu haben, Personen in der Nähe zu haben, die den gleichen Humor haben, habe ich schon sehr vermisst. Sie hatten ebenfalls eine erfolgreiche Rotation und fühlen sich nun ebenfalls ready. Danach ging es nochmals für ein paar Kartenrunden ins Kaffeezelt. Mitch war wieder da und auch Ben, der ebenfalls unter den Seven Summit Treks unterwegs ist. Zum Abendessen gabe es wie für mich immer Spiegeleier mit Pommes. Mal schauen, wann es mir verleidet.. Danach machte ich mich bald bettfertig und heute Morgen weckte mich Stille. Da wusste ich, dass ich wahrscheinlich ein bisschen früher wach bin als üblich. Der Blick auf die Uhr bestätigte meine Befürchtung, es war 5.42h. Also drehte ich mich nochmals um und schlief weitere 1.5h, bis ich die Inder draussen hörte. Sie waren ebenfalls gestern wieder vom Berg runter gekommen und wollten eigentlich gestern schon nach KTM fliegen. Da das Wetter nicht mitspielte, mussten sie nochmals eine Nacht hier verbringen. Der Plan war, dass sie um 6.30h losfliegen würden. Wer die Rechnung mit den 1.5h Schlaf macht, wird realisieren, dass auch dieser Plan nicht funktionierte. Denn ich hörte zwar die Inder reden, aber keine Rotoren. Als ich um 8.15 beim Frühstück erschien, sassen sie ähnlich müde am Tisch und hofften auf den Heliflug nach dem Essen. Da sich das Wetter besserte, war es eine Stunde später endlich soweit für sie. Wir restlichen genossen unser Esszelt noch weiter, mittlerweile wurde es warm, da die Wolken weniger und weniger wurden. Ich nahm die Mexikaner mit ins Kaffezelt, damit sie einen kleinen Tapetenwechsel haben und dort waren die üblichen Verdächtigen anwesend. Nach einer kurzen Zeit stand plötzlich Rebekka bei uns im Zelt. Lustigerweise sagte ich zu den anderen 5 Minuten zuvor, dass ich sie besuchen möchte, aber nicht weiss, ob sie schon von ihrer Rotation zurück ist. Ich liess sie zuerst mit Gabi plaudern, setzte mich dann aber hinzu. Es war eine lustige Konversation, bei der auch noch Ahmed dabei war. Ein pakistanischer Anwalt, der ebenfalls bei Seven Summit Treks untergekommen ist. Er ist erst seit 3 Tagen im Camp und hat die ganze Akklimatisierung noch vor sich. Auf den Lunch mussten wir uns leider wieder voneinander verabschieden, denn ich wollte meine Pommes nicht verpassen 😊

Den Nachmittag verbrachte ich dann draussen in der Sonne, respektive im Esszelt, da im Kaffezelt zwei Trekkinggruppen angekommen waren, die mir zu stark husteten. Und im Esszelt war Juan-Pedro gerade seine DJ-Fähigkeiten am Testen und die Russen, die heute Vormittag auch wieder vom Berg zurück sind, halfen kräftig mit. Das Ziel ist es, dass jeder ein Gipfel-Song aussucht, was gar nicht so einfach ist. Natürlich kamen Klassiker von AC/DC und Black Sabbath, aber auch Annemie-Vorschläge wie «Don’t stop me now» von Queen. Es war auf jeden Fall ein ausgelassener Spätnachmittag, der allen gut tat. Davor machte ich auch noch meine Mutter und Schwester glücklich, indem ich kurz mit ihnen telefonierte. Es scheint so, als ob die 5.5 Wochen Nepalische Kälte meinem Gesicht (noch) nicht allzu grossen Schaden angerichtet hätten.

Zum Abendessen gibt es einmal mehr Spiegeleier mit Pommes und zum Dessert Früchte. Meine Kraftnahrung hier am Berg und noch immer weiss ich keine Alternative. Meine Mutter und Schwester assen Spaghetti Bolognese und das wäre hier grossartig, nur bin ich mir nicht sicher, ob Nathi dafür die richtige Pasta nehmen würde. Vielleicht muss ich mich wieder mal in das Küchenzelt bewegen um nachzufragen. 😊

Donnerstag, 8.Mai - EBC 

Heute morgen machte ich wieder mal ein Experiment. Ich wachte wie immer kurz vor 6h auf und wusste, dass ich in spätestens 2h wieder pinkeln muss. Also schlüpfte ich dieses Mal jetzt schon aus dem Schlafsack, um zu pinkeln und dann wieder zurück in die Wärme zu liegen. Das führte dazu, dass ich um kurz vor halb neun – abgesehen vom Frühstück – keinen wirklichen Grund hatte, aufzustehen. Das Fazit davon ist, dass ich zwar die zwei Stunden im Schlafsack ohne Harndrang viel besser geniessen konnte, dafür fast zu spät zum Frühstück kam. Um Punkt 8.30h sass ich auf meinem Stuhl. Mal schauen, für welche Morgenroutine ich mich in den nächsten Tagen entscheiden werde. Das Frühstück war bald fertig und ein weiteres Mal ass ich Spiegeleier mit Toast und Früchten. Danach sass ich einmal mehr einfach im Esszelt und spielte ein wenig an meinem Handy herum. Da es heute schon früh extrem warm wurde in unserem Esszelt, packte ich meine 7 Sachen und setzte mich auf die Kunstgrasfläche vor dem Kaffezelt. Neben mir sass Walle, ein 74-jähriger Rumäne, der in Amerika wohnt. Er wurde von Everest One interviewt, weil er nach einem erfolgreichen Gipfelversuch der älteste Rumäne würde, der auf dem Mount Everest stünde. Er versuchte sich schon einmal hier, vor 10 Jahren, musste aber wegen zu heftigem Husten am Berg wieder absteigen. Man gönnte seiner Lunge ein paar Tage Erholung unten im Tal, was aber leider nicht sehr viel brachte, so dass er seinen Versuch abbrechen musste. Damit er seine Kräfte sparen konnte, hatte er sich in Chile akklimatisiert und wurde dann mit dem Heli ins Basecamp geflogen. Er wird ohne Rotation versuchen zum Gipfel aufzusteigen. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt, bin aber noch nicht ganz so überzeugt, ob er fit genug für die vor ihm liegenden Strapazen ist. Sein Guide Victor von Peru war vor dem Everest an der Annapurna unterwegs und kam direkt von dort, ebenfalls akklimatisiert. Er kümmert sich rührend um Walle und ist auch sonst ein Mann mit einem riesigen Herz. Mal schauen, wie weit es dieses ungleiche Duo bringt 😊 Sie verbringen auf jeden Fall fast jeden Nachmittag am Schachbrett, um gegeneinander zu spielen. Ich nutze die Zeit in der Sonne, um zum einen Walle zuzuhören und zum anderen, meinen Reiseplan, den ich vor der Expedition erstellt habe, mit der Realität abzugleichen. Ich denke, zu Hause würde ich mir die Zeit dafür nicht nehmen, und hier habe ich ja genug Zeit, um solche Dinge zu erledigen. Als es zu windig wird, wechsle ich wieder zurück in unser Esszelt, wo es ungleich wärmer ist. Man merkt, dass die Sonne stark ist, und im Esszelt staut sich die warme Luft ziemlich. Nach dem Mittagessen ging es für mich wieder zurück ins Kaffezelt, wo ich ein wenig lese, weil mein Laptop nach 10 Min den Geist aufgibt. Um 16h kommen einige «meiner» Leute und wir spielen fast 2h Karten. Dieses Mal waren wieder Ben und Andrej dabei und neu Mukesh und Ahmed. Ich weiss gerade nicht, ob ich über die vier schon was erzählt habe, aber ein bisschen ins Detail gehen, kann ja nicht schaden, schliesslich habt ihr ausser Base Camp-Geschichten ja nichts zu lesen 😊 Mukesh ist 16 Jahre alt, seine Eltern sind eine Japanerin und ein Nepalese, der zufällig eine Helifirma besitzt. Wenn es Mukesh also langweilig ist, oder er irgendeinen Nachschub braucht, hat er sein persönliches Heli-Taxi, das ihn im Khumbu überallhin bringt, wo es Helipads hat. Er ist erst gestern wieder von Lukla zurück gekehrt und spielt lieber Schach als Karten. Ahmed ist aus Pakistan, lebt aber in London und ist Anwalt. Er und seine Frau haben schon gemeinsam einen 8000er bestiegen und seine Frau schon alleine 2 weitere. Jetzt ist die Reihe an ihm, den Everest ein Jahr nach seiner Frau zu besteigen. Er ist eine Bereicherung unserer Gruppe und erst seit ein paar Tagen im Basecamp. Er war erst heute morgen von seiner Rotation zurück gekommen, die er leider in Camp 1 abbrechen musste, weil er einen Sonnenstich hatte. Nun muss er sich ein paar Tage ausruhen und nochmals eine richtige Rotation absolvieren. Er ist ein helles Köpfchen mit unglaublichem Humor. Andrej ist ein Russe, den ich schon am Manaslu kennengelernt habe. Er ist am Everest mit seiner Frau, beide Mountainguides  und einer Kirgisin als Kundin unterwegs. Vielleicht kann sich der eine oder die andere an den Stau erinnern, in dem ich beim Abstieg am Manaslu zwischen Camp 2 und Camp 1 stecken geblieben bin. Andrej war damals genau vor mir mit seinem Kunden und versüsste die Wartezeit mit Musik, was ich bis jetzt immer noch wertschätze. Es ist schön, ihn und Darya immer wieder zu treffen und falls ich es irgendwann mal zum Mt. Elbrus schaffe, wird er mit Sicherheit meine Ansprechperson sein. Unerwarteterweise hat er vor 2 Tagen auch ein kleines Interview mit mir gemacht, denn er plant, am Schluss eine kleine Doku über die Everest-Expedition zu erstellen. Seine Bilder auf Insta sind schon grossartig und ich freue mich jetzt schon, das Endprodukt zu sehen. Last but not least ist Ben, der – wie ich gestern erst erfahren habe – ein Englischer  U-Boot-Konstrukteur ist. Ihr könnt euch unsere Gesichter ansehen, als wir realisiert haben, dass ein Russe und ein englischer U-Boot-Bauer am selben Tisch sitzen 😊Geschichten, die nur eine Everest-Wartezeit schreiben kann. Ben ist eigentlich jeden Tag im Kaffee, und wir sitzen oft schweigend beieinander, jeder in seinem Tagebuch vertieft. Er hat es – ähnlich wie ich – so was von gesehen, hier nur rumzusitzen. Er hat eine 2-jährige Tochter, die er extrem vermisst und heute meinte er, er würde seinen Rückflug nach Manchester morgen buchen und zwar auf den 18.Mai. Sobald er kann, wird er an den Berg gehen und sobald er zurück ist, fliegt er mit dem Heli ab nach Kathmandu. Er war erst am 12.April aus Manchester nach Nepal geflogen und konnte mir fast nicht glauben, als ich ihm sagte, dass ich schon am 31.März da war und seit dem 11.April im Basislager bin. Ich schliesse daraus, dass ich mich doch ganz gut halte, wenn wir bedenken, dass ich schon einen Monat im Basecamp bin. Ich wünsche Ben, dass sein Plan aufgeht und erhoffe mir für mich, dass auch ich am 18.Mai wieder im Basislager bin. Mein Plan ist dann nicht, mit dem Heli rauszufliegen, sondern zu trekken, aber dann wäre die Wartezeit zumindest vorüber. Zumindest bis zum möglichen worst case, dass ich dann in Lukla stecken bleigen könnte. Aber dann würde ich mir einen Heli nach KTM leisten, falls diese fliegen würden. Für weitere Warterei in Lukla habe ich jetzt schon keine Nerven mehr, das wird sich in den nächsten zwei Wochen sicher nicht mehr ändern.

Aber zurück zu unserem lustigen Grüppchen. Wir alle, ausser Ahmed, der erst zurück kam, wollen wir alle endlich auf unsere Gipfel-Rotation und lenken uns erfolgreich mit dem Kartenspiel ab. Es ist zum Glück auch nicht wahnsinnig kompliziert, so dass wir währenddem plaudern können.

Um kurz nach 18h ist aber Feierabend, denn alle haben ca. um 18.30h Abendessenzeit und wollen nicht zu spät kommen. Ich habe am Mittagessen nach Spaghetti mit Tomatensauce für das Abendessen gefragt und tatsächlich tauchten nach den obligatorischen heissen Waschlappen Spaghetti auf meinem Teller auf. Leider war die Tomatensauce sehr scharf, aber Nathi hat sie wohlweislich neben die Spaghetti gegeben, so dass ich die Dosierung selber vornehmen konnte. Ich nahm sogar noch Nachschlag, so dass ein Grossteil der Sonne danach weg war. Zum Dessert gab es eine Mini-Banane, die ich mit meinem Holländischen Hagelslag dekorierte und so meine Nepalesische Schoggibanane kreierte. Während dem Essen las ich auf Instagram, dass offensichtlich das Fixingteam einen Durchbruch am Lhotse hatte und den Gipfel erreicht hatte. Im Post stand auch, dass für morgen der Everest-Gipfel erwartet würde. Das wäre das endgültige Startzeichen für sämtliche Wartenden, während ich noch immer darauf warte, dass Chirring und Gyalzen vom Berg zurückkehren. Die zwei sind immer noch da oben, jedoch weiss ich nicht, wann sie zurück kommen. Solange sie nicht da sind, gibt es für mich leider kein Startsignal. Nach der Freude ging es ab in den Schlafsack, wo ich noch bis 21h las. In der Nacht wurde ich 2-3x von grossen Gruppen geweckt, die an meinem Zelt vorbei gingen. Es scheint, dass sich langsam die Gruppen an den Berg verschieben, während ich immer noch den Schlaf der Gerechten im Basecamp schlief.

Heute morgen wachte ich wie immer um kurz vor 6h auf, ging kurz pinkeln und legte mich wieder in den Schlafsack. Dort las ich die Nachrichten über den neuen Papst, die letzten News zum ESC, der in Basel in ein paar Tagen beginnt und über die mögliche Überschneidung der Meisterfeier des FCB mit eben jenem ESC. Ich bin fast schon ein bisschen stolz, dass ich in weiser Voraussicht, schon im März, mein FCB-Shirt eingepackt habe für ein Gipfelfoto. Wie lustig wäre es nun, wenn ich auf dem Gipfel des Mt.Everest stünde und der FCB am gleichen Tag nach langen Wartejahren endlich wieder Meister würde?! Wir sind gespannt, welche Geschichten mich der Mount Everest schreiben lässt. Mittlerweile ist schon wieder 10h, ich habe also schon wieder ein Stündchen des Tages sinnvollerweise mit Blogschreiben verbracht. Jetzt schicke ich das Ganze gleich per Mail ab, so dass ihr es bald lesen könnt 😊

Freitag 9.Mai - EBC

Nach dem unspannenden Rest des Tages gestern, passierte auch heute im Camp nicht wahnsinnig viel besonderes, ausser dass Chirring und Gyalzen wieder heil von ihren Carry-Runden am Berg zurück gekommen sind. Ich habe sie nach dem Mittagessen zufällig getroffen. Wir haben kurz miteinander gesprochen und beschlossen, dass wir nicht schon in der Nacht hochgehen, sondern ihnen sicher den morgigen Tag zur Ruhe geben. Denn sie waren einmal auf dem Southcol, dann wieder zurück in Camp 2 und dann nochmals im Camp 3, um alle Sauerstoffflaschen richtig zu verteilen. Wenn ich darauf beharrt hätte, hätten wir schon in der Nacht aufsteigen können, aber das fühlte sich für mich nicht richtig an. Zudem hatte ich die Sauerstoffmaske sowieso noch nicht und ohne diese kann ich auch nicht aufsteigen.

Um kurz nach 14h machte ich mich dann mit Regina auf einen Spaziergang zum berühmten Trekking-Stein, um wieder einmal die Beine ein bisschen mehr zu vertreten als nur von Zelt zu Zelt zu gehen. Wir schlugen ein gemütliches Tempo an und genossen es, die Veränderungen des Weges zu beobachten. Leider halten sich in der Hochsaison nicht alle Trekking-Guides an die Regeln, dass Trekkinggruppen nicht über den Stein hinaus gehen dürfen. Die letzten 10 Minuten war der Weg nämlich voll mit Trekkern. Man sieht es ihnen meist irgendwie an: Sie tragen einen Tagesrucksack und sind sehen ziemlich müde aus, wenn sie einem so entgegen kommen. Wir gingen nur bis zur letzten Anhöhe vor dem Stein, denn was wir dort sahen, war zu viel: Etwa 40 Personen tummelten sich um und auf dem Stein herum, um ihr wohlverdientes Erinnerungsfoto zu schiessen. Einmal mehr erhielten auch Regina und ich Gratulationen, dass wir es zum Basecamp geschafft haben. Für mich war es etwas das achte Mal in diesem Jahr. Nach ein paar Minuten machten wir uns wieder auf den Rückweg. Wir passierten das Camp von Himalayan Vision, die schon begannen, ihr Domzelt abzubauen. Ich nehme an, die chinesische Gruppe hat sich am gleichen Tag wie Mitch auf den Weg auf den Gipfel gemacht. Meist übernachtet man nach dem Gipfelversuch noch eine Nacht im Basislager, bis man entweder den Heli in die Stadt nimmt, oder sich zu Fuss auf den Rückweg macht.

Zurück im Basislager trafen wir Ben an, der uns fragte, ob wir nachher auch ins Kaffezelt gehen würden. Das war mein Plan, aber zuerst wollte ich wieder meine Schuhe wechseln. Im Kaffezelt gab es das übliche Geplauder, eine Stunde Kartenspiel und die mittlerweile üblichen Diksussionen, wann der beste Zeitpunkt wäre, auf die Gipfel-Rotation zu gehen. Ich zügelte vor dem Abendessen in unser Esszelt, wo wie immer schon der Heizpilz gegen die Kälte kämpfte und Juan-Carlos seine DJ-Künste vorführte. Es herrschte bald ausgelassene Stimmung, die uns allen gut tat. Ebenfalls bekam ich von Phunuru eine Nachricht, dass er morgen in unserem Camp vorbei kommen werde, um mit den Jungs zusammen unsere Gipfel-Rotation zu besprechen. Die Wetter-Vorhersage sieht für den 14./15.Mai gut aus, es könnte also gut sein, dass es bald losgeht. Nach dem Essen las ich noch ein bisschen im Esszelt, bis ich pinkeln konnte und verzog mich dann einmal mehr in den Schlafsack. Dort versuchte ich die vielen Nachfragen, wann ich denn endlich auf den Berg gehen würde zu ignorieren. Es ist schwierig, anständige Antworten geben zu können, wenn man selber keine Ahnung hat, wann es endlich losgeht. Und ich möchte es eigentlich genau so wissen wie alle anderen.

Samstag, 10.Mai - EBC 

 

Heute morgen wachte ich noch früher auf als sonst, denn eine lästige Drohne machte um 5h morgens ihre Runden über dem Basecamp. Es ist schon der zweite Tag, an dem ich von dem mühsam, stetigen Geräusch geweckt wurde. Ich verstehe ja, dass man bei schönem Wetter tolle Aufnahmen machen möchte, aber das kann man auch 3h später, denn der blaue Himmel bleibt normalerweise bis 12h bestehen. Aber nein, um 5h morgens ist es doch viiiiel schöner…. Da nützen auch die Oropax nicht, die ich hier in der Nacht benutze. Ich konnte dann auch nicht mehr einschlafen, als das üble Geräusch wegwar, denn es könnte sein, dass ich morgen schon auf den Berg steigen werde. Das führt dazu, dass ich im Schlafsack ein wenig Panik schob, diese aber zum Glück einigermassen zurückdrängen konnte, indem ich weiter in meinem Buch las. 

Nach dem Frühstück wartete ich noch ein bisschen, bis es wärmer war und dann genoss ich eine weitere, hoffentlich letzte Dusche im Basecamp. Dieses Mal war das Wasser leider nur lauwarm, das letzte Mal war es fast zu heiss. Trotzdem konnte ich die Dusche einigermassen geniessen. Also so wie man halt eine Dusche geniessen kann, bei der man wegen der Schwerkraft in die Knie gehen muss, damit genug Wasser aus der Brause kommt, die man auch noch mit einer Hand halten muss und deren Fluss man mit dem Daumen anregen muss. Der Boden ist uneben, die Füsse stecken in glitschigen Adiletten und jedes Mal wenn man sich einseifen will, muss man die Brause in den Sack stecken und hoffen, dass die Luft warm genug ist, um nicht zu frieren. Obwohl ich meine Haare zweimal täglich bürste, verliere ich trotzdem noch sehr viele Haare, die dann am ganzen Körper kleben, weil der Wasserdruck zu tief ist, um sie wegzuwaschen. Weil man auch nie weiss, wie viel Wasser in dem Sack steckt, hat man ständig Angst, dass man mit Shampoo in den Haaren ohne Wasser in der Kälte endet. Zum Glück hatte ich vor dem Aconcagua irgendwo im Sale Shampoo- und Conditionersteine gefunden, die man hier relativ gut nutzen kann. So habe ich sicher genug Shampoo, um die Haare zu waschen. Eine richtige Dusche ersetzt sie aber leider nicht und ich hoffe wirklich, dass das meine letzte Dusche hier im Basislager gewesen sein wird. Wie immer nach dem Duschen, ging ich direkt ins Esszelt, wo ich dann sass, bis die Haare fast trocken waren. Mit der Sonne wird es relativ schnell sehr warm im Esszelt, zur Mittagszeit ist es meist unerträglich, sogar mit dem T-Shirt. Aber zum Haare trocknen ist es perfekt. Draussen weht immer ein leichter Wind und es wäre selten dumm, jetzt noch krank zu werden, so kurz vor dem Ziel. 

Weil es gut sein kann, dass ich in der Nacht auf meine Rotation gehe, nutzte ich die nächsten zwei Stunden, um alle meine 7 Sachen für die Besteigung nochmals durchzugehen. Ich tapte meine Beine schon mal prophylaktisch, ging meine Apotheke nochmals durch. Danach machte ich mein Snack-Säckchen wieder komplett, fügte noch einige Dinge hinzu, damit ich sicher genug zu essen hätte, für den unwahrscheinlichen Fall dass ich plötzlich gerne esse während der Besteigung. Gerade als ich fertig war, stand Gyalzen vor mir und fragte, ob ich meine Sauerstoffmaske schon hätte. Als ich verneinte, bat er mich, mitzukommen. Wir gingen in ein Zelt von SST, wo eine Kiste mit Platz für viele Masken offen lag und Chirring, der davor sass. Offenbar hatten sie nur noch eine einzige Small-Maske und die hatte eine sehr kurze Leitung, so dass es schwierig wäre, beweglich zu sein, wenn der Schlauch an die Sauerstoffflasche im Rucksack angeschlossen wäre. Also musste ich mich mit einer Medium-Maske begnügen. Zum Glück sass auch diese ziemlich gut, wenn man an den richtigen Laschen zog, so dass ich diesen Kompromiss eingehen konnte. Es ist aber schon spannend, wie man plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt wird und es dem zuständigen Nepali egal ist, ob die Medium-Maske zu gross ist oder nicht. Zudem kontrollierten wir sowohl den Schlauch, wie auch alle Verschlüsse, denn wenn die Maske nicht funktioniert, werden wir den Gipfel sicher nicht erreichen. Auch Chirring und Gyalzen bekamen eine Maske, die ebenso gründlich kontrolliert wurde von uns dreien. Zusätzlich bekamen wir 4 Regulatoren, um auf die Sauerstoffflasche zu setzen und die Flussrate einzustellen. Einen als Reserve, nur für den Fall. Danach packten wir auch noch ein paar Wag-Bags ein. Das sind die Säcke, die man ab Camp 3 als Toilette benutzen und selber heruntertragen muss. Ich denke, dass ich, mangels Essen am Berg, nicht viele von den Säcken benutzen werde, aber Hauptsache wir haben ein paar dabei. Danach ging es wieder zurück in mein Zelt, wo wir gemeinsam nochmals alles durchgehen, was ich mitnehmen werde. Die Kleider, Knäckebrot, Gipfelhandschuhe packten wir in einen Packsack, den Gyalzen gleich mitnahm. Den Rest legte ich schön bereit, denn so wie es aussieht, werden wir tatsächlich um Mitternacht loslegen. Kurze Zeit später tauchte Gyalzen nochmals auf, weil ich noch mehr Essen für in den Höhenlagern aussuchen sollte. Also ging ich hinter ihm her zur Sherpa-Küche, wo Chirrin einen Reissack, gefüllt mit einer Schachtel öffnete. Als diese fast schon explodierte, lagen verschiedene Packungen von Reis, Porridge, Süssigkeiten, Schokolade, Petflaschen, etc vor mir. Dass in dieser Schachtel so viel Ware Platz hatte, überraschte mich doch. Die Jungs baten mich, mich zu bedienen, um genug zu Essen für den Berg zu haben. Dass ich schon einen grossen Sack Snacks in Camp 2 lagerte und einen ähnlich grossen Sack in meinem Rucksack bereit hatte, störte sie nicht. Als ob ich die zwei Säcke leer essen würde und dann immer noch essen könnte… Damit ich sie glücklich machen konnte, nach ich drei Säckchen Granola-ähnlichem Inhalt, eine Dose Pringels und 2 kleine Petfläschchen irgendeines rosa Saft-Getränks, das wahnsinnig süss aussieht. Ich weiss zwar nicht, für wen ich so viel Essen auf den Berg tragen werde, essen werde ich maximal, aber aller maximal die Hälfte des Ganzen. 

Mein Plan nach der Rückkehr des Gipfels ist es, eine Portion Popcorn zu essen, und dann nach Pangboche weiter zu gehen. Damit ich nicht zu viel Zeit für das Packen verliere, beschloss ich, die freie Zeit vor dem Mittagessen zu nutzen, um schon alles was möglich ist einzupacken in die zwei Duffels. Der Trek nach Lukla wird 3-4 Tage dauern, ich brauche dafür nicht mehr so viel, trotzdem versuchte ich, vom Gewicht her, beide Duffles gleichmässig zu befüllen. Danach war fast schon Lunchtime und ich nutzte die 10 Minuten, um nochmals kurz mit meiner Mutter zu telefonieren. Danach ass ich mich durch Pasta und Spiegeleier. Pünktlich auf das Dessert spazierte plötzlich Phunuru in unser Esszelt und wie schon erwartet, kannte er die Hälfte der Anwesenden. Ich liess ihm die Zeit, sich mit ihnen auszutauschen und ass meine Früchte fertig. Danach gingen wir mit den Jungs in mein Zelt um alle Fragen zu klären und nochmals alles durchzugehen. Es dauerte etwa eine Stunde, um uns alle auf den gleichen Stand zu bringen. Wir kontrollierten nochmals das Material, die Medis für Probleme in der Höhe, das Essen. Danach gingen wir den Plan mit den Daten durch. Da die Wettervorhersage, die wir konsultierten, immer noch gutes Wetter für den 14.Mai voraus sagte, beschlossen wir, dass wir definitiv um 00.30h loslegen würden. Falls sich das Wetter noch änderte, könnten wir immer noch in Camp 2 eine Wartezeit einlegen. Sicher nicht das wärmste Lager, aber dort gibt es noch Essen und ein Esszelt, in dem man ein wenig Gemeinsamkeit geniessen könnte. Phunuru würde zur Sicherheit noch zwei weitere befreundete Guides anfragen wegen der Wettervoraussage, um ganz sicher zu sein. Er würde mir diese per Whattsapp schicken, sobald er sie habe. Ich ging zufrieden aus dem Meeting, denn es scheint, dass wir alle an einem Strang ziehen, was mir sehr wichtig ist. Die Jungs hatten genug Ruhe und waren auch bereit, loszulegen. 

Danach war Zeit um ins Kaffezelt zu gehen und eine heisse Schokolade auf die Entscheidung zu trinken. Dort traf ich auf einen reinen Frauentisch mit Gaby, Maria und Prakriti an, und sprachen über unsere Erfahrungen am Berg, wovor wir am meisten Angst haben und warum nur Maria ihre Eisaxt mit auf den Everest nimmt. Je länger wir da sassen, desto mehr Leute stiessen zu uns, bis wir plötzlich zu neunt da sassen. Adriana und Stan waren da, sie hatten soeben von Mitch und Gelje eine Nachricht erhalten, dass sie in Camp 4 angekommen sind. Sie werden in der Nacht für den Gipfel aufbrechen. Dann waren Bianca und Ben da und plötzlich war das Kaffeezelt voll mit weiteren 30 Personen. Ngima, Tashis Sohn ist im Moment mit einer Filmcrew unterwegs, die eine kleine Doku über ihn dreht. Sie waren soeben im Basislager angekommen. Ngima ist der jüngste, der alle 14 8000er bestiegen hat. Er erreichte das mit 17 oder 18 Jahren, ich bin mir gerade nicht mehr sicher. Er war am Shishapangma, als wir am Manaslu unsere letzte Nacht im Basislager genossen, bevor wir nach Samagaun gingen. Er zeichnet sich durch eine ausgezeichnete Schulbildung und Erziehung aus und ist für alle Nepali sehr schnell eine Leitfigur geworden. Denn sein Ziel ist es, das Ansehen der Nepali in der Hochgebirgswelt massiv zu verbessern und mit seinem Rekord sind ihm viele offene Ohren gewiss. Zum Glück verliessen einige der Crew das Kaffeezelt nach einiger Zeit wieder, so dass es wieder angenehm war von der Anzahl Personen. Nach einiger Zeit begannen Ben, Bianca und ich wieder Karten zu spielen, denn wir waren es satt, nur über «Wann gehst du» und «wann gehst du und warum?» zu sprechen. Am Tisch neben uns sass jemand, der anscheinend einen anderen Wetterbericht hatte, als ich noch vor ein paar Stunden und seinem Nachbarn mitteilte, dass man in den nächsten Stunden für die nächsten Tage mit viel mehr Wind rechnen musste, als man noch gestern erwarten konnte. Dies machte mich hellhörig, denn noch immer war Phunuru unterwegs und konnte mir noch nicht seine aktuellen Wetterdaten schicken. Ich wurde mit der Zeit ziemlich unsicher, ob ich wirklich um Mitternacht losgehen würde oder nicht. So eine 50-50-Situation versuchte ich zu vermeiden und trotzdem war sie jetzt sehr real. Ich wusste nicht, ob ich mich mental auf das Gehen oder auf das Bleiben vorbereiten sollte. Ich war nun schon 10 Tage im Basislager und wartete auf das Go und jetzt, so kurz davor, sollte ich doch nicht gehen? Ich hatte das Basislager so satt, das Verdrängen von so vielen Gedanken braucht Energie und ich merke, die meine mentale Stärke hier langsam Schaden nimmt. Jedoch will ich auch nicht nur aus dem Grund eine falsche Entscheidung treffen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto schwieriger wurde es, nicht emotional zu werden. Aber da ich mit den andern beiden Karten spielen konnte, lenkte mich das ordentlich ab. Um 18h musste ich mich leider aber wieder auf in mein Esszelt machen, wo ich mit meinen Gedanken wieder alleine war. Mein Bauch konnte mir keine Richtung geben und von Phunuru hörte ich immer noch nichts. Zum Abendessen kamen leider auch nicht die erwarteten Spaghetti, sondern in brauner Sauce liegende Pommes, die leider nicht knusprig waren, ein paar Muschelteigwaren, ebenfalls in der Sauce badend und wenig appetitlich und darüber 2 Spiegeleier. Mein Appetit war gerade auf dem Nullpunkt und ich versuchte mich zumindest an der Pasta. Als ich zufällig durch die Klappe nach draussen sah, dachte ich, ich sähe Gyalzen draussen. Das würde heissen, dass auch sie von der Wetterveränderung gehört hätten. Ich nahm meine Jacke und ging nach draussen. Dort merkte ich, dass es nicht Gyalzen, sondern Tashi war. Aber Gyalzen und Chirring standen ebenfalls draussen beim Puja-Platz, so dass ich die Chance packte und zu ihnen ging. Ich erzählte ihnen, dass ich leider noch keine Wetterdaten von Phunuru habe und in dem Moment klingelte es schon bei Chirring und Phunuru war am Telefon. Er, Gyalzen und Chirring sprachen etwa 5 Minuten miteinander, bevor ich mit ihm sprechen konnte. Leider war die Verbindung schlecht, so dass ich mein Handy holen musste, um ihn über Whattsapp zu erreichen. Dabei sah ich, dass er mir zwei Dokumente mit Wind und Wetter geschickt hatte. Die Vorhersage hatte sich massiv verschlechtert und so sah es aus, als ob es keine gute Idee wäre, in der Nacht aufzusteigen. Nun sah es so aus, als ob vom 16.-18.Mai gute Windverhältnisse herrschen würden. Wir einigten uns, dass wir noch zwei weitere Tage im Basislager bleiben würden. Auch, weil sämtliche andere Teams offensichtlich einen Stopp eingelegt haben und CTSS sogar ihre Teams wieder von Camp 2 zurück holte. Für mich stimmte beides, ich wollte einfach endlich eine Entscheidung, nachdem ich 4h irgendwo in der Schwebe zwischen Gehen und Bleiben war. Als ich wieder zurück ins Esszelt ging, konnte ich aber meine Emotionen nicht mehr zurück halten. Der Entscheid bedeutete, dass ich nochmals 2 Tage an das Basislager gebunden wäre. Das tönt erst mal nach nicht viel. Aber wenn man schon seit 31 Tagen in diesem Lager sitzt und die Zeit grösstenteils mit Warten verbringt und so kurz vor dem Go nochmals einen Aufschub bekommt, dann ist es doch mehr als für die Daheimgebliebenen zu vermuten wäre. Ich informierte meine Familie, stellte den Entscheid in meinen Status und versuchte mich wieder in den Griff zu bekommen. Da ist so viel in meinem Kopf: Der grosse, starke Gedanke, dass ich einfach nach Hause will übertönte den Rest. Ich will endlich nicht mehr in der Kälte sein, ich möchte wieder von Raphael in den Arm genommen werden, unsere Schnüsis knuddeln, mit meinen Freunden lachen, entscheiden was ich esse und wann. Nicht mehr in der Kälte und Dunkelheit in den Schlafsack schlüpfen müssen oder Urinspritzer auf meinen Daunenschuhen sehen, geschweige denn die Daunenschuhe den ganzen Tag tragen. Ich möchte nicht mehr in einem Esszelt sitzen mit mir Fremden, auch wenn ich mit Regina und Juan-Pedro Freunde gefunden habe. Ich möchte nicht mehr 8h am Tag an einem Bildschirm hängen, oder mir überlegen, wie ich es schaffe, 3x am Tag zu essen. Dies sind nur wenige Dinge, die mir einfallen, wenn ich daran denke, was 2 Tage mehr bedeuten. Es bedeutet, dass ich frühestens in 2 Wochen wieder Schweizer Boden unter den Füssen haben werde und das auch nur gesetzt der Fall, dass der nächste Plan aufgeht, es keinen Flugstau in Lukla gibt, meine Duffles gleichzeitig wie ich in Kathmandu ankommen und ich meinen Flug nach Hause problemlos verschieben kann. Alles Dinge, die nicht selbstverständlich sind und ganz nebenbei «muss» ich zuvor noch den höchsten Berg der Welt erklimmen, was mentale Stärke braucht, die ich im Moment überhaupt nicht in mir spüre. Ah, und den vierthöchsten Berg auch noch, einen Tag später… Dass ich da keine grosse Lust verspürte, allzu grosse Ausführungen per Whattsapp zu machen, ist hoffentlich verständlich. Trotzdem wollte ich nicht auf den geplanten Anruf bei Raphael verzichten und er musste mich dann zuerst 10 Minuten weinen lassen, bis wir normal reden konnten. Auch er meinte, es seien doch nur 2 Tage, verglichen mit den 28 Jahren, die ich schon wartete, sei das doch nichts. Aber es ist halt eben nicht nichts. Seit ich die Schweiz verlassen habe, stosse ich Gedanken über die Zeit nach Nepal auf die Seite. Ich möchte mich nicht freuen über alles was noch kommt, denn es besteht doch eine klitzekleine Chance, das ich das nie erleben werde. Diesen Gedanken möchte ich ebenfalls nicht denken, weshalb die Zukunft schon mal nicht in meinem Kopf Platz bekommt. Ebenfalls möchte ich auch nicht zu viel darüber nachdenken, was alles auf der Gipfelrotation auf mich zukommt. Also auch das schiebe ich weit weg aus meinem Kopf. Das Wegschieben dieser zwei grossen Blasen braucht unmengen von Energie und ich schiebe schon seit 6 Wochen was das Zeug hält. Langsam aber sicher bröckeln meine Mauern und das je länger ich hier sitze und warte. Natürlich zerstreue ich mich durch die Tage, ich versuche jeden Tag etwas Sinnvolles zu tun, aber die mentale Wegschieberei passiert trotzdem 24/7. Nachdem ich mich beruhigt hatte, konnten wir uns dann immerhin normal unterhalten und Raphael konnte mich sogar mehrheitlich zum Lachen bringen. Die Schnüsis mussten natürlich auch geweckt werden, damit ich sie wieder mal sehen konnte, obwohl ich sie nun noch mehr vermisse. Als ich fertig telefoniert hatte, war ich so kaputt, dass ich direkt ins Zelt ging. Dort fühlte es sich auch nicht mehr so toll an, weil ja eigentlich alles schon gepackt ist. Also packte ich wieder ein bisschen was aus, damit es nicht mehr so leer wirkte und machte mich dann ans Schlafen. 

Sonntag 11.Mai - EBC

 

Heute morgen wachte ich ein weiteres Mal von dem verdammten Drohnengeräusch auf. Wollen die das jetzt wirklich jeden Morgen um 5h durchziehen? Immerhin wusste ich so, dass es wieder ein sonniger Tag werden würde. Gestern Abend vor dem Einschlafen habe ich den Plan gefasst, mich nicht verrückt zu machen ob der 2x 12h, die ich irgendwie rumbringen muss. Als erstes nahm ich mir vor, ein bisschen zu lesen und die Nachrichten zu studieren. So bekam ich mit, dass – wenn alles nach geordneten Bahnen verläuft – der FC Basel spätestens am Mittwoch der neue Schweizer Meister sein wird. Ein weiteres grosses Ereignis das ich als Baslerin neben dem ESC verpasse. Ich habe ein FCB-Trikot dabei für den Gipfel und freue mich schon, es für den neuen Meister zu hissen. Ebenfalls hatte ich die Erkenntnis, dass ich die zwei Wartetage vielleicht selber ein wenig herauf beschworen hatte, als ich vor einem Monat schrieb, dass ich nicht auf meine Gipfel-Rotation gehen würde, bevor nicht alle 3 Ruhetage hätten. Wären wir letzte Nacht aufgestiegen, hätten Chirring und Gyalzen nur einen Ruhetag gehabt. Will mir der Everest da etwa Recht geben und hält uns darum zurück. Ich versuche wieder 100% Vertrauen in den Prozess zu bekommen, was ebenso harte Arbeit ist, wie nicht an die Zukunft zu denken. Aber das wird im Moment meine Arbeit sein und ich werde daran wachsen. Das und ähnliches sind meine Mantras, trotzdem bin ich emotional noch immer ziemlich aufgeladen, so dass ich es knapp ins Esszelt schaffe, bevor ich schon wieder meine Tränen zurück halten muss. Eigentlich will ich sie nicht zurück halten, aber ich will auch nicht ständig weinen, das ist anstrengend und verursacht Kopfschmerzen. Eigentlich sollte ich es doch hier geniessen. Wunderbar frische Luft, umringt von Bergen, im Basislager des Mount Everest. Aber die bevorstehende Besteigung ist für mich so wichtig, der Traum schon so lange präsent, dass es einfach zu viel ist. Zu viel dass es nicht losgeht, zu viel dass es bald losgeht, zu viel dass es so nah ist und doch so fern. Ich weiss nicht, ob ich die mentale Stärke für die schweren Tage immer noch in mir habe oder nicht. Ich weiss nicht, ob meine Beine noch fit genug sind oder nicht. Ich weiss nicht, ob ich die Menge an Leuten am Berg ertragen werde, die ich unbedingt vermeiden wollte. Ich war so früh unterwegs, damit ich bereit bin, bevor andere bereit sind und nun sind alle bereit und es scheinen alle zur gleichen Zeit wie ich auf die Rotation zu gehen. Meine grösste Angst, im Stau zu stehen hinter langsamen und unerfahrenen Personen wird riesig, wenn ich nur daran denke. Eine weitere Blase, die ich wegzuschieben versuche. Und dann ist da noch Mitch. Dr.Berus teilte uns beim Frühstück mit, dass er den Gipfel erreicht hat und nun auf dem Weg zum Camp 4 und 2 ist. Wenn ich mir nur vorstelle, wie er sich auf dem Gipfel gefühlt haben muss, weine ich wieder. Für ihn hat der Everest fast den gleichen Stellenwert wie für mich. Er hat 27 Jahre darauf gewartet und ebenfalls seinen Vater verloren, er hat dafür gearbeitet und trainiert und dass er das jetzt erreicht hat, macht mich unglaublich glücklich und das wiederum bringt mich zum Weinen. Spätestens nach heute denken sicher alle, ich wäre die grösste Heulsuse. Aber ich bin halt auch unglaublich stolz auf Mitch und ich fühle, dass auch ich dieses Gefühl bald spüren werde, wie es ist auf dem Gipfel zu stehen. Aber eben, auch das Gefühl muss ich zurück halten, wegschieben, bis es soweit ist. 

Für diejenigen die sich das mit den zweit Tagen mehr als nicht so schlimm vorstellen möchte ich versuchen eine Geschichte zu erzählen, damit ihr mir vielleicht ein bisschen nachfühlen könnt: 

Stellt euch vor, ihr bekommt euer Traumhaus und der Schlüssel dazu ist in einer Kiste. Die Kiste steht irgendwo ganz weit weg, ihr müsst 10 Tage wandern, bis ihr in ihrer Nähe seid. Ihr nehmt nur das notwendigste mit, damit es warm genug ist, denn jeden Tag den ihr unterwegs seid, wird es kälter und kälter. Dann nach 10 Tagen kommt ihr in einem Dorf an. Das Dorf, nennen wir es E-Dorf,  ist besser ausgerüstet wie die Dörfer die ihr auf der Wanderung angetroffen habt. Ihr müsst zwar in eurem Zieldorf in einem Zelt schlafen, aber dafür habt ihr zu jeder Zeit Zugang zu heissem Tee und ihr könnt auf einem Bett schlafen – im Schlafsack zwar, aber hei, hauptsache ein Bett, nicht?! Da die Wanderung anstrengend war, bekommt ihr in E-Dorf ein paar Tage Ruhe. Ihr bekommt drei Mal am Tag zu essen. Ihr könnt zwar nicht aussuchen, was ihr bekommt, aber der Koch gibt sich grosse Mühe, dass er eine Vielzahl an verschiedenen Menüs vorbereitet. Die Kombinationen sind manchmal durchaus lustig, Kartoffeln gilt zum Beispiel als Gemüsebeilage für Pasta, oder Plätzchen gehören als Beilage zu Pizza. Aber ihr bekommt essen. Es ist allen egal, ob ihr zu Hause normalerweise nur einmal am Tag esst, ihr müsst hier dreimal essen, denn die nächste Etappe zur Kiste braucht ganz viel Energie und ihr habt schon viel Energie auf der Wanderung bis E-Dorf verloren. 

Damit sich auch alle auf der hygienischen Seite wohlfühlen, gibt es diverse WC-Zelte. Die haben zwar keine geräuschdämmende Wände, aber pinkeln kann doch jeder, auch wenn 20cm nebenan eine Gruppe Nepali sitzt und miteinander diskutiert. WC-Papier gibt es dann erst nach einer Woche, denn von den Männern unter euch ist niemand auf die Idee gekommen, dass Frauen beim Pinkeln auch Papier brauchen. Der Eimer dazu kommt dann nochmals eine Woche später, aber es ist ja kein Problem, mit benutztem WC-Papier durch das Dorf zu gehen, denn im Esszelt hat es einen Mülleimer und Desinfektionsmittel. 

Nach der Ruhezeit geht es endlich weiter mit der zweiten Etappe. Ihr dürft drei Tage weiter gehen und seht die Kiste schon in der Distanz. Ihr dürft aber noch nicht zu ihr gehen, denn der Körper muss sich zuerst an die Umgebung gewöhnen und das dauert ein paar Tage. Aber ihr dürft ganz viele Fotos machen und tausend Fragen über den Weg zur Kiste stellen. Antworten erhält ihr zwar nur vage, aber da ihr der Kiste schon so nahe seid, stört euch das nicht. Ihr wisst, nach diesem Ausflug geht es wieder ins E-Dorf und nach ein paar Tagen dürft ihr zur Kiste gehen und den Schlüssel holen. 

Zurück im Dorf gehen die Tage vorbei. Niemand sagt euch, wann ihr zur Kiste dürft. Die gute Wettervorhersage ist den Dorfbewohnern vorbehalten. Leider sprecht ihr ihre Sprache nicht und könnt darum nur auf die vage Vorhersage aus dem Internet zurück greifen. Das stört euch nicht, denn der Weg zur Kiste ist mit Hindernissen bestückt, die fleissige Helferlein aus dem Dorf für euch aus dem Weg räumen. Danach brauchen die Helferlein auch Ruhe, denn sie werden euch auf dem Weg zur Kiste begleiten. Andere Helferlein waren früher unterwegs und sind schon ausgeruht. Deshalb wagt sich ein mutiger Wanderer schon nach ein paar Tagen auf das Abenteuer und verlässt E-Dorf um zur Kiste zu gelangen. Spätestens da wird euch klar, dass in E-Dorf über 500 Wanderer warten, die alle auf dem gleichen Weg zur Kiste gehen wollen. Die einen begleitet durch ein fleissiges Helferlein, die anderen begleitet von 2-3. Wenn man das so zusammenzählt, kommt ihr auf eine unglaubliche Zahl von Personen, die alle zur gleichen Zeit zur Kiste wollen. Das stört euch nicht, denn ihr seid extra früh nach E-Dorf gereist, um auch möglichst früh den Schlüssel zu bekommen. Die Gesetze der Kiste sind aber anders und die Wettergötter spielen auch mit. Und so sitzt ihr noch weitere Tage in E-Dorf. Ihr müsst jeden Tag in der Kälte aufstehen und ins Bett gehen. Ihr müsst jede einzelne Mahlzeit einnehmen, egal was auf dem Teller ist, denn wenn ein Wanderer mal nicht isst, kommen sogleich diverse Helferlein und machen sich grosse Sorgen um dich. Der normale Tagesablauf, den ihr von zu Hause kennt, könnt ihr nicht einhalten. Zähneputzen geht nur in der Kälte, ein Waschbecken gibt es in E-Dorf ebenso nicht, wie ein WC. Ein kleines Plastikschüsselchen mit Plastiksack drin tut es doch auch. Falls ihr schmutzige Wäsche habt, könnt ihr sie selbst waschen. Ihr müsst nur eine Schüssel mit heissem Wasser verlangen. Trocknen wird es dann schon in der Sonne, ausser ihr wascht nach 12h, dann ist der Himmel immer mit Wolken bedeckt. Die Temperatur in E-Dorf ist ab 17h unter Null. Aber das ist ja nicht so schlimm, denn ihr habt Daunenjacken dabei. Und ist es nicht schön, für viele Tage am Morgen und abends Daunenjacken zu tragen? Um die Mittagszeit sitzt ihr im heissem, stickigen Esszelt im T-Shirt, da lässt es sich doch aushalten, wenn man ab und zu Daune tragen muss. Kalte Füsse muss man mögen, denn der Boden ist natürlich nicht geheizt und – das habe ich ganz vergessen zu sagen – E-Dorf wurde auf einem Gletscher gebaut. Dass dieser schmilzt, ist nicht so schlimm, da muss halt hin und wieder ein fleissiges Helferlein eine Treppe wieder neu befestigen. Oder wenn durch den Tag ein Stein ins Rutschen gerät und in ein Zelt fällt, ist der Bewohner sicher nicht drin. In E-Dorf gibt es auch ein Sozialzentrum, das Kaffeezelt, da kann man von 9-18 gratis Kaffee trinken so viel mal will. Da ist es egal, ob man Kaffee mag oder nicht, denn es gibt auch heisse Schokolade. Die füllt auch gut den Magen und gibt Energie. Im Esszelt kann man auch gratis Bier haben, alle Wünsche können erfüllt werden, denn die Hälfte des Tisches ist mit Esswaren bedeckt. Blöd, wenn der Apetit nicht gross ist, aber die Möglichkeit wäre da, neben den drei regulären Mahlzeiten zu essen, die Variationen sind jederzeit sichtbar. Aber alles was du willst, ist zu dieser Kiste gehen und den Schlüssel holen, damit du wieder nach Hause kannst. Die Geduld wird kleiner, alle beginnen von der Kiste zu reden, egal wo du auf andere Wanderer triffst. Du willst deine Energie sparen, deshalb läufst du nicht den ganzen Tag im gesamten E-Dorf herum. Nicht dass die Energie nicht reicht, um zur Kiste zu kommen und du vergebens den langen Weg gemacht hast. Immer wieder gehen andere Wanderung auf das grosse Abenteuer und du sitzt immer noch in E-Dorf herum, mittlerweile schon seit 31 Tagen. Was geht dir wohl da durch den Kopf? 

Ich höre auf mit meiner Geschichte, ich glaube der Punkt ist klar. Egal was die lieben Zuhausegebliebenen für eine Idee haben, wie es ist, zwei weitere Tage hier in diesem Lager zu verbringen, sie werden es trotzdem nicht verstehen. Und das ist wahrscheinlich ein weiterer Punkt, weshalb die Warterei ein wenig unerträglich wird. Keiner Zuhause kann nachvollziehen, wie es wirklich ist. Aber ich habe diesen Weg gewählt und bin schon 90% gegangen. Auch wenn ich grosse Lust hätte, die letzten 10% sein zu lassen, und wieder nach Hause zu gehen, so will ich es doch nicht. Ich habe es 6 Wochen durchgestanden und werde auch die letzten 2 Wochen noch durchstehen. Ich hoffe, die Energie und die mentale Stärke reichen für meine Ziele und wenn nicht, so hoffe ich umso mehr, dass es zumindest für den Everest reicht. Am Nachmittag plane ich einen kleinen Spaziergang in den Gletscher zu machen, um ein paar Steine zu sammeln und danach schaue ich mal im Kaffezelt, ob es willige Kartenspieler gibt. Ich versuche noch immer nicht daran zu denken, wann es endlich losgeht und dem Berg zu Vertrauen. Der Everest hat einen Plan und diesen gilt es zu folgen, egal was wann und warum passiert. 

Nun nutze ich die halbe Stunde vor dem Mittagessen, den Blog hochzuladen, so dass vielleicht einige mehr zu Hause verstehen, wie es sich anfühlt, noch weitere 2 Tage hier im Basislager zu sein und noch nicht zu wissen, ob ich das Zeug für die Gipfel habe. 

Sonntag, 11. Mai – Nachtrag

Der Sonntag-Nachmittag entwickelte sich überraschenderweise ziemlich positiv. Ich ging nach dem Mittagessen ein bisschen auf dem Gletscher spazieren. Ich hatte die Idee gehabt, ein paar kleine Steinchen zu sammeln, um sie nach Hause zu bringen. Die Überquerung des Flusses aus Schmelzwassers ist immer eine kleine Challenge, denn die Steine im Strom liegen ebenfalls auf schmelzendem Eis und man weiss nie, ob sich ein Stein, der gestern bombenfest sass, heute plötzlich kippt, wenn du deinen Fuss darauf stellst. Natürlich will man sich so kurz vor dem Gipfelversuch auch nicht noch verletzen. Ich versuchte verschiedene Steinarten zu beachten, so dass die Sammlung schön vielfältig ist. Danach machte ich noch einen kleinen Umweg und stieg dann wieder in Richtung Camp auf. Als ich schon fast oben war, sah ich unter mir einen Kletterer, der mir bekannt vorkam. Es war Robert, ein Guide von CTSS, der auf dem Weg in sein Camp war. Ich traf ihn vor ein paar Wochen schon einmal mit seiner Kundin Andrea auf dem Weg zum Pumori Highcamp. Ich sprach ihn an und fragte, wie es Andrea ginge. Er erkannte mich wieder und meinte, dass sie im Moment in Periche sei, um einen Husten auszukurieren. Da er nach drei Tagen im Camp herum sitzen genug hatte vom sitzen, beschloss er, immer wieder mal nach Gorak Shep zu gehen, dort ein bisschen Zeit zu verbringen und wieder zurück zu gehen. Er war gerade auf einer dieser Wanderungen und nahm sich Zeit, fast eine halbe Stunde zu plaudern. Dort konnte ich ein bisschen meine Frustration abladen und er gab mir ein paar Tipps, wie ich die Wartezeit überstehen könnte. Sein Chef Mike Hamill verbrachte auf seiner ersten Everest-Expedition 16 Tage Wartezeit im Camp, bis er endlich zum Gipfel aufbrechen konnte, so lange wie seit dem nicht mehr und er meinte, dass er sich so bereit wie nie mehr danach gefühlt hatte. Grundsätzlich half mir – so glaube ich – auch einfach der Austausch mit einer anderen Person. Als es zu schneien begann, verabschiedeten wir uns voneinander und ich ging mit ein bisschen besserer Laune wieder zu Zelt, um mich einmal mehr für die kalten Stunden umzuziehen. Danach ging ich ins Kaffezelt, denn eine heisse Schokolade hebt normalerweise die Stimmung auch. Dort traf ich auf Ben und Charlie, der für Everest One arbeitet. Nach kurzer Zeit kam auch Bianca dazu und es brauchte keine grossen Diskussionen um festzustellen, dass uns allen ein bisschen Kartenspielen aufheitern würde. Das machten wir dann über 3h weiter und es ist erstaunlich, wie einfach es ist, seine Gedanken abzustellen und nur auf das Spiel und Spässe zu fokussieren, wenn man so tolle Gesellschaft hat. Charlie’s Boss war wegen starkem Husten in Lukla, so dass er ein bisschen freie Zeit hatte, was er sichtlich genoss. Ben scheint ähnlich sehnsüchtig von zu Hause zu träumen wie ich, er hatte vor 2 Tagen schon seinen Flug gebucht und musste ihn schon einmal umbuchen. Mal schauen, ob das reicht, oder ob er nochmals umbuchen muss. Auf jeden Fall spielten wir bis kurz vor dem Abendessen und planten auch für morgen ein, den Nachmittag miteinander zu verbringen. Danach ging ich bald in mein Zelt und wollte eigentlich schlafen, aber da lief schon das Spiel, das den FCB zum Meister machen könnte. Ich konnte also nicht schlafen, bis das Spiel nicht zu Ende war und klar war, dass der FC Basel in diesem Jahr Meister ist. In Basel wurden nun wahrscheinlich zahlreiche Champagnerflaschen geöffnet. Ich feierte den Titel mit einer Mütze Schlaf.


Montag, 12.Mai

Am morgen, als ich aufwachte, checkte ich als erstes die Schweizer Nachrichten und badete in den Videos von der Meisterfeier. Natürlich war ich nicht glücklich, dass ich nicht dabei sein konnte. Aber andererseits konnte ich das auch feiern, indem ich mein mitgebrachtes FCB-Shirt statt erst auf dem Gipfel, schon jetzt ausführte. So hatte ich ziemlich gute Laune, als ich einmal mehr pünktlich am Frühstückstisch Platz nahm. Nach dem Essen genoss ich weitere Bilder und Videos auf den Sozialen Medien und beschloss, auch ein paar Fotos mit dem Shirt zu machen. Danach ging ich direkt ins Kaffezelt, denn heute sollte Mitch von seiner Gipfelbesteigung ins Basislager zurück kommen und ich wollte ihm zu seiner Riesenleistung gratulieren. Im Zelt traf ich auf Stan, der meinte, es dauere noch ein paar Stunden, bis Mitch, Gelje und Furi wieder zurück seien, da die drei beschlossen haben, in Camp 2 ein wenig länger zu schlafen und den Rückweg später in Angriff zu nehmen. Es kamen immer mehr bekannte Gesichter ins Zelt und die Stimmung war ausgelassen. Nach einiger Zeit tauchte auf Adrianna auf, die immer wieder auf ihrem Garmin die GPS-Daten checkte, damit sie etwa einschätzen konnte, wann die drei ankommen würden. Natürlich musste auch das gefilmt werden, waren es doch Mitchs letzte Schritte auf einer 237 Tagen dauernden Reise. Adri und Stan planten, zum Crampon Point zu gehen, und sie dort in Empfang zu nehmen. Wir alle wollten ihnen diesen Moment lassen und so blieben wir plaudernd im Kaffezelt sitzen. Um 13h musste ich wieder zurück zum Mittagessen und noch immer war weit und breit keine Gruppe zu sehen, die ins Basislager zurück kehrt. Ebenfalls ging ich noch kurz zu Chirring und Gyalzen, um mit ihnen zu besprechen, wann wir den Entscheid treffen wollen, wann wir uns auf den Weg machen wollen. Claudine hatte am Morgen den Kontakt zu einer Schweizer Firma hergestellt, die bekannt sind für Wettervorhersagen für Expeditionen. Ueli Steck hatte schon mit ihnen zusammen gearbeitet. Dies passierte, weil Adri mir gesagt hatte, dass sie normalerweise bei einer Expedition akkurate Daten von Meteoswiss erhält und dafür bezahlt. Ich wusste nicht, dass das so ein grosses Business ist und man dann massgeschneiderte Modelle erhält. Ich fragte danach bei Claudine nach, ob sie einen Account bei Meteoswiss hat, damit wir nicht bezahlen müssten. Als eine meiner grössten Unterstützerin liess sie offenbar alles stehen und liegen und kümmerte sich gleich darum. Sie sponsert mich auch, da eine solche Auskunft nicht gratis ist. Ich weiss zwar nicht, wie ich das verdient habe, aber bin Claudine einmal mehr einfach unendlich dankbar für ihren Einsatz. Mit den Jungs habe ich nun abgemacht, dass wir definitv entscheiden, wenn wir diese Wettervorhersage haben. Falls sie heute nicht eintrifft, werden wir sicher noch einen weiteren Tag im Basecamp bleiben.

Nach dem Essen machte ich mich wieder auf, um auf dem Gletscher ein bisschen zu spazieren. Meine Schwester hatte mir gestern die Aufgabe gegeben, nach Steinen Ausschau zu halten, die herzfömig sind und im Schnee ein Einhorn zu zeichnen. Da der Schnee auf dem Gletscher nicht allzu erreichbar war und es aber Millionen von Steinchen auf dem Eis verteilt hat, beschloss ich, aus Steinchen ein Einhorn zu gestalten. Die Suche nach den Herzsteinen war nicht ganz einfach, da es viele verschiedene Farben hat und meine Augen Mühe hatten, das Ganze auseinander zu halten. Ebenfalls wollte ich ein paar der Herzchen mit nach Hause nehmen, sie durften also nicht allzu gross sein. Aber da ich ja Zeit hatte, nahm ich mir diese auch. Nachdem ich mit der Ausbeute zufrieden war, hielt ich das Einhorn mit meinem Handy fest und machte mich wieder auf den Weg zum Zelt. Dabei hatte ich die Idee, dass ich von den Daheimgebliebenen ja auch Einhörner fordern könnte und so entstand eine kleine Idee, dass meine Freunde und Familie doch zu Hause auch Einhörner basteln und mir dann die Fotos schicken sollen.

Danach ging ich ins Kaffezelt, wo ich viele grinsenden Gesichter und ein überglückliches und überaus müdes Gesicht erblickte: Mitch und Gelje waren ein paar Minuten zuvor endlich angekommen und direkt ins Kaffezelt spaziert. Endlich konnte ich meine Glückwünsche direkt überbringen, in Form einer langen Umarmung und Tränen auf beiden Seiten. Gelje sah so aus, als ob er morgen wieder losgehen könnte, aber Mitch sah doch nicht mehr ganz so frisch aus. Seine Stimme war vollständig weg, was Konversation ein wenig schwierig machte. Nach ein paar Augenblicken war es auch an der Zeit für die zwei, was ordentliches zu essen und so verschwanden sie in ihrem Esszelt. Wir restlichen und üblichen Verdächtigen sprachen noch ein wenig über das Erfahrene und begannen dann bald wieder Karten zu spielen. Keine Stunde später tauchte Mitch wieder auf. Mit frischen Kleidern, ohne Bergschuhe sass er da und man merkte ihm an, dass er noch nicht wirklich realisiert, was er in den letzten 8 Monaten, aber vor allem in den letzten 2 Tagen erreicht hat. Er versuchte Herr über seine Handy-Nachrichten zu werden und gleichzeitig mit uns Karten zu spielen. Er sah so aus, dass er einfach froh war, wieder hier zu sein und auch unsere Anwesenheit zu geniessen. Wir versuchten, ihm spezifische Fragen über die Route zu stellen und so ein wenig besser auf unseren Gipfel-Versuch vorbereitet zu sein. Aber irgendwie waren alle überwältigt davon, dass einer aus unseren Reihen gerade den Mount Everest bestiegen hat und dabei quasi einen leeren Berg vorgefunden hat. Adri hatte uns am Morgen einige Bilder gezeigt und auf dem Gipfelgrat zeigte sich gähnende Leere. Mitch hatte etwas erlebt, was die wenigsten erlebt haben und erleben werden: Einen Mount Everest, den er mit vielleicht 5 anderen Kletterern teilen musste. Der Weg zum Gipfel war 10h lang, vom Gipfel zum Camp 4 jedoch nur 2h. Er meinte, dass der Abstieg zum Camp 2 extrem hart, weil sehr lange war und das der Grund war, warum sie sich für eine lange Nacht in Camp 2 entschieden hatten. Wir liessen ihn dann bald über sein Handy brüten, da wir uns alle vorstellen konnten, was nun alles über ihn hereinbricht. Wir anderen spielten noch ein bisschen weiter und um kurz vor 18h wollte ich mich auf den Weg zu meinem Esszelt machen, da ich mich mit den Jungs dort verabredet hatte. Zufällig traf ich draussen noch auf Andrei, den ich eigentlich im Camp 2 vermutet hatte. Weil die Wettervorhersage für die nächsten Tage sehr viel und starken Wind vorausgesagt hatte, waren fast alle, die sich gestern auf ihren Gipfelversuch machten und in Camp 2 übernachtet hatten, wieder ins Basislager zurück gekehrt. Sie gehörten auch dazu und werden nun ein paar Tage ruhen, bevor sie nochmals einen Versuch starten. Es scheint also, als ob wir alles richtig gemacht hätten mit den zwei weiteren Wartetagen im Basecamp. Leider hatte ich bis 18h keine E-Mail mit der sehnsüchtig erwarteten Wetterinfo erhalten, so dass die Diskussion mit Gyalzen und Chirring kurz war: Wir beschlossen, nochmals einen Tag zu warten und hoffentlich morgen dann die benötigten Infos zu haben, um endlich definitiv entscheiden zu können, wann wir losgehen. So konnte ich beruhigt Abendessen gehen und kurz darauf wieder in meinen Schlafsack schlüpfen. Über den Nachmittag habe ich dann übrigens diverse Einhorn-Bilder zugeschickt bekommen, was mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Dass ich nicht schon früher auf diese Idee gekommen bin, erstaunt mich eigentlich, denn es ist eine schöne Idee für beide Seiten. Für mich, weil ich immer wieder lustige Bilder bekomme, obwohl die download-Zeit übelst lange ist. Und für die Daheimgebliebenen, weil sie mich damit auf die einzige Weise supporten können, die möglich ist. Es sei denn, in den nächsten Tagen spaziert plötzlich jemand ins Basislager, was ich aber ehrlich gesagt nicht erwarte. In jedem Fall schlief ich auch heute wieder mit einem Lächeln ein und zog das FCB-Shirt erst wieder aus, als es ans Schlafen ging.

 


Dienstag, 13.Mai

Da ich gestern meinen Wifi-Zugang an Stan ausgeliehen hatte, konnte ich heute morgen ausnahmsweise nicht in den Nachrichten nach FCB-Bildern suchen. Er und Mitch teilten sich das Wifi im Basislager, was normalerweise auch gut funktionierte. Aber wenn man nach dem Gipfel ins Lager kommt, möchte man zuerst unter allen Freunden und Familien die frohe Nachricht verbreiten, dass man wieder heil zurück ist. Stan hingegen musste arbeiten, was ohne Wifi nicht möglich ist. Als er Mitch gestern danach fragte, ob er eine Stunde oder zwei ohne Wifi auskam, sah ich in seinen Augen, dass er das auf keinen Fall will. So gab ich Stan den Zugang für den ganzen Abend, so dass niemand verzichten musste.
Das führte leider zu Login-Problemen auf meiner Seite, die dann aber nach einer langen Stunde plötzlich gelöst waren. Kurz nach dem ersten Login rief mich auch schon Phunuru über Whattsapp an. Er hatte es schon gestern Abend einige Male versucht, aber eben, da war ich nicht erreichbar. Phunuru wollte wissen, ob wir schon eine Entscheidung getroffen hatten, wann wir hochgehen wollen. Es scheint so, als ob der 17.-19.Mai immer noch ein gutes Fenster wäre. Er hat am Morgen auch schon mit Tashi gesprochen. Ich erzählte ihm von der Schweizer Wettervorhersage und dass wir warten wollen, bis wir sie haben, bis wir entscheiden. Er machte mir nochmals klar, dass ich mich nur auf mich fokussieren solle und nicht an die anderen Leute denken solle. Es wird mehr Menschen am Berg haben als bei meiner Rotation, aber wir sind bestens vorbereitet und weil wir nur ein kleines Dreier-Team sind, sind wir auch viel flexibler als die meisten anderen. Ich sagte ihm, dass ich mich mit Gyalzen und Chirring um 12.30h treffen werde, um uns einmal mehr auszutauschen. Phunuru wird heute vom Lobuche Highcamp nach Pangboche gehen und eventuell über Whatsapp nicht erreichbar sein, dafür über den Funk.
Nach dem Telefonat kam ich fast unpünktlich zum Frühstück und musste darum einen Stuhl in der Sonne wählen. Dort wird man nach kurzer Zeit gebraten, so dass ich heute ausnahmsweise im T-Shirt frühstückte. Danach checkte ich, was ich alles aufladen muss, für den Fall dass wir heute Nacht schon losziehen würden und begab mich dann ins – Überraschung…….. Kaffezelt, um eine heisse Schokolade zu trinken. Dort traf ich einmal mehr auf Stan und Mitch und konnte mich mit ihnen in Ruhe austauschen. Es scheint so, als es für Mitch noch lange keine Ruhe geben würde. Alleine für heute hat er von 13-17h diverse Interviews und morgen von 9-17h geht es genau so weiter. Weil das Wifi in den letzten Tagen im EBC eher schlecht als recht funktionierte, beschlossen sie darum, entgegen den Prinzipien, mit dem Heli ins Tal zu fliegen. Zahlreiche grosse Zeitungen in England brachten grosse Artikel, was diverse Begehrlichkeiten von unterschiedlichen Medien weckte, die es zu erfüllen gilt. Die zwei werden sicher noch bis Ende Mai in Nepal bleiben, damit sie vielleicht hin und wieder eine ruhige Minute haben. Wir alle am Tisch versuchten uns vorzustellen, wie Mitch, noch immer ohne Stimme, heute 4h Interviews geben soll. Das wird sicher lustig, zum Zuhören, vor allem weil es auch Radio-Interviews gibt. Ich hoffe, er nimmt sich täglich eine Stunde Zeit für sich, in der er das Ganze sacken lassen kann, denn sonst werden die nächsten Wochen die Hölle für ihn. Kurz nachdem wir in Ruhe gemeinsam die heisse Schokolade geniessen konnten, war es Zeit sich zu verabschieden, denn der Heli wartet nicht. Ich hoffe wirklich, dass wir uns in Kathmandu nochmals in Ruhe zu einem Abendessen treffen können, denn Stan und Mitch sind Menschen, die pures Menschsein ausstrahlen und unglaublich feinfühlig sind. Sie haben mir in den letzten 5 Wochen immer wieder Halt gegeben und das verdient auch für mich einen guten Abschluss in der Zivilisation. Das Leben dieser zwei Jungs wird sich für immer verändern durch das Projekt und ich hoffe, dass sie ihre Menschlichkeit dabei nicht verlieren. Bei Stan mache ich mir dabei keine Sorgen, da er der Mann dahinter ist. Aber Mitch wird sich in Zukunft sicher vielen Entscheidungen ausgesetzt sehen, die nicht einfach sind. Ich hoffe, er lernt bald Nein zu sagen und gibt sich selbst ebenso viel Raum, wie seinem Projekt.
Ich plauderte nach dem Abschied noch ein bisschen mit den anderen und verzog mich dann wieder in Richtung Esszelt, wo ich mich mit den Jungs verabredet hatte. Leider war noch immer keine Wettervorhersage im Postfach, so dass wir uns um 18h treffen. Gyalzen meinte, das Wetter am 18. Sei besser als am 17. Aber wenn das alle wissen und das Wetter für den 17. Immer noch kletterbar ist, dann bin ich auch damit zufrieden, wenn wir den 17.als Gipfeltag nehmen. Denn alle anderen scheinen eher den 18./19. anzupeilen. Aber eben, es ist noch zu früh, eine Entscheidung zu treffen. Mal schauen, wie es in 5h aussieht.
Zum Mittagessen gab es für mich wieder Pasta mit Tomatensauce und sogar wieder einmal Nachschlag. Und jetzt sitze ich wieder seit 1.5h an meinem Blog, den ich heute noch losschicken möchte. Vor dem Essen versuchte ich nochmals mit Raphael zu telefonieren, aber leider ist das Wifi immer noch nicht super, so dass es zuerst 10 Minuten «Hallo, hallo, hallo» gab, bis wir einigermassen normal miteinander reden konnten. Aber das Abgehackte nervte uns bald, so dass wir nur kurz miteinander sprachen. Dass ein möglicher Gipfeltag näher kommt, freut uns beide, denn das bedeutet, dass auch die Rückkehr in die Schweiz näher kommt. Im Moment peile ich etwas zwischen dem 22. und 25.Mai an und das wäre ja schon in zwei Wochen.
Während dem Gipfel-Aufstieg werde ich auf dem Handy Notizen für den Blog machen, aber den Bericht wahrscheinlich erst in Kathmandu schreiben. Ich bitte darum um ein wenig Geduld und hoffe, es akzeptieren alle, den langen Bericht darüber erst später zu lesen. Denkt daran, dass alles weitere im nächsten Kapitel «Die Gipfelrotation» zu lesen ist 😊